 | Michelle, Anfang dreißig, verlässt nach einem Zusammenbruch ihre ostdeutsche Heimat und beginnt als Rezeptionistin in einem westdeutschen Luxushotel neu. Dort begegnet sie Henry, der aus wohlhabenden Verhältnissen stammt und nie über Geld nachdenken musste. Ruth-Maria Thomas erzählt in ihrem Roman "Die zweitgrößte Liebe" keine klassische Liebesgeschichte, sondern seziert, wie unterschiedlich zwei Menschen dieselbe Welt erleben, je nach Sta... |  | Angelika Klüssendorf erzählt in ihrem Roman "Trost" vom Jahr 2022 aus drei Perspektiven: Rita, eine Schriftstellerin über sechzig, die aus der Welt fällt, ihre Stieftochter Jane, für die das Leben erste Risse bekommt, und Joachim, der mit Ende sechzig unverhofft liebt, ohne zu fragen warum. Auf nur 208 Seiten verdichtet sie eine Patchworkfamilie im Schatten des Ukrainekriegs zu einer Studie über Sprachlosigkeit und Nähe. Die Kunstfertigkei... |
 | Eva Asselmann trifft mit "Too much" einen Nerv, der bei vielen längst wund ist. Sie zeigt, warum wir angesichts von Reizüberflutung und Dauererreichbarkeit nach Kontrolle greifen und wie genau dieser Griff uns oft erst erschöpft. Ihr Kernpunkt: Nicht mehr Kontrolle stabilisiert uns, sondern Selbstwirksamkeit, also das Gefühl, auch unter Unsicherheit handlungsfähig zu bleiben. Stark sind die alltagsnahen Szenen, mit denen sie abstrakte Mechan... |  | Samara hat genug: Bali war keine Lösung, der Berliner Agenturjob ebenso wenig. Also färbt sie sich die Haare knallorange, steigt in einen alten Wagen und fährt nach St. Moritz. Und das unter neuem Namen, als gefeierte Künstlerin. Caroline Wahls vierter Roman ist eine Hochstaplergeschichte, die weniger den Betrug ins Zentrum stellt als die Frage, was bleibt, wenn alle Masken sitzen und dennoch nichts passt. Wahl übersetzt Popliteratur ins Zei... |
 | Der Titel verspricht Wärme und hält das Gegenteil. Ronja von Rönne nennt ihren neuen Roman "Alles Liebe" und meint damit keine Zuneigung, sondern eine Formel, mit der Menschen einander täuschen, sich selbst eingeschlossen. Fünf Episoden, fünf Leben, die nur locker miteinander verwoben sind und doch dasselbe Grundmuster zeigen: wie aus Nähe Macht wird, wie Zuneigung zum Hebel wird, wie Liebe und Lüge auf engstem Raum koexistieren. Laura ha... |  | Susanne Fröhlich bleibt mit "Blümerant" ihrer Andrea‑Schnidt-Welt treu und schickt ihre Heldin diesmal auf eine Nordkap-Kreuzfahrt inklusive Ex-Schwiegervater, neuer wie alter Familienkonstellationen und dem vertrauten Potenzial für gepflegtes Chaos. Das Buch lebt weniger von großen Überraschungen als von präziser Alltagsbeobachtung: Menschen reden aneinander vorbei, alte Rollen greifen sofort wieder, und genau darin liegt sein Reiz. Frö... |
 | Der Roman "Guten Morgen, schönes Wetter heute" von Tanja Kokoska arbeitet leise, mit Blick für das Unscheinbare. Schauplatz ist die Siedlung "Am Kastanienbaum", in der 1583 Menschen Tür an Tür wohnen und sich trotzdem fremd bleiben. Genau aus dieser Spannung zieht das Buch seine Kraft. Kokoska erzählt von Einsamkeit, Alltagsroutinen und dem zähen Wunsch, irgendwo dazuzugehören. Ihre Figuren, die Tätowiererin Ina, der Gastwirt Samy, Herr B... |  | „Der Fährmann“ von Regina Denk ist ein atmosphärisch dichtes, dunkel schimmerndes Familiendrama, angesiedelt an der deutsch‑österreichischen Grenze während des Ersten Weltkriegs. Die Geschichte um Hannes Winkler, den Fährmann, sowie Elisabeth, Josef und Annemarie zeichnet eindrucksvoll die Spannungsfelder von Freundschaft, Eifersucht, Liebe und Schuld nach. Besonders stark gelingt Denk die Lebendigkeit der beiden Salzach-Dörfer. Die G... |
 | Ein Gummibärchen essen: heute den Arm, morgen ein Bein. Dieser eine Satz sagt mehr über den Leistungssport aus als viele Sachbücher. Son Lewandowski weiß das und baut sein Debüt konsequent auf dieser Art verdichteter Lakonie auf. Im Zentrum steht Amik, Leistungsturnerin, irgendwo zwischen Mädchen und Frau, zwischen Gehorsam und dem leisen Aufbegehren eines Ichs, das sich aus einem Wir herauslöst. München, Montreal, Tokio: Die Schauplätze... |  | Stewart O’Nans Abendlied ist ein stiller, warmherziger Roman über das Älterwerden: ohne Kitsch, aber voller Menschlichkeit. Im Zentrum stehen vier ältere Frauen aus Pittsburgh, verbunden durch Chor, Bridge und ihren „Humpty Dumpty Club“: Emily, Arlene, Kitzi und die frisch geschiedene Susie, die unerwartet eine neue Liebe findet. O’Nan erzählt episodisch und leise, gewinnt Spannung jedoch aus Nähe und Alltagsmomenten: Familienkrisen,... |
 | Nach dem Erfolg ihrer ersten Romane verlässt Caroline Wahl mit „Die Assistentin“ bewusst das vertraute Milieu und taucht ein in die kalte Hochglanzwelt der Münchner Verlagsbranche. Entstanden ist kein Wohlfühlroman, sondern eine präzise, nahezu klinische Analyse eines toxischen Arbeitssystems. Im Zentrum steht Charlotte, Assistentin des narzisstischen Verlegers Ugo Maise, dessen Wechselspiel aus Lob und Entwertung ein Klima permanenter An... |  | Sebastian Fitzek macht keine Experimente, er liefert ab. In "Der Nachbar" ist die Ausgangslage klassisch: Ein Mann verdächtigt seinen Nachbarn, die eigene Frau verschwinden lassen zu haben. Keine Beweise, nur ein nagendes Gefühl. Der eigentliche Thrill entsteht dabei nicht durch die Tat, sondern durch die Frage: Hat der Erzähler recht, oder verliert er den Verstand? Fitzek spielt dieses Paranoia-Game souverän. Die kurzen Kapitel und das hohe ... |