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spüren
Die ästhetische Kraft der Sakramente
Hans-Joachim Höhn
Echter
EAN: 9783429023058 (ISBN: 3-429-02305-X)
144 Seiten, kartoniert, 12 x 21cm, 2002
EUR 12,80 alle Angaben ohne Gewähr
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Umschlagtext
„Die moderne Welt hat Gott verloren und sucht ihn“ (Alfred N. Whitehead). Doch auf diese grundlegende Erfahrung angemessen zu reagieren fällt der Theologie auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts schwer. Mit der Reihe GlaubensWorte nehmen Hans-Joachim Sander und Hans-Joachim Höhn diese Herausforderung an. In ihr stellen sie eine neue Sprachform für die Rede von Gott vor. Ihre Grundeinsicht lautet: Hinter den Substantiven, mit denen die Theologie traditionell von und über Gott redet, sind Verben zu entdecken, welche Gott als Ereignis einer bestimmten Praxis buchstabieren. Kurt Marti hat daraus einmal den Wunsch formuliert, „daß Gott ein Tätigkeitswort werde“.
In sechs Essaybänden spüren Sander und Höhn diesen Tätigkeitsworten nach. Dabei orientieren sie sich an den zentralen Themen der Systematischen Theologie, die sie in ihrer Bedeutung für unser Leben erkennbar werden lassen:
nicht verleugnen
Die befremdende Ohnmacht Jesu
zustimmen
Der zwiespältige Grund des Daseins
nicht ausweichen
Die prekäre Lage der Kirche
spüren
Die ästhetische Kraft der Sakramente
nicht verschweigen
Die unscheinbare Präsenz Gottes
versprechen
Das fragwürdige Ende der Zeit
Hans-Joachim Höhn, Dr. theol., geb. 1957; Professor für Systematische Theologie und Religionsphilosophie an der Philosophischen Fakultät der Universität zu Köln.
Rezension
"Die späte Moderne hat nicht das Hören, sondern das Sehen zum Leitsinn von Mensch und Kultur erhoben." Diese Erkenntnis ist sicher richtig und bildet den Einstieg in Höhns Buch (Kapitel 1), das den Sakramenten gewidmet ist. Ebenso richtig ist es, dass es eine nicht einfach zu bestimmende Verwandtschaft zwischen ästhetischem Erleben und religiösen Erfahrungen gibt, die im zweiten Kapitel untersucht wird.
In beiden Bereichen (Ästhetik wie Religion) werden die faktischen Gegebenheiten transzendiert, wird das befristete Leben auf etwas Größeres hin überstiegen. Sie erzeugen Vergleiche zwischen dem, was ist, und dem was sein könnte oder sein sollte. Dementsprechend handelt der Glaube "von der Konstitution und von den Situationen des menschlichen Daseins im Modus des 'Übergangs'." (42) und bedient sich dazu der Zeichen und Symbole.
Im dritten Kapitel untersucht Höhn diese Metaphorologie des Glaubens und versucht darzulegen, in welcher Weise Sakramente Wirklichkeit übersteigend und dabei wirklichkeitsoffenbarend sind: "Es geht ihnen darum, die nicht-gegenständliche Sinndimension alles Gegenständlichen und Wirklichen zu offenbaren." (49), wobei sie ihre Kraft im Unterschied zu anderen 'Metaphern' aus dem Rückbezug auf die durch Jesus offenbarten Möglichkeiten des Menschseins beziehen: "Der 'Text' der Sakramente ist das im Evangelium bezeugte Menschenverhältnis Gottes." (50) Deshalb ist ihre Ästhetik nicht nur eine Angelegenheit der Bilder und der Sprache, sondern auch eine des Handelns: "Sie begreifen das Evangelium als 'Partitur', die gespielt und inszeniert werden will." (52)
Die weiteren Kapitel interpretieren die einzelnen Sakramente auf der Basis der vorausgehenden Überlegungen als Lebenszeichen, die a) in der menschlichen Erfahrungen verwurzelt sind (z.B. Taufe: Zur Welt kommen), denen b) ein Basissymbol zugeordnet ist (z.B. Taufe: Wasser) und die c) Aussagen über das Verhältnis von Glaube und Welt treffen (z.B. Taufe: trinitarische Taufformel als Ausdruck des Gemeinschaftswillens Gottes, der auch den Menschen umfasst).
Diese Interpretationen sind schlüssig und erhellend innerhalb eines Denkens, dass eine kirchliche Sozialisation erfahren und in theologischen Kategorien geschult ist. Es gelingt ihnen meiner Meinung nach jedoch nicht, die Brücke zu den in den ersten Kapiteln geschilderten und analysierten modernen Ausdrucks-, Bild- und Lebenswelten zu schlagen. So wird etwa die Problematik der Firmung heute genau bestimmt: "Es ist jedoch evident, daß unter den soziokulturellen Bedingungen der Gegenwart Theorie und Praxis der Firmung als Ritus der Initiation in die Kirche mit dem Selbstverständnis der meisten 'Firmlinge' nicht mehr zur Deckung zu bringen sind" (68). Dann aber müsste es viel stärker darum gehen, wie Firmung eben unter diesen soziokulturellen Bedingungen zu denken und zu konzipieren ist, wenn die ästhetische Kraft dieses Sakraments tatsächlich zu belegen ist.
Ähnlich unverbunden mit den gegenwärtigen Gegebenheiten und vor allem auch mit dem 'Leitsinn Sehen' bleiben die Überlegungen zur Ehe. Ich hätte mir vorstellen können, dass gerade hier die ausufernden Bildwelten, die Erotisierung und Sexualisierung der Öffentlichkeit, die Dauerthemen Mann - Frau - Partnerschaft, die Sexualität als eine der intensivsten Möglichkeiten, Lebenssinn zu generieren, in den Blick gekommen wären. Stattdessen geht es etwas dröge über das Eheversprechen. Hätte es bei Beibehaltung des oben skizzierten Dreischritts nicht gehen müssen über a) Sexualität, b) das Basissymbol Vereinigung / Einswerden c) die Sinnlichkeit Gottes, der Mensch war / die Polarität Mann / Frau als zwei Seiten des einen Gottes?
Kein Zweifel, dass die Sakramente heute ein höchst schwieriges Thema sind. Weniger, was ihre theologische Durchdringung betrifft, um so mehr jedoch, was ihre Konkretisierung und Rückbindung an die tatsächlichen Lebenswelten angeht. Alle Sakramente sind auf breiter Front in der Krise geraten und nicht etwa nur das Bußsakrament. Das Buch lässt von dieser Krise wenig spüren.
Auf mich wirkt der Untertitel 'Die ästhetische Kraft der Sakramente' nach Lektüre des Bandes von daher eher wie ein Postulat oder ein Form von Wunschdenken, denn als genauere Bestimmung dessen, worüber im Text tatsächlich gehandelt wird.
Matthias Wörther
Inhaltsverzeichnis
Vorwort ... 13
1. AnÄsthesie: Kulturkritische Schlaglichter ... 17
1.1. Zeit der Zeichen: Realität - Simulation - Virtualität ... 18
1.2. Zeichen der Zeit: Bildwelten - Sehsüchte - Weltbilder ... 22
2. SinnSuche: Ästhetisches Erleben und religiöse Erfahrung ...29
2.1. Einstellungssachen: Religion und Ästhetik ... 30
2.2. Wahrnehmungsformen: Erfahren und vermissen ... 35
3. SinnesWahrnehmungen: Metapher - Symbol - Sakrament ... 43
3.1. Übersetzungen: Vom Zeichen zum Symbol ... 44
3.2. Verdichtungen: Vom Symbol zum Sakrament ... 48
4. LebensZeichen: Taufe ... 54
4.1. Zur Welt kommen: Aufhören und anfangen ... 54
4.2. Basissymbol 'Wasser': Eintauchen und auftauchen ... 57
4.3. Glaubenssymbol 'Trinität': In Gottes Gemeinschaft - ein eigener Mensch ... 61
5. GeistesGaben: Firmung ... 66
5.1. In der Welt sein: Erproben und entscheiden ... 67
5.2. Basissymbol 'Hand': Berühren und bestärken ... 70
5.3. Glaubenssymbol 'Geist': Ernst des Lebens - Spiel der Freiheit ... 72
6. Verwandelnde Gegenwart: Eucharistie ... 77
6.1. Zustimmung zur Welt: Feste und Feiern ... 78
6.2. Basissymbol 'Essen und trinken': Verkosten und vernichten ... 80
6.3. Glaubenssymbol 'Mahlgemeinschaft': Präsenz durch Verwandlung - Verwandlung durch Präsenz ... 83
7. Auf Bewährung: Krankensalbung ... 94
7.1. Weltnähe und Weltverlust: Hoffen und bangen ... 94
7.2. Basissymbol 'Salbung': Verwundbarkeit und Zärtlichkeit ... 96
7.3. Glaubenssymbol 'Erbarmen': Wider das Elend der Trostlosigkeit ... 99
8. Täter und Opfer: Buße ... 103
8.1. Die Welt verübeln: Beschuldigen und verschleiern ... 103
8.2. Basissymbol 'Reue': Dasein im Zwiespalt
8.3. Glaubenssymbol 'Lossprechung': Befreite Freiheit ... 109
9. NachSinnen: Worte und Gesten ... 114
9.1. Anruf und Zuspruch: Sakramente des Wortes ... 115
9.1.1. Wort geben - Wort halten: Ehe ... 116
9.1.2. WortGottesDienst: Priesterweihe ... 122
9.2. Evangelium und Sakrament: Dogmatik, Ethik und Ästhetik ... 126
Anmerkungen ... 132
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