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Kolleg Praktische Philosophie. Band 1: Ethik zwischen Kultur- und Naturwissenschaft
Kolleg Praktische Philosophie. Band 1: Ethik zwischen Kultur- und Naturwissenschaft




Franz Josef Wetz (Hrsg.)

Reclam Stuttgart
EAN: 9783150185506 (ISBN: 3-15-018550-5)
299 Seiten, paperback, 10 x 15cm, 2008

EUR 7,80
alle Angaben ohne Gewähr

Umschlagtext
Praktische Philosophie gibt Antworten auf die Frage, wie wir leben und handeln sollen. In diesem auf vier Bände angelegten Kolleg antworten namhafte Autoren aus Ethik, Politischer Philosophie, Sozial-, Rechtsund Kulturphilosophie auf die Herausforderungen unserer Zeit. Für diese sind eine ungebändigte Gobalisierung, soziale und ökologische Probleme, neue Möglichkeiten der Gen-, Neuro-und Medizintechnik sowie eine Allpräsenz der Medien und Naturwissenschaften charakteristisch.



Der erste Band der Reihe konzentriert sich auf die aktuelle Kontroverse, ob für Ethik und Kultur eher die Naturwissenschaften oder die Kulturwissenschaften zuständig sind.
Rezension
Die auf vier Bände angelegte Reihe "Kolleg Praktische Philosophie" behandelt aktuelle ethische Probleme säkularisierter Gesellschaften und sucht nach Antworten auf die Fragen, wie zu leben und zu handeln ist angesichts der Probleme der Gegenwart wie die Globalisierung der Märkte, die Allpräsenz der Medien, die ökologische Grenzen oder neue Möglichkeiten der Gen-, Neuro- und Medizintechnik. - Dieser erste Band der Reihe konzentriert sich auf die aktuelle Kontroverse, ob für Ethik und Kultur eher die Naturwissenschaften oder die Kulturwissenschaften zuständig sind. Dazu wird nach Grundlegendem gefragt wie dem Verhältnis von Natur und Kultur, dem Bösen, dem Hedonismus oder dem Verhältnis von Kulturbejahung und Kulturverneinung.

Oliver Neumann, lehrerbibliothek.de
Verlagsinfo
In der auf vier Bände angelegten Reihe Kolleg Praktische Philosophie werden von namhaften Autoren aktuelle Probleme in den jeweiligen kulturellen Kontexten, vor allem aber vor dem Hintergrund säkularisierter Gesellschaften beleuchtet. Die Reihe versucht Antworten zu geben auf die Frage, wie wir leben und handeln sollen. Dabei geht es vor allem um Ethik, aber auch um Politische Philosophie, Sozial- und Rechts- sowie Geschichts- und Kulturphilosophie, in unserer Gegenwart also um Probleme wie die Globalisierung der Märkte, die Allpräsenz der Medien, die ökologische Grenzen oder neue Möglichkeiten der Gen-, Neuro- und Medizintechnik.

Bd. 1: Ethik zwischen Kultur- und Naturwissenschaft
Der erste Band konzentriert sich auf die Anwendung naturwissenschaftlicher Prinzipien auf Gebiete der Ethik und Kultur – bis hin zur Kulturwissenschaft selbst.
Inhaltsverzeichnis
Zu dieser Reihe
Von Franz Josef Wetz und Volker Steenblock

Einleitung zu Band 1: Ethik zwischen Kultur­ und Naturwissenschaft
Von Franz Josef Wetz


I. Naturalisierung des Geistes

Die Naturalisierung von Ich und Selbst
Von Bettina Walde

1. Ich, Selbst und Willensfreiheit als Illusionen
2. Historische und zeitgenössische Ich­ und Selbst­Konzepte
3. Die Naturalisierung von Ich und Selbst – Physikalismus oder Epiphänomenalismus?
4. Ethische und praktische Folgen der veränderten Sichtweise auf Ich und Selbst
5. Literaturhinweise


II. Naturalisierung der Ethik

Das Böse – Eine Theoriegeschichte
Von Friedrich Hermanni

1. Einführung
2. Das Böse als Beraubung des Guten
3. Das Böse als Irreales
4. Das Böse als eine dem Guten widerstreitende Realität
5. Das Böse als einzige Realität (Schopenhauer)
6. Entmoralisierung und Ästhetisierung des Bösen
7. Literaturhinweise

Die Entzauberung des Bösen
Von Michael Schmidt­-Salomon und Eckart Voland

1. Einleitung
2. Die Konstruktion des Bösen
3. Die naturalistische Dekonstruktion des Bösen
4. Schlussfolgerungen: Jenseits von Gut und Böse – Die Prinzipien einer naturalistischen Ethik
5. Literaturhinweise

Der Turm von Hanoi – Evolutionäre Ethik
Von Gerhard Vollmer

1. Was wollen wir unter Naturalismus verstehen?
2. Ist jede evolutionäre Ethik naturalistisch?
3. Der Turm von Hanoi
4. Was tun wir sowieso?
5. Was verlangt die Ethik zusätzlich von uns?
6. Der soziale Mesokosmos
7. Können wir den sozialen Mesokosmos verlassen? Die Hindernisse
8. Wie machen wir das?
9. Literaturhinweise

Hedonismus – Eine naturalistische Ethik
Von Bernulf Kanitscheider

1. Naturalismus als Orientierung des Alltagsverstandes
2. Hermeneutik als antinaturalistische Ideologie
3. Freiheit im neurobiologischen Kontext
4. Normen, Werte und der naturalistische Fehlschluss
5. Das Lust­-Axiom
6. Die Universalisierbarkeit des Hedonismus
7. Literaturhinweise

III. Naturalisierung der Kultur

Die Naturalisierung der Kultur – Ein vollendbares Projekt?
Von Franz Josef Wetz

1. Einführung
2. Meilensteine in der Geschichte des Naturalismus
3. Kulturphilosophischer Antinaturalismus
4. Naturalisierung der Kultur
5. Beschränkungen eines schrankenlosen Naturalismus
6. Literaturhinweise


IV. Kulturalisierung der Kultur

Kulturelle Arbeit – Zur anthropologischen Notwendigkeit und Schwierigkeit humaner Sinnstiftung
Von Volker Steenblock

1. Einführung
2. Natur und Kultur
3. Kulturelle Arbeit als notwendiger Bildungsprozess
4. Fortentwicklungen und Komplikationsstufen der »kulturellen Arbeit«
5. Ohne Sicherheitsnetz: Zur Sichtweise der kulturellen Arbeit in der Gegenwart
6. Kulturelle Arbeit und Kulturformen – Abschließende Bemerkungen
7. Literaturhinweise

Kulturbejahung und Kulturverneinung
Von Birgit Recki

1.Was ist Kultur und wieso ist sie ein Gegenstand der Praktischen Philosophie?
2. Kulturbejahung und Kulturverneinung: Ein erster Zugang
3. Prometheus oder Die göttlichen Ergänzungen
4. Radikale Kulturkritik oder Der gebrannte Prometheus
5. Grundlegung mit Kant: Kultur als Ort der Freiheit
6. Der Gipfel der Entfremdung: Kultur als Tragödie
7. Nicht so tragisch oder Das Ethos der Freiheit
8. Beschluss
9. Literaturhinweise


Leseprobe

Zu dieser Reihe
Von Franz Josef Wetz und Volker Steenblock

Was ist Praktische Philosophie? Antworten zu finden auf die Frage, wie wir leben und handeln sollen, sind Gegenstand und Aufgabe der "Praktischen Philosophie". Dieser Oberbegriff umfasst vor allem die Ethik, aber auch Politische Philosophie, Sozial­ und Rechtsphilosophie sowie in einem weiteren Sinne Geschichts­ und Kulturphilosophie.

Warum Praktische Philosophie in der Gegenwart? Alle Praktische Philosophie reagiert auf Herausforderungen ihrer Zeit. Gerade gegenwärtig ist in den Gesellschaften des Westens ebenso wie in anderen Ländern eine Umbruchsituation festzustellen, wie es sie vielleicht noch nie gab. Wichtige Problemfelder – Menschenrechte, Kriege, Zusammenstöße einander fremder Glaubens­ und Lebensformen, Globalisierung der Märkte, Allpräsenz der Medien in der "Informations­" und "Wissensgesellschaft", ökologische Grenzen der Menschheitsexistenz, neue Möglichkeiten der Gen­, Neuro­ und Medizintechnik, aber auch die Debatten um eine Naturalisierung des Geistes, der Ethik und der Kultur in den Wissenschaften und in der Philosophie – werfen Fragen von nie gekannter Tragweite auf. Zusätzlich geraten viele Bereiche unserer Lebenswelt neu in den Fokus des Interesses wie etwa die allgemeine Ästhetisierung des Alltags in der Konsumgesellschaft oder Pop, Drogen, Sport und Sex – die Events der Jungen und Alten mit ihrer ruhelosen Suche nach immer neuen Reizen, körperlichen "Kicks" und "Thrills". Auch unser Körper spielt in der Gegenwartskultur eine immer größere Rolle: Gesundheitswahn, Leibeskult, Sportversessenheit, Abenteuerlust und Sexsucht zeigen diesen Boom als neue Formen von Sinngebungsversuchen.
In solchen Umbruchzeiten scheint die Orientierungskraft institutionalisierter Sittensysteme in Zweifel gezogen zu sein. Entsprechend verschärft sich der Handlungsdruck und Orientierungsbedarf. Es stellt sich damit die Kant’sche Frage: "Was sollen wir tun?" auf ganz neue Weise; damit zusammenhängend zeigt sich eine stärkere Nachfrage nach philosophischer Reflexion über Werte und Normen.
Die Beiträge der vier Bände leuchten deshalb das gesamte alltagskulturelle Spektrum unter dem Aspekt nötiger Sinn­ und Wertorientierung neu aus. Dabei kommen die Abhandlungen nicht allein aus den Tiefen der Theorie, sondern fußen auch in der Fülle der Anschauung. Sie wollen einen durchaus nachhaltigen Überblick über zahlreiche Kulturfelder bieten, Felder, von denen aus Bezüge zur Praktischen Philosophie deshalb herzustellen sind, eben weil sie ethische Fragen aufwerfen. Das Kolleg bezieht sich demnach nicht nur auf die Breite kultureller Gegenwartsphänomene, sondern umgekehrt gilt auch: Die Praktische Philosophie wird betrachtet in kulturellen Kontexten, vor allem vor dem Hintergrund säkularisierter Gesellschaften, gestalten sich doch die Diskussionsbedingungen zur Ethik gerade in unserer zersplitterten, heterogenen Gegenwart hochkomplex und schwierig.

Warum der besondere Blick auf kulturelle Kontexte? Die Formen und Regelungen des Zusammenlebens, die zunächst vor allem aus verschiedenen religiösen Wurzeln entstanden sind, bilden eine fundamentale Kulturleistung des Menschen. In traditionsgeprägten Gesellschaften bestimmen Normen und Institutionen das Handeln, die weitgehend unhinterfragt Geltung haben. Darüber hinaus wurden einst Lebensdeutung und Lebensorientierung eng miteinander verbunden. Die abendländische Philosophie, die von Platon bis Nietzsche verbindliche Vorstellungen vom allgemeinen Wesen des Menschen entwickelte, verknüpfte stets Aussagen über die allgemeine Wesensnatur des Menschen mit seinem Wesen entsprechenden Aussagen zur Lebensaufgabe und Lebensführung. Daran ließ sich das Verhalten des Einzelnen als der Natur gemäß oder als dieser Natur gegenüber wesenswidrig bestimmen.
In der Moderne haben sich diese Zusammenhänge nach und nach aufgelöst: Die vorherrschenden Menschenbilder unserer Zeit scheinen sich immer stärker naturalistisch oder liberalistisch auszurichten. Auf den ersten Blick scheinen beide Perspektiven miteinander unvereinbar zu sein, wird der Mensch doch von den einen als Produkt subjektloser Naturprozesse im anonymen Spiel blinder Naturkräfte gesehen, von den anderen aber in Fragen der Lebensführung und Wertorientierung gänzlich auf sich selbst gestellt. Bei näherem Hinsehen jedoch stimmen beide Seiten in einem Punkt überein: Es gibt keine metaphysische Wesensnatur des Menschen, aus der sich ableiten ließe, wie der Einzelne zu leben habe. Der Mensch muss sein sorgenvolles Leben selbst führen, seine Existenz selbst deuten und dazu alle Werte setzen, an denen er sich orientieren möchte.
Dieser Ausgangslage möchte das vorliegende Projekt dadurch gerecht werden, dass es sich mit den drängenden Fragen unserer Zeit nicht im Gestus eines letztinstanzlichen Rückgriffs auf ein "höheres" Sinnmodell und geschlossenes Weltbild, sei es mythischer, religiöser oder vernunftmetaphysischer Art, befasst. Allerdings bedeutet ein solcher Ansatz weder, dass von solchen Optionen nicht die Rede sein wird, noch, dass die Konzeption der Reihe "weltanschaulich einseitig" wäre; sie ist vielmehr einem Ethos des Pluralismus und der Diskursivität verpflichtet, will dabei aber immer den Fokus in besonderer Weise auf die Probleme in der zeitgenössischen Gesellschaft richten.
Je weniger überschaubar und geschlossen das gesellschaftliche Ganze ist, desto schwieriger gestalten sich alle Versuche, in einem einheitlichen Wertekanon neuen Halt zu finden. Eine abschließende Klärung und ultimative Lösung von Wertekonflikten scheint in der pluralistischen Gesellschaft mittlerweile immer seltener möglich zu sein. Widersprüche, Gegensätze, auch Konflikte und Kontroversen sowie Ungewissheit und Unsicherheit prägen in nicht geringem Maße den Normalzustand fortgeschrittener Gesellschaften, ein Normalzustand, an den wir uns gewöhnen müssen. Nicht selten fordern sich regelmäßig gegensätzliche Wertevorstellungen argumentativ heraus und zwingen sich wechselseitig zu immer genauerer Stellungnahme und Begründung. Statt in einvernehmliche Lösungen zu münden, gehen derlei politische Wertedebatten nicht selten ins Uferlose, bis sie wegen Erschöpfung aller Beteiligten wenigstens für eine Weile abgelegt oder durch neue offene Fragen verdrängt werden. "Nach der Grundwertediskussion" scheint "vor der Grundwertediskussion" zu sein in einer offenen Gesellschaft ohne einheit_liches Sinnzentrum, ohne eindeutig bestimmbaren religiösen, sittlichen und moralischen Identitätskern in ihrer Mitte, von dem aus sich das menschliche Zusammenleben steuern ließe.
Diese Situation macht bewusst, wie sehr wir in Fragen der Selbstdeutung und Wertgewinnung auf unsere kulturelle Arbeit angewiesen sind. Ausgangspunkt dieses Grundgedankens ist dabei die Vorstellung des Menschen als eines gleichsam "vergänglichen Stücks um sich selbst bekümmerter Natur" in einer um ihn unbekümmerten Welt. Als Inbegriff und zugleich Medium menschlicher Selbstbehauptung erscheint in diesem Zusammenhang die Kultur im weitesten Sinne, zu der außer Religion auch Medizin, Technik, Kunst, Politik, Recht, Ökonomie sowie eben die Praktische Philosophie gehören. Bildhaft formuliert: Natur ist der Zustand, wenn es regnet, Kultur, wenn man einen Regenschirm hat.

Das Ziel der Bände: Ethisch­philosophische Bildung. Ethische Fragen sind in der Gegenwartskultur von und mit Experten zu diskutieren – wie etwa mit den in diesem Band vertretenen, den Angehörigen von Kommissionen, den Mitgliedern eines "deutschen Ethikrats". Diese Fragen sind aber nicht an Experten zu delegieren. Wir alle müssen – jede(r) Einzelne – uns zu ethischen bzw. moralischen Fragen verhalten, uns über Traditionen, Fragestellungen und Antwortversuche ins Bild setzen.
Eine demokratische Gesellschaft braucht dabei gerade auch die Philosophie. Diese klärt die Begriffe, fragt auf die Konsequenzen bestimmter Annahmen hin nach und bezieht die Probleme der Gegenwart ebenso auf die in der Tradition erarbeiteten Gehalte unserer moralischen und weltanschaulichen Überzeugungen wie auf unsere Vernunftkultur. Philosophie bedeutet, sich argumentativ, mit Gründen einzuschalten in die Urteilsbildung und die Ergebnisse dieser eigenen Vergewisserung auch in öffentlicher Meinungsbildung und demokratischer Debatte zur Geltung zu bringen.
Ohne einen Kernbestand gemeinsam bewusster, diskutierter und gelebter Werte kann keine Gesellschaft dauerhaft bestehen. Deshalb muss die angedeutete "leere Mitte" immer wieder von Neuem gefüllt werden – nämlich mit Orientierungen, welche allerdings von uns Menschen selbst zu entwickeln sind. In einer säkularen Gesellschaft lassen sich allgemeinverbindliche Grundwerte nur auf solche Interessen stützen, an denen alle Anteil haben. Darum kann man sagen: Grundwerte und Moralnormen sind allgemeinverbindlich jetzt nur noch intersubjektiv begründbar, und zwar indem wir unsere gemeinsamen Interessen in Aufforderungen zu bestimmten Verhaltensweisen verwandeln. Um sich über solche gemeinsamen Interessen verständigen zu können, müssen alle Möglichkeiten zu argumentativer Auseinandersetzung und ungezwungenem Meinungsaustausch genutzt werden. Denn erst sie ermöglichen ein offenes Gespräch über die Frage, woran wir uns überhaupt orientieren möchten (dieses Gespräch ist übrigens selbst wieder an elementare Voraussetzungen gebunden, bedenkt man nämlich, dass mangelnde Bildung, Hunger oder andere Repressionen von außen die für jedes offene Gespräch notwendige Freiheit, Muße, Aufgeklärtheit und Unerschrockenheit unterbinden können). Für eine solche notwendige Orientierung an den Bildungsorten oder im Selbststudium werden im Folgenden Materialien angeboten. Der Kolleg­Charakter soll die Auseinandersetzung mit Fragen der Praktischen Philosophie in der Kultur der Gegenwart nicht verschulen, aber – vor allem in den Einleitungen zu jedem der vier Einzelbände – einen Lektüre­ und Bildungsgang begründen und vorschlagen, auf den hin die Autoren und ihre Beiträge sich zusammengefunden haben.