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Auf dem Weg zum Tier Tiere und Tierbilder von der frühen Neuzeit zur ökologischen Krise
Auf dem Weg zum Tier
Tiere und Tierbilder von der frühen Neuzeit zur ökologischen Krise




Bernd Hüppauf

Transcript
EAN: 9783837642759 (ISBN: 3-8376-4275-5)
352 Seiten, paperback, 15 x 23cm, Februar, 2026

EUR 27,00
alle Angaben ohne Gewähr

Umschlagtext
Nachdem das wissenschaftliche Zeitalter im 17. Jahrhundert zu einem Bruch mit der etwa 30.000-jährigen Geschichte der Repräsentation des Tiers geführt hatte, erlebt das Tierbild gegenwärtig erneut einen radikalen Umbruch.

Einerseits werden erstaunliche Fähigkeiten entdeckt: denkende Raben und spielende Kraken. Ein zentraler Begriff hierbei ist Agency: Kann das Tier Subjekt sein und aktiv in die menschliche Gesellschaft eingreifen? Mit dem neuen Bild wächst das Bedürfnis nach emotionaler Nähe. Andererseits setzt sich der Anspruch der absoluten Macht des Menschen über das Leben der Tiere fort: Tiere werden geklont und die synthetische Biologie arbeitet am Tier aus der Retorte.

Bernd Hüppauf geht diesem Schisma zwischen dem Eingriff in die Evolution und einer Einstellung zum Tier, die Subjektivität postuliert und Tierrechte fordert, nach und beleuchtet die heterogenen Tierbilder von der frühen Neuzeit bis in die Gegenwart der ökologischen Krise.

Bernd Hüppauf (Prof. Dr.) ist Emeritus für Deutsche Literatur und Literaturtheorie der New York University. Er hat an Universitäten in Deutschland, Australien und den USA gelehrt. Sein Forschungsschwerpunkt ist die Mentalitäts- und Kulturgeschichte der Moderne. Er lebt seit seiner Emeritierung in Berlin.
Rezension
Dieses Buch aus der Reihe "Human-Animal Studies" geht in kulturgeschichtlicher Perspektive dem Wandel des Tierbilds des Menschen von der frühen Neeuzeit bis in die Gegenwart nach und stellt auch heute erneut einen Wandel im Tierbild des Menschen fest, das durch folgende Ambivalenz gekennzeichnet ist: Einerseits wächst das Verständnis für Tiere verbunden mit der Suche nach emotionaler Nähe zu ihnen, andererseits übt der Mensch weiterhin eine totale Dominanz über das Tier aus bis hin zu der neuen Fähigkeit ddes Menschen, Tiere in der Retorte zu produzieren. Die Zeit des Tiers ist gekommen, formuliert der Verfasser denn auch in der Einleitung. Der Satz gilt in seiner doppelten Bedeutung. Noch nie hat das Tier so viel Aufmerksamkeit im öffentlichen Diskurs geweckt wie in den letzten Jahrzehnten, und gleichzeitig könnte die Zeit des Tiers abgelaufen sein. Es ist eine Paradoxie der Gegenwart, dass sie das Tier prominent macht und zugleich an das Ende des langen Wegs zum Tier zu führen droht.

Oliver Neumann, lehrerbibliothek.de
Verlagsinfo
Schlagworte:
Human-animal Studies, Tiergeschichte, Kulturgeschichte, Ökologie
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung 9

1. Die Zeit des Tiers ist gekommen 9
2. Wie kommt das Tier in die Welt der Menschen? 17
3. Von der Bildgeschichte in die Tiergeschichte 27
4. Wie ist das Tier in die menschlichen Gesellschaften gekommen? – Geschichtlich und
anthropologisch 31
5. Sprung in die Neuzeit: gegen das Tier der Magie und Wunder 46
6. Die Solidarität der Tiere 51
7. »Auf dem Weg«: Fragen des Buchs 54

II. Das Tier der Neuzeit: Rationalisierung und ihre Gegner 57

1. Momentaufnahme: Descartes und Schopenhauer 57
2. Kein Paradigmawechsel, sondern ein Schisma 58
3. Rationalismus im Rahmen des newtonischen Weltbilds 61
4. Ohne Zeit 63
5. Gesellschaftliche Modernisierung 65
6. Gegen Mythos und Theologie 74
7. Klimax 1: Das Tier der Wissenschaft 80
8. Im wissenschaftlichen Tierbild verschwindet das Tier 86
9. Eigenschaften 87
10. Labor und Desensibilisierung 93
11. Ambivalenz des Tiers: der Frosch als Objekt und heimlicher Zauber. Dialektik der Beziehungen 95
12. Klimax 2: Weltraumflüge. Das Tierbild in Kultur und Gesellschaft 97
13. Opposition zur Aufklärung 117
14. Sentimentality 119
15. Das Tier des Fortschritts 123
16. Politische Perioden 126
17. Gegen das rationalisierte Tierbild 131
18. Beobachtung im Rahmen von Gesellschaftstheorie 133
19. Tierseelenkunde 136
20. Völkerschauen 140
21. Das Tier der Kolonisatoren 143
22. Das erlebte Tier gegen das wirkliche Tier 147
23. Epochen 148
24. Reise als Herrschaft: Erzwungene Reisen. Reisen zum Tier – Reisen der Tiere 149
25. Orte 152

III. Reflexive Moderne 161

1. Krise um 1900 161
2. Das Ende des Fortschrittsglaubens – Phänomenologie 163
3. Eine Multi-spezies-Welt wird zum Ideal – nicht Mensch-Tier, sondern Leben und Welt 167
4. Iconic turn als Tor in die Gesellschaft für das Tier 175
5. Festigung der Wissenschaft – Behaviorismus 177
6. Alternativen zum Behaviorismus 179
7. Das Tier einer Familiengeschichte 181
8. Immanente Widersprüche 184
9. Krise der Wissenschaft und die verstehende Verhaltensforschung 185
10. Die verstehende Verhaltensforschung entsteht. Gestalttheorie und Verhalten 187
11. Lebensphilosophie und Primitivismus 191
12. Subjektivität und Umwelt 197
13. Erlebnis gegen biologische Verhaltensforschung 200
14. Sprache, Denken und die Wirklichkeit 202
15. Skeptiker erhalten eine komplexe Idee der Mensch-Tier-Kommunikation, die beim Tierbild der Romantik anknüpft 203
16. Tiersprache nach 1900 205
17. Die Sprachfrage in der phänomenologischen Verhaltensforschung 207
18. Das sprechende Tier in der Literatur der skeptischen Moderne 209
19. Verhalten und Handeln in den Übergängen von der Wildnis in die Zivilisation und der Zivilisation ins Wilde 211
20. Das Gewimmel wird entdeckt – Das hässliche und sprachlose Tier 213
21. Anfänge 218
22. Nachhall 220

IV. Das Tier der Postmoderne zwischen Wissenschaft und Verstehen 223

1. Postmoderne mehr als eine Epoche 223
2. Immanente Widersprüche. Wissenschaft als Zukunftsplanung – Wissenschaft als Vorbereitung der Katastrophe 225
3. Aufklärung als Gegenpol der Postmoderne – Postmoderne als Opposition zur Vernunft 227
4. Triumphe der Wissenschaft und Zerfall ihrer Autorität – Wissenschaft als Zwang 229
5. Neu in der Moderne: Kants Ethik stellt Forderungen 231
6. Der Posthumanismus ist keine moderne Variante der Mensch-Tier-Beziehung der Empfindsamkeit 233
7. Das posthumane Subjekt ist indeterminiert. Identität auf das Tier zu projizieren ist eine Regression 235
8. Das Tier der Naturwissenschaften 236
9. Das Tier der Labore 240
10. Künstliche Intelligenz 244
11. Gleichzeitigkeit von Tierdiskurs und Realität 247
12. Die Zeit der Dematerialisierung geht zu Ende 248
13. Herrschaft durch Wissenschaft in der Moderne setzt sich fort: Konstruktion gegen Beobachtung 252
14. Widersprüchlichkeit und Gemeinsamkeiten 253
15. Lesbarkeit oder Erklärung sind komplementär 254
16. Post-Begriffe und das Tier 255
17. Ausschluss durch fortgesetzten Anthropozentrismus 257
18. Dawkins Tierbild kommt nicht aus Beobachtung, sondern aus Theorie 259
19. Wissenschaft der Postmoderne 260
20. Bewahren oder konstruieren 263
21. Das Tier der Labore 265
22. Theorie und angewandte Forschung 269
23. Das Tier der synthetischen Biologie 273
24. Künstliche Intelligenz 274
25. Das Tier und die Tiere 277
26. Ratgeberliteratur 278
27. Grundthemen der postmodernen Tiertheorie: Kommunikation 282
28. Das Tier der Kulturkämpfer 284
29. Agency 287
30. Keine Beobachtung, sondern tierfreundliche Einstellung 293

V. Nach der Postmoderne 297

1. Nach der Postmoderne 297
2. Unbehagen 300
3. Groß und klein 303
4. Das Versagen der Politik 306
5. Bewahren oder eingreifen 308
6. Die Postmoderne gerät unter Druck 310
7. Mensch durch Wahn gelenkt? 311
8. Der Tod der Natur: Carson 312
9. Kann eine gemeinsame Welt wiedergewonnen werden? 317
10. Die Veränderung der mentalen Einstellung ist nötig 317

VI. Nachwort: Sorge 319

1. Nicht agency, nicht tier-werden, sondern Sorge 319
2. Trennung von Mensch und Tier: der Mensch denkt für das Tier 320
3. Übertragung auf Tiere – haben Tiere ein Anrecht auf Sorge – Sorge um die Zukunft des Tiers ist identisch mit der Sorge um den Menschen 321
4. Was heißt Sorge des Menschen für das Tier? 325

Literatur 329
Abbildungsverzeichnis 345
Namensregister 347
Tierregister 351