 | Robert Seethalers "Die Straße" ist kein Roman mit klassischer Handlung, sondern ein vielstimmiges Panorama einer unscheinbaren Straße am Rand einer deutschen Stadt. Zwischen Nachkriegsbauten, Altersheim, Gasthaus und ein paar alten Läden entfaltet sich ein ganzes Spektrum menschlicher Erfahrungen. Seethaler verzichtet auf eine durchgehende Erzählung und setzt stattdessen auf kurze Szenen, Dialoge und innere Monologe: ein Junge im Jagdfieber, ... |  | "Vielleicht im Sommer" von Lukas Mi-Sa Nguyễn Eggers ist ein berührender Coming-of-Age-Roman, der zwei 15‑jährige Außenseiter auf einen Roadtrip an die Nordsee schickt. Und dabei erzählt die Geschichte von Freiheit, Freundschaft und der Suche nach Zugehörigkeit. Der Stoff wirkt zunächst vertraut, entfaltet jedoch gerade durch die glaubwürdige Perspektive und die unsentimentale Erzählweise eine besondere Kraft. Besonders überzeugend i... |
 | Lisa Roys Roman "Alles ist Gold" erzählt von Jana, Ende zwanzig, frisch getrennt, zurück im Elternhaus und ungeplant schwanger. Die Autorin macht daraus keinen Krisenlärm, sondern einen stillen, klugen Roman über Orientierung, Zugehörigkeit und das Gefühl, im eigenen Leben kurz den Halt zu verlieren. Der Ton ist lakonisch und warm zugleich. Roy lässt ihren Figuren Widersprüche, was sie glaubwürdig macht: Jana wirkt wie jemand, der an zu ... |  | „Das Geheimnis des Geigenbauers“ von Evie Woods ist ein Roman, der vor allem durch seine stimmungsvolle, warme Atmosphäre überzeugt. Die Autorin versteht es, Orte und Stimmungen so lebendig zu zeichnen, dass man sich schnell in die Welt der Geschichte hineinversetzt fühlt. Dieses ruhige, fast meditative Erzähltempo verleiht dem Buch einen besonderen Charme. Wie ein Musikstück, das sich langsam entfaltet und gerade dadurch Wirkung zeigt. ... |
 | Matthias Nawrats "Das glückliche Schicksal" ist kein Roman für den schnellen Konsum, sondern einer, der sich langsam, aber beharrlich in die Gedanken schiebt. Aus einer zufälligen Begegnung im Venedig des Jahres 1983 entsteht ein konzentriertes Kammerspiel zwischen der polnischen Psychologin Wanda Karłowska und dem Exilanten Henryk Mrugalski. Was zunächst wie ein nüchternes Forschungsinterview beginnt, kippt bald in etwas deutlich Unheimlic... |  | Wenn ein totes Schaf eine Ermittlung auslöst, weiß man: Wir sind wieder auf Sylt und Karl Sönnigsen hat eindeutig zu viel Freizeit. Mit "Zwischen gut und böse" liefert Dora Heldt den dritten und letzten Band ihrer Nordsee-Krimireihe und verbindet erneut norddeutschen Humor mit gemütlicher Crime-Spannung. Dass Karl aus purer Langeweile und grundsätzlichem Misstrauen gegenüber der Jugend eine „Soko Schaf“ gründet, wirkt zunächst wie Kl... |
 | Manche Bücher liest man, manche erlebt man. "Der Sommer, der uns blieb" von Greta Herrlicher gehört eher zur zweiten Kategorie, vorausgesetzt man lässt sich auf sein ruhiges, atmosphärisches Erzähltempo ein. Der Roman handelt von einem Sommer, der Spuren hinterlässt: in den Figuren, in den Beziehungen, in dem, was ausgesprochen und was verschwiegen wird. Herrlicher hat eine echte Stärke für Stimmungen. Sie beschreibt keine Kulissen, sie b... |  | Christian Huber erzählt von einer Kindheit im ländlichen Bayern, die man so nicht erwartet und wahrscheinlich so schnell nicht vergisst. Sein junger Protagonist wächst in einer Familie auf, in der Gewalt, Angst und Loyalitätskonflikte zum Alltag gehören. Und doch sucht er mit der unbeirrbaren Hartnäckigkeit eines Kindes nach einem Ort der Wärme. Manchmal findet er ihn sogar. Das Streichholz im Titel ist dafür das perfekte Bild: kein groß... |
 | Was Leon Engler in "Botanik des Wahnsinns" unternimmt, ist radikal persönlich und zugleich analytisch: Er rollt die eigene Familiengeschichte auf (Depressionen, Alkohol, Verfolgungswahn inklusive) und betrachtet sie mit der Nüchternheit eines Arztes und der Empathie eines Sohnes. Der Roman ist ein hybrides Projekt aus autobiografischen Episoden, philosophischen Einsprengseln und psychiatrischem Wissen, durchzogen von trockenem Humor. Wer sich d... |  | Arthur Opp ist 250 Kilo schwer, hat sein Haus in Brooklyn seit über einem Jahrzehnt nicht verlassen und lebt in einer Welt, die sich auf die Fläche eines Zimmers zusammengezogen hat. Kel, 17 Jahre alt, kämpft dagegen um alles: Schulabschluss, Sportstipendium, eine kranke Mutter. Dreißig Kilometer Luftlinie trennen die beiden – und gleichzeitig verbindet sie mehr, als beide vermuten. Liz Moore erzählt in diesem Roman von der stillen Gewalt ... |
 | Ein Gummibärchen essen: heute den Arm, morgen ein Bein. Dieser eine Satz sagt mehr über den Leistungssport aus als viele Sachbücher. Son Lewandowski weiß das und baut sein Debüt konsequent auf dieser Art verdichteter Lakonie auf. Im Zentrum steht Amik, Leistungsturnerin, irgendwo zwischen Mädchen und Frau, zwischen Gehorsam und dem leisen Aufbegehren eines Ichs, das sich aus einem Wir herauslöst. München, Montreal, Tokio: Die Schauplätze... |  | Bodo Kirchhoff legt mit "Nahaufnahmen einer Frau, die sich entfernt" einen Roman vor, der raffinierter ist, als sein Titel vermuten lässt. Nach fünfzig Ehejahren reist Terese ihrem nach Indien geflüchteten Mann Viktor nach. Dabei will sie ihn nicht zurückzuholen, sondern um einen Schlussstrich ziehen. Ihre Forderung: „Von dir absehen. Einmal im Leben.“ Viktors Reaktion: Er schreibt einen Roman aus ihrer Perspektive. Kirchhoff schreibt in ... |