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Religionen der Welt
Religionen der Welt




Christoph Auffarth, Jutta Bernard, Hubert Mohr (Hrsg.)

Verlag J. B. Metzler
EAN: 9783476021397 (ISBN: 3-476-02139-4)
328 Seiten, paperback, 12 x 19cm, März, 2006, 21s/w. Abb.

EUR 12,95
alle Angaben ohne Gewähr

Umschlagtext
Von den Afroamerikanischen Religionen über Christentum, Islam bis zum Zen-Buddhismus - 120 Einträge vermitteln das Wissen über die Religionen der Welt. Der Kompakt-Band öffnet zugleich einen leichten Zugang zur Vielfalt der Traditionen. Damit man Religionen und Religiosität besser versteht.
Rezension
Die "Metzler kompakt"-Lexika bieten dem Verlag wie dem Leser gleichermaßen großen Nutzen; sie basieren auf einem voluminöseren Lexikon des Verlags (wie hier dem ca. 2400-seitigen "Metzler Lexikon Religion: Gegenwart - Alltag - Medien"), aus dem ausgewählte Artikel übernommen werden (hier ca. 120 statt 600 Artikel). Dem Verlag gelingt damit ein Angebot desselben Materials in einem anderen Preis-Segment, der Leser kann in kostengünstiger Form auf qualitativ hochwertige Lexikon-Beiträge in Tasachenbuch-Format zurückgreifen (je 12,95 pro Band bei ca. 300 S.). - Die Vorzüge des großen Metzler Lexikon Religion gelten -mit den inhaltlichen Abstrichen - auch für dieses Kompaktlexikon "Religionen der Welt": klar religionswissenschaftlich ausgerichtet, also weder theologisch noch christlich noch gar kirchlich verengt in der Wahrnehmung, aktuell um die ganze Bandbreite von Religion(en) und Religiosität bemüht (z.B. ein Artikel zu TV-Church), präzis formuliert und kompetent verfasst und mit hilfreifer weiterführender Lit. versehen.

Jens Walter, lehrerbibliothek.de
Verlagsinfo
120 Stichworte
Weltreligionen und Glaubensgemeinschaften im Porträt
Mit rund 15 Abbildungen

basiert als Kompakt-Fassung auf:
Christoph Auffarth/Jutta Bernard/Hubert Mohr (Hrsg.)
Metzler Lexikon Religion
Gegenwart - Alltag - Medien
Unter Mitarbeit von Agnes Imhof und Silvia Kurre
2376 S., zahlr. s/w- u. Farb-Abb., 72 farb. Seiten, Kartoniert, Sonderausgabe. 4 Bände im Grauschuber
Preis: EUR 99,95 / CHF 154,00
ISBN: 3-476-02070-3
Erschienen am: 04.02.2005
Verlag J.B. Metzler
Preisvorteil: Vorher Euro 369,90 jetzt nur Euro 99,95
Rund 600 Stichworte
Zu den Weltreligionen, populären und ethnischen Religionsformen, historischen und neuen Glaubensgemeinschaften
Für Schule und Hochschule, für Gläubige und Atheisten

Die Herausgeber: Christoph Auffarth veröffentlichte zur Antike und zur europäischen Religionsgeschichte; Jutta Bernard arbeitete zur Bedeutung der Religion im Fernsehen; Hubert Mohr veröffentlichte Arbeiten zur Wahrnehmung von Religion, zum Hexenmuster und der Verarbeitung religiöser Themen in den neuen Medien.

Pressestimmen:
Bei den Religionen der Welt werden nicht nur die großen Weltreligionen abgehandelt, sondern auch deren zahlreiche Unterformen sowie historische wie auch neuere spiritistische Richtungen - sehr interessant! Wie heißt es bei Metzler so richtig: Für Schule, Studium oder einfach zum Stöbern... der-neue-merker.at



Inhaltsverzeichnis
120 Artikel von A - Z


Leseprobe:

Scientology

1. Lafayette Ron Hubbard (1911-1984), in den 40er Jahren als Schriftsteller tätig, veröffentlichte 1950 in den USA einen Bestseller mit dem Titel Dianetics. The Modern Science of Mental Health, in dem er ein Modell zur Analyse und Behebung psychischer Leiden niederlegte, das bis heute Bestandteil von Scientology ist.
Dianetik leitet sich nach Bekunden von Scientology (etymologisch inkorrekt) von den griechischen Wörtern dia (»durch«) und nous (»Seele«) ab. Ziel der Dianetik ist es, geistige Eindrucksbilder, sogenannte Engramme, aufzufinden und zu beseitigen. Die Engramme entstehen durch negative Erlebnisse, die im reaktiven Verstand gespeichert werden. In Situationen, die mit den Empfindungen eines Engramms in Verbindung gebracht werden können, wird auch das ursprüngliche abwehrende Verhaltensmuster wieder aktiviert. Dieser Mechanismus ist nach Hubbard verantwortlich für körperliche Fehlfunktionen und die Beeinträchtigung der menschlichen Psyche. Sind alle Engramme gelöscht, befindet sich der Mensch im Zustand des clear. Dann existiert auch der reaktive Verstand nicht mehr. Angeleitet durch den analytischen Verstand, der selbst nicht in der Lage ist, mit den Konsequenzen der Engramme umzugehen, kann der Mensch in seinen Handlungen dem allem Leben zugrundeliegenden »Befehl: Überlebe!« folgen. Er ist gesund und erfolgreich, weil er seine Fähigkeiten optimal nutzen kann.
Das Löschen der Engramme wird durch das Auditing ermöglicht. Anhand gezielter Fragen spürt ein Auditor (beides abgeleitet von lat. audire, »zuhören«) die Engramme auf, die dann durch die bewußte Erinnerung an die dem Engramm zugrundeliegenden Geschehnisse gelöscht werden. Wichtiges Hilfsmittel ist das von Hubbard entwickelte »Elektropsychometer« (E-Me-ter), das dem Auditor die Existenz von Engrammen anzeigt.
Scientology, abgeleitet vom lateinischen scio/scientia und dem griechischen logos, wird intern als »Wissen, wie man weiß« verstanden. Es stellt eine Erweiterung des Dianetik-Modells um eine spirituelle Komponente dar. Der Mensch ist nicht mehr nur Körper und Verstand, sondern ein geistiges Wesen (»Thetan«, vom griechischen Buchstaben theta). Ein Thetan benutzt Körper und Verstand als Bindeglied zum physikalischen Universum mit dem Ziel, sein eigenes Universum, bestehend aus Materie, Energie, Raum und Zeit (engl. MEST) zu schaffen und zu kontrollieren. Ein Thetan ist unsterblich. Mit dem Tod eines Menschen verläßt er seinen Körper, mit der Geburt eines neuen Menschen zieht er in diesen ein. Indem der Thetan einen immer optimaler arbeitenden menschlichen Körper und Verstand ohne Engramme benutzen kann, entwickelt er seine zunehmende geistige Freiheit im MEST-Universum und wird zum »Operierenden Thetan« (OT).
2. Im Rahmen von Scientology wurden auch die den »Befehl: Überlebe!« konstituierenden Teilaspekte (Dynamiken) erweitert. Den vier Dynamiken im Dianetik-Konzept (Selbst, Fortpflanzung, Gruppe, Menschheit), wurden vier weitere (gesamtes Leben, materielles Universum, spirituelle Wesen, Unendlichkeit) hinzugefügt. Der Drang zum Überleben in der achten Dynamik (Unendlichkeit) markiert die Schnittstelle zu einem in den Scientology-Texten nicht weiter erläuterten Göttlichen; die achte Dynamik wird auch als Höchstes Wesen bezeichnet. Im Rahmen seiner geistigen Entwicklung muß der Mensch bzw. der Thetan in allen Dynamiken Fortschritte erzielen.
Der Weg zur geistigen Freiheit wird als »Brücke« bezeichnet und soll durch zahlreiche, aufeinander aufbauende und sich ergänzende Kurse beschritten werden. Von ihrer Struktur her ähnelt die Brücke okkulten Einweihungssystemen. Der Weg auf der Brücke kann entweder durch die reine Nutzung der entsprechenden Kurse oder durch die begleitende Ausbildung zum Auditor begangen werden. Während erste Möglichkeit mit hohen Kosten verbunden ist, erfolgt durch die Ausbildung eine stärkere Integration in Scientology. Dann kommt auch deutlicher zum Tragen, daß die Lehren von Scientology in eine rigide Ethik eingebettet sind, in der all diejenigen Handlungen für gut erklärt sind, die als »konstruktive Überlebenshandlung« der Entwicklung des einzelnen Scientologen oder der eigenen Gruppe dienlich sind. Böse ist entsprechend alles, was für Scientology schädlich ist. Kritiker innerhalb der eigenen Reihen oder von außerhalb werden deshalb als »unterdrückerische Personen« oder »antisoziale Persönlichkeiten« bezeichnet, die zu bekämpfen sind.
Der Alltag von Scientologen ist durch die Absolvierung der Kurse und durch Arbeiten in den Organisationen bestimmt. Höhere Stufen der »Brücke« können nur in ausgesuchten Kirchen begangen werden. Der zeitliche Aufwand ist groß, so daß soziale Beziehungen zu Nicht-Scientologen kaum möglich sind. Hubbard hat Ordnungen für das Feiern von Namensgebung, Hochzeit und Tod festgelegt. In welchem Maß solche Feiern durchgeführt werden, ist unklar. Der wöchentliche Sunday-Service findet nicht in allen Kirchen statt. Für andere Feiertage hingegen wie den Geburtstag Hubbards oder den Jahrestag der Veröffentlichung der Dianetik gibt es kein festgelegtes Zeremoniell; sie haben eher säkularen Event-Charakter.
3. a) Die Entwicklung von Scientology kann zum großen Teil als Reaktion auf äußere Einflüsse erklärt werden. Ursprünglich wollte Hubbard die Psychologie seiner Zeit reformieren. Als der Berufsstand seine Dianetik ablehnte und der Zustrom zu den entstandenen Dianetik-Selbsthilfegruppen schwand, ging die von Hubbard gegründete Stiftung 1952 in Konkurs und er verlor die Verwertungsrechte an seiner Dianetik. Daraufhin erweiterte er Dianetik zu Scientology. 1953 wurde die erste Kirche gegründet. In den 60er Jahren kam es zur Gründung von Narconon, einer Organisation zur Drogenbekämpfung und -rehabilitation, und der Citizens Com-mission for Human Rights (CCHR, deutsch: KVPM), durch die Mißbräuche der herkömmlichen Psychiatrie aufgedeckt werden sollen. Beide Organisationen pflegen das Feindbild der Medi-kamentenpsychiatrie. Ab Ende der 70er Jahre erfolgte der Umbau von Sciento-logy zum universalen Dienstleistungsanbieter. Die bereits entwickelten Prinzipien der Wahrnehmung von Wirklichkeit und der Kommunikation sowie die Leitungsstrukturen der eigenen Organisationen wurden auf die Bereiche Wirtschaft, Bildung und Erziehung ausgeweitet. Mit speziellen Organisationen für Personen des öffentlichen Lebens (Celebrity Centers) sollte die Glaubwürdigkeit populärer Mitglieder benutzt werden, um das seit den 60er Jahren entstandene negative Bild in der Öffentlichkeit zu korrigieren. Seit 1982 liegt die Leitung von Scientology beim Reli-gious Technology Center (RTC) in Los Angeles, das die Materialien von Scientology verwaltet und an die jeweiligen Organisationen und Kunden im Lizenzverfahren vergibt.
b) Im Selbstbild von Scientology hingegen ist die Geschichte seit 1950 das Ergebnis fortschreitender Erkenntnis über die universale Gültigkeit der eigenen Prinzipien. Mit dem Ziel, »eine Welt ohne Krieg und Gewalt« zu schaffen, »in der Fähige Rechte haben und zu geistigen Höhen aufsteigen können«, sieht man sich in der Tradition der großen Erlösungsreligionen. Das Wissen dieser Religionen sei in Scientology aufgehoben und um neue Erkenntnisse ergänzt worden. Um Hubbard rankt sich aber kein Personenkult. Er gilt als Stifter von Scientology und als großer Forscher und Philosoph.
c) Um den Religionscharakter von Scientology gibt es bis heute Konflikte. Gilt den einen das Auditing als eine der Beichte vergleichbare religiöse Handlung, wird sie von Kritikern als Psycho-manipulation (>Gehirnwäsche<) angesehen. Der Perspektive des Finanzierungsbedarfs von Religionen steht das Bild einer allein auf Profit ausgerichteten Organisation gegenüber. Die rechtliche Anerkennung als Religionsgemeinschaft ist weltweit nicht einheitlich und immer wieder Gegenstand von Gerichtsverfahren. In den USA erfolgte 1993 die Anerkennung als Religionsgemeinschaft durch die de facto hierfür zuständigen Steuerbehörden. Der Entscheidung ging ein jahrelanger Streit voraus; über politische Einflußnahmen wird spekuliert. In Deutschland entschied das Bundesarbeitsgericht hingegen 1995, daß Scientology - zumindest arbeitsrechtlich - wie ein Unternehmen zu behandeln sei. Eine definitive Klärung steht aber noch aus. Die Einschätzungen zum Religionscharakter von Scientology hängen immer auch mit den Traditionen in den jeweiligen Ländern und nicht zuletzt mit der öffentlichen Debatte um alternative Religiosität zusammen. Scientology gilt in Deutschland als Prototyp gefährlicher »Sekten«, die nur deshalb vorgeben, Religionen zu sein, um die damit verbundenen rechtlichen und finanziellen Vorteile in Anspruch nehmen zu können. So kam es hier auch zur Beobachtung von Scientology durch den Verfassungsschutz, womit die Einordnung als verfassungsfeindliche »neue Form des politischen Extremismus« einherging.
Vorbehaltlich weiterer notwendiger Forschung sind religiöse oder spirituelle Bezüge im eingangs beschriebenen Kernbereich, organisiert über die Scientology Kirchen, durchaus festzustellen. Unabhängig davon entzündet sich die Kritik an Scientology an hierarchischen Führungsstrukturen, an der starken Kontrolle der Mitglieder und an Handlungen einzelner Scientologen, die sich teilweise im Grenzbereich des rechtlich Zulässigen befinden. Unbewiesen ist aber bis heute der Vorwurf, Scientology strebe einer mafiaartigen Organisation gleich die Weltherrschaft an und unterwandere systematisch Politik und Wirtschaft.
Seit mehreren Jahren gibt Scientology die weltweite Zahl ihrer Mitglieder mit 8 Millionen an. In Deutschland, wo 1970 die erste Kirche entstand, wird immer wieder die Zahl 30.000 genannt. Nach realistischen Schätzungen etwa von REMID, die 1999 vom Verfassungsschutz Nordrhein-Westfalen bestätigt wurden, kann mit 7.000 Mitgliedern gerechnet werden.

Literatur: Quellen: HUBBARD, L. Ron: Dianetik. Der Leitfaden für den menschlichen Verstand, Kopenhagen 1989; NEW ERA PUBLICATIONS INTERNATIONAL (Hg.): Was ist Scientology?, Kopenhagen 1993.
Sekundärliteratur: DÖNZ, Michael: Im Netz von Scientology verstrickt... und wie es mir gelang, mich zu befreien, Frankfurt/M. 1994; EVANS, Christopher: Kulte des Irrationalen. Sekten, Schwindler, Seelenfänger, Reinbek 1977; INNENMINISTERIUM DES LANDES NORDRHEIN-WESTFALEN (Hg.): Abschlußbericht der Arbeitsgruppe SC der Verfassungsschutzbehörden: Zur Frage der Beobachtung der Scientology-Organisa-tion durch die Verfassungsschutzbehörden, Düsseldorf o. J. [1997]; KÖPF, Peter: Stichwort Scientology, München 1995; THIEDE, Werner: Scientology -Religion oder Geistesmagie (Apologetische Themen 1), Konstanz 1992.
Steffen Rink