 | Die Zeit heilt keine Wunden
Der dämonische „Tonsetzer“ Adrian Leverkühn hat sich in den geradlinigen Maler Max Ludwig Nansen, der würdige Erzähler Dr. phil. Serenus Zeitblom in Siggi Jepsen verwandelt, der seinen 21. Geburtstag 1954 in einem Jugendstraflager begeht. Natürlich war Siegfried Lenz weit davon entfernt, mit seinem Roman „Deutschstunde“ dem „Doktor Faustus“ eines Thomas Mann Konkurrenz machen zu wollen. Aber es gib... |  | Nasser Schnee vor dem Eisernen Vorhang
„Der dritte Mann“ ist beides: Buch und Film. Und in beiden Daseinsformen ist er großartig und unvergesslich. Das übliche Rivalitätsverhältnis zwischen literarischer Vorlage und Verfilmung greift hier nicht. Drehbuch wie Roman stammen von Graham Greene. Der nämlich schrieb den Roman eigentlich einfach als seine Art, ein Film-Treatment zu entwerfen. Dennoch ist das, was eigentlich nur Vorstufe sei... |
 | Der letzte Sommer im Kurland
Die paradoxe Wahrheit, dass ein schwaches Leben starke Literatur
hervorbringen kann, ist von der erotisch-galanten Tradition entdeckt
und ausgearbeitet worden. In einer Reihe von Büchern, die man dem Fin
de Siècle, der Dekadenz, dem literarischen Impressionismus zugeordnet
hat, ist dieses Paradox an der Wende zum zwanzigsten Jahrhundert zum
Zentrum einer heute vergessenen literarischen Mode geworden. M... |  | Das Paradies ist immer das Gegenteil
Klein und flüchtig ist der Trost, der sich im Satz von der schönen Kindheit verbirgt. Nur im Rückblick lassen sich die Wunden und Ängste verklären getreu dem Motto: Es sei wie es wolle, es war doch so schön. Wenn auch nicht jede Jugend wie im Falle Jacks und Julies die Geschichte einer Verwilderung ist, die mit dem Tod der Eltern beginnt und in das regellose, selbstzerstörerische Regiment der Heranw... |
 | Selige Zeiten, brüchige Welt
Wenn Liebe blind macht, dann macht einen die Eifersucht sehend. Und
doch ist auch sie nur eine andere Art von Sehstörung, eine, die
bewirkt, dass man überall Gespenster sieht wie unter einer
halluzinogenen Droge, bis man selbst zu einem unerlösten Geist geworden
ist, der durch das eigene Leben spukt und mit den Ketten rasselt, die
ihn an einen anderen Menschen binden, süchtig nach der Augentäuschun... |  | Auf den leichten Sohlen der Erinnerung
Dieser „Roman“ ist viele Bücher: Die unglückliche Liebesgeschichte Arthur Daanes, Holländer in Berlin, Fotograf, Kameramann, Dokumentarfilmer, zu einer störrischen, unberechenbaren jungen Frau; ein scharfsichtiger Essay über die deutsche Hauptstadt, ihre Bewohner, das schwierige Erbe der Geschichte; eine Kette von Reflexionen über die Ungerührtheit der Welt, das spurlose Verschwinden von Erinn... |
 | Die Zauberkraft des Bösen
„Mr. Crowley, what went on in your head / Mr. Crowley, did you talk to the dead?“ meditiert Ozzy Osbourne in einem Heavy-Metal-Song über den skandalösen Satanisten Aleister Crowley. Ähnlichen Fragen geht W. Somerset Maugham in „Der Magier“ nach. Er traf Crowley Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts in Paris, sie wurden flüchtige Bekannte. Jahre später erreichte ihn ein Telegramm: „Bitte sofort fünfundz... |  | Der Singsang des Südens
Carson McCullers nutzte die „zügellose Glut“ des Südens für ihre
Geschichten von der amerikanischen Einsamkeit und Langsamkeit. Sie
wurde 1917 als Tochter eines Juweliers geboren und hing lebenslang an
ihrer Familie. Columbus im Staat Georgia blieb, auch wenn sie die
meiste Zeit ihres Lebens in Nyack bei New York verbrachte, ihre
literarische Landschaft. Eigentlich sollte Carson Pianistin werden.
Ab... |
 | Willkommen in der bösen Neuen Welt
Seit der Entdeckung Amerikas hat man sich immer wieder darangemacht, es auch literarisch zu erfinden. Die in der deutschen Literatur wohl folgenreichsten Kreationen der Neuen Welt stammen von Karl May und Franz Kafka. Unter der günstigen Voraussetzung einer profunden Unkenntnis Nordamerikas machten sie sich mit ganz ähnlichen Recherchemethoden an die Arbeit. Die Ergebnisse unterschieden sich in etwa so wi... |  | Im Anfang waren die Lieder
Im Anfang war nicht das Wort, sondern waren die Lieder: „The Songlines“ heißt die englische Originalausgabe dieses autobiografischen Romans, mit dem der fahrende Sänger Bruce Chatwin im Jahr 1987 literarischen Weltruhm erlangte, zur gleichen Zeit, als sein amerikanischer Namensvetter Bruce Springsteen mit dem Lied „Badland“ gerade die internationalen Charts eroberte. Songlines - das sind die grenzenlos ver... |
 | Zuschauer des eigenen Lebens
Westdeutschland zu Beginn der achtziger Jahre. Botho Strauß befindet sich im Zenit seines Ruhmes als Prosaschriftsteller, aber vielmehr noch als Theaterautor. Denn seine Stücke fegen den Staub von den Bühnen, den ein bundesrepublikanisches Betroffenheitstheater in lauter Erfahrungsgruppenseligkeit angesetzt hat. Das adornitisch vorgebildete Publikum liebt seinen Strauß trotzdem - oder gerade deswegen. Denn die... |  | Der Duft der versunkenen Welt
Wer sich auf die Lektüre von Marcel Prousts monumentalem Werk "Auf der
Suche nach der verlorenen Zeit" einlässt, läuft Gefahr, der
Wirklichkeit abhanden zu kommen. Das Hauptthema des Romanzyklus ist die
Zeit, die nicht nur vergeht, sondern die vor allem auch zerstört,
während die Erinnerung das einmal Erlebte wie einen kostbaren Schatz
bewahrt. Dieser Gegensatz von Vergehen und Bewahren wird durch ... |