lehrerbibliothek.deDatenschutzerklärung
Die Macht über die Natur Zur Geschichte des dialektischen Diskurses von Unterwerfung und Bewahrung
Die Macht über die Natur
Zur Geschichte des dialektischen Diskurses von Unterwerfung und Bewahrung




Goetz Grossklaus

Transcript
EAN: 9783837680379 (ISBN: 3-8376-8037-1)
228 Seiten, paperback, 15 x 23cm, Oktober, 2025, schwarz-weiss Illustrationen, farbige Illustrationen

EUR 39,00
alle Angaben ohne Gewähr

Umschlagtext
Die Geschichte des europäischen Fortschritts ist eng mit menschlichen Vorstellungen über die Natur verbunden. Von der kolumbianischen Entdeckung bis in die Neuzeit spiegelt sich in den Erzählungen darüber ein dialektischer Leitdiskurs der Naturunterwerfung und Naturbewahrung. Die jeweils zeitgenössischen Einzeldiskurse kommunizieren dabei durch die Jahrhunderte miteinander – von der siegreichen Bemächtigung der Natur bis zu Beschwörungen ihres Erhalts. Götz Großklaus hinterfragt die Zielvorstellung einer stetigen Ausdehnung der menschlichen Macht über die Natur und plädiert für ein kritisches Grenzbewusstsein, das beispielhaft für ein neues Verhältnis zwischen Mensch und Natur stehen kann.

Götz Großklaus (Dr. phil.) ist Professor (em.) für Neuere Deutsche Philologie am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) sowie Mitbegründer des in kollegialer Leitung geführten Instituts für Angewandte Kulturwissenschaft. Er ist außerdem assoziierter Professor für Mediengeschichte an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe und hatte Auslandsprofessuren an der Cairo-University, an der University of Melbourne sowie an der Universität Istanbul inne.
Rezension
Naturunterwerfung und Naturbewahrung spielen in der europäischen Geschichte der Moderne eine dialektische Rolle - bis hinein in die Gegenwart. Diese Darstellung leuchtet das Verhältnis kulturgeschichtlich aus - von der siegreichen Bemächtigung der Natur seit der kolonialen Landnahme ab 1493 (Kolumbus) bis zu Beschwörungen ihres Erhalts. Die aus der frühneuzeitlichen Kolonialherrschaft hervorgehende europäische Expansion gerät heute an den Grenzpunkt der Natur-Unterwerfung. In den Fortschrittsdebatten zur Geschichte des europäischen Kolonialismus bleibt in der Regel die Fortschritts-Geschichte der Natur-Bemächtigung und -Zerstörung unbedacht. Das Buch erläutert den an die Grenze geratene Fortschritts-Prozess der europäischen Natur-Bemächtigung.

Dieter Bach, lehrerbibliothek.de
Verlagsinfo
Schlagworte:
Allgemeine Literaturwissenschaft, Kulturgeschichte, Kulturtheorie, Kolonialgeschichte

Inhaltsverzeichnis
Vorwort 9

I Einleitung
Der Siegeszug des Auges 11

II Expansionen 19

1. Das neue Weltsystem
Christoforo Colombo (1491–1508) – Nikolaus Kopernikus (1473–1543) 19
2. Der kolumbianische Masterplan 21
3. Die Konfrontation mit der Fremde des Anderen 23
4. Der Europäer vs. der Wilde 25

III Theodor de Bry
Der europäische Blick auf die Fremde (1590-1634) 39

1. Das neue Bild-Medium 39
2. Kultur vs. Natur = zivilisiert vs. wild 42
3. Der ›böse‹ Wilde im ›Naturzustand‹ 43
4. Der ›gute Wilde‹ – der exotische Wilde 44
5. Die verklärte Natur vs. die unterworfene Natur 45

IV Das neue ›Atlantis‹
Der Mensch als Herr der Natur – Francis Bacon (1624) 53

1. Ein europäischer Masterplan der Natur-Beherrschung 53
2. Die abendländisch-christliche Begründung 54
3. »Die gründliche Erforschung der wahren Natur aller Dinge«
Das ›Haus Salomons‹ als Forschungsstätte 56
4. Die irreversible Richtung des Zeitpfeils vs. der reversible Kreis-Gang der Natur 60
5. Fazit 66

V Die Erbschaft des ›Robinson Cruseo‹ (1719)
›Images of imperial-colonial rule‹ 69

1. Das ›framework of colonial-cultural doctrine‹ 69
2. Die Literarisierung des kolonialen Prozesses der Naturaneignung 70
3. Robinson als Exponent der ›imperial-colonial rule‹ 71

VI Satz und Gegensatz
Ursprünglicher Naturzustand vs. künstlicher Zivilisationszustand 77

1. Die Gesetze der Natur
Michel de Montaigne, Jean-Jaques Rousseau 78
2. Die Entfernung vom ersten Natur-Zustand 80
3. Das Konstrukt des ›homme naturel‹ – des ›indigenen Wilden‹ 83
4. Das Phantasma der ›verlorenen Natur‹ 84

VII Der ästhetische Natur-Diskurs der Literatur 93

1. F. Hölderlin: »Die Vereinigung der gewaltigen Entgegensetzungen von Natur und Kunst« 93
2. Friedrich Schiller: ›Die verlorene Natur in der Asche der Stadt‹ 94
Fazit 100

VIII KOSMOS (1845–1862)
Die Natur als ein durch innere Kräfte bewegtes Ganzes 101

1. Alexander v. Humboldt 101
2. Von der Einheit des Menschengeschlechts 103
3. Der Preis des Fortschritts – der Topos des ›verlorenen Paradieses 105
4. Physische und ästhetische Welt- und Naturbeschreibung 107
5. Die planetarische Perspektive 114
6. Rezeption im Kontext der ›Industriellen Revolution‹ 115
7. Fazit 116

IX Georg Forster
Das abendländische Kultur-Natur-Konstrukt und das »Gesetz der vernichtenden Zukunft« 121

X Die drei Revolutionen – und die ›Eroberung‹ der Natur 127

1. Die koloniale Revolution (1492)
Die politischen Revolutionen (1776/1789)
Die Industrielle Revolution (1780 – 1840) 127
2. Das ›Heraustreten des europäischen Geistes aus der Natürlichkeit‹ 134
3. Die Wiederherstellung des ›alten einfachen Naturzustandes 137

XI Welt-Reisen in Raum und Zeit 139

1. Reise um die Welt in achtzig Tagen (J. Verne, 1872)
Beschleunigung – Schrumpfung und Weitung des Erd-Raums 139
2. Die Zeitmaschine (H.G. Wells, 1895)
Beschleunigte Bewegung in die Zukunft
Die erschöpfte Erde: zum Stillstand gekommen 143
3. J. Conrad: Reise in das Innere des schwarzen Kontinents
Die schwarze Heroine – die Verkörperung der Wildnis 147
4. Paul Gauguin: Noa Noa
Tahiti – Papeete: »Das war ja Europa« vs. Tahiti: »Der unwirkliche Ort der Utopie« 152

XII Zwischenbilanz
Der europäische Diskurs der Trennung von Kultur vs. Natur im Textvergleich.
Der Entwurf einer Medien-Realität 157

XIII Drei Leitbotschaften: 169

1. Die Lösung aus der Unfreiheit der Natur (Hegel) vs. Die Natur als das Reich der Freiheit (v. Humboldt) 169
2. Die Natur als ›Brandopfer des Fortschritts‹ (J. W. Goethe) 173
3. Die weltgeschichtliche Expansion Europas 176

XIV Die Erscheinung der großen technischen Bewegungsmächte 183

1. »Sogar die Elementarbegriffe von Zeit und Raum sind schwankend geworden.« (H. Heine) 183
2. Beschleunigte Bewegung: die Überschreitung der natürlichen Raumzeitgrenzen
(Jules Verne, H.G. Wells): Utopie vs. Dystopie 184
3. Siegeszug der technischen Unterwerfung der Natur 187

XV Brave New World (A. Huxley, 1932) 191

1. Die biotechnologische Steuerung natürlicher Lebensprozesse 191
2. »Die wirkliche revolutionäre Revolution: in der inneren Welt der Seelen und Körper
der Menschen« 193
3. Die Sprengung der biologischen Grenzen: die Ausdehnung der menschlichen Macht 195

XVI Die Weltmacht Europas 199

1. Selbstbegegnung in einer denaturierten Welt 199
2. Das Anthropozän als neues Erdzeitalter 202
3. Grenzüberschreitung 203

XVII Epilog – Kultur vs. Natur
Eine Relationsgeschichte 209

1. Neue Medienrealität 209
2. Ein neues Grenzbewußtsein 218

Literatur 221