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Die neuen Atheismen Eine notwendige Provokation
Die neuen Atheismen
Eine notwendige Provokation




Gregor Maria Hoff

Topos plus Verlagsgemeinschaft
EAN: 9783836706711 (ISBN: 3-8367-0671-7)
181 Seiten, kartoniert, 12 x 18cm, Januar, 2009

EUR 9,90
alle Angaben ohne Gewähr

Umschlagtext
Seit Religion an Bedeutung und Relevanz gewinnt, werden auch neue atheistische Einsprüche laut. Gregor Maria Hoff beschreibt zunächst die öffentliche Wahrnehmung religiöser Phänomene, um dann die atheistischen Einsprüche literarischer, naturwissenschaftlicher und kulturtheoretischer Herkunft darzustellen. Diese interpretiert der Autor als notwendige Herausforderungen eines christlichen Redens von Gott, weil sie die Ambivalenzen und Gefahren religiöser Überzeugungen deutlich herausarbeiten und den Glauben zu einer eigenen Standortbestimmung nötigen.
Rezension
Wer kennt nicht Richard Dawkins, den wohl prominentesten Vertreter des "Neuen Atheismus", oder besser: "new atheism" - handelt es sich doch dabei um denjenigen Begriff, wie er 2006 zuerst im anglophonen Raum als Bezeichnung für eine Gruppierung von Wissenschaftlern auftauchte, die bewusst provozierend neueste "Erkenntnisse" der Biologie, Physik, Psychologie oder auch Philosophie aufgriffen, um der Religion, dem "Gotteswahn" (so der Buchtitel von Richard Dawkins) entgegen zu treten. Es entstand eine nahezu missionarisch anmutende Atheismus-Bewegung, die sich selbst die "Brights" nannte (vgl. www.the-brights.net bzw. www.brights-deutschland.de). Gregor Maria Hoff, Salzburger Professor für Fundamentaltheologie und Ökumenik, nimmt einige der zu dieser Gruppierung zählenden Vertreter in seinem Werk auf, erweitert den Blick auch auf andere jüngste atheistische Ansätze und begegnet den Argumenten in wohltuend unpolemischer und wissenschaftlich anspruchsvoller Weise. Sein Ansatz geht dabei in die Richtung einer aktiven Auseinandersetzung, denn: die "atheistischen Anfragen und Angriffe lassen sich theologisch als eine notwendige Provokation bestimmen, weil sie das Problemniveau heute möglicher Rede von Gott angeben" (S. 7).

Natürlich kann es Hoff auf gerade einmal 180 Seiten nicht gelingen, alle unterschiedlichen atheistischen Richtungen ausführlich und tiefgreifend darzustellen. Manchmal hätte man sich eine Beschränkung auf Weniger, dafür mehr Tiefe gewünscht. Doch so gibt Hoff (lediglich) Einblicke in (dafür vielfältige) Beispiele heutiger atheistischer Ansätze - aus Literatur, Naturwissenschaft im weitesten Sinne, Kulturwissenschaft und Philosophie.
Am Beispiel von vier modernen Autoren und ihren Werken (s.u.) zeigt Hoff, wie der Alltag im 21. Jh. von Atheismen (nach dem Tod das Nichts; Bestimmung der Lebensbiographie durch die Kombination von Zufällen; ...) durchzogen sein kann.
Bei Richard Dawkins und den Vertretern einer Naturwissenschaft im weitesten Sinne bleibt Hoff nicht bei darstellenden Beschreibungen der atheistischen Theorien stehen, sondern weist auf Unzulänglichkeiten, wenn nicht gar Fehler in deren Argumentation hin. Im Kapitel zu Daniel Dennett - vielleicht dem Höghepunkt des ganzen Buches - beispielsweise begegnet Hoff den evolutionsbiologischen Thesen mit der Aufdeckung von Überschreitungen der Fachkompetenzen: Dennett verlässt nämlich vielfach die Methodik und Theorie der Naturwissenschaft, um Deutungen als Tatsachen zu verkaufen (vgl. nur S. 62f.69), Wirklichkeit zu interpretieren.
Das sehr interessant verfasste Kapitel zu den kulturtheoretischen Atheismen - die nicht zuletzt in Auseinandersetzung mit den Attentaten vom "11. September" entstanden und das im Islamismus ausgebrochene Gewaltpotential von Religion schlechthin kritisieren - endet mit einem an Hiob festgemachten Exkurs zur Theodizeefrage.
Schließlich bringt Hoff die philosophischen Atheismen als "wirklich neue" Atheismen (vgl. S. 112f) zur Sprache. Obwohl diese Richtung klassischerweise nicht zum "Neuen Atheismus" zählt, geht Hoff auf sie ein, weil sie immerhin intellektuell auf anspruchsvollem Niveau argumentiert. Knapp werden Herbert Schnädelbach und George Steiner dargestellt, ausführlich Slavoj Zizek, Giorgio Agamben und Alain Badiou.
Hoff schließt seine Auseinandersetzung mit dem "neuen Atheismus" mit erneuten Hinweisen auf die Notwendigkeit dieser Ansätze für eine moderne, aufgeklärte Theologie (vgl. S. 140.143.149) sowie einer Definierung dieses "neuen Atheismus" (vgl. nur S. 142).

Abschließend bleibt festzuhalten, dass sich Hoffs gelungene Übersicht hervorragend eignet als Auseinandersetzung im Sinne einer Reaktion auf die "neuen Atheismen", weniger zum Kennenlernen ebendieser.

Holger Zeigan, www.lehrerbibliothek.de
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung

2. Literarische Interventionen - atheistische Abblendungen
2.1 Paul Auster oder die Macht des Zufalls
2.2 Ian McEwen oder die Macht der Einbildung
2.3 Philip Roth oder die Macht des Todes
2.4 Cormac McCarthy oder die Macht der Apokalypse des Nichts
2.5 Atheistische Abblendungen: Ein literarischer Übergang

3. Die szientifischen Atheismen - naturalistische Korrekturen
3.1 Atheistischer Abgesang: Das "Manifest des evolutionären Humanismus"
3.2 Eine neu belebte Polemik: Richard Dawkins und die Macht der Meme
3.3 Der kognitive Nischengott: Pascal Boyers neurologischer Konstruktivismus
3.4 Die Evolution Gottes: Daniel Dennetts konsequentes Naturalisierungsprogramm
3.5 Das Problem des szientifischen Reduktionismus

4. Kulturtheoretische Abschiede - philosophische Aporetisierungen
4.1 Sam Harris: Das Ende des Glaubens
4.2 Christopher Hitchens: Religionsvergiftungen
4.3 Peter Sloterdijk: Monotheistische Zornbanken
4.4 Ulrich Beck: Das soziologische Fegefeuer des eigenen Gottes
4.5 Das Inventar der klassischen Fragen: Im Fokus der Theodizeefrage

5. Die neuen Atheismen - dekonstruktive Entkoppelungsfiguren
5.1 Dawkins & Co - neue Atheisten?
5.2 Ein intellektueller Übergang: Die Tristien Herbert Schnädelbachs und George Steiners
5.3 Slavoj Zizek oder die Perversion des Christentums
5.4 Giorgio Agamben oder die Inversion des Christentums
5.5 Alain Badiou oder die Subversion des Todes Gottes

6. Theologische Konsequenzen - notwendige Umstellungen
6.1 "Gaudium et spes" und die theologische Wahrheit des Atheismus
6.2 Eine Konfrontation mit der eigenen Wahrheit
6.3 Eine notwendige theologische Konfrontation
6.4 Die theologische Verschärfung atheistischer Religionskritiken
6.5 Eine notwendige Provokation in religiös veränderten Zeiten

Anmerkungen

Personenregister