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Johannesevangelium - Mitte oder Rand des Kanons? Neue Standortbestimmungen
Johannesevangelium - Mitte oder Rand des Kanons?
Neue Standortbestimmungen




Thomas Söding (Hrsg.)

Herder Verlag
EAN: 9783451022036 (ISBN: 3-451-02203-6)
320 Seiten, kartoniert, 14 x 21cm, 2003

EUR 26,00
alle Angaben ohne Gewähr

Umschlagtext
Paradigmenwechsel in der Johannesforschung

Noch vor zwanzig Jahren galt das Vierte Evangelium als Außenseiter am Rande des Kanons; seine Christologie sei zu hoch gestochen, seine Ethik weltabgewandt, seine Sicht der „Juden“ schlichtweg inakzeptabel. Inzwischen gibt es neue Untersuchungen der historischen Zusammenhänge und neue Interpretationen der theologischen Grundaussagen. Das Ergebnis hat weitreichende Folgen nicht nur für die Johannesexegese, sondern für die gesamte Sicht des Neuen Testaments. Johannes steht nicht abseits, sondern gehört ins Zentrum des Urchristentums. Die „hohe“ Christologie ist tief in ältesten Bekenntnistraditionen verwurzelt. Die Polemik gegen „die Juden“ ist die Kehrseite einer außerordentlich großen Nähe zum Judentum und einer intensiven Rezeption des Alten Testaments. Die Perspektive des „anderen Jüngers“, die Johannes öffnet, ermöglicht einen neuen Blick auf Jesus, sein Wirken, seinen Tod und seine Auferstehung.
Verlagsinfo
Vorwort
Das Johannesevangelium zieht neues Interesse auf sich. Seine Fähigkeit, in großen Worten. starken Symbolen und menschlichen Szenen die Gestalt Jesu vor Augen zu stellen, seine Geschichte und sein Geschick, seine Weisheit und sein Wissen, seine Offenbarung und seine Verheißung, sichern ihm eine neue Anhängerschaft. Seine „hohe“ Christologie, sein starker Absolutheitsanspruch. sein Wahrheitspathos. die Unbedingtheit seines Eintretens für die Einzigkeit Gottes und die Gottessohnschaft Jesu Christi lösen aber nicht nur Zustimmung bei denen aus, die für eine klare Lehre der Kirche eintreten, sondern auch Zweifel, Skepsis und Ablehnung hei denen, die fürchten. Johannes sei historisch wertlos und unterbinde nicht nur das Gespräch der Weltreligionen wie die Verständigungsbemühungen zwischen Kirche und moderner Welt, sondern beschneide auch dem Judentum sein Existenzrecht.
Die öffentliche Diskussion über das Vierte Evangelium kann befördert werden, wenn einige Entwicklungen neuerer Johannesexegese stärkere Beachtung finden. Außerhalb der neutestamentlichen Bibelwissenschaft dominiert das Paradigma der Bultmann-Schule: Abseits der großen Traditionsströme des Urchristentums habe das Johannesevangelium seine Urform gefunden: zu lesen sei es als Zeugnis existentialer Anthropologie und Christologie, die weniger an der gelebten Historie als an grundlegenden Dimen¬sionen der Geschichtlichkeit - Leben. Freiheit, Wahrheit, Glaube. Liebe - interessiert sei: zu verstehen sei es als zutiefst von ihr faszinierter Widersacher der Gnosis: entstanden sei es als Glaubensbuch eines kleinen Kreises von Geistesgrößen, die mit der Kirche wenig im Sinn hätten: erst eine durchgreifende „Kirchliche Redaktion" habe seine Kanonisierung ermöglicht, aber ihm zugleich den Stachel der präsentischen Eschatologie, der individuellen Soteriologie und der inkarnatorischen Offenbarerchristologie gezogen.
Innerhalb der neutestamentlichen Exegese wird diese Interpretation des Johannesevangeliums seit einiger Zeit kritisiert. Auch wenn es an Verteidigern nicht fehlt scheint sich ein Paradigmenwechsel anzubahnen, der neue Zugänge zum Johannesevangelium eröffnet. Die Entstehungs- und Traditionsgeschichte spielt ebenso eine Rolle wie die literarischen Form und die theologische Grundbotschaft. Im Kern steht die Frage. welche Stelle Johannes im Kanon einnimmt – historisch. literarisch und theologisch. Wenn der Vierte Evangelist weniger am Rande und stärker in der Mitte des Neuen Testaments anzutreffen wäre. hätte dies erhebliche Konsequenzen für die Einschätzung seines theologischen Ranges, aber auch für die Exegese des Vierten Evangeliums. Die kritischen Fragen an Johannes verstummen nicht, können aber von einem neuen Standpunkt aus beantwortet werden.
Die Quaestio informiert über wichtige Entwicklungen der neueren Johannesforschung. Sie gibt selbst einen starken Anstoß. diese Diskussion voranzutreiben. Jean Zumstein (Zürich) zeigt, wie die literaturwissenschaltliche Kategorie der „Relecture“ neue Möglichkeiten erschließt, die Wachstumsprozesse des Evangeliums zu versuchen: Klaus Berger (Heidelberg) kritisiert an signifikanten Beispielen den üblichen Ausschluss johanneischer Motive aus der Jesusforschung; Jörg Frey (München) untersucht auf dem Stand heutigen Methodenbewusstseins die Beziehungen zwischen Johannes und den Synoptikern; Udo Schnelle (Halle) zeigt, konstruktivistische Theorien der Sinnbildung aufgreifend. wie Johannes als Weiterführung einerseits der markinischen Jesusgeschichte, andererseits der paulinischen Christologie gelesen werden kann; Klaus Scholtissek (Würzburg) erhellt das Schriftverständnis und die Schrifttheologie des Evangelisten. um dessen Verwurzelung in der Glaubensgeschichte Israels nachzuweisen: Michael Theobald (Tübingen) rekonstruiert am eucharistietheologisch relevanten Beispiel von Joh 6 die Logik innerjohanneischer Redaktionsprozesse und ihre Vernetzung mit anderen Strömungen frühkirchlicher Theologie- und Liturgiegeschichte; der Herausgeber- modifiziert Konzepte kanonischer Exegese, indem er das Selbstzeugnis des Evangeliums mit seiner Theologie und seiner Entstehungs- wie seiner Rezeptionsgeschichte ins Verhältnis setzt.
Die Beitrüge verfolgen keine einheitliche Linie, sondern eröffnen ihrerseits ein breites Forschungsspektrum. Aber sie stimmen – ob von katholischen oder evangelischen Autoren verfasst – darin überein, dass wenig dafür spricht. bei einer theologischen Isolation des Vierten Evangeliums im Neuen Testament zu bleiben. und dass aus einer Neubestimmung seiner literarischen Genese, seines historischen Umfeldes und seiner sprachlichen Form erhebliche Anstöße für eine neue Diskussion seiner Theologie erwartet werden dürfen.

Wuppertal, 24. August 2003 Thomas Söding
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis

Vorwort 7

Ein gewachsenes Evangelium
Der Relecture-Prozess bei Johannes 9
Jean Zumstein. Zürich

Das Evangelium nach Johannes und die Jesustradition 38
Klaus Berger, Heidelberg

Das Vierte Evangelium auf dem Hintergrund der älteren
Evangelientradition
Zum Problem: Johannes und die Synoptiker 60
Jörg Frey, München

Theologie als kreative Sinnbildung:
Johannes als Weiterbildung von Paulus und Markus 119
Udo Schnelle, Halle

„Die unauflösbare Schrift" (Joh 10.35)
Zur Auslegung und Theologie der Schrift Israels im
Johannesevangelium 146
Klaus Scholtissek, Würzburg

Eucharistie in Joh 6
Vom pneumatologischen zum inkarnationstheologischen
Verstehensmodell 178
Michael Theobald, Tübingen

Die Perspektive des Anderen
Das Johannesevangelium im biblischen Kanon 258
Thomas Söding, Wuppertal
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