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Hans Vaihinger: Die Philosophie des Als Ob
System der theoretischen, praktischen und religiösen Fiktionen der Menschheit aufgrund eines idealistischen Positivismus
Gerald Hartung (Hrsg.), Hans Vaihinger
Meiner Hamburg
EAN: 9783787350155 (ISBN: 3-7873-5015-2)
368 Seiten, hardcover, 13 x 20cm, 2026, mit einer Einleitung herausgegeben von Gerald Hartung
EUR 74,00 alle Angaben ohne Gewähr
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Umschlagtext
Hans Vaihinger (1852–1933) war als Gründer der Kant-Gesellschaft und der »Kant-Studien«, als Kant-Kommentator und Philosophiehistoriker einer der bedeutendsten Philosophen des beginnenden 20. Jahrhunderts. In Abgrenzung zum Neukantianismus vertrat er einen ganz eigenen, idealistisch-positivistischen Ansatz. Sein Hauptwerk, die »Philosophie des Als Ob«, bildete seiner Aussage nach die Summe seines philosophischen Schaffens. In drei Teilen (1. Einführung in die Fiktionenlehre, 2. exemplarische Analysen aus Ökonomie, Staatswissenschaft, Psychologie, Philosophie, Physik und 3. Rückvergewisserung bei Kant) entwirft Vaihinger eine Art metaphysische Supertheorie von allem in Leben, Natur und Gesellschaft, Wissenschaft, Wirtschaft und Politik, die es mit diesem Anspruch nach ihm nicht mehr gegeben hat.
Rezension
Hans Vaihingers "Die Philosophie des Als Ob" (erstmals 1911 erschienen, nun in einer von Gerald Hartung herausgegebenen Neuauflage) zählt zu den originellsten und anregendsten Beiträgen zur Erkenntnistheorie der Moderne. Im Zentrum des Werkes steht die ebenso einfache wie folgenreiche These, dass zahlreiche wissenschaftliche, moralische und religiöse Vorstellungen nützliche Fiktionen sind: Annahmen, die wir bewusst so behandeln, als ob sie wahr wären, obwohl wir wissen, dass sie die Wirklichkeit nur unvollständig oder idealisierend abbilden.
Vaihinger zeigt, dass zentrale Begriffe wie „Kraft“, „Atom“ (in seiner damaligen wissenschaftlichen Bedeutung) oder auch normative Ideale häufig nicht als exakte Beschreibungen der Realität fungieren, sondern als heuristische Instrumente des Denkens. Sie strukturieren Erkenntnisprozesse, erleichtern Orientierung und ermöglichen wissenschaftlichen Fortschritt, auch wenn ihr ontologischer Status problematisch bleibt. Gerade darin liegt die Aktualität von Vaihingers Ansatz: Erkenntnis erscheint nicht als bloße Abbildung der Wirklichkeit, sondern als ein aktiver, konstruktiver und zweckgerichteter Prozess.
Die Darstellung ist stellenweise dicht und stilistisch geprägt vom philosophischen Diskurs des frühen 20. Jahrhunderts. Dennoch entfaltet sich ein Gedanke, der modern wirkt und spätere Entwicklungen im Pragmatismus und im Konstruktivismus vorwegnimmt. Vaihingers Philosophie sensibilisiert dafür, dass theoretische Modelle, Idealisierungen und methodische Vereinfachungen nicht bloß Notbehelfe, sondern produktive Voraussetzungen wissenschaftlichen Denkens sind.
Der von Gerald Hartung verantworteten Neuausgabe kommt dabei besonderes Gewicht zu. Hartung hat in den letzten Jahren maßgeblich dazu beigetragen, Vaihinger wieder stärker ins Blickfeld der Forschung zu rücken (obwohl dieser, so Hartung, nie ganz aus dem Blick der Forschung geriet). So erschien bereits im vergangenen Jahr im Felix Meiner Verlag ein einschlägiger Doppelband zu den "Forschungsgrundlagen" Vaihingers, herausgegeben von Gerald Hartung und Niels Bohr. Die vorliegende Edition als Neuabdruck der von Vaihinger besorgten "Volksausgabe" in der Philosophischen Bibliothek von 1924 fügt sich in diese editorische und systematische Wiedererschließung eines lange unterschätzten Denkers ein.
Fazit: Die "Philosophie des Als Ob" ist ein anspruchsvolles, aber lohnendes Werk, das dazu anregt, über die Rolle von Modellen, Idealen und heuristischen Fiktionen im menschlichen Denken neu nachzudenken.
S. Düfel, Lehrerbibliothek
Verlagsinfo
»Die Philosophie des Als Ob« erschien 1911; Vaihinger brachte 1924 bei Meiner eine gekürzte »Volksausgabe« heraus, die hier mit einer neuen Einleitung von Gerald Hartung wieder zugänglich gemacht wird.
Gerald Hartung ist Professor für Kulturphilosophie/Ästhetik an der Bergischen Universität Wuppertal.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung von Gerald Hartung
DIE PHILOSOPHIE DES ALS OB
Allgemeine Einleitung
Erster Teil. Prinzipielle Grundlegung
Allgemeine Vorbemerkung über die fiktiven Vorstellungsgebilde
A. Aufzählung und Einteilung der wissenschaftlichen Fiktionen
Kap. I Die künstliche Klassifikation
Kap. II Abstraktive (neglektive) Fiktionen
Kap. III Schematische, paradigmatische, utopische und typische Fiktionen
Kap. IV Symbolische (analogische) Fiktionen
Kap. V Juristische Fiktionen
Kap. VI Personifikative Fiktionen
Kap. VII Summatorische Fiktionen
Kap. VIII Heuristische Fiktionen
Kap. IX Praktische (ethische) Fiktionen
Kap. X Fiktive Grundbegriffe der Mathematik
Kap. XI Die Methode der abstrakten Verallgemeinerung
Kap. XII Die Methode der unberechtigten Übertragung
Kap. XIII Der Begriff des Unendlichen
Kap. XIV Die Materie und die sinnliche Vorstellungswelt
Kap. XV Das Atom als Fiktion
Kap. XVI Fiktionen der Mechanik und der mathematischen Physik
Kap. XVII Das Ding an sich
Kap. XVIII Das Absolute
B. Logische Theorie der wissenschaftlichen Fiktionen
Kap. XIX Einleitende Vorbemerkungen über die Stellung der Fiktionen und Semifiktionen im Ganzen des logischen Systems
Kap. XX Abgrenzung der wissenschaftlichen Fiktion von anderen Fiktionen, besonders von der ästhetischen
Kap. XXI Der Unterschied der Fiktion von der Hypothese
Kap. XXII Die sprachliche Form der Fiktion: Analyse des „als ob“
Kap. XXIII Sammlung anderer Ausdrücke für „Fiktion“
Kap. XXIV Die Hauptmerkmale der Fiktionen
Kap. XXV Versuch einer allgemeinen Theorie der fiktiven Vorstellungsgebilde
Kap. XXVI Die Methode der Korrektur willkürlich gemachter Differenzen resp. die Methode der entgegen-gesetzten Fehler
Kap. XXVII Das Gesetz der Ideenverschiebung
Kap. XXXIII Die Anwendung der Fiktion in der neueren Zeit
Kap. XXXIV Die Theorie der Fiktion in der Neuzeit
C. Erkenntnistheoretische Konsequenzen
Kap. XXXV Das erkenntnistheoretische Grundproblem
Kap. XXXVI Die Verfälschung der Wirklichkeit durch die logischen Funktionen
Kap. XXXVII Die Kategorien als Fiktionen
Kap. XXXVIII Die Kategorien als analogische Fiktionen
Kap. XXXIX Praktische Zweckmäßigkeit der kategorialen Fiktionen
Zweiter Teil. Spezielle Ausführungen
§ 1 Die künstliche Einteilung
§ 2 Weitere künstliche Teilungen
§ 3 Adam Smiths nationalökonomische Methode
§ 4 Benthams staatswissenschaftliche Methode
§ 5 Abstraktiv-fiktive Methoden in Physik und Psychologie
§ 6 Die fingierte Statue Condillacs
§ 7 Lotzes hypothetisches Tier
[…]
§ 10 Die Fiktion der Kraft
§ 11 Materie und Materialismus als Hilfsvorstellungsweisen
§ 12 Die abstrakten Begriffe als Fiktionen
§ 13 Die Allgemeinbegriffe als Fiktionen
§ 14 Summatorische Fiktionen, Nominalfiktionen, Substitutionen
§ 15 Naturkräfte und Naturgesetze als Fiktonen
[…]
§ 18 Die Atomistik als Fiktion
§ 19 Fiktionen der mathematischen Physik
§ 20 Die Fiktion des reinen, absoluten Raumes
§ 21 Fläche, Linie, Punkt usw. als Fiktion
§ 22 Die Fiktion des Unendlich-Kleinen
[…]
§ 26 Der Sinn der Als-ob-Betrachtung
§ 27 Das fiktive Urteil
§ 28 Die Fiktion im Gegensatz zur Hypothese
Dritter Teil. Historische Bestätigungen
A. Kants Gebrauch der Als-ob-Betrachtung
Grundlegendes in den Hauptschriften
Prinzipielle Ausführungen in den ethisch-religions-
philosophischen Grundwerken
Nachlese aus Kants nach gelassenen Papieren
B. Forberg, der Urheber des Fichteschen Atheismusstreites,
und seine Religion des Als-ob
C. Friedrich Albert Langes „Standpunkt des Ideals“
D. Nietzsche und seine Lehre vom bewußt gewollten
Schein („Der Wille zum Schein“)
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