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nicht ausweichen
Die prekäre Lage der Kirche
Hans-Joachim Sander
Echter
EAN: 9783429023065 (ISBN: 3-429-02306-8)
142 Seiten, kartoniert, 12 x 21cm, 2002
EUR 12,80 alle Angaben ohne Gewähr
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Umschlagtext
„Die moderne Welt hat Gott verloren und sucht ihn“ (Alfred N. Whitehead). Doch auf diese grundlegende Erfahrung angemessen zu reagieren fällt der Theologie auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts schwer. Mit der Reihe GlaubensWorte nehmen Hans-Joachim Sander und Hans-Joachim Höhn diese Herausforderung an. In ihr stellen sie eine neue Sprachform für die Rede von Gott vor. Ihre Grundeinsicht lautet: Hinter den Substantiven, mit denen die Theologie traditionell von und über Gott redet, sind Verben zu entdecken, welche Gott als Ereignis einer bestimmten Praxis buchstabieren. Kurt Marti hat daraus einmal den Wunsch formuliert, „daß Gott ein Tätigkeitswort werde“.
In sechs Essaybänden spüren Sander und Höhn diesen Tätigkeitsworten nach. Dabei orientieren sie sich an den zentralen Themen der Systematischen Theologie, die sie in ihrer Bedeutung für unser Leben erkennbar werden lassen:
nicht verleugnen
Die befremdende Ohnmacht Jesu
zustimmen
Der zwiespältige Grund des Daseins
nicht ausweichen
Die prekäre Lage der Kirche
spüren
Die ästhetische Kraft der Sakramente
nicht verschweigen
Die unscheinbare Präsenz Gottes
versprechen
Das fragwürdige Ende der Zeit
Hans-Joachim Sander, Dr. theol., geb. 1959; Professor für Dogmatik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Salzburg.
Rezension
Keine leichte Kost, dafür aber um so lohnender, wenn man sich der Lage der Kirche (vor allem in Deutschland) stellen will. Am biblischen Paradigma (Exodus, Exil, Botschaft von der Gottesherrschaft) diskutiert Sander das Gegeneinander und Miteinander von Religionsgemeinschaft und Pastoralgemeinschaft, von Institution Kirche und Kirche als Leib Christi, von Macht und Ohnmacht. Gerade die Behandlung des Themas Macht verleiht dem Buch seine analytische Kraft, denn Sander entwickelt einen realistischen Begriff von Macht, der deren Allgegenwart auch im vermeintlich machtfreien (oder als machtfrei behaupteten) pastoralen Raum festhält: "Ohne Vergemeinschaftung im Zeichen der Macht geht es in dieser unerlösten Welt der Menschen nicht; es wäre eine haltlose Utopie, mit einer Botschaft ohne Macht in der Geschichte bestehen zu wollen." (25) Auf der anderen Seite vertritt Kirche eine Botschaft, die jeden Machtanspruch konterkariert.
Aus dieser Not will Sander eine Tugend machen und sieht im II. Vaticanum die Grundlagen dafür gelegt: "Die Pastoralgemeinschaft Kirche sucht nicht die Ohnmacht, sondern gerade jene Macht, die Menschen aus der Gewalt von Ohnmachtserfahrungen herausführen kann." (27) Die Ansätze dafür finden sich in 'Lumen gentium', 'Gaudium et spes' und 'Dignitatis humanae'.
'Lumen gentium' nimmt Abschied vom Begriff der Kirche als 'societas perfecta': "Kirche dient nicht sich sich selbst, sondern jemandem und etwas, was sie gar nicht selbst ist: nämlich Gott und allen Menschen." (101).
'Gaudium et spes' überschreitet die Religionsgemeinschaft Kirche, indem sie deren Solidarität nicht nur mit ihren Mitgliedern, sondern mit allen Menschen erklärt: "Die Pastoralgemeinschaft Kirche achtet ebenso auf Macht; aber sie dient eben nicht dem eigenen Einfluß, sondern der Repräsentanz jener Menschen, die in der staatlichen Struktur und dem gesellschaftlichen Getriebe verstummen und nicht beachtet werden." (107)
'Dignitatis humanae' trifft eine Option für Person des Menschen und übernimmt eine zentrale Kategorie der Aufklärung, das 'Subjekt', als entscheidend für die eigene Positionsbestimmung: "Im Zentrum ihrer Präsenz unter den Menschen stehen damit nicht sie selbst und ihre eigenen Rechte, sondern die Menschen und deren eigene Rechte, und zwar ausnahmslos alle Menschen." (110)
Aus Sanders Überlegungen ergibt sich ein 'demütiger' Begriff von Evangelisierung: "Christianisierung taugt einfach nicht zur Darstellung eines Gottes, der sich nicht in einem Sieger der Geschichte, sondern als Gekreuzigter inkarniert hat. Mit Macht ist der Glaube an diesen Gott nicht durchzusetzen; seine Bedeutung läßt sich erst in der eigenen Ohnmacht erfahren." (129)
Die Konsequenzen für Pastoral, Bildungsarbeit, Religionsunterricht, gesellschaftliche Präsenz der Kirche usw. sind zunächst hart, aber eröffnen dann den Blick auf das Eigentliche: Die Macht der Kirche liegt in ihrer Botschaft von der Ohnmacht Jesu. Und diese entfaltet ihre Kraft nur durch die Zustimmung der Subjekte und nicht durch die Autorität von Institutionen. Folgt man Sander, dann heißt es Abschied nehmen und sich auf den Weg in die Wüste machen.
Matthias Wörther
Inhaltsverzeichnis
Von der Religionsgemeinschaft zur Pastoralgemeinschaft - die prekäre Erfahrung der heutigen Kirche
1. Der Weg Kirche - die Differenzen mit der fremden und der eigenen Religion ... 28
1.1. Die ermächtigende Herkunft - Jesus und seine Reich-Gottes-Stiftung ... 31
1.1.1. Der Exodus von Ägypten und das Goldene Kalb vom Sinai - Oszillationen der Gottesbefreiung ... 33
1.1.2. Das Exil der Selbstherrlichen und das versteinerte Herz der Hoffnungslosen - Bewährungsstrafen Gottes ... 52
1.1.3. Wohl und Wehe der Gottesherrschaft - von der ohnmächtigen Klugheit und machtvollen Dummheit religiöser Erwartung ... 59
1.1.4. Zwischen Himmel und Hölle - der prekäre Ort des Kirchenfelsens ... 64
1.2 Die entmächtigende Realisierung - Paulus und seine Glaubensmission ... 71
2. Das Problem Kirche - die Not mit der eigenen Religion
2.1. Konfession und Inquisition - die sich selbst verletzende Religionsgemeinschaft Kirche ... 80
2.2. Écrasez l'infame - Kirchenreligion kontra Aufklärungsglaube ... 90
3. Das Thema Kirche - die pastorale Entdeckung des II. Vaticanum
3.1. Ecclesia ad intra - das Werkzeug für Gott und die Menschen ... 100
3.2. Ecclesia ad extra - das Sakrament der Menschwerdung der Menschen ... 106
4. Die Tätigkeit Kirche - Spuren von Gottes Macht aus der Ohnmacht
4.1. Die Wahrnehmung der Zeichen der Zeit - Aktionsradien einer Pastoralgemeinschaft ... 119
4.2. Die Not eines Dienstes an der Ohnmacht - der machtvolle Segen der Pastoral- gemeinschaft ... 127
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