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Perspektiven des Lebens Jesu Plädoyer für die Anknüpfung an eine schwierige Forschungstradition Beiträge zur Wissenschaft vom Alten und Neuen Testament
Perspektiven des Lebens Jesu
Plädoyer für die Anknüpfung an eine schwierige Forschungstradition


Beiträge zur Wissenschaft vom Alten und Neuen Testament

Silke Petersen (Hrsg.), Eckhard Rau

Kohlhammer
EAN: 9783170229549 (ISBN: 3-17-022954-0)
336 Seiten, paperback, 16 x 24cm, 2013

EUR 39,90
alle Angaben ohne Gewähr

Umschlagtext
Die neuere Jesusforschung hält es generell für nicht möglich, ein "Leben Jesu" im Sinne einer Biographie zu schreiben oder auch nur unterschiedliche Phasen im Leben Jesu zu konstatieren. Damit werden jedoch Unterschiede im Auftreten Jesu in Galiläa und in Jerusalem ausgeblendet sowie Indizien für Differenzen innerhalb der Jesusüberlieferung vernachlässigt. Aus einer Relecture der Leben-Jesu-Forschung des 19. Jahrhunderts gewinnt Eckhard Rau produktive Ansätze zur Wiederaufnahme dieser Fragen. In einem differenzierten forschungsgeschichtlichen Einblick entwickelt er ein überzeugendes Plädoyer für die Anknüpfung an eine schwierige Forschungstradition. Raus eigene Lösung im Anschluss an diese Autoren ist Fragment geblieben. Silke Petersen situiert seine Hypothese in der Forschung; Ulrich Luz eröffnet den Band mit einem Geleitwort.

Prof. Dr. Eckhard Rau (1938-2011) war Professor für Neues Testament an der Universität Hamburg. Prof. Dr. Silke Petersen lehrt Neues Testament an der Universität Hamburg.
Rezension
Der 2011 verstorbene Hamburger Neutestamentler Eckhard Rau hat die Rückfrage nach dem Historischen Jesus unter Aufarbeitung der seit Albert Schweitzers "Geschichte der Leben-Jesu-Forschung" (1899) die als gescheitert geltende Leben-Jesu-Forschung des 19. Jahrhunderts konstruktiv und produktiv wieder aufnehmen wollen (vgl. S.107ff), - durch seinen Tod ist sein Ansatz allerdings Fragment geblieben und über seine Lösung kann es nur Mutmaßungen geben, die hier von seiner Hamburger Schülerin und Nachfolgerin Silke Petersen angestellt werden (vgl. S. 267ff). Jedenfalls aber findet sich in diesem posthum erschienenen Band eine kritische Auseinandersetzung mit den großen Werken der Leben-Jesu-Forschung des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, um die Frage des Weges Jesu nach Jerusalem zu erhellen. Warum ist Jesus gestorben? Um die historische (nicht die theologische) Frage nach dem Tod Jesu war es seit dem ersten Weltkrieg recht still geworden. Vor allem eine Frage blieb marginal und wurde von der Forschung nur sehr zögerlich gestellt: Was hat Jesus selbst zu seinem Tod beigetragen? Wollte er seinen Tod? Oder hat er ihn nur als Möglichkeit in Kauf genommen? Er hätte seine Verhaftung leicht vermeiden können, aber er tat es nicht. Eckard Rau sagt: Jesus nutzt das Passahfest, „dessen Riten er sich nicht unterwirft, als Forum für ein ganz und gar festfremdes, äußerst anstößiges Anliegen“ (40) Hat er – so fragt er provokativ – „menschlich gesehen, mit Hilfe Dritter seinen Suizid“ betrieben? (80). Rau möchte die Leben-Jesu-Forschung des 19. Jhdts. produktiv nutzen, er begreift Jesus als apokalyptischen Gerichtsprediger, der scharf innerjüdisch-polemisch agiert und antipharisäische Kritik äußerst (die also nicht nachösterlich ist, wie heute weithin behauptet, um Jesus von jedwedem "Antijudaismus" zu befreien). - Ein anregendes, in vielerlei Hinsicht gegen den Strich bürstendes Buch über den Historischen Jesus!

Thomas Bernhard, lehrerbibliothek.de
Verlagsinfo
Die "Beiträge zur Wissenschaft vom Alten und Neuen Testament" (BWANT) umfassen alt- und neutestamentliche Untersuchungen, aber auch Arbeiten zur frühjüdischen und frühchristlichen Literatur sowie zu religions- oder sozialgeschichtlichen Problemen der Bibel und ihrer Umwelt.
Die Reihe wurde 1908 mit zunächst alttestamentlichem Schwerpunkt von Rudolf Kittel gegründet ("Beiträge zur Wissenschaft vom Alten Testament") und von Albrecht Alt, Gerhard Kittel, Leonhard Rost, Karl Heinrich Rengstorf, Siegfried Herrmann, Horst Balz und Walter Dietrich fortgeführt. Seit der dritten Folge (Band 37, 1926) wurde das Neue Testament mit einbezogen. Mit der zehnten Folge (Band 181) hat sich der Herausgeberkreis erweitert. In seiner neuen Zusammensetzung bildet sich die ökumenische Öffnung ab, die die Reihe im Autoren- und Themenkreis längst erfahren hat.
Die über 200 Bände der Reihe umfassen Dissertationen und Habilitationsschriften, aber auch Arbeiten arrivierter Forschender sowie Sammelbände zu unterschiedlichsten Spezialthemen wie übergreifenden Fragestellungen. Probleme der Septuaginta, Beziehungen zwischen Frühjudentum und Urchristentum, hermeneutische und textlinguistische Fragestellungen setzen neue Akzente. Die Reihe richtet sich an Fachgelehrte und Fachbibliotheken, aber auch an Studierende sowie an theologisch, literarisch und historisch Interessierte.
Inhaltsverzeichnis
Ulrike Wagner-Rau: Danksagung 9
Ulrich Luz: Geleitwort 11

ECKHARD RAU
PERSPEKTIVEN DES LEBENS JESU.
PLÄDOYER ZUR ANKNÜPFUNG AN EINE SCHWIERIGE FORSCHUNGSTRADITION

Vorwort 19
Einleitung 21

Erster Teil
Zur gegenwärtigen Forschung


1.1 Die Ausblendung des Lebens Jesu 29

1.1.1 Der Konsens der „Neuen Frage“: Günther Bornkamm 29
1.1.2 Funktionale Gegnerschaft und Gegnerschaft der Tat: John Dominic Crossan 32
1.1.3 Gesetzeskontroversen im Rahmen des Üblichen und ein aggressiver Passahpilger: E. P. Sanders 33
1.1.4 Die Kunst, sich alle frühjüdischen Gruppen zu Gegnern zu machen: Jürgen Becker 35
1.1.5 Die tiefe Verunsicherung der Jünger: Gerd Theißen und Annette Merz 38
1.1.6 Galiläa und Jerusalem: Kontinuität und Diskontinuität im Auftreten Jesu 41

1.2 Neuere Ansätze und ihre Blockaden 42

1.2.1 Der Schüler des Täufers und seine Vision vom Satanssturz: Jürgen Becker, Ulrich B. Müller, Paul W. Hollenbach 42
1.2.2 Offene Verkündigung und Ablehnung der Botschaft: Athanasius Polag 45
1.2.3 Galiläischer Frühling und galiläische Krise: Franz Mußner 49
1.2.4 Die Werbung um Gerechte und die Verurteilung von Pharisäern: Eckhard Rau 51
1.2.5 Todesgewissheit und Todesverständnis: Erich Gräßer, Heinz Schürmann, Anton Vögtle, Peter Wolf 56
1.2.6 Die Gottesherrschaft im Fragment und der Rückfall zur Apokalyptik des Täufers: Martin Ebner 63

1.3 Das Leben Jesu meldet sich zurück 71

1.3.1 Jesus zieht nach Jerusalem, um dort zu sterben: Ulrich Luz 71
1.3.2 Jesus führt in Jerusalem seinen Tod herbei: Ulrich Wilckens 74

1.4 Zur Logienquelle 80

1.4.1 Q-Forschung und Jesusforschung: Von der Notwendigkeit eines Dialogs 80
1.4.2 Der Gerichtshorizont der Logienquelle: Dieter Lührmann und Paul Hoffmann 82
1.4.3 Der historische Jesus in den Fesseln der Q-Redaktion: John S. Kloppenborg und die Folgen 84
1.4.4 Das Reich Gottes, der harte und der weiche Jesus: Helmut Köster, Daniel Kosch und Dieter Zeller 88
1.4.5 Zur Gerichtsverkündigung Jesu: Eine tiefgreifende Neuorientierung 91
1.4.6 Weitgehend erfolglos in Galiläa, bricht Jesus auf nach Jerusalem: Marius Reiser 94
1.4.7 Abgelehnt in Galiläa, geht Jesus in Jerusalem gegen den Tempel vor: Christian Riniker 97
1.4.8 Q-Forschung und Jesusforschung im Dialog: Eine erste Bilanz 101

1.5 Resümee 104

Zweiter Teil
Ein Blick zurück


2.1 Theodor Keim – das Programm 107

2.1.1 Vorbemerkung 107
2.1.2 Die menschliche Entwicklung Jesu Christi 107
2.1.3 Die geschichtliche Würde Jesu 113
2.1.4 Friedrich Schleiermacher 114
2.1.5 Karl August von Hase 116
2.1.6 Resonanz 118
2.1.7 Keim im Dialog mit dem Markuslöwen 120
2.1.8 Würdigung 125

2.2 Heinrich Julius Holtzmann 128

2.2.1 Vorbemerkung 128
2.2.2 Die Zweiquellentheorie 129
2.2.3 Die Quelle A 131
2.2.4 Die Logienquelle 135
2.2.5 Die Koinzidenz der Quellen 138
2.2.6 Lebensbild Jesu nach der Quelle A 139
2.2.7 Das messianische Auftreten Jesu 142
2.2.8 Die Verkündigung Jesu 146
2.2.9 Würdigung 150

2.3 Theodor Keims Geschichte Jesu von Nazara 154

2.3.1 Aufbau und Eigenart 154
2.3.2 Die Quellen 157
2.3.3 Der Rüsttag 162
2.3.4 Der galiläische Frühling und die Erfolge des Anfangs 165
2.3.5 Die galiläischen Stürme und die Leidensproklamation bei Cäsarea Philippi 169
2.3.6 Der jerusalemische Messiaszug und Jesus der Zelot 174
2.3.7 Der jerusalemische Messiastod und die Auferstehung 179
2.3.8 Würdigung 182

2.4 Albert Schweitzer 186

2.4.1 Vorbemerkung 186
2.4.2 Der Schlüssel der Evangelienfrage und des Lebens Jesu 188
2.4.3 Das Abendmahlsproblem 190
2.4.4 Das Messianitäts- und Leidensgeheimnis 193
2.4.4.1 Die modern-historische und die eschatologisch-historische Konstruktion 194
2.4.4.2 Die Beurteilung der Quellen 196
2.4.4.3 Abriss des Lebens Jesu 199
2.4.5 Von Reimarus zu Wrede 204
2.4.5.1 Das Dogmatische im Leben Jesu 207
2.4.5.2 Das Weltrad, die Markushypothese und die historische Intuition und Phantasie 210
2.4.6 Matthäus – eine bis ins Detail authentische Chronik? 215
2.4.7 Resonanz 219
2.4.8 Der Lehrer Schweitzers, das Weltrad und der psychiatrische Jesus 225
2.4.9 Würdigung 230

2.5 Resümee 234

Dritter Teil
Von Galiläa nach Jerusalem
Jesu Weg in den Tod


Einleitung 239

3.1 Die Ablehnung Jesu durch „dieses Geschlecht“ 241

3.1.1 Die Verweigerung der Umkehr durch Chorazin, Bethsaida und Kapernaum 241
3.1.2 Die Verweigerung der Umkehr durch „dieses Geschlecht“ 245
3.1.3 Die Söhne des Reiches Gottes – fort vom Mahl mit den Vätern und ab in die Scheol! 247
3.1.4 Die eingeladenen Gäste – keiner wird am Mahl teilnehmen! 250
3.1.5 Zwei Ergänzungen: Die Witwe von Sarepta, und „Wenn ihr nicht umkehrt …“ 255
3.1.6 Die Ablehnung in Galiläa als historisches Ereignis 258

3.2 Jesus und die Tötung der Propheten 261

3.2.1 Johannes der Täufer und der Menschensohn 261

Silke Petersen: Zur Fortsetzung der Auslegung 267

SILKE PETERSEN
MUTMAßUNGEN ÜBER EINE MÖGLICHE THESE,
ODER: WAS ERWARTETE JESUS IN JERUSALEM ?

4.1. Rückblick 273

4.2. Jesus und der Tempel 280

4.2.1 Voraussetzungen 280
4.2.2 Zur Rekonstruktion der Tempelaktion Jesu 283
4.2.3 Mögliche Deutungen der Tempelaktion Jesu 291
4.2.4 Die Ansage der Tempelzerstörung 298
4.2.5 Das Jerusalemwort als Verbindungsstück zur Galiläa-Überlieferung 305

4.3. Was erwartete Jesus in Jerusalem? 309

5.1 Literaturverzeichnis 315
5.2 Bibliographie Eckhard Rau 334