 | Schöner leben, schöner morden
In Venedig begeht Tom beinahe seinen dritten Mord. Zu diesem Zeitpunkt hat er bereits seinen Freund Dickie erschlagen, das war in San Remo. Und Freddie hat er wenig später in Rom umgebracht. Es wäre also einfach nur der dritte Mord, begangen diesmal an Marge und möglicherweise so notwendig wie der zweite an Freddie, um für den ersten nicht zur Rechenschaft gezogen zu werden. Freddie und Marge waren Dickies ... |  | Davongekommen, immer wieder
Ein Gefangener schaut frühmorgens gen Himmel, er ruft, ganz laut: „Was für ein schöner Sonntag!“ Der Gefangene ist ein Freund von Jorge Semprún. Nein, ein Freund ist er eigentlich nicht, im KZ sagt man „Kumpel“, was zutreffender ist: Freunde sind miteinander, Kumpel harren aus, nebeneinander. So war es im KZ - bestenfalls. Als Semprún nach Buchenwald kam, war er 21 Jahre alt. Die Bücher, in denen er s... |
 | Der Löwe scheut den Prankenhieb
Am 31. März 1959 fand Siegfried Unseld im Sterbezimmer Peter Suhrkamps ein noch eingepacktes Manuskript. Er öffnete den Umschlag, sah, dass es von Uwe Johnson war, der noch kein Buch publiziert hatte, und nahm das Manuskript mit nach Hause. Als Unseld es schließlich las, verstand er zwar den „Text in seiner Ganzheit nicht“, aber eines wurde ihm klar: „Hier war die Klaue eines Löwen am Werk.“ Eines ... |  | Schüsse in der Winternacht
„Weit, weit zurück, im Zweiten Weltkrieg, wohnte ein gewisser Anton Steenwijk mit seinen Eltern und seinem Bruder am Stadtrand von Haarlem.“ Fast wie ein Märchen beginnt der 1982 veröffentlichte Roman „Das Attentat“ des Niederländers Harry Mulisch, aber schon auf der ersten Seite begreifen wir, dass da ein raffinierter Erzähler anhebt zu einer Geschichte, die eher einem Albtraum gleicht. In einer Winte... |
 | Weißer Fleck, schwarze Seele
Die Reise beginnt mit einem weißen Fleck auf der Landkarte. Neun Jahre alt ist der kleine Jozéf, als er sich mit Hilfe von Atlanten aus dem russischen Exil fortträumt, in das es die Familie Korzeniowski 1862 nach ihrer importunen Unterstützung für die polnischen Unabhängigkeitsbestrebungen verschlagen hat. Mit dem Finger zeigt er auf die noch nicht vermessene Leere im Herzen Afrikas: „Da will ich hin!“
... |  | Solo für einen Besessenen
Ein wahrer Getreuer spricht - nebenbei auch Musikkritiker, Biograf, aber vor allem Getreuer bis in den Tod -, er spricht „in memoriam Charlie Parker“ von der Größe eines Saxophonisten, hier Johnny Carter genannt, der, „an der Seele völlig zerbeult“, im Erleben und Erfahren beschädigt, getrieben, in die Enge, in die Irre getrieben und doch selbst Verfolger des Absoluten in der Musik, seine letzten Lebenst... |
 | Auf der Suche nach dem Vater
"1919" lautet die Überschrift des ersten Kapitels der "Akazie". Es
beginnt mit drei Frauen und einem Kind, die durch die gespenstischen,
vom Krieg zerwühlten Landschaften Nordfrankreichs irren, von einem
Trümmerfeld zum anderen, von einem Leichenacker zum anderen, auf der
Suche nach einem Grab, das es nicht gibt: das Grab des Vaters. Das Kind
kennt diesen Vater, der im August 1914 gefallen ist, nur vo... |  | Ein Höhlengleichnis der Liebe
„Wie passiert so etwas? Sich zu verlieben und aufgelöst zu werden.“ Wenn es einer in Worte fassen kann, dann Michael Ondaatje, der mit „Der englische Patient“ nicht nur ein reichhaltiges Kriegspanorama vorgelegt hat, nicht nur einen detaillierten Expeditionsbericht über eine Reise ins Herz der Wüste und an die Ränder der Zivilisation, sondern vor allem auch ein Höhlengleichnis der Liebe. Ondaatje sc... |
 | Vom Biedermann zum „Monster aus Amsterdam“
Georges Simenon sagte oft, Antrieb für sein Schreiben sei die panische Angst davor, als Clochard zu enden. Wie groß seine Furcht war, als „raté“, also als Versager an den Rändern der Gesellschaft zu stranden, lässt sich schon daraus ersehen, wie häufig solche gescheiterten Existenzen durch seine Romane geistern. Er selbst führte auch seine manische Schaffenskraft auf diese dunkle Angst... |  | Showdown am Mississippi
Auch Schreibgenies haben eine Familie zu versorgen, und irgendwann spürt selbst ein seriöser Autor den Bestseller-Trieb in sich, den Wunsch, einmal im Leben Tausende von Lesern zu erreichen und entsprechend viele Dollars abzukassieren. Mit „Schall und Wahn“ und „Als ich im Sterben lag“ hatte der junge Faulkner sich kühn literarisch profiliert und die Regale der Buchhandlungen mit schwer verkäuflichen modern... |
 | Das Leben, das flüchtige Wild
Einen wundersamen Anfang nimmt die Kunst der literarischen Avantgarde des zwanzigsten Jahrhunderts. Ihre Protagonisten entstammen alten, bis zur Lebensunfähigkeit verfeinerten Familien, denen mit dem Vermögen auch das Blut ausgeronnen ist. Nun liegen die bleichen Helden im Bett, meist nicht mehr in standesgemäßen Quartieren, und lauschen erschöpft auf den Lärm der Großstadt, der gnadenlos über das Schick... |  | Dicke Luft in Bonn
Als Wolfgang Koeppens Roman "Das Treibhaus" mit seiner Kritik am dampfenden Restaurationsklima der noch jungen Bundesrepublik 1953 erschien, schlug er in Bonn wie ein Blitz ein. Die Parlamentarier lasen das Buch - in banger Erwartung von Anspielungen auf sich selbst und auf der Suche nach pikanten Enthüllungen über Freund und Feind im Hauptstadtzirkus - als Schlüsselroman. Die Kritiker sprachen von einer verlegerischen S... |