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Heine und die Nachwelt
Geschichte seiner Wirkung in den deutschsprachigen Ländern.
Texte und Kontexte, Analysen und Kommentare Band 2: 1907–1956
Dietmar Goltschnigg, Hartmut Steinecke (Hrsg.)
Erich Schmidt Verlag, Berlin
EAN: 9783503079926 (ISBN: 3-503-07992-0)
733 Seiten, hardcover, 16 x 24cm, 2008, 20 schwarz-weiß-Abbildungen
EUR 79,00 alle Angaben ohne Gewähr
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Umschlagtext
Die Wirkungsgeschichte Heines in den deutschsprachigen Ländern war von Beginn an von großen Spannungen und extremen Urteilen geprägt. Diese Entwicklung reicht über das Ende der Monarchien 1918 hinaus. Neben der traditionellen nationalistischen und antisemitischen Polemik spielt seit der Jahrhundertwende die von Karl Kraus wortmächtig vorgetragene ästhetische Kritik eine zunehmende Rolle. In der nationalsozialistischen Zeit spaltet sich der Umgang mit Heine: Im Dritten Reich wird versucht, Dichter und Werk aus dem kulturellen Gedächtnis der Deutschen auszutilgen, im Exil wird er für viele zur Identifikationsfigur, gerühmt als Freiheitssänger und politischer Prophet. In der Nachkriegszeit kommt es bald abermals zu einer tiefen Spaltung: Während die Beschäftigung in der Bundesrepublik Deutschland nur zögernd wieder beginnt, behindert von unterschiedlichen Vorurteilen, wird Heine in der DDR zum „Nationalautor“ erklärt, weitgehend kritiklos als Vorkämpfer des Kommunismus und des sozialistischen Staates vereinnahmt. Die zahlreichen Feiern zum 100. Todesjahr 1956 zeigen eindrucksvoll das Ausmaß dieser gegensätzlichen Entwicklungen. Diese Phase der Wirkungsgeschichte wird erstmals detailliert – in 124 Texten: Kritiken, Essays, Feuilletons, Reden, literarhistorischen Schriften, Gedichten – dokumentiert und kommentiert sowie in einem ausführlichen Darstellungsteil analysiert.
Rezension
An Heinrich Heine (1797 Düsseldorf – 1856 Paris) scheiden sich die Geister; er gilt als einer der bekanntesten und zugleich umstrittensten deutschen Schriftsteller. Das hat verschiedene Gründe: Er ist (weltlicher) Jude, er ist politisch, er ist Deutschland-kritisch, er ist Romantiker und überwindet sie doch, er ist Schriftsteller und doch auch Journalist, er wird in der DDR verehrt und in der BRD zunächst verschmäht, als kritischer, politisch engagierter Journalist und Satiriker wird er bewundert und gefürchtet, er ist Atheist und doch auch Jude: Heine, am Ende des aufgeklärten Jahrhunderts geboren, verkörpert in Leben und Werk den aufgeklärten, mündigen Menschen schlechthin. Er weiß, dass die irdische seine eigentliche und einzige Heimat ist und der Glaube an den metaphysischen Trost ein bloßer Wunschtraum. Ersten Erfolg bringen ihm die »Reisebilder«, in denen er Beschreibung mit lyrischen Elementen mischt. Seinen Ruhm weit über Deutschland hinaus begründet das »Buch der Lieder«, viele Gedichte aus diesem Band sind Volksgut geworden. Unzufrieden mit der politischen Situation in Deutschland und der Zensur überdrüssig, geht Heine 1831, nach dem Ausbruch der Julirevolution, nach Paris. Hier erreicht er den Höhepunkt seiner schriftstellerischen Aktivitäten. Neben einem vielfältigen journalistischen Oeuvre entstehen hier die beiden großen Versepen »Atta Troll« und »Deutschland. Ein Wintermärchen«. - Die Wirkungsgeschichte Heinrich Heines, die in diesem voluminösen (2. Teil-) Band für die Jahre 1907–1956 dokumentiert und kommentiert wird, könnte kontroverser und schillernder nicht sein.
Jens Walter, lehrerbibliothek.de
Inhaltsverzeichnis
Vorwort 5
Abkürzungen und Zitierweise 15
A. „Künstlerjude unter den Deutschen“
Der Streit um Heine 1907–1956 17
I. Von den untergehenden Kaiserreichen bis zur nationalsozialistischen Machtübernahme (1907–1933) 17
1. Fortsetzung des Denkmalstreits: Hamburg – Halle – Frankfurt – Düsseldorf 17
2. Karl Kraus 43
3. Die Folgen von Heine und die Folgen 48
4. George-Kreis 57
5. Politische und unpolitische Betrachtungen 64
6. Lyrische Parodien und Satiren 80
7. Editionen, Anthologien, literatur- und kulturgeschichtliche Beiträge 85
II. Heine im nationalsozialistischen Deutschland „Ausrottung“ eines Nationalautors 91
1. Der Staat gegen Heine: „verbrannt und verboten“ 92
2. Publizistik und Wissenschaft – Polemik oder Verschweigen? 97
3. Heine-Lieder in „arischen“ Kompositionen 101
4. Bekenntnisse zu Heine in den deutschsprachigen Ländern? 106
III. Exil. „Heine hat alle Stadien der Emigration mit uns geteilt“ 111
1. Der Pariser Exilant als Identifikationsgestalt 111
2. Aktualisierungen – Heine als „Prophet“ 115
3. „Uns hat er gemeint“ – Dichten im Geiste Heines 117
4. Der Jude Heine 120
5. Heine in Moskau und Mexiko, zwischen Volksfront und Marxismus 122
IV. Nachkriegsdeutschland 1945–1949: Zögernde Rückholung 126
1. Allmähliche Wiederannäherungen 126
2. Heine-Feiern 1947: „Was bedeutet uns Heinrich Heine noch?“ 131
3. Neue Ansätze aus dem Exil 133
V. Heine in der frühen Bundesrepublik Deutschland (1949–1956) 135
1. Die Anfangsjahre – eine Entpolitisierung 135
2. Heine-Feiern 1956 – vielstimmiges Gedenken 140
3. Überprüfungen: „Heine nach hundert Jahren“ 143
4. Neue Lyrik-Lektüren: „Artistik“, „Beginn“ der Moderne, „Die Wunde Heine“ 145
VI. Heine in der frühen Deutschen Demokratischen Republik (1949–1956) 147
1. Popularisierung und Aneignung: „Unser Heine“ 148
2. Wissenschaft: „Marxistische“ Philosophie und Ästhetik 150
3. „Heine-Jahr“ 1956: die Feier des „Nationalautors“ 152
VII. Bilanz 1956 160
B. Texte 185
1 Lion Feuchtwanger: Heinrich Heines Fragment „Der Rabbi von Bacharach“ (1907) 187
2 Raoul Auernheimer: Heinrich Heine (1907) 193
3 Fritz Grünbaum: Selbstbiographie (ca. 1907) 197
4 Thomas Mann: Notiz über Heine (1908) 200
5 Richard Voss: An Heinrich Heine (1908) 200
6 Wilhelm Jensen: Heinrich Heine (1908) 201
7 Richard Schaukal: Ueber Heinrich Heine (1908) 202
8 Rudolf Presber: Heinrich Heine an den deutschen Kaiser (1908) 203
9 Max Nordau: Ein Nachtrag zu Heinrich Heines „Deutschland, ein Wintermärchen“ (1909) 205
10 Wilhelm Herzog: Heinrich Heine und sein Denkmal (1910) 207
11 Karl Kraus: Heine und die Folgen (1910) 212
12 René Schickele: Heinrich Heine, 1797–1856 (um 1910) 224
13 Franz Pfemfert: Heinrich Heine vom Olymp an den (verunglückten) Berliner Polizistenchef v. Jagow (1911) 230
14 Ernst Stadler: Eine neue Heineausgabe (1911) 231
15 Karl Busse: Lyrische Rangordnung (1911) 234
16 Franz Mehring: Der „Vorkämpfer freier Menschheit“ (1911) 239
17 Herbert Eulenberg: Heinrich Heine an die Monisten (1913) 244
18 Julius Bab: „Poesie des Hasses und des Kampfes“ (1914) 246
19 Karl Kraus: „Die Feinde Goethe und Heine“ (1915) 249
20 Stefan Zweig: Eine Faksimileausgabe von Heines „Deutschland, ein Wintermärchen“ (1916) 254
21 Karl Valentin: Die Lorelei (1916) 257
22 Hermann Wendel: „Heine und wir“ (1916) . 259
23 Otto Flake: Heine (1917) . 264
24 Gustav Landauer: Heine über Shylock (1917) 265
25 Ernst Bertram: Nietzsche, Goethe und Heine (1918) 267
26 Frank Thiess: Heine und wir (1919) 268
27 Kurt Tucholsky: Nach fünf Jahren (1919) 270
28 Hugo Ball: Zur Kritik der deutschen Intelligenz (1919) 271
29 Erich Mühsam: „Hoflakai des Pöbels“ (1920) 274
30 Alfred Rosenberg: „Der Geist des alttestamentlichen Gesetzes“ (1920) 275
31 Klabund: Heine und das Junge Deutschland (1920) 279
32 Friedrich Gundolf: Begründer des Journalismus und erster Anarchist der deutschen Sprache (1920) 281
33 Berthold Viertel: „Das gefährlich reizvolle Spiel Heinrich Heines“ (1921) 282
34 Jakob Wassermann: Mein Weg als Deutscher und Jude (1921) 285
35 Fritz Mauthner: „Der schlecht getaufte Jude“ (1923) 287
36 Alfred Döblin: Heines „Deutschland“ und „Atta Troll“ (1923) 290
37 Claire Goll: An Heines Grab (1924) 294
38 Arnold Weiß-Rüthel: Heine-Denkmal (1925) 296
39 Julius Streicher: Das Schwein auf dem Montmartre (1925) 297
40 Rudolf von Delius: Heinrich Heine (1925) 298
41 Lion Feuchtwanger: Die Masken Heinrich Heines (1926) 299
42 Oskar Loerke: Heinrich Heine heute (1926) 300
43 Alfred Kerr: Rede am Heine-Denkmal (1926) 302
44 Adolf von Hatzfeld: Um das Düsseldorfer Heine-Denkmal (1926) 305
Darin: Thomas Mann: Über Heinrich Heine 307
45 Rudolf Borchardt: Heines „zerfallenes Wesen“ (1926) 308
46 Karl Wolfskehl: Heine, der Deutschen „Lustiger Rat“ (1927) 310
47 Robert Neumann: Deutschland und Heinrich Heine (1927) 312
48 Klabund: Deutsches Volkslied (1927) 314
49 Robert Musil: Schöner Leser (1927) 314
50 Fritz Heymann: Heinestadt Düsseldorf (1928) 315
51 Walter Muschg: Heinrich Heine (1928) 318
52 Josef Nadler: „Der einflußreichste Verwüster des deutschen Prosastils“ (1928) 322
53 Wilhelm Stapel: „Über deutsch-jüdische Sprach-Assimilation und Dichtung“ (1928) 326
54 Ernst Weiß: Heinrich Heine (1929) 331
55 Heinrich Mann: Für das Heine-Denkmal in Düsseldorf (1929) 333
56 Fritz Gross: Heine (1929) 334
57 Walter Benjamin: Heine und Börne (1930) 336
58 Hermann Seeliger: Schmock oder Dichter? (1930) 337
59 Oskar Walzel: Heinrich Heine (1931) 339
60 Egon Friedell: „Der erste Gestalter der Ambivalenz“ (1931) 342
61 Erich Kästner: Der Handstand auf der Loreley (1932) 344
62 Ludwig Marcuse: Armer Subjektivling (1932) 345
63 Jura Soyfer: Disput (1933) 351
64 Friedrich Hirth: Der Schillernde (1933) 353
65 Joseph Roth: Fern von der Scholle (1934) 355
66 Emil Schneemann: Heinrich Heine. Der Schmutzfink im deutschen Dichterwald (1934) 356
67 Klaus Mann: Die Vision Heinrich Heines (1934) 359
68 Max Brod: „Jüdisches Schicksal als Schicksal eines Dichters“ (1934) 363
69 Johannes R. Becher: Deutschland. Ein Lied vom Köpferollen und von den „nützlichen Gliedern“ (1934) 371
70 Antonina Vallentin: Im Zwielicht der rue d’Amsterdam (1935) 372
71 Walter A. Berendsohn: „Heinrich Heine, der Jude, der Deutsche, der Europäer und Weltbürger“ (1935) 377
72 Alfred Döblin: „Der Beitrag Heines zu Deutschlands Entwicklung“ (1935) 382
73 Heinrich Mann: Sein Denkmal (1936) 384
74 Oskar Maria Graf: Der Freiheit entgegen (1936) 384
75 Börries Freiherr von Münchhausen: Heinrich Heine in deutschen Tönen (1936) 385
76 Wolfgang Lutz: Schluß mit Heinrich Heine! (1936) . 388
77 Arthur Eloesser: „Das jüdische Erbteil eines deutschen Dichters“ (1936) 396
78 Stefan Heym: „Heine und der Kommunismus“ (1936) 399
79 Werner Kraft: Die „Wahrheit des sterbenden Heine“ (1936) 402
80 Klaus Mann: Ich weiss nicht, was soll es bedeuten (1936) 405
81 Georg Lukács: Heinrich Heine als nationaler Dichter (1937) 406
82 Hugo Huppert: Kamerad Heinrich Heine (1937) 414
83 Johannes R. Becher: Aus Heines Vermächtnis (1937) 416
84 Erich Loewenthal: Der Rabbi von Bacherach (1937) 417
85 Henryk Keisch: Denkspruch für Heine (1938) 421
86 Hermann Kesten: „Ein Vetter des romantischen ewigen Juden“ (1939) 422
87 Bertolt Brecht: Profane und pontifikale Linie der Lyrik (1940) 427
88 Joseph Carlebach: Dem Jüdischen Krankenhaus zur Hundertjahrfeier (1941) 428
89 Rudolf Fuchs: Variationen nach Heinrich Heine (1941) 429
90 Ernst Fischer: „Deutschland – ein Wintermärchen“ (1944) 429
91 Mascha Kaléko: Emigranten-Monolog (1945) 435
92 Karl Valentin: Loreley (1945) 436
93 Paul Mayer: Im Namen Heinrich Heines (1946) 436
94 Anna Seghers: Abschied vom Heinrich-Heine-Klub (1946) 437
95 Herbert Eulenberg: Heine als Erzieher (1946) 439
96 Rudolf Pechel: Heinrich Heine (1946) 444
97 Otto Flake: Heinrich Heine (1947) 449
98 Herbert Roch: Heinrich Heine (1947) 455
99 Walter Muschg: „Sein hundertzüngiges Zerschwatzen alles Großen“ (1948) 459
100 Hannah Arendt: Heinrich Heine: Schlemihl und Traumweltherrscher (1948) 461
101 Paul Rilla: Heinrich Heine – heute (1950) 465
102 Walther Victor: Heine. Ein Lesebuch für unsere Zeit (1950) 470
103 Hans Mayer: Anmerkung zu einem Gedicht von Heinrich Heine (1951) 474
104 Friedrich Sieburg: Heinrich Heine (1952) 480
105 Heinz Kamnitzer: Heinrich Heine und Deutschland (1954) 482
106 Werner Steinberg: Der Tag ist in die Nacht verliebt (1955) 488
107 Hermann Kesten: Heinrich Heine. Zum 100. Todestag des Dichters (1956) 494
108 ZK der SED: Der deutsche Dichter Heinrich Heine (1956) 497
109 Dolf Sternberger: Zwischen Hoffnung und Furcht schwankte sein Herz (1956) 500
110 Bulletin der Bundesregierung: Heinrich Heine – der Klassiker des Ärgernisses (1956) 504
111 Kasimir Edschmid: Heinrich Heine (1956) 508
112 Carlo Schmid: „Denk’ ich an Deutschland in der Nacht“ (1956) 511
113 Hans Harder Biermann-Ratjen: Heine nach 100 Jahren (1956) 519
114 Stephan Hermlin: Über Heine (1956) 524
115 Willy Haas: Eitel, verspielt, launenhaft und ungerecht und dennoch ein Genie (1956) 530
116 Theodor W. Adorno: Die Wunde Heine (1956) 533
117 Hans Kaufmann: Deutschland – Ein Wintermärchen (1956) 536
118 Wolfgang Harich: Heinrich Heine und das Schulgeheimnis der deutschen Philosophie (1956) 543
119 Johannes R. Becher: Tod eines Dichters „Ich bin das Schwert, / Ich bin die Flamme!“ (1956) 548
120 Wilhelm Emanuel Süskind: Heinrich Heine nach hundert Jahren (1956) 550
121 Walter Höllerer: Heine als ein Beginn (1956) 555
122 Mascha Kaléko: Deutschland, ein Kindermärchen (1956) 561
123 Helmut Holtzhauer: Zur Säkularausgabe von Heines Werken, Briefwechsel und Lebenszeugnissen (1956) . 563
124 Golo Mann: Über Heines Gedichte (1956) 566
C. Kommentar 571
D. Anhang 665
I. Zeittafel 667
II. Bibliographie 673
III. Abbildungsverzeichnis 695
IV. Register 697
1. Register der Werke Heines 697
2. Personenregister 705
3. Sachregister 723
Vorwort
Der erste Band dieser Dokumentation Heine und die Nachwelt behandelte die Wirkungsgeschichte
des Dichters und seiner Werke von seinem Tod 1856 bis 1906. Der
vorliegende zweite Band umfasst das folgende halbe Jahrhundert: 1907-1956. In diesem
Zeitraum erfuhren Deutschland und Österreich die größten Umwälzungen in
ihrer neueren Geschichte: Der Erste Weltkrieg 1914-1918 brachte das Ende der Monarchien;
die Versuche einer Demokratie in der Weimarer und in der „Ersten“ Republik
endeten durch die Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 und den
„Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich 1938. Nach dem Ende der nationalsozialistischen
Diktatur und des Zweiten Weltkriegs 1945 sowie nach den Besatzungsjahren
folgte 1949 die Gründung der Bundesrepublik Deutschland und der
Deutschen Demokratischen Republik sowie 1955 der Zweiten Republik Österreich.
Diese tiefen politischen Einschnitte hatten auch erhebliche Auswirkungen auf den
Umgang mit Heine: Gravierender als der Erste Weltkrieg sind die mit den Jahreszahlen
1933, 1945 und 1949 markierten Zäsuren und die daraus folgenden Entwicklungen.
Sie bilden daher auch die Einschnitte für die Kapitel der Darstellung des Streits
um Heine im Zeitraum 1907–1956.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts schien das Werk Heines trotz aller Widerstände
auf dem Weg, in der Geschichte der deutschen Nationalliteratur seinen festen
Platz einzunehmen, wenn ihm auch nur selten ein Rang unter den bedeutendsten
Autoren seines Jahrhunderts eingeräumt wurde. Die Lyrik, vor allem nach wie vor
das Buch der Lieder, war in vielen Gesellschaftsschichten beliebt, und auch der Prosaschreiber
wurde von Journalisten, deren Bedeutung im Kulturleben rasch zunahm,
als Vorbild geschätzt. Die meisten der überwiegend konservativen Literarhistoriker
und Literaturkritiker hatten zwar nach wie vor größere Vorbehalte gegen Heine; aber
sie ließen ihn doch gelten und behandelten ihn auch in ihren Lehrveranstaltungen,
so dass die Zahl der wissenschaftlichen Beiträge und der Dissertationen über ihn
deutlich zunahm. Die Opposition gegen Heine ging weiterhin von Nationalisten
und Antisemiten aus. Allerdings war sein Ansehen auch bei einem Teil der modernen
Schriftsteller um die Jahrhundertwende – George, Hofmannsthal und ihren Anhängern
– nur gering; sie hielten Distanz zu Heines Schreibweise, schätzten formales
Geschick und gefällig formulierte Ideen mehr als politisches Engagement, Witz
oder sprachliche Experimente. Für die politischen Literaten und das aufblühende
Kabarett dieser Zeit hingegen avancierte Heine zu einer Leitfigur.
Bereits wenige Jahre nach Beginn des hier dokumentierten Zeitraums traten zwei
Linien der Heine-Rezeption in den Vordergrund, die bis dahin eher am Rande verlaufen
waren: Einerseits übte man – wortmächtig und mit polemischem Intellekt
vorgetragen namentlich von Karl Kraus – ästhetische Kritik an Heines Schreibart
und an der beliebigen, vom Journalismus ins Extrem getriebenen Verfügbarkeit von
Sprache; andererseits feierte man – am eindringlichsten formuliert von Franz Meh6
ring – den politischen Vorkämpfer der Freiheit und sozialen Gerechtigkeit, den engagierten,
„sozialistischen“ Schriftsteller. Kraus war von Beginn an für die Anhänger
eines elitären, nahezu ausschließlich an Goethe orientierten Literaturbegriffs eine
oft beschworene Autorität (und wurde auch gern von politischen und gelegentlich
sogar von antisemitischen Heine-Gegnern zitiert); Mehring hingegen erwies sich als
Urvater eines immer breiteren Stromes an sozialistischer und später marxistischer
Heine-Verehrung.
Die alten und neuen Anhänger und Gegner Heines erhielten durch die politischen
Umbrüche in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts unterschiedliche Wirkungsmöglichkeiten:
Heine-Gegner entwickelten sich phasenweise zu brutalen Widersachern,
die den Dichter und sein Werk „ausrotten“ wollten, während ein Teil
seiner Anhänger ihn zur Identifikationsfigur und zum Gegenstand kritik- und vorbehaltloser
Verehrung erhob. Politiker beider Lager hatten eine Zeitlang die Macht,
ihre Ansichten zur Staatsdoktrin zu erheben: 1933 bis 1945 dominierte in Deutschland
die Methode der „Ausrottung“, nach 1949 wurde Heine in der DDR zum gefeierten
„Nationalautor“. In der Bundesrepublik versuchten indessen Demokraten,
das Werk des Autors zwischen Verdrängung und politischer Vereinnahmung neu
zu lesen.
Wie der Untertitel ankündigt, konzentriert sich diese auf drei Bände angelegte
Geschichte von Heines Wirkung auf die deutschsprachigen Länder, was im Vorwort
zum ersten Band (S. 6) so begründet wurde: „Es geht bei der Beschäftigung mit Heine
weltweit in erster Linie – und fast ausschließlich – um den Dichter und seine Bedeutung,
in Deutschland und Österreich hingegen von Beginn an immer auch und
nicht selten primär um allgemeine literarische, kultur- und gesellschaftspolitische
Fragen. […]. Nationalismus und Antisemitismus [werden] zu Kernzonen der Heinekritik,
die Rolle dieser Denkweisen zeigt sich im Umgang mit Heine, und dieser
Umgang selbst wird zum Symptom von deren Umfang und Grad.“ Gerade die genannten
Schwerpunkte der Auseinandersetzung mit Heine zwangen dazu, für einen
zentralen Zeitraum des vorliegenden Bandes die Beschränkung auf die „deutschsprachigen
Länder“ aufzuheben: In der Zeit des Nationalsozialismus beschäftigten
sich aus Deutschland und Österreich stammende Schriftsteller, Kritiker und Wissenschaftler
mit Heine weitgehend im Ausland – in jenen Ländern, in die sie vertrieben
worden und emigriert waren.
Diese unterschiedlichen, hier nur knapp skizzierten politischen und literarischen
Entwicklungen bewirken, dass die Geschichte der Heine-Rezeption im Zeitraum
1907-1956 ein spannendes Kapitel der deutschen Literatur-, Kultur- und Mentalitätsgeschichte
darstellt, das in der einleitenden Darstellung möglichst umfassend und
abwägend kontextualisiert und analysiert wird. Dazu werden Texte und Textauszüge
dieses Bandes herangezogen sowie zahlreiche weitere in der Bibliographie verzeichnete
Beiträge und darüber hinaus auch Wirkungszeugnisse, die wegen ihres Charakters
(Abbildungen, Distributionsform, Vertonungen) nicht in den Dokumentationsteil
aufgenommen werden konnten.
Die in diesem Band abgedruckten 126 Texte stammen nicht nur von prominenten
Autoren, sondern auch von weniger bekannten Publizisten und Journalisten;
dadurch können auch der alltägliche Umgang und die ideologisch sowie politisch
motivierte Auseinandersetzung mit Heine deutlicher gezeigt werden. So liegt der
Schwerpunkt, wie bereits im vorangegangenen Band, nicht auf der im engeren Sinne
wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Dichter, sondern auf öffentlichkeitswirksamen,
vor allem in Zeitungen und Zeitschriften publizierten Beiträgen. Die Spannweite
der Textsorten reicht von Essays, Feuilletons, Rezensionen, Aufrufen und Festreden
über Gedichte, Parodien, Erzählungen und kabarettistische Texte bis hin zu
Anekdoten, Autobiographien, Pamphleten, Vor- und Nachworten zu Werkausgaben,
philosophischen, literar- und kulturhistorischen Schriften. Eine größere Zahl
dieser Texte ist seit ihrem Erscheinen nicht neu gedruckt worden, einige waren bisher
nicht einmal bibliographisch erfasst.
Für die Behandlung der Texte gilt wie im ersten Band: Sie werden nach den
Erstdrucken wiedergegeben, bis auf wenige begründete Ausnahmen, etwa wenn die
Rechteinhaber nur einen späteren Druck zur Veröffentlichung freigaben (in diesen
Fällen wurden signifikante Abweichungen vom Erstdruck verzeichnet). Die Anordnung
der Texte folgt im allgemeinen der Chronologie der Erstveröffentlichungen.
Davon wurde nur in wenigen Fällen abgewichen, außer bei den nicht freigegebenen
Erstdrucken vor allem bei Reden und Vorträgen, öffentlich vorgetragenen Gedichten
oder kabarettistischen Beiträgen. Die Texte werden nach Möglichkeit vollständig
abgedruckt. Bei Heine-Kapiteln in Literaturgeschichten, Büchern, Reden und
anderen umfangreichen Texten waren Kürzungen unvermeidlich; sie wurden so vorgenommen,
dass der jeweilige Grundtenor deutlich wurde. Die Stellenkommentare
enthalten Informationen über Erscheinungsort und Verfasser, Zitatnachweise,
Wort- und Begriffserklärungen, die das Verständnis der Texte erleichtern sollen.
Das Buch ist ein Gemeinschaftswerk der beiden Herausgeber. Im Darstellungsteil
hat Dietmar Goltschnigg die Zeit bis 1933 behandelt, Hartmut Steinecke den folgenden
Zeitraum.
Wir danken dem Heinrich-Heine-Institut Düsseldorf und dem Deutschen Literaturarchiv
Marbach am Neckar für die vielfältigen Hilfen bei den Recherchearbeiten.
Unser Dank gilt auch den Universitätsbibliotheken Graz und Paderborn für die
Erledigung zahlreicher Fernleihbestellungen. Für die Erstellung der Druckvorlagen
und der Register sowie für die Mitarbeit bei den Korrekturen danken wir Charlotte
Grollegg-Edler, Walter Olma, Inge Riedel, Evelyn Schalk und Fritz Wahrenburg.
Für die Schaffung produktiver Arbeitsbedingungen und die Gewährung großzügiger
Druckkostenzuschüsse gilt unser Dank dem Rektorat der Karl-Franzens-Universität
Graz, der Alexander von Humboldt-Stiftung (Bonn) sowie der Kunststiftung
des Landes Nordrhein-Westfalen.
Graz, Paderborn, 17. Februar 2008 Dietmar Goltschnigg, Hartmut Steinecke
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