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Der Selbstmord  suhrkamp taschenbuch wissenschaft (stw), Band 431

Übersetzt von Sebastian und Hanne Herkommer

Originalausgabe: Emile Durkheim, Le suicide (1897)
Der Selbstmord


suhrkamp taschenbuch wissenschaft (stw), Band 431



Übersetzt von Sebastian und Hanne Herkommer



Originalausgabe: Emile Durkheim, Le suicide (1897)

Emile Durkheim

Suhrkamp
EAN: 9783518280317 (ISBN: 3-518-28031-7)
485 Seiten, kartoniert, 11 x 18cm, 2003

EUR 16,00
alle Angaben ohne Gewähr

Umschlagtext
Wenn es richtig ist, daß eine Wissenschaft sich mittels einer paradigmatischen, vom bisherigen Vorgehen abweichenden Leistung konstituiert, so ist das Paradigma der empirischen Soziologie Durkheims >Suicide<. Zahllose Untersuchungen folgten bis heute mehr oder weniger eng diesem Beispiel, dieser >VerschrĂ€nkung des Provokatorisch-Spekulativen mit dem Positivismus<, wie Adorno Durkheim begreift. Der Selbstmord ist daher nur das symptomatische Thema, historisch geeignet. Das eigentliche Erkenntnisinteresse Durkheims gilt der Gesellschaft auf der einen, der Soziologie als Wissenschaft auf der anderen Seite.

(Klaus Dörner)
Rezension
Wenn ein Buch mehr als 100 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung immer noch aufgelegt wird, - und zwar als Taschenbuch! -, so zeigt allein dieser Sachverhalt die wegweisende Bedeutung des Werks an. Emile Durkheims "Le suicide" (1897) ist ein solches Buch. Dabei geht es Durkheim gar nicht primĂ€r um den Suizid, sondern um die Soziologie. Suizid dient quasi nur als Exemplum, an der empirische Soziologie festgemacht und begrĂŒndet wird. Aber damit wird zugleich ein neues Licht auch auf das Exemplum geworfen, nĂ€mlich dessen gesellschaftliche Dimension. Durkheim stellt den Suizid in einen gesellschaftlicheen, empirisch nachprĂŒfbaren Kontext und damit gelingt ihm der Aufweis eines neuen VerstĂ€ndnisses des Suizids. Eine brillante Arbeit, die in wesentlichen Teilen bis heute nichts an ihrer Bedeutsamkeit eingebĂŒĂŸt hat. Schon ein Blick in das ausfĂŒhrliche Inhaltsverzeichnis vermag davon zu ĂŒberzeugen.

Thomas Bernhard fĂŒr lehrerbibliothek.de
Inhaltsverzeichnis
Vorwort 17

EinfĂŒhrung 23

1. Notwendigkeit, durch eine objektive Definition den Gegenstand der Untersuchung festzustellen.
Objektive Definition des Selbstmordes. Inwiefern sie willkĂŒrliche Ausschließungen und irrige Ver
gleiche unmöglich macht: Ausschluß des Selbstmordes von Tieren. Wie dadurch die Beziehungen zwischen Selbstmord und normalen Verhaltensformen klargestellt werden. 23

2. Unterschied zwischen dem Selbstmord der Individuen und dem Selbstmord als Kollektiverscheinung. Die soziale Selbstmordrate; ihre Definition. Ihre grĂ¶ĂŸere Konstanz und spezifische AusprĂ€gung gegenĂŒber der allgemeinen Sterblichkeit. Die soziale Selbstmordrate ist also ein PhĂ€nomen sui generis; sie bildet den eigentlichen Gegenstand rler vorliegenden Studie. Unterteilung der Arbeit. 30

Erstes Buch
Die außergesellschaftlichen Faktoren 39


Erstes Kapitel
Selbstmord und psychopathische ZustÀnde 41

HauptsĂ€chliche außergesellschaftliche Faktoren, die Einfluß auf die soziale Selbstmordrate haben könnten: individuelle Tendenzen von hinreichender Allgemeinheit, ZustĂ€nde der physischen Umwelt.

1. Die Theorie, nach der der Selbstmord nur eine Folge von Irresein wÀre. Zwei Arten des Beweises: 1. der Selbstmord ist eine Sonderart der Monomanie; 2. er ist ein Krankheitsbild des Irreseins, das sich nirgends sonst findet. 41

2. Ist Selbstmord eine Monomanie? Das Vorhandensein von Monomanien wird nicht mehr angenommen. Klinische und psychologische GrĂŒnde, die dieser Hypothese widersprechen. 43

3. Ist der Selbstmord ein besonderes Stadium des Irreseins? ZurĂŒckfĂŒhrung aller Selbstmorde von
Geistesgestörten auf vier Typen. Existenz von begrĂŒndeten Selbstmorden, die nicht hierunterfallen. 47

4. Kann der Selbstmord, ohne ein Produkt des Wahnsinns zu sein, mit der Neurasthenie enger
zusammenhĂ€ngen? GrĂŒnde dafĂŒr, daß der Neurastheniker als psychologischer Typ am hĂ€ufigsten bei Selbstmördern auftritt. Der Einfluß dieser individuellen Voraussetzung auf die Selbstmordrate ist noch festzustellen. Methode, ihn zubestimmen: Untersuchung, ob die Selbstmordratedenselben Schwankungen unterliegt wie die Rate der Geisteskrankheiten. Abwesenheit jeder Verbindung zwischen den Arten, wie diese beiden Erscheinungen nach Geschlecht, Religion, Alter, Land, Zivilisationsstufe variieren. ErklĂ€rung dafĂŒr: die Wirkungen der Neurasthenie sind unbestimmt. 54

5. Gibt es unmittelbare Beziehungen zur Rate des Alkoholismus? Vergleich mit der geographischen
Verteilung der Trunkenheitsdelikte, der Alkoholdelirien, des Alkoholverbrauchs. Negatives Ergebnis dieses Vergleiches. 67

Zweites Kapitel
Der Selbstmord und psychologische NormalzustÀnde. Rasse, Erblichkeit 72

1. Notwendigkeit, Rasse zu definieren. Sie kann nicht als erblicher Typ definiert werden; aber
dann wird der Begriff unbestimmt. Daher Ă€ußerste Vorsicht geboten. 72

2. Die vier von Morselli unterschiedenen Rassen. Sehr große Unterschiede in der Neigung zum Selbstmord bei den Slawen, den Keltoromanen und den germanischen Völkern. Nur die Deutschen haben eine durchweg intensive AnfĂ€lligkeit, verlieren sie aber außerhalb von Deutschland.
Von den angeblichen ZusammenhĂ€ngen zwischen Selbstmord und KörpergrĂ¶ĂŸe: Ergebnisse einer
Gleichzeitigkeit. 76

3. Rasse kann nur dann ein Selbstmordfaktor sein, wenn sie im wesentlichen erblich wĂ€re. Beweise zugunsten dieser Erblichkeit sind nicht ausreichend: 1. Die relative HĂ€ufigkeit der FĂ€lle, die auf Erblichkeit zurĂŒckgefĂŒhrt werden können, ist unbekannt. 2. Möglichkeit einer anderen Deutung: Einfluß des Irreseins und der Nachahmung. GrĂŒnde gegen die Annahme dieser speziellen Erblichkeit: 1. Warum sollte sich der Selbstmord weniger stark bei der Frau vererben? 2. Die Art, wie sich der Selbstmord mit fortschreitendem Alter entwickelt, ist mit dieser Hypothese nicht in Einklang zu bringen. 86

Drittes Kapitel
Der Selbstmord und kosmische Faktoren 100

1. Das Klima hatkeinen Einfluß. 100

2. Temperatur. Jahreszeitliche Schwankungen des Selbstmordes. Diese finden sich ĂŒberall. Wie die
italienische Schule sie mit Hilfe der Temperatur erklÀrt. 103

3. Strittige Auffassung vom Selbstmord als Grundlage dieser Theorie. PrĂŒfung der Tatsachen: der
Einfluß extremer Hitze oder KĂ€lte beweist nichts; Abwesenheit von Beziehungen zwischen der Selbstmordrate und der jahreszeitlichen oder monatlichen Temperatur; in vielen warmen LĂ€ndern ist der Selbstmord selten.Hypothese, nach der die ersten warmen Tage besonders schĂ€dlich sind. Unvereinbar 1. mit der KontinuitĂ€t der Selbstmordkurve im Steigen und
Fallen, 2. mit der Tatsache, daß die ersten kalten Tage, die die gleiche Wirkung haben mĂŒĂŸten,
unschÀdlich sind. 106

4. Die Ursachen fĂŒr diese Schwankungen. Vollkommener Parallelismus zwischen den monatlichen Schwankungen der Selbstmordzahlen und denen der TageslĂ€nge. BestĂ€tigung durch diese Tatsache, daß die Selbstmorde vorwiegend am Tage geschehen. Grund fĂŒr diesen Parallelismus: WĂ€hrend des Tages ist das soziale Leben in vollem Gange. Diese ErklĂ€rung wird bestĂ€tigt durch die Tatsache, daß der Selbstmord an den Tagen und Stunden ein Maximum erreicht, wo auch die soziale AktivitĂ€t maximal ist. Sie erklĂ€rt auch die jahreszeitlichen Schwankungen des Selbstmordes.
Verschiedene positive Beweise. Die monatlichen Selbstmordschwankungen haben also soziale Ursachen. 114

Viertes Kapitel
Die Nachahmung 124

Die Nachahmung ist eine Erscheinung der Individualpsycholpgie. Die NĂŒtzlichkeit einer Untersuchung ĂŒber die Möglichkeit ihres Einflusses aufdie soziale Selbstmordrate. 124

1. Unterschied zwischen Nachahmung und einigen anderen Erscheinungen, mit denen sie verwech
selt wird. Definition der Nachahmung. 125

2. Zahlreiche FĂ€lle, in denen sich Selbstmorde von Person zu Person ĂŒbertragen. Unterscheidung der
Gegebenheiten bei Ansteckung und Epidemien. Wieso das Problem des möglichen Einflusses der
Nachahmung auf die Selbstmordrate ungelöst bleibt. 134

3. Dieser Einfluß muß in seiner ganzen geographischen Verteilung untersucht werden. Kriterien, an denen er erkannt werden kann. Anwendung dieser Methode auf die Karte der Selbstmorde in Frankreich nach Arrondissements, auf die Karte nach Gemeinden von Seine-et-Marne, auf die Übersichtskarte von Europa. Keine sichtbare Spur der Nachahmung in der geographischen Verteilung.
Ein Versuch, der angestellt werden muß: wachsen die Selbstmordzahlen mit der Zahl der Zeitungsleser? GrĂŒnde, die auf das Gegenteil hindeuten. 137

4. Grund zu der Annahme, daß Nachahmung keinen nennenswerten Einfluß auf die Selbstmordrate hat: daß hier kein ausschlaggebender Faktor vorliegt, sondern daß nur der Einfluß anderer Faktoren verstĂ€rkt wird.
Praktische Folgerungen aus dieser Diskussion: keine Veranlassung, Gerichtsurteile nicht zu veröffentlichen.
Theoretische Folgerungen: Die Nachahmung hat nicht jene ihr bisher zugeschriebene soziale Wirksamkeit. 146

Zweites Buch
Soziale Ursachen und soziale Typen 151


Erstes Kapitel
Bestimmungsverfahren 153

1. ZweckmĂ€ĂŸigkeit der Methode, die Typen des Selbstmordes zunĂ€chst morphologisch zu klassifizieren, um dann auf ihre Ursachen zurĂŒckzukommen; Unmöglichkeit dieser Klassifizierung. Die
einzig anwendbare Methode besteht darin, dieSelbstmorde nach ihren Ursachen zu klassifizieren. Warum sie in einer soziologischen Studie besser als jede andere am Platze ist. 153

2. Wie soll man zu diesen Ursachen gelangen? Die AuskĂŒnfte der Statistik ĂŒber die angeblichen
GrĂŒnde der Selbstmorde 1. sind verdĂ€chtig, 2. lassen die wahren Ursachen nicht erkennen. Die
einzig erfolgversprechende Methode ist die Untersuchung, wie die Selbstmordrate in AbhÀngigkeit von verschiedenen sozialen BegleitumstÀnden schwankt. 157

Zweites Kapitel
Der egoistische Selbstmord 162

1. Der Selbstmord und die Religionen. Allgemein erschwerte Lage beim Protestantismus; Immuni
tÀt der Katholiken und besonders der Juden. 162

2. Die ImmunitÀt der Katholiken hÀngt nicht mit ihrem Minderheitenstatus in protestantischen
LÀndern zusammen, sondern mit ihrem weniger ausgeprÀgten religiösen Individualismus, auf
Grund der viel stÀrkeren Integration der katholischen Kirche. Wie diese Deutung auf die Juden
zutrifft. 167

3. PrĂŒfung dieser Deutung: 1. Die relative ImmunitĂ€t in England hĂ€ngt von der starken Integration
der anglikanischen Kirche im Vergleich zu den anderen protestantischen LÀndern ab; 2. Der religiöse Individualismus variiert wie der Wissensdrang, denn der Wissensdrang ist a) bei den protestantischen Nationen stÀrker ausgeprÀgt als bei den katholischen; b) der Wissensdrang variiert
immer im selben Maß wie der Selbstmord, wenn er mit einem Fortschritt im religiösen Individua
lismus zusammenhÀngt. Wie die Ausnahme bei den Juden dieses Gesetz bestÀtigt. 172

4. Folgerungen aus diesem Kapitel: 1. die Wissenschaft ist das Heilmittel fĂŒr die Krankheit, deren
Symptom die Vermehrung der Selbstmorde darstellt, aber nicht ihre Ursache. 2. wenn die Religionsgemeinschaft vor dem Selbstmord bewahrt, dann einfach darum, weil sie eine stark integrierte Gesellschaft darstellt. 182

Drittes Kapitel
Der egoistische Selbstmord (Fortsetzung) 186

1. Weitgehende ImmunitĂ€t der Verheirateten nach den Berechnungen von Bertillon. Ungereimtheiten in der von ihm angewandten Methode. Notwendigkeit, Einfluß von Alter und zivilem Stand völlig voneinander zu trennen. Tabellen, in denen diese Trennung durchgefĂŒhrt ist. Davon abgeleitete Gesetze. 186

2. ErklĂ€rung dieser Gesetze. Der Erhaltungskoeffizient der Verheirateten hĂ€ngt nicht mit der Gattenwahl zusammen. Beweise: 1. GrĂŒnde a priori; 2. sachliche GrĂŒnde: a) Schwankungen des Koeffizienten in den verschiedenen Altersstufen, b) Ungleichheit im ImmunitĂ€tsgrad bei verheirateten MĂ€nnern und Frauen. Beruht diese ImmunitĂ€t auf dem Einfluß der Ehe oder auf dem Einfluß der Familie? Gegen die erste Hypothese spricht 1. der Gegensatz zwischen der gleichbleibenden Zahl der Eheschließungen und dem Anwachsen der Selbstmorde; 2. geringe ImmunitĂ€t der kinderlos Verheirateten; 3. Erschwerung der Lage bei kinderlos verhei rateten Frauen. 197

3. Ist die leichte ImmunitÀt der kinderlos verheirateten MÀnner eine Folge der Gattenwahl?
Gegenbeweis dazu in der erschwerten Lage bei den kinderlos verheirateten Frauen. Wie sich die
teilweise Konstanz dieses Koeffizienten beim kinderlosen Witwer erklÀrt, ohne die Gattenwahl
heranzuziehen. Allgemeine Theorie der Witwenschaft. 208

4. Ubersichtstabelle ĂŒber die bisherigen Resultate. Die ImmunitĂ€t der Verheirateten ist fast ganz auf
den Einfluß der Familie zurĂŒckzufĂŒhren, vollends die der verheirateten Frauen. Sie wĂ€chst mit der
Dichte der Familie, das heißt mit dem Grade ihres inneren Zusammenhalts. 218

5. Der Selbstmord und die politischen und nationalen Krisen. Die rĂŒcklĂ€ufige Bewegung, die danach eintritt, ist echt und ĂŒberall feststellbar. Der Grund dafĂŒr liegt in dem durch die Krise herbeigefĂŒhrten festeren Zusammenhalt der Gruppe. 224

6. Allgemeine Schlußfolgerung aus diesem Kapitel. Direkte Beziehung zwischen Selbstmord und dem
Grad des Zusammenhalts bei den sozialen Gruppen, gleich welchen. Grund dafĂŒr; warum und in
welcher Beziehung die Gesellschaft fĂŒr das Individuum eine Notwendigkeit ist. Wie der Selbstmord Fortschritte macht, wenn sie es im Stich lĂ€ĂŸt. Beweise fĂŒr diese Deutung. Beschaffenheit
des egoistischen Selbstmordes. 231

Viertes Kapitel
Der altruistische Selbstmord

1. Der Selbstmord bei primitiven Gesellschaften: Wesensmerkmale, die ihn vom egoistischen Selbstmord unterscheiden. Beschaffenheit des obligatorischen altruistischen Selbstmordes. Andere Formen dieses Typs.

2.Der Selbstmord in den europĂ€ischen Heeren. Er erhöht sich durch den MilitĂ€rdienst. Er ist unabhĂ€ngig von der Ehelosigkeit; vom Alkoholismus. Er ist keine Folge des Überdrusses am Dienst. Beweise: 1. er nimmt mit der Dauer des Dienstes zu, 2. er ist bei Freiwilligen und LĂ€ngerdienenden mehr ausgeprĂ€gt; ebenso bei den Offizieren und Unteroffizieren im Vergleich zum einfachen Soldaten. Er ist eine Folge des soldatischen Geistes und der altruistischen AtmosphĂ€re, die dieser schafft. DafĂŒr zum Beweis: er nimmt um so stĂ€rker zu, je weniger AnfĂ€lligkeit fĂŒr den egoistischen Selbstmord die betreffenden Völker besitzen; 2. er ist bei den Elitetruppen maximal; 3. er nimmt ab, sowie der egoistische Selbstmord sich entwickelt. 256

3. Wie die angewandte Methode in den erzielten Ergebnissen ihre Berechtigung findet. 270

FĂŒnftes Kapitel
Der anomische Selbstmord 273

1. Der Selbstmord nimmt bei wirtschaftlichen Krisen zu. Dieses Ansteigen erfolgt auch bei plötzlicher wirtschaftlicher ProsperitĂ€t: Beispiele Preußen, Italien. Die Weltausstellungen. Selbstmord und Reichtum. 273

2. Deutung dieser ZusammenhĂ€nge. Der Mensch kann nur leben, wenn seine BedĂŒrfnisse und seine
Mittel im Einklang miteinander stehen; woraus eine Begrenzung der letzteren folgt; die Begrenzung wird von der Gesellschaft vorgenommen; wie dieser mĂ€ĂŸigende Einfluß normalerweise vorsich geht; wie er durch Krisen behindert wird; dadurch Normlosigkeit, Anomie, Selbstmord. BestĂ€tigung fĂŒr diese SchlĂŒsse in den Beziehungen zwischen Selbstmord und Reichtum. 279

3. Die Anomie ist tatsÀchlich eine chronische Erscheinung des Wirtschaftslebens. Daraus entstehende Selbstmorde. Beschaffenheit des anomischen Selbstmordes. 290

4. Selbstmorde auf Grund ehelicher Anomie. Die Witwenschaft. Die Scheidung. Parallele Entwicklung zwischen Scheidung und Selbstmord. Sie fĂŒhrt zurĂŒck auf eine QualitĂ€t der Ehe, die sich auf verheiratete MĂ€nner und Frauen gegenteilig auswirkt; Beweise dafĂŒr. Worin besteht diese QualitĂ€t in der Ehe. Die AbschwĂ€chung der ehelichen Disziplin, die in der Scheidung sichtbar wird, vergrĂ¶ĂŸert die AnfĂ€lligkeit zum Selbstmord beim Mann, verringert sie bei der Frau. Grund fĂŒr diesen Gegensatz. Beweise zur StĂŒtzung dieser Deutung. Das Bild der Ehe, das sich aus diesem Kapitel ergibt. 296

Sechstes Kapitel
Individualformen der verschiedenen Selbstmordtypen 319

ZweckmĂ€ĂŸigkeit und Möglichkeit, die vorstehende Ă€tiologische Ordnung durch eine morphologische zu ergĂ€nzen. 319

1. Grundformen der drei selbstmordfördernden Strömungen verkörpert durch die Individuen,
Mischformen, die sich aus Kombinationen zwischen den Grundformen ergeben. 321

2. Muß man bei dieser Ordnung auch die gewĂ€hlte Todesart berĂŒcksichtigen? Die AbhĂ€ngigkeit dieser Wahl von sozialen Ursachen. Aber diese Ursachen sind unabhĂ€ngig von denen, die den Selbstmord an sich determinieren. Sie haben also mit der vorstehenden Untersuchung nichts zu tun. Übersichtstabelle der verschiedenen Typen von Selbstmord. 335

Drittes Buch
Vom Selbstmord als sozialer Erscheinung im allgemeinen 341


Erstes Kapitel
Der gesellschaftliche Aspekt des Selbstmordes 343

1. Ergebnisse aus dem Vorstehenden. Keine ZusammenhÀnge zwischen der Selbstmordrate und kosmischen oder biologischen Erscheinungen. Bestimmte Wechselwirkung mit den sozialen Tatsachen. Die soziale Selbstmordrate entspricht demnach einer Kollektivneigung der Gesellschaft. 343

2. Konstanz und Eigenart dieser Rate ist anders nicht zu erklÀren. Ein Versuch von Quetelet in
dieser Richtung: Der Durchschnittstyp. Widerlegung: die RegelmĂ€ĂŸigkeit der statistischen Daten findet sich gleichfalls bei Tatsachen, die nicht durchschnittlich sind. Zwingende Annahme einer
Kollektivkraft oder einer Gruppe von KollektivkrÀften, deren StÀrke in der sozialen Selbstmordrate ihren Ausdruck findet. 347

3. Was unter dieser Kollektivkraft verstanden wird: sie ist eine dem Individuum Ă€ußerliche und ĂŒber ihm stehende RealitĂ€t. Übersicht und PrĂŒfung der gegen diese Auffassung erhobenen EinwĂ€nde:
1. Einwand, nach dem eine soziale Tatsache nur durch interindividuelle Weitergabe erhalten bleiben kann. Antwort: die Selbstmordrate pflanzt sich nicht auf diese Art fort.
2. Einwand, daß im Individuum die ganze RealitĂ€t der Gesellschaft liegt. Antwort: a) Auf welche Weise materielle Dinge, die dem Individuum Ă€ußerlich sind, zu sozialen Gegebenheiten werden und in dieser Eigenschaft eine Rolle sui gene-ris zu spielen haben; b) die sozialen Tatsachen, die das nicht tun, ĂŒbersteigen jedes individuelle Vorstellungsvermögen. Ihre Grundlage bildet das Aggregat des Bewußtseins der in der Gesellschaft zusammengefaßten Individuen. Diese Auffassung hat nichts Ontologisches. 356

4. Anwendung dieser Vorstellungen auf den Selbstmord. 174

Zweites Kapitel
Beziehungen zwischen dem Selbstmord und den anderen sozialen Erscheinungen 381

Methode zur Feststellung, ob der Selbstmord moralisch oder unmoralisch ist. 381

1. Historische Übersicht ĂŒber die in den verschiedenen Gesellschaften bezĂŒglich des Selbstmordes
geltenden gesetzlichen oder moralischen Vorschriften. StĂ€rkerwerdende Mißbilligung außer in Zeiten der Dekadenz. Die Berechtigung dieser Mißbilligung; sie ist mehr denn je in der normalen Beschaffenheit der modernen Gesellschaften verankert. 382

2. Beziehungen zwischen dem Selbstmord und anderen Formen der Unmoral. Der Selbstmord und die Vermögensdelikte; keinerlei Beziehung vorhanden. Der Selbstmord und der Mord; eine Theorie, nach der beide Ausdrucksformen desselben organisch-psychischen Zustandes sind, aber
von einander entgegengesetzten sozialen bedingungen abhÀngen. 397

3. Besprechung des ersten Teiles der These; daß Geschlecht, Alter, Temperatur bei beiden Erscheinungen nicht auf die gleiche Art wirksam werden. 402

4. Besprechung des zweiten Teils. FÀlle, in denen der Antagonismus sich bestÀtigt. Mehr FÀlle, bei
denen er sich bestĂ€tigt. Deutung dieser scheinbaren WidersprĂŒche. Bestehen verschiedener
Selbstmordtypen, von denen einige den Mord ausschließen, wĂ€hrend andere von den gleichen
sozialen Bedingungen abhÀngen. Beschaffenheit dieser Typen. Warum die erste Gruppe tatsÀch
lich zahlreicher ist als die zweite. Auf welche Weise das Vorstehende die histori
schen Beziehungen zwischen Egoismus und Altruismus beleuchtet. 407

Drittes Kapitel
Praktische Folgerungen 426

1. Die praktische Lösung des Problems variiert, je nachdem man die gegenwÀrtige Situation des
Selbstmordes fĂŒr normal oder fĂŒr unnormal hĂ€lt. Wieso sich die Frage trotz der ImmoralitĂ€t des
Selbstmordes stellt. GrĂŒnde fĂŒr die Annahme, daß das Bestehen einer mĂ€ĂŸigen Selbstmordrate
nichts Krankhaftes an sich hat. GrĂŒnde fĂŒr die Annahme, daß die augenblickliche Selbstmordrate bei den europĂ€ischen Völkern Indiz fĂŒr einen pathologischen Zustand ist. 426

2. Vorgeschlagene Maßnahmen zur BekĂ€mpfung des Übels: 1. Repressive Maßnahmen. Welche wĂ€ren möglich. Warum sie nur beschrĂ€nkte Wirkung hĂ€tten. 2. Erziehung. Sie ist nicht imstande, eine moralische Reform der Gesellschaft herbeizufĂŒhren, weil sie lediglich deren Abbild ist. Notwendigkeit, die den Selbstmord fördernden Strömungen in ihrer Quelle zu erreichen; daß man immerhin den altruistischen Selbstmord außer acht lassen kann, der nichts Anormales an sich hat. Das Heilmittel gegen den egoistischen Selbstmord: die Gruppen, in deren Einflußbereich das Individuum lebt, mit mehr Zusammenhalt auszustatten. Welche eignen sich fĂŒr diese Aufgabe am besten? Es ist weder der Staat, der dem Individuum zu fern steht, noch die Religionsgemeinschaft, die den Menschen nur insoweit sozialisiert, wie sie ihm die Denkfreiheit entzieht, noch die Familie, die sich immer weiter auf das Ehepaar reduziert. Die Selbstmorde der Verheirateten steigen im selben Maß wie die der Unverheirateten. 439

3. Von der Berufsgruppe. Warum sie als einzige imstande ist, dieser Funktion gerecht zu werden.
Daß sie sich dafĂŒr formen muß. Aufweiche Weise sie zu einem sozialen Milieu werden kann. —
Warum sie auch den anomischen Selbstmord im Zaum halten kann. — FĂ€lle ehelicher Anomie.
Widerspruchsvolle Seiten bei diesem Problem. Der Antagonismus der Geschlechter. Mittel zu
seinem Ausgleich. 449

4. Schluß. Der gegenwĂ€rtige Zustand des Selbstmords ist Anzeichen einer moralischen Misere. Was man unter der moralischen Misere der Gesellschaft verstehen muß. Wie die vorgeschlagene Reform auf Grund unserer ganzen historischen Evolution erfordert wird. Verschwinden alle sozialen Gruppen zwischen Individuum und Staat; Notwendigkeit wieder herzustellen. Die berufliche Dezentralisierung im Gegensatz zu territorialer Dezentralisierung: Warum hier die notwendige Basis fĂŒr die soziale Organisation liegt.
Die Bedeutung der Selbstmordfrage. Ihre enge Verbindung zu den grĂ¶ĂŸten praktischen Problemen der Gegenwart. 459