 | Robert Seethalers "Die Straße" ist kein Roman mit klassischer Handlung, sondern ein vielstimmiges Panorama einer unscheinbaren Straße am Rand einer deutschen Stadt. Zwischen Nachkriegsbauten, Altersheim, Gasthaus und ein paar alten Läden entfaltet sich ein ganzes Spektrum menschlicher Erfahrungen. Seethaler verzichtet auf eine durchgehende Erzählung und setzt stattdessen auf kurze Szenen, Dialoge und innere Monologe: ein Junge im Jagdfieber, ... |  | "Vielleicht im Sommer" von Lukas Mi-Sa Nguyễn Eggers ist ein berührender Coming-of-Age-Roman, der zwei 15‑jährige Außenseiter auf einen Roadtrip an die Nordsee schickt. Und dabei erzählt die Geschichte von Freiheit, Freundschaft und der Suche nach Zugehörigkeit. Der Stoff wirkt zunächst vertraut, entfaltet jedoch gerade durch die glaubwürdige Perspektive und die unsentimentale Erzählweise eine besondere Kraft. Besonders überzeugend i... |
 | Lisa Roys Roman "Alles ist Gold" erzählt von Jana, Ende zwanzig, frisch getrennt, zurück im Elternhaus und ungeplant schwanger. Die Autorin macht daraus keinen Krisenlärm, sondern einen stillen, klugen Roman über Orientierung, Zugehörigkeit und das Gefühl, im eigenen Leben kurz den Halt zu verlieren. Der Ton ist lakonisch und warm zugleich. Roy lässt ihren Figuren Widersprüche, was sie glaubwürdig macht: Jana wirkt wie jemand, der an zu ... |  | „Der Fährmann“ von Regina Denk ist ein atmosphärisch dichtes, dunkel schimmerndes Familiendrama, angesiedelt an der deutsch‑österreichischen Grenze während des Ersten Weltkriegs. Die Geschichte um Hannes Winkler, den Fährmann, sowie Elisabeth, Josef und Annemarie zeichnet eindrucksvoll die Spannungsfelder von Freundschaft, Eifersucht, Liebe und Schuld nach. Besonders stark gelingt Denk die Lebendigkeit der beiden Salzach-Dörfer. Die G... |
 | Nina kann singen. Bis sie es plötzlich nicht mehr kann. Keine Verletzung, keine Diagnose, nur Stille. Was wie der Albtraum jeder Sängerin klingt, ist der Ausgangspunkt von Ingrid Klosers neuem Roman "Regentropfen fallen langsam". Und wer ein Buch über Stimmprobleme erwartet, liegt angenehm falsch. Nina flieht von der Musikhochschule nach Wien, trifft dort auf eine unkonventionelle Gesangslehrerin und schließlich auf Yuko, die ihr das japanisc... |  | Manche Bücher liest man, manche erlebt man. "Der Sommer, der uns blieb" von Greta Herrlicher gehört eher zur zweiten Kategorie, vorausgesetzt man lässt sich auf sein ruhiges, atmosphärisches Erzähltempo ein. Der Roman handelt von einem Sommer, der Spuren hinterlässt: in den Figuren, in den Beziehungen, in dem, was ausgesprochen und was verschwiegen wird. Herrlicher hat eine echte Stärke für Stimmungen. Sie beschreibt keine Kulissen, sie b... |
 | Arthur Opp ist 250 Kilo schwer, hat sein Haus in Brooklyn seit über einem Jahrzehnt nicht verlassen und lebt in einer Welt, die sich auf die Fläche eines Zimmers zusammengezogen hat. Kel, 17 Jahre alt, kämpft dagegen um alles: Schulabschluss, Sportstipendium, eine kranke Mutter. Dreißig Kilometer Luftlinie trennen die beiden – und gleichzeitig verbindet sie mehr, als beide vermuten. Liz Moore erzählt in diesem Roman von der stillen Gewalt ... |  | Torsten Woywods Roman "Mathilde und Marie" ist eine stille Liebeserklärung ans Lesen, an die Langsamkeit und an all die schiefen Kirchtürme, die unbeirrt stehen bleiben. Die junge Französin Marie flieht vor dem Pariser Trubel ins belgische Bücherdorf Redu, wo das Internet nur eine Stunde am Tag funktioniert. Dort trifft sie auf die mürrische Mathilde, die erst langsam auftaut. Woywods Stärke liegt in seiner ruhigen, präzisen Sprache und de... |
 | Bodo Kirchhoff legt mit "Nahaufnahmen einer Frau, die sich entfernt" einen Roman vor, der raffinierter ist, als sein Titel vermuten lässt. Nach fünfzig Ehejahren reist Terese ihrem nach Indien geflüchteten Mann Viktor nach. Dabei will sie ihn nicht zurückzuholen, sondern um einen Schlussstrich ziehen. Ihre Forderung: „Von dir absehen. Einmal im Leben.“ Viktors Reaktion: Er schreibt einen Roman aus ihrer Perspektive. Kirchhoff schreibt in ... |  | „Im Paradies“ ist ein Buch wie ein grelles Schaufenster: alles wirkt erreichbar, und doch bleibt es für die Figuren merkwürdig fern. Dorota Masłowska zeigt eine Gegenwart, in der jeder in seiner eigenen Realität festhängt: der Macho-Banker auf Beutezug, der Werbefilmer im Rausch, ein Junge am Wasser, eine Schwimmerin in Not, dazu eine Frau im schäbigen Hotel, die sich schonungslos selbst begegnet. Das ist oft komisch, aber das Lachen ha... |
 | Nach dem Erfolg ihrer ersten Romane verlässt Caroline Wahl mit „Die Assistentin“ bewusst das vertraute Milieu und taucht ein in die kalte Hochglanzwelt der Münchner Verlagsbranche. Entstanden ist kein Wohlfühlroman, sondern eine präzise, nahezu klinische Analyse eines toxischen Arbeitssystems. Im Zentrum steht Charlotte, Assistentin des narzisstischen Verlegers Ugo Maise, dessen Wechselspiel aus Lob und Entwertung ein Klima permanenter An... |  | Wer bei dem Titel an seichte Wohlfühlkost denkt, wird von Evie Woods überrascht. „Der verschwundene Buchladen" ist eine Liebeserklärung an Bücher, aber auch eine Geschichte über Frauen, die sich nicht unterkriegen lassen. Die Geschichte spielt auf zwei Zeitebenen: In den 1920er Jahren flieht Opaline vor einer Zwangsheirat und kämpft sich in die Welt der seltenen Bücher. In der Gegenwart entdecken Martha und Henry einen geheimnisvollen Bu... |