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Lehrbuch der Verhaltenstherapie mit Kindern und Jugendlichen, Bd.1, Grundlagen
Michael Borg-Laufs (Hrsg.)
Dgvt-Verlag
EAN: 9783871590245 (ISBN: 3-87159-024-X)
632 Seiten, Festeinband mit Schutzumschlag, 18 x 25cm, 1999
EUR 39,00 alle Angaben ohne Gewähr
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Umschlagtext
Dieses ausführliche, neue zweiteilige Lehrbuch vermittelt im ersten Band die Grundlagenkenntnisse, die Kinder- und JugendlichentherapeutInnen für ihre Arbeit in verschiedenen Kontexten und mit unterschiedlichen Patientengruppen benötigen. Dabei werden nicht nur die wissenschaftlichen Grundlagen und der therapeutische Prozess in den verschiedenen therapeutischen Settings beschrieben, sondern auch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen sowie geschlechtsspezifische und kulturelle Aspekte berücksichtigt. Die Darstellung aller für die Kinder- und Jugendlichen-psychotherapie störungsübergreifend wichtigen Grundlagen in jeweils umfassenden, eigenständigen Beiträgen ermöglicht darüber hinaus eine vertiefte Beschäftigung mit wichtigen Themen, die sonst häufig nur am Rande bearbeitet werden (wie z.B. Beziehungs- und Motivationsaufbau, Ethik, entwicklungspsychologische Grundlagen).
Damit wird zum ersten Mal ein Standardwerk für die therapeutische Praxis und Ausbildung in der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie vorgelegt, das seinen Leserinnen und Lesern die Grundlagen für ein Problem- und Interventionsverständnis vermittelt, das weit über eine enggefasste, rein störungsspezifisch orientierte Sichtweise hinausgeht.
Rezension
Dieses grundlegende Lehrbuch ist auch für alle an der Psychologie und psychischen Störungen von Kindern und Jugendlichen interessierte PädagogInnen aufschlußreich; denn insbesondere der 1. Band als Grundlagenband bietet elementare Informationen zu entwicklungspsychologischen Grundlagen, Modellen psychischer Störungen, Vorkommen und Verbreitung psychischer Störungen im Kindes- und Jugendalter sowie deren gesellschaftliche Rahmenbedingungen. Der eigentliche psychotherapeutische Prozeß kann zwar pädagogisch nicht vollzogen, aber immerhin begleitet werden. Als Hintergrundinformation für die Lehrerhand und für die schulpsychologische Bibliothek ist das "Lehrbuch der Verhaltenstherapie mit Kindern und Jugendlichen" jedenfalls hilfreich.
Thomas Bernhard für lehrerbibliothek.de
Verlagsinfo
LESEPROBE
Themen und Perspektiven
Eine Einführung
Michael Borg-Laufs
Die Kinderpsychotherapie ist ihren Kinderschuhen entwachsen: Es gibt seit dem Inkrafttreten des Psychotherapeutengesetzes am 1.1 1999 das neue Berufsbild der Kinder- und JugendlichenpsychotherapeutInnen. Diese gesetzliche Veränderung fällt zusammen mit rasanten Entwicklungen der Kinderpsychotherapie.
Die Kinderpsychotherapie war trotz Einzelbeispielen, bei denen aus der experimentellen Psychologie abgeleitete Verfahren verwendet wurden (z. B. Jones, 1924) in ihren Anfängen — ebenso wie die Erwachsenentherapie — rein tiefenpsychologisch orientiert. Anna Freud (1927/1983) und später Klein (1932/1987) erarbeiteten kindspezifische Varianten der Psychoanalyse. Die klientenzentrierte non-direktive Spieltherapie wurde von Axline (1947/1990) entwickelt. Die verhaltenstherapeutische Behandlung von Kindern wurde zur Zeit der Entstehung und Etablierung der Verhaltenstherapie in den 60er und 70er Jahren in der Regel nicht als eigenes Fachgebiet betrachtet. Die in der psychologischen Grundlagenforschung entdeckten Lerngesetze gelten für Erwachsene und Kinder gleichermaßen, und die Verhaltenstherapie mit ihrem Selbstverständnis als auf den Grundlagen der empirischen Psychologie basierende Therapieform galt somit als für alle Altersgruppen anwendbar.
Zwar wurden von Beginn an verhaltenstherapeutische Behandlungen mit Kindern durchgeführt und auch in der wissenschaftlichen Literatur dargestellt, aber die Kindertherapie wurde nicht konzeptionell von der Erwachsenentherapie getrennt. In den letzten zehn bis fünf zehn Jahren wurden immer differenziertere Methoden und Techniken speziell für die Behandlung von Kindern und Jugendlichen entwickelt und zu Behandlungspaketen für den Einsatz bei spezifischen Störungsbildern geschnürt (z.B. Störung des Sozialverhaltens, Petermann & Petermann, 1997; Soziale Ängstlichkeit, Petermann & Petermann, 1996; Hyperaktives Verhalten, Döpfner, Schürmann & Lehmkuhl, 1997; Aufmerksamkeitsstörungen, Lauth & Schlottke, 1995; Adipositas, Warschburger, Petermann, Fromme & Wojtalla, 1999). Die störungsspezifische Perspektive dominiert zur Zeit den verhaltenstherapeutischen Diskurs in der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie und trägt durch seine Differenzierung auch in beträchtlichem Ausmaß zur Effektivität der Behandlungen bei (vgl. im Überblick Borg Laufs, 1999).
Die immer spezifischer werdenden Behandlungskonzepte dürfen aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß für eine angemessene Therapiedurchführung auch störungsübergreifende Kenntnisse und Kompetenzen unverzichtbar sind. Personenvariablen, gesellschaftliche Einflüsse und Rahmenbedingungen, sowie Spezifika des Interaktionsprozesses in der Psychotherapie, die durch das Zusammenspiel von beruflichem Selbstverständnis und professionellem Handeln der TherapeutInnen einerseits und den Erwartungen, Zielen, Problemen und Lebensbedingungen der KlientInnen andererseits entstehen, prägen das therapeutische Geschehen. Der hier vorliegende erste Band des Lehrbuchs soll Kinder- und Jugendlichen psychotherapeutInnen die notwendigen Grundlagenkenntnisse für ihre Handlungen in verschiedenen Kontexten mit verschiedenen Patientengruppen vermitteln. Der nachfolgende zweite Band behandelt explizit die Inhalte der vertieften Ausbildung für Kinder- und Jugendlichen-VerhaltenstherapeutInnen. Aufbauend auf den hier vermittelten Grundlagenkenntnissen werden dort die verhaltenstherapeutischen Standardmethoden bei der Behandlung von Kindern und Jugendlichen in einheitlicher und übersichtlicher Form Nachholbedarf besteht: Psychotherapie könnte die Erkenntnisse der empirischen Psychologie noch viel stärker berücksichtigen (vgl. Grawe, 1998).
Der Beitrag von Merod steht somit nicht ohne Grund am Anfang dieses Bandes –Verhaltenstherapie bzw. Psychotherapie muß – zum Nutzen der KlientInnen – in der Grundlagenwissenschaft Psychologie verankert sein.
MICHAEL BORG-LAUFS und HANNS MARTIN TRAUTNER widmen sich in ihrem Artikel "Entwicklungspsychologische Grundlagen der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie" den praktischen Konsequenzen, die sich aus entwicklungspsychologischen Erkenntnissen für die Psychotherapie ergeben. Dies beinhaltet einerseits die Beachtung der relevanten Lebensbedingungen bzw. Entwicklungsaufgaben, die ein Kind zu einem gegebenen Zeitpunkt prägen. Dabei sollen – entsprechend dem Grundkonzept der Verhaltenstherapie – empirisch fundierte Entwicklungstheorien betrachtet werden und nicht solche, leider immer noch weit verbreiteten, deren Gültigkeit empirischen Untersuchungen nicht standhält. Andererseits wird in diesem Beitrag dargestellt, in welcher Weise psychotherapeutische Interventionen dem jeweiligen Entwicklungsstand von Kindern und Jugendlichen entsprechen bzw. diesem angepaßt werden müssen. Mit diesen Überlegungen werden entwicklungspsychologische Erkenntnisse konsequent und praxisnah auf das Anwendungsfach "Klinische Psychologie" bezogen und Kinder- und JugendlichenpsychotherapeutInnen erhalten fundierte Hinweise über die Anwendungsmöglichkeiten bestimmter therapeutischer Interventionen im Kindes- und Jugendalter.
In den Anfängen der Verhaltenstherapie wurde der Begriff "Patient" von fortschrittlichen Verhaltenstherapeuten abgelehnt, da er ein dem medizinischen Krankheitsmodell entsprechendes Störungs- und Menschenbild implizierte (vgl. auch Zygowski, 1991), stattdessen wurde der Begriff "Klient" favorisiert und eine sozialwissenschaftliche Sichtweise galt als angemessen. Heute, in Zeiten der endgültigen Eingliederung der Verhaltenstherapie in das medizinische Versorgungssystem, wird die se Frage in der Regel gar nicht mehr gestellt und die Verwandlung der "Klientinnen" in "Patientinnen" wurde stillschweigend vollzogen.
ALBERT LENZ schildert in seinem Beitrag "Modelle psychischer Störungen des Kindes- und Jugendalters" differenziert die verschiedenen Perspektiven, aus denen psychische Störungen von Kindern betrachtet werden können. Er zeigt auf, welche unterschiedlichen Konsequenzen damit verbunden sind, ob z. B. Verhaltensauffälligkeiten als Krankheiten beschrieben wer den, d.h. als ein qualitativ von der "Normalität" abweichender Zustand oder als Auffälligkeiten, die eher quantitativer Natur sind ("normales" Verhalten wird ungewöhnlich intensiv oder zu wenig intensiv gezeigt) oder ob es sich dabei letztlich eher um ein sozial hergestelltes Phänomen handelt. Da alle Perspektiven spezifische Vorteile und Unzulänglichkeiten haben, wird dargestellt, inwieweit eine integrierende Perspektive dem komplexen Gegenstand der Betrachtung am ehesten gerecht werden kann. Die Integration medizinischer, psychologischer und sozialwissenschaftlicher Paradigmen in ein multidimensionales Verlaufsmodell rückt die zur Verfügung stehenden Ressourcen in den Blickpunkt (vgl. dazu insbesondere Antonovsky, 1997) und stärkt damit das Konzept der Ressourcenorientierung.
MARTINA PITZER und MARTIN H. SCHMIDT orientieren sich an den in der fachgerechten Psychotherapie verbindlichen Störungsklassifikationen bei der Beschreibung der "Epidemiologie psychischer Störungen des Kindes- und Jugendalters". Eine hinsichtlich ihrer theoretischen Grundlagen, Indikationen, Effekte und Nebenwirkungen und vor allem ihrer praktischen Durchführung vorgestellt. Die wichtigste Entwicklung in der Psychotherapie von Kindern und Jugendlichen ist — wie bei der Erwachsenenpsychotherapie — die Orientierung an einer "allgemeinen" oder "psychologischen", in jedem Falle schulenunabhängigen Psychotherapie. Denn wichtig ist letztlich nicht, ob Verhaltenstherapie oder eine andere Therapie angewendet wird, wichtig ist, daß den KlientInnen möglichst schnell und sicher geholfen wird. Doch eine solche schulenübergreifende Kinderpsychotherapie wird — wenn die augenblickliche Forschungslage adäquat berücksichtigt wird — in hohem Maße Methoden und Denkmodelle der Verhaltenstherapie integrieren müssen, denn die verhaltenstherapeutische Modellentwicklung hat sich als fruchtbar, integrierend und flexibel erwiesen, und verhaltenstherapeutische Methoden zeigen sich in Untersuchungen regelmäßig als vergleichsweise hoch effizient. Dies gilt allerdings nur für den Vergleich mit den heute vorhandenen Therapieschulen. An einem idealen Heilungsmaß gemessen, gibt es auch für VerhaltenstherapeutInnen keinen Grund, sich selbstzufrieden zurückzulehnen. Auch Verhaltenstherapien führen — je nach Störungsbild — nur bei einem bestimmten Anteil der Fälle zu Verbesserungen oder gar dauerhaften Heilungen. Möglicherweise liegt aber die Lösung dieses Problems (wie bereits an anderer Stelle betont, vgl. Vogel, Borg-Laufs & Wagner, 1999) nicht im schlichten "mehr desselben" (Watzlawick, 1991), sondern in der Suche nach einem gänzlich neuen Lösungsweg. Grawe (1998) hat für die Erwachsenentherapie beschrieben, welche verschiedenen Wirkfaktoren eine Rolle spielen, bzw. welche therapeutischen Lösungsmöglichkeiten (nach dem augenblicklichen Stand der Forschung) bei einer integrierenden Sichtweise offenbar werden, und in der Tat scheinen die etablierten Therapieschulen mit ihren unterschiedlichen grundsätzlichen Herangehensweisen unterschiedlichen Motiv- und Konfliktlagen der KlientInnen zu entsprechen. Diese individuellen Unterschiede der KlientInnen lie gen allerdings mindestens zum Teil deutlich quer zu den Störungsbildern, so daß die unter KollegInnen z.T. beliebte Tendenz zur "friedlichen Koexistenz" (z.B. Verhaltenstherapie bei externalisierenden und Spieltherapie bei intemalisierenden Störungen zu bevorzugen) nicht angemessen ist. Auch bei der Betrachtung psychischer Störungen muß vom Prinzip der „Äquifinalität“ (Watzlawick, Beavin & Jackson, 1969) ausgegangen werden, d.h., daß völlig unterschiedliche intra- und inter psychische Ausgangsbedingungen psychische Störungen bedingen können. Da die Frage, ob eher bewußte oder unbewußte Konflikte eine Rolle spielen und ob eher solche störungsbildorientierte Sichtweise verdeutlicht einen wichtigen Unterschied zwischen Erwachsenen- und Kinderpsychotherapie, denn viele Störungsbilder tauchen ausschließlich bei Kindern und Jugendlichen und nicht oder sehr selten bei Erwachsenen auf. Die in diesem Beitrag zu findenden Bemerkungen zur Beschreibung und Ätiologie psychischer Störungen machen nochmals deutlich, daß eine biopsycho-soziale Sichtweise, in der die Erklärungsansätze aus Medizin, Psychologie und Sozialwissenschaft berücksichtigt werden, bei der konkreten Erklärung und Beschreibung psychischer Störungen hilfreich ist. Es wurde bereits darauf hingewiesen, daß die empirische Psychotherapieforschung viele Belege für die Wirksamkeit der Kinder- und Jugendlichenverhaltenstherapie erbringen konnte. Zusammenfassend schildert MANFRED DÖPFNER ("Ergebnisse der Therapieforschung zur Verhaltenstherapie mit Kindern und Jugendlichen") die wichtigsten diesbezüglichen aktuellen Forschungsergebnisse, die genau diesen Sachverhalt für die verschiedensten Störungsbilder bestätigen. Allerdings wird auch dargelegt, welche Probleme bei der Psychotherapieforschung zu berück sichtigen sind. Vor dem Hintergrund der großen Fortschritte, die in den letzten Jahren und Jahrzehnten in der Kinder- und Jugendlichenverhaltenstherapie gemacht wurden, erscheint die Hoffnung auf noch weitere Verbesserungen berechtigt.
Gesellschaftliche Rahmenbedingungen
Individuelle Probleme sind stets eingebettet in einen Kontext, in dem sie Bedeutung erlangen – eine Tatsache, die in der Alltagspraxis oft vernachlässigt wird. HOLGER WYRWA ("Die gesellschaftliche Konstruktion von Kindheit“) setzt sich mit der historischen Entwicklung und der aktuellen Konstruktion von „Kindheit“ in unserer pluralistischen (postmodernen) Gesellschaft auseinander. Die Reflexion läßt deutlich wer den, daß „Kindheit“ keine feststehende Entität darstellt. Hineingewachsen in unsere Kultur erscheint es so, als ob „Kindheit“ einerseits und „Erwachsenenalter“ andererseits objektive Gegebenheiten wären, schließlich wird in unserer Gesellschaft deutlich zwischen diesen Kategorien unterschieden und Kindern und Jugendlichen wer den ganz bestimmte Erwartungen entgegengebracht, Möglichkeiten geboten und Einschränkungen gemacht, die uns „natürlich“ zu sein scheinen. In der Tat ist unsere kulturelle Konstruktion von Kindheit eine geschaffene und sich weiter wandelnde Wirklichkeit, geprägt durch das je zur Zeit vorherrschende Weltbild.
Auf einer konkreteren Ebene unterscheiden sich – innerhalb der kulturell-gesellschaftlichen Rahmenbedingungen – die Lebenswelten von Kindern und Erwachsenen erheblich.
FRIEDERIKE HOEPNER-STAMOS und KLAUS HURRELMANN beschreiben anhand empirischer Daten die heutige Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen in verschiedenen sie prägenden Umwelten („Kindliche Lebenswelten: Familie, Schule und Freizeit“). Diese sich verändernden Lebenswelten haben einen großen Einfluß auf Entwicklung und Entfaltungsmöglichkeiten der heranwachsenden Generation. TherapeutInnen müssen sich ein Bild dieser kindlichen Lebenswelten – die sich heute bereits wieder stark von der Lebenswelt der TherapeuInnen in ihrer Kindheit unterscheiden – machen können, um Kinder und Familien zu verstehen und ihnen innerhalb ihrer sozialen und materiellen Realitäten Hilfe zur Selbsthilfe geben zu können. Der Pluralismus unserer Lebenswirklichkeit bildet sich ganz konkret in den Lebenszusammenhängen der Kinder und Jugendlichen ab, denen zwar mehr Chancen zur Verfügung stehen, die aber dafür auch mehr psychische Risikosituationen überstehen müssen.
Der psychotherapeutische Prozeß
Kinderpsychotherapie ist ein vielschichtiger, schillernder Prozeß, der mit einer rein methodenorientierten Sichtweise (Welches Problem? Welche Intervention? Welches Ergebnis?) nicht hinreichend beschrieben werden kann. Die Erwartungen, Einstellungen, Lebensweisen und Lebenssituationen einer ganzen Reihe von Systembeteiligten und deren Wechselwirkungen fließen in diesen Prozeß ein und prägen ihn. Eltern und Kinder bringen im direkten Kontakt mit den TherapeutInnen ihre je eigenen Geschichten, Sichtweisen und Gewohnheiten ein. Auch andere Personen (LehrerInnen, ErzieherInnen, JugendamtsmitarbeiterInnen) stehen oft im direkten Kontakt mit dem Therapeuten bzw. der Therapeutin und fügen ihre Geschichten und Verhaltensweisen hinzu. Wir selber – die TherapeutInnen – bringen unsere Lebensgeschichte und unsere berufliche Sozialisation ebenfalls mit in den Prozeß. Es erscheint offensichtlich, daß hier besondere Bemühungen notwendig sind, diesen Prozeß zu verstehen, um sowohl Ressourcen als auch potentielle Störungsquellen identifizieren zu können.
Die unterschiedlichen Phasen dieses therapeutischen Prozesses beschreiben MICHAEL BORG-LAUFS und HEIKO HUNGERIGE ("Der Prozeß der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie") mit Rückgriff auf das im Bereich der Erwachsenenpsychotherapie entwickelte Modell der Selbstmanagementtherapie (Kanfer, Reinecker & Schmelzer, 1996), das sie unter Berücksichtigung der für die Kindertherapie bedeutsamen Besonderheiten für diesen Kontext bearbeitet haben. Die für diesen Beitrag entwickelte „Therapieprozeß-Checkliste“ soll in schwierigen Situationen helfen, neue therapeutische Entscheidungen zu treffen. Die ersten Bausteine des psychotherapeutischen Prozesses sind „Motivations- und Beziehungsaufbau in der Verhaltenstherapie mit Kindern und Jugendlichen“ (die ersten beiden Phasen einer Selbstmanagementtherapie).
KATJA MACKOWIAK widmet sich diesem in der Literatur gerade für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen erstaunlicherweise weitgehend vernachlässigtem Thema — als ob es so einfach wäre, mit Kindern ein geeignetes therapeutisches Arbeitsbündnis herzustellen. Die Autorin berücksichtigt ausführlich die psychologische Grundlagenforschung (insbesondere die Motivationspsychologie) bei der Entwicklung von Hinweisen für einen gelungenen Beziehungs- und Motivationsaufbau in der Kinderpsychotherapie. Insbesondere der wünschenswerte Aufbau intrinsischer Änderungsmotivation bei Kindern durch die Berücksichtigung der aktuellen Lebensziele der Kinder spielt hier eine wichtige Rolle. Einfache „Rezepte“ für einen gelungenen Beziehungsaufbau sind allerdings nicht zu erwarten, dazu ist die Ausgangslage – u. a. durch die unterschiedlichen Erwartungen und Bedürfnisse der beteiligten Personen – insgesamt zu heterogen.
Die komplexe Ausgangssituation, die auf den ersten Blick so verwirrend er scheint, ist strukturierbar und planbar. Hier liegt die Stärke und der Kern der Verhaltenstherapie: Ein unübersichtlicher Prozeß wird strukturiert und aus dieser Struktur (den Bedingungsanalysen) ergeben sich – wenn die entsprechenden Umsetzungs Heuristiken hinreichend beachtet werden – erfolgversprechende Handlungsanleitungen (Therapieplan).
MANFRED DÖPFNER und MICHAEL BORG-LAUFS behandeln in ihrem Beitrag „Diagnostik, Therapieplanung und Evaluation in der Kinder- und Jugendlichen- Verhaltenstherapie“ diese nachfolgenden Phasen des therapeutischen Prozesses. Dabei wird deutlich, daß die fachgerechte Diagnostik und Therapieplanung sorgfältig und entsprechend den geltenden Standards multimodal geschehen sollte, wenn die anschließende Intervention den maximalen Erfolg haben soll. Daß die Evaluation der therapeutischen Fortschritte zu einer fachgerechten Psychotherapie selbstverständlich dazugehört (und keine vernachlässigbare „Zugabe“ darstellt), wird in diesem Beitrag ebenfalls herausgearbeitet.
Die besondere Rolle der Eltern bei der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie ist schon mehrfach angedeutet worden. DIETER SCHMELZER ("Probleme und Möglichkeiten begleitender Elternarbeit") referiert ausführlich den aktuellen Erkenntnis stand zur Elternarbeit in diesem Kontext. Er stellt einerseits Methoden vor, mit denen in der Elternberatung oder beim Elterntraining gearbeitet werden kann. Andererseits entwickelt er aber auch Leitlinien für die Haltung der TherapeutInnen gegenüber den Eltern der betroffenen Kinder, die für den Beziehungs- und Motivationsaufbau (ein schwieriges Problem bei der Elternarbeit!) sehr wichtig ist.
Einige Besonderheiten ergeben sich in der therapeutischen Interaktion mit bestimmten Patientengruppen. Sowohl das Geschlecht der KlientInnen (und der TherapeutInnen) als auch ihre ethnisch-kulturelle Zugehörigkeit ist in der Psychotherapie ein wichtiger Faktor in der Interaktion. Die unterschiedlich prägenden Sozialisationsbedingungen von Mädchen und Jungen und deren mögliche Auswirkungen auf die aktuelle Symptomatik sowie die Art des therapeutischen Umgangs mit Mädchen und Jungen werden von MONIKA BORMANN und WERNER MEYER-DETERS ("Hänsel oder Gretel – spielt das eine Rolle? Die Geschlechterperspektive in der Kindertherapie") anschaulich dargestellt. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschlechtsidentität kann TherapeutInnen helfen, auch im therapeutischen Kontakt an gemessen mit diesem Problembereich umzugehen.
PAUL FRIESE widmet sich in seinem Artikel ("Interkulturelle Kompetenz in der Kinderpsychotherapie") der Situation und Lebenswelt von MigrantInnen und erläutert die daraus resultierenden Konsequenzen für die Psychotherapie, die sich nicht in muttersprachlichen Angeboten erschöpfen, sondern die besondere Lebenslage, Geschichte und Kultur der Betroffenen berücksichtigen muß. Eine entsprechende Offenheit und Neugier „anderen“ gegenüber ist nicht als fester Wissenskanon lehr- und lernbar, sondern setzt kontinuierliche Reflexion voraus.
Aus dem bereits erwähnten Sachverhalt, daß Eltern und Kinder unterschiedliche Erwartungen und Wünsche haben und daß sie auch unterschiedliche Rollen in dem gemeinsamen Spiel „Familie“ einnehmen, können einige besondere ethische Probleme während des therapeutischen Prozesses resultieren, die in dieser Form bei der Erwachsenenpsychotherapie nicht vorkommen. Anhand theoretischer Einordnungen und praxisnaher Beispiele beschäftigen sich HEIKO HUNGERIGE und DOROTHEE PÄßLER ("Ethische Aspekte der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie") intensiv mit in diesem Kontext möglicherweise auftauchenden ethischen Dilemmata. Für ethisch-moralische Bewertungen lassen sich zwar kaum allgemeingültige Regelwerke erstellen, allerdings können bestimmte Haltungen und Herangehensweisen bei der Konfrontation mit ethischen Problemen sehr hilfreich sein.
Therapeutische Settings Psychotherapie als Dienstleistung kann nicht entkontextualisiert stattfinden – der institutionelle Kontext der Dienstleistungserbringung mit seinen jeweiligen Stärken und Beschränktheiten prägt diese selbstverständlich mit. Gerade in der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie ist das Setting „freie Praxis“ nicht der Regelfall. Der quantitativ sicherlich größte Beitrag zur psychosozialen (einschließlich der psychotherapeutischen) Versorgung von Kindern, Jugendlichen und Familien in der Bundesrepublik Deutschland wird durch die in freier oder öffentlicher Trägerschaft arbeitenden Erziehungsberatungsstellen erbracht.
MICHAEL BORG-LAUFS beschreibt Verhaltenstherapie in der Erziehungsberatung“ hinsichtlich der sozialrechtlichen Eingebundenheit, vor allem aber hinsichtlich der Möglichkeiten der therapeutischen und auch darüber hinausgehenden Angebote. Die Arbeit in Erziehungsberatungsstellen zeichnet sich dadurch aus, daß sie relativ frei von äußeren Vorgaben auf die spezifischen Notwendigkeiten des Einzelfalles eingehen kann – auch zusätzlich zu oder jenseits von Psychotherapie.
In der stationären Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie spielt die Verhaltenstherapie noch nicht die bedeutende Rolle, die ihrer hohen Wirksamkeit angemessen wäre. Wie die verhältnismäßig kurze, aber hochintensive Arbeit auf einer verhaltenstherapeutisch arbeitenden Station aussehen kann, beschreibt PETER ALTHERR ("Stationäre Kinder- und Jugendlichen-Verhaltenstherapie") Erziehung und Therapie müssen in diesem Rahmen durch die zeitweilige Ersetzung der eigentlichen Lebenswelt durch die Klinik eng miteinander verzahnt werden. Auch in der Rehabilitation von Kindern und Jugendlichen hat die Verhaltenstherapie ein enormes Potential und ist — wie HANS-PETER MICHELS es in seinem Beitrag "Verhaltenstherapie in der Rehabilitation von Kindern und Jugendlichen" beschreibt in aktuellen Konzeptionen unverzichtbar. Gesundheits- und Krankheitsverhalten sowie die diesbezüglichen Einstellungen der Kinder, Jugendlichen und ihrer Familien können mit verhaltenstherapeutischen Maßnahmen erfolgreich verändert werden. Dabei spielt die Ressourcenorientierung eine entscheidende Rolle.
Ausbildung
Es stellt sich die Frage, auf welchem Weg zukünftige Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutinnen die notwendigen Kompetenzen erlangen können. MICHAEL BORG LAUFS und GERD PER ("Die Ausbildung in Kinder- und Jugendlichen- Verhaltenstherapie") beschreiben den aktuellen Stand der Ausbildungssituation in Deutschland und nennen die wesentlichen Bestandteile einer verhaltenstherapeutischen Ausbildung im Bereich der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie Zeitgemäße Ausbildungskonzepte müssen gewährleisten, daß sowohl Grundhaltungen und übergreifende Kenntnisse (wie sie in diesem Buch vermittelt werden sollen) als auch Methodenwissen und -kompetenz erworben werden können. Die aktuellen Erkenntnisse zu Wirkfaktoren in der Psychotherapie müssen bei einer solchen Ausbildung berücksichtigt werden.
Finale
JORDAN W. SCHNULLER schließlich rundet mit dem Beitrag „Die Entstehung und Behandlung von Kindheit“ den vorliegenden Band vergnüglich ab. Die Klinischen Charakteristika, ätiologische Modelle und Behandlungsmöglichkeiten von „Kindheit“ werden im Überblick vorgestellt und diskutiert.
Inhaltsverzeichnis
Michael Borg-Laufs
Themen und Perspektiven. Eine Einführung
WISSENSCHAFTLICHE GRUNDLAGEN
Rudi Merod
Lerntheoretische Grundlagen der Verhaltenstherapie bei Kindern und Jugendlichen
Michael Borg-Laufs & Hanns Martin Trautner
Entwicklungspsychologische Grundlagen der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie
Albert Lenz
Modelle psychischer Störungen des Kindes- und Jugendalters
Martina Pitzer & Martin H. Schmidt
Epidemiologie psychischer Störungen des Kindes- und Jugendalters
Manfred Döpfner
Ergebnisse der Therapieforschung zur Verhaltenstherapie mit Kindern und Jugendlichen
GESELLSCHAFTLICHE RAHMENBEDINGUNGEN
Holger Wyrwa
Die gesellschaftliche Konstruktion von Kindheit
Friederike Hoepner-Stamos & Klaus Hurrelmann
Kindliche Lebenswelten: Familie, Schule und Freizeit
DER PSYCHOTHERAPEUTISCHE PROZEß
Michael Borg-Laufs & Heiko Hungerige
Der Prozeß der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie
Katja Mackowiak
Motivations- und Beziehungsaufbau in der Verhaltenstherapie mit Kindern und Jugendlichen
Manfred Döpfner & Michael Borg-Laufs
Diagnostik, Therapieplanung und Evaluation in der Kinder- und Jugendlichen-Verhaltenstherapie
Dieter Schmelzer
Probleme und Möglichkeiten begleitender Elternarbeit
Monika Bormann & Werner Meyer-Deters
Hänsel oder Gretel - spielt das eine Rolle? Die Geschlechterperspektive in der Kindertherapie
Paul Friese
Interkulturelle Kompetenz in der Kinderpsychotherapie
Heiko Hungerige & Dorothee Päßler
Ethische Aspekte der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie
THERAPEUTISCHE SETTINGS
Michael Borg-Laufs
Verhaltenstherapie in der Erziehungsberatung
Peter Altherr
Stationäre Kinder- und Jugendlichen-Verhaltenstherapie
Hans-Peter Michels
Verhaltenstherapie in der Rehabilitation von Kindern und Jugendlichen
AUSBILDUNG
Michael Borg-Laufs & Gerd Per
Die Ausbildung in Kinder- und Jugendlichen-Verhaltenstherapie
FINALE
Jordan W. Schnuller
Die Entstehung und Behandlung von Kindheit
Stichwortverzeichnis
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