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Netzwerk Kultur
Die Kunst der Verbindung in einer globalisierten Welt
Peter Mörtenböck, Helge Mooshammer
Transcript
EAN: 9783837613568 (ISBN: 3-8376-1356-9)
158 Seiten, paperback, 14 x 23cm, 2010, zahlr. z.T. farb. Abb.
EUR 17,80 alle Angaben ohne Gewähr
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Umschlagtext
Netzwerke sind zur Leitfigur des Zusammenlebens im 21. Jahrhundert geworden. In Gestalt von transnationaler Politik, globaler Ökonomie, neuen Medien und sozialen Bewegungen verkünden sie Hoffnung und Bedrohung zugleich. Dass Netzwerke und vernetzte Kulturen vor allem auch Kreativität hervorbringen können, zeigt dieser Band: Er liefert eine faktenreiche und vielschichtige Analyse der Schauplätze der geokulturellen Neuordnung und demonstriert anhand von zahlreichen Allianzen in Kunst, Architektur und Aktivismus, wie durch kollektive Kreativität neue Strukturen politischer und sozialer Teilnahme entstehen.
Rezension
Inmitten der Auflösung von tradierten Ordnungen bekommen der Zugriff auf Netzwerke und das Entwickeln von Verbundenheiten immer mehr Gewicht im Einnehmen und Gestalten unserer Umwelten: Kultur gerät zunehmend zum Netzwerkals Kunst der Verbindung in einer globalisierten Welt (vgl. Titel). Netzwerke bilden neue Formen von Solidarität und kulturellem Zusammenhalt. Der zusammengesetzte Begriff »Netzwerk Kultur« umreißt in diesem Sinn eine Sphäre der Verbundenheit unterschiedlicher Praxen, die sich nicht über zentral autorisierte Kategorien – Disziplinen, Institutionen, geteilte Geschichte oder Geographie – aufeinander beziehen, sondern durch ihre gemeinsame Arbeit an aktuell dringlichen Fragen und ein Schaffen von Plattformen der Beteiligung im Bereich von Kultur. Kultur wird zum Auffangnetz der Globalisierung.
Oliver Neumann, lehrerbibliothek.de
Verlagsinfo
Schlagworte:
Kunst, Architektur, Globalisierung, Netzwerke, Kultur
Adressaten:
Kulturwissenschaft, Kunst, Architektur, Soziologie, Anthropologie
Peter Mörtenböck (Prof. Dr. phil.) und Helge Mooshammer (Dr. techn.) lehren Visuelle Kultur an der Technischen Universität Wien und am Visual Cultures Department des Goldsmiths College, University of London. Ihre Forschungsschwerpunkte sind das Verhältnis von Kunst und geokulturellen Prozessen, Praktiken relationaler Architektur und die Transformation urbaner Systeme.
WWW: www.networkedcultures.org
Interview
... mit Prof. Dr. phil. Peter Mörtenböck
1. »Bücher, die die Welt nicht braucht.« Warum trifft das auf Ihr Buch nicht zu?
In diesem Buch geht es um die Welt. Eine globalisierte Welt, die zum einen den ungehinderten Fluss von Gütern, Kapital und Arbeitskraft fordert, und zum anderen aufbrechende Konflikte immer stärker räumlich einzugrenzen versucht. Für das Überleben in dieser widersprüchlichen Situation wird der Zugriff auf Netzwerke immer wichtiger. Das Buch diskutiert dazu die von experimentellen Praxen ... mehr in Kunst und Architektur entwickelten Wege über selbstgeschaffene Netzwerke in diese Realitäten einzugreifen.
2. Welche neuen Perspektiven eröffnet Ihr Buch?
Die vielen Fallbeispiele im Buch veranschaulichen die Bedeutung von kollaborativen Arbeitsformen, wenn es darum geht, kreative Antworten auf das konfliktreiche Zusammentreffen von globalen Entwicklungen und lokalen Bedingungen zu finden. Die aktive Auseinandersetzung mit Konflikt selbst bildet hier den Schauplatz für die Herstellung eines politischen Raums. In der Folge gilt es, so das Buch, Kultur nicht als Figur der Unterscheidung, sondern als Netzwerk des Zusammenkommens zu verstehen.
3. Welche Bedeutung kommt dem Thema in den aktuellen Forschungsdebatten zu?
Das Interesse am Potenzial künstlerischer Forschung ist in jüngster Zeit stark gestiegen. Gerade in der Globalisierungsdebatte schaffen künstlerische Projekte innovative Einsichten in den gelebten Alltag einer globalisierten Welt. Angesichts der Auflösung institutioneller Zugehörigkeiten wird deutlich, wie wichtig das Wissen um Herstellung und Einsatz kultureller Netzwerke ist. Diese ›Kunst der Verbindung‹ skizziert neue Formen der Inanspruchnahme von Kultur abseits der vorgesehenen Bahnen.
4. Mit wem möchten Sie Ihr Buch am liebsten diskutieren?
Das Buch schöpft aus den vielen Arbeiten und Diskussionen, die wir in der Projektplattform ›Networked Cultures‹ zusammengeführt haben, um so die Vielstimmigkeit des Themenfelds selbst als Methodik zu nutzen. Seit 2008 veranstalten wir die ›Networked Cultures Dialogues‹, in denen wir das Projekt mit einem ständig wachsenden Kreis an Beteiligten diskutieren. Darauf aufbauend möchten wir zur Diskussion über das Buch alle einladen, die sich für die kulturellen Effekte der Globalisierung interessieren.
5. Ihr Buch in einem Satz:
Wenn Kultur zum Auffangnetz der Globalisierung wird: Herausforderungen und Perspektiven für politische Aktionsplattformen in Kunst und Architektur.
zur Reihe:
Editorial
Das klassische Feld der Geisteswissenschaften sieht sich seit geraumer Zeit einer grundsätzlichen Herausforderung gegenüber: Die Kultur- und Medienwissenschaften haben sich nicht nur als eigenständige Disziplinen etabliert, sie erheben weit über ihre Disziplingrenzen hinaus den radikalen Anspruch, die tradierte episteme der Geisteswissenschaften neu zu bestimmen. Die Reihe Kultur- und Medientheorie geht dieser Transformation eines ganzen Wissensfeldes in der Vielfalt ihrer Facetten nach.
Inhaltsverzeichnis
Verbundenheiten 7
Netzwerkkreativität 11
Fundstelle Europa 11
Orte des Geschehens 18
Plattformen politischer Aktion 27
Potenzialitäten 31
Umstrittene Räume 37
Konfl iktspuren 37
Ausnahmen 49
Krisenfelder der Netzwerkproduktion 58
Architektur des Handelns 67
Arizona-Markt:
Interethnische Zusammenarbeit im Brčko-Distrikt 67
Istanbul-Topkapı: Handel in Ruinen 79
Moskau-Izmailovo: Zu Gast bei Stalin 86
Marktgemeinschaften 93
Schattenfi guren 98
Grenzökonomien 102
Parallelwelten 111
»Gunners and Runners« 111
Artikulationen von Gemeinschaft 118
Gemeinschaft ohne Band 123
Vernetzte Handlungen 129
Literatur 139
Abbildungen 147
Namens- und Sachregister 149
Leseprobe: Verbundenheiten, S. 7ff:
Politische Konflikte, humanitäre Katastrophen, Kriege und Migrationen
– wir leben in einem Zeitalter der globalen Unruhe und Diskontinuität.
Die weltweiten Bewegungen von Bevölkerungen, die allerorts
aufkeimenden sozialen Mobilisierungen und die sich ständig verändernde
Gestalt der neoliberalen Ökonomie sind die entscheidenden
Kräfte einer neuen Weltordnung, in der wir alle ständig aufgefordert
sind, Realität zu verhandeln und Vereinbarungen zu treffen. Inmitten
dieser Auflösung von tradierten Ordnungen bekommen der Zugriff
auf Netzwerke und das Entwickeln von Verbundenheiten immer
mehr Gewicht im Einnehmen und Gestalten unserer Umwelten:
als Prozesse, in denen Ausmachungen stattfi nden und schrittweise
Form gewinnen. Im Lichte dieses strukturellen Wandels sind Netzwerke
auch zu einem der prominentesten Begriffe auf der Suche
nach neuen Formen von Solidarität und kulturellem Zusammenhalt
geworden. Welche Form eine solche Verbundenheit aber haben soll,
ist nicht nur eine Frage theoretischer Natur, sondern vor allem eine
der Vielfalt von Räumen, die von Verbundenheiten in aller Welt produziert
werden und dabei unseren eigenen Handlungsraum immer
wieder neu gestalten.
Netzwerke sind sowohl Struktur als auch Operationsfeld dieser
wuchernden globalen Verstrickungen von Personen, Orten und Interessen.
Sie prägen sich auf unterschiedliche Weise in den Raum ein:
in Gestalt von translokalen Handlungszonen, gemeinschaftlichen
Unterstützungsmechanismen, erweiterten Einflussbereichen und Infrastrukturen,
räumlichen Überlagerungen oder intensiven Berührungen
und Kontaminationen. Hand in Hand mit diesen expansiven
Kräften gehen aber Tendenzen der gewaltsamen Absonderung und
eine globale Dynamik der Fragmentierung von Lebensräumen. Die
mithilfe von Planung angestrebte Kontrolle unserer Umwelt prallt so
auf die Bottom-up-Realitäten der wuchernden Metropolen und auf die
experimentellen Strukturen von vernetzter Selbstorganisation. Diese
Entwicklung sorgt allerorts für Spannungen, Konfl ikte und Zusammenstöße
und lässt in der Gestaltung von Architekturen der Verbundenheit
eine dringliche politische Aufgabe erkennen.
Während die offizielle Reaktion von Kultur- und Planungspolitik
meist in einer Suche nach Formen der Stabilisierung und Beschränkung
besteht, entwickelt sich aus der Dynamik der Deregulierung eine
Situation weltumspannender Parallelsysteme, in denen wir getrennte
Verbundenheiten aufsuchen: Parallel-Architekturen, Parallel-Gesellschaften,
Parallel-Leben. In Auseinandersetzung mit diesen Entwicklungen
ist aus dem Kunst- und Architekturschaffen der letzten Jahre
eine neue Form von Praxis hervorgegangen, die sich auf kollektives
Produzieren, prozessgeleitetes Arbeiten und ein Agieren in transversalen
Projektplattformen stützt. Eine solche ›disziplinlose‹ Praxis von
unaufgeforderten Einmischungen in räumliches Geschehen macht
das dysfunktionale Regelwerk der Top-Down-Planung lesbar und kreiert
ein Feld, das inmitten der Bemühungen, dieses Versagen zu verbergen,
neue Formen der Zirkulation erzeugt. Sie nimmt existierende
Netzwerke in Gebrauch, erweitert und verändert sie, lässt neue Kreisläufe
entstehen und skizziert damit eine mobile Geographie der selbstbestimmten
Inanspruchnahme von Raum und Kultur.
Der zusammengesetzte Begriff »Netzwerk Kultur« umreißt in diesem
Sinn eine Sphäre der Verbundenheit unterschiedlicher Praxen,
die sich nicht über zentral autorisierte Kategorien – Disziplinen, Institutionen,
geteilte Geschichte oder Geographie – aufeinander beziehen,
sondern durch ihre gemeinsame Arbeit an aktuell dringlichen Fragen
und ein Schaffen von Plattformen der Beteiligung im Bereich von Kultur.
Die Qualitäten solcher Netzwerke gehen aus dem Zusammenspiel
ihrer einzelnen Komponenten hervor, und diese selbst wiederum sind
äußerst instabil und von einem Gefl echt an Interaktionen abhängig.
Dieser Mangel an klar gezeichneten Zentralitäten mobilisiert auch
den Fokus unseres kritischen Denkens und lenkt unsere Aufmerksamkeit
weg von konstituierenden Kategorien zu Prozessen des Konstituierens,
von stabilen Raummerkmalen zu den in Erscheinung tretenden
Eigenschaften von Räumen, von der Produktion von Objekten
zur Produktion von Beziehungsgeflechten.
Im vorliegenden Buch möchten wir diese Entwicklung weder als
eine geschlossene Bewegung beschreiben noch innerhalb der Besonderheiten
eines bestimmten Kontexts lokalisieren. Vielmehr beschäftigt
uns ihre Nähe zu einer Fülle anderer selbstautorisierter Strukturen
von ganz unterschiedlichem Maßstab – jene von informellen
Märkten, alternativen Ökonomien und migratorischen Praxen ebenso
wie die unzähligen kleinen und unbeachteten Versuche einer selbstbestimmten
Soziabilität inmitten der globalen Umgestaltung unserer
Lebensräume. Eine solche eigenwillige Nähe konfrontiert uns mit der
prinzipiellen Konstruktion der Modalitäten kultureller und sozialer
Erfahrung – mit einem allgegenwärtigen Raumschaff en, das unaufgefordert
und uneingeschränkt stattfi ndet und einen Erfahrungsbereich
außerhalb der vorgegebenen Formen von politischer Repräsentation
aufmacht. Das schwer zu klassifi zierende Wirken dieser ›Projekte‹ gehört
in den Bereich der politischen Realität, entfaltet gleichzeitig aber
auch einen Außenraum, der eine aktive Neuverteilung von Rollen und
Aktivitäten jenseits der konzeptuellen Rahmenwerke erlaubt, die auf
Diskurse wie Bildung, Wirtschaft, Planung oder gesellschaftliche Organisation
gemeinhin angewendet werden.
Welche Formen von kultureller Interaktion und welche sozialen
Umgebungen entstehen in einer solchen unaufgeforderten Produktion
von Raum, Politik und Wissen? Das vorliegende Buch befragt dazu die
Parameter des stattfi ndenden geopolitischen Wandels zusammen mit
verschiedenen Formen von künstlerischem, architektonischem und
kulturellem Engagement in diesem beweglichen Gefüge. Die Auseinandersetzung
mit dem Phänomen von Netzwerkkreativität folgt
zunächst den von Kunst, Architektur, Urbanismus, kuratorischer Tätigkeit
und Aktivismus aufgespannten Netzwerkbahnen. Der hierbei
skizzierte Schauplatz unterstreicht die Bedeutung des Verhältnisses
von Raum und Konfl ikt und führt zu einem Sondieren von Konfl ikträumen
im erweiterten Europa, zur Untersuchung von Konfl iktarchitekturen
und zu den auf geokultureller Ebene wirksamen Verhandlungsmodellen.
Diese angewandten Politiken verweisen auf Fragen
von Gouvernementalität und Selbstregierung, die über die komplexen
Strukturen von Schwarzmärkten, informellen Stadtgebilden und die
sie begleitenden gesellschaftlichen Arrangements analysiert werden.
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