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Werte im Ethikunterricht An den Grenzen der Wertneutralität
Werte im Ethikunterricht
An den Grenzen der Wertneutralität




Minkyung Kim, Jan Friedrich, Tobias Gutmann, Katharina Neef (Hrsg.)

Reihe: Wissenschaftliche Beiträge zur Philosophiedidaktik und Bildungsphilosophie


Barbara Budrich
EAN: 9783847424079 (ISBN: 3-8474-2407-6)
302 Seiten, paperback, 15 x 21cm, September, 2021

EUR 38,00
alle Angaben ohne Gewähr

Umschlagtext
Wertneutraler Ethikunterricht – ein Paradox? Der Sammelband befasst sich mit der Frage, ob und in welcher Form Werteerziehung im Ethikunterricht stattfinden darf oder sollte und thematisiert die sich daraus ergebenden Herausforderungen für die Lehrenden.

Für viele steht fest, dass moderne Gesellschaften mit zunehmenden moralischen und politischen Konflikten konfrontiert sind. Angesichts dieser Wahrnehmung häufen sich Forderungen nach einer Werterziehung auch im Ethikunterricht. Allerdings steht dieser Forderung ein historisch begründetes Unbehagen entgegen, den Schülerinnen und Schülern bestimmte Werte einfach zu diktieren. Weil zudem Werte in einer modernen pluralistischen Gesellschaft stets umstritten sind, ist unklar, zu welchen Werten denn eigentlich erzogen werden soll. Aus diesen Gründen hat sich ein Fachverständnis etabliert, dem zufolge im Ethikunterricht ein Neutralitätsgebot gilt. Der heutige Ethikunterricht versteht sich demnach als Beitrag zur Ausbildung eines Urteilsvermögens, das es Schülerinnen und Schülern erlauben soll, sich selbst ein Bild zu machen. Dieses Verständnis ist allerdings selbst von Werten wie Autonomie, Offenheit und Toleranz geprägt und damit keinesfalls wertfrei. Offensichtlich führt demnach kein Weg an der Frage vorbei, in welcher Art und Weise sich der Ethikunterricht mit Werten befassen soll. In diesem Sammelband sollen verschiedene Spannungsverhältnisse, die sich aus dieser Konstellation ergeben, diskutiert werden: Welche Werte sind konsensfähig? Was bedeuten Werte wie Toleranz, Vorurteilslosigkeit, Offenheit, Autonomie? In welcher Form kann/ darf/ soll/ muss Werteerziehung, -vermittlung oder -orientierung stattfinden? Welche normativen Grenzen gelten dabei? Wie verhalten sich solche Forderungen zum Neutralitätsgebot?

Die Herausgeber*innen:

Prof.in Dr. Minkyung Kim, Zentrum für Lehrerbildung der Technischen Universität Chemnitz

Dr. Jan Friedrich, Zentrum für Lehrerbildung der Technischen Universität Chemnitz

Dr. Tobias Gutmann, Zentrum für Lehrerbildung der Technischen Universität Chemnitz

Dr. Katharina Neef, Religionswissenschaftliches Institut der Universität Leipzig
Rezension
Der heutige Ethikunterricht versteht sich demnach als Beitrag zur Ausbildung eines eigenständigen Urteilsvermögens der Schüler/innen. Ein solcher Ansatz setzt allerdings selbst Werte wie Autonomie, Offenheit und Toleranz voraus und ist somit keineswegs wertfrei. Kann es Wertneutraler Ethikunterricht überhaupt geben - und wenn ja, in welcher Form? Das ist die zentrale Fragestellung dieses Sammelbands, der wesentlich von Mitgliedern des Zentrums für Lehrerbildung der Technischen Universität Chemnitz verantwortet wird, und damit die grundlegende Problematik des Neutralitätsgebots und der Wertneutralität im Ethikunterricht thematisiert, die vor allem für den weltanschauungsneutralen Ethikunterricht im Gegensatz zum bekenntnisgebundenen Religionsunterricht hervorgehoben wird: Der Ethik-/Philosophieunterricht soll religiös und weltanschaulich neutral sein und zielt vor allem auf die ­Förderung ­der ­ethischen ­Reflexionsfähigkeit ­und­ moralischen ­Urteilsfähigkeit der Schüler/innen. Dazu gelten insbesondere das Überwältigungsverbot, das Gebot zur Kontroversität sowie das Erkennen und Offenlegen eigener Interessen. Die Auffassung, dass Wertneutralität ein Fundament des Ethikunterrichts bilden sollte, steht im Spannungsverhältnis mit der Annahme, dass der Ethikunterricht als das Fach der Werterziehung verstanden werden sollte, insbesondere der Grundwerte wie Menschenwürde, Freiheit, Gleichheit, Toleranz und Gerechtigkeit. Wenn ein Schüler oder eine Schülerin beispielsweise äußert, dass Frauen gegenüber Männern nicht gleichberechtigt sein sollten, dann darf die Lehrperson gegenüber dieser Ansicht nicht neutral bleiben, sondern sie muss die Gleichberechtigung von Frauen und Männern als wichtigen Wert der demokratischen Gesellschaft ­verteidigen.­ Infolge dessen ­befinden ­sich­ Lehrpersonen ­in­ einer­ dilemmatischen Situation, da sie zwei miteinander inkompatible Ansprüche (Neutralitätsgebot und Werterziehung) im Ethikunterricht vereinen sollen. Eine zusätzliche Schwierigkeit besteht außerdem darin, dass in den letzten Jahren das Neutralitätsgebot politisch instrumentalisiert worden ist. Im Herbst 2018 hat die AfD etwa ein Meldeportal eingerichtet und Schüler/innen und Eltern aufgefordert, vermeintliche Verstöße gegen das für Lehrerpersonen geltende Neutralitätsgebot zu melden – insbesondere solche Lehrpersonen, die sich gegenüber der AfD kritisch äußern. Hierdurch zeigt sich, dass das Neutralitätsgebot nicht mit der Wertneutralität gleichzusetzen ist und somit nicht als Forderung nach grenzenloser Akzeptanz aller Wertvorstellungen durch die Lehrpersonen interpretiert werden sollte.

Dieter Bach, lehrerbibliothek.de
Verlagsinfo
Die Zielgruppe:
Lehrende und Forschende der Erziehungswissenschaft und der Philosophie, Praktiker*innen der Fachdidaktik
Pressestimmen / Rezensionen:
Der heutige Ethikunterricht versteht sich demnach als Beitrag zur Ausbildung eines Urteilsvermögens, das es Schülerinnen und Schülern erlauben soll, sich selbst ein Bild zu machen. Dieses Verständnis ist allerdings selbst von Werten wie Autonomie, Offenheit und Toleranz geprägt und damit keinesfalls wertfrei. Wertneutraler Ethikunterricht – somit ein Paradox? Der Sammelband befasst sich mit der Frage, ob und in welcher Form Werteerziehung im Ethikunterricht stattfinden darf oder sollte und thematisiert die sich ergebenden Herausforderungen an die Lehrenden.
AOL-Bücherbrief, Jg. 40/2020, Nr. 110
Inhaltsverzeichnis
Was ist ein wertneutraler Ethikunterricht? – Eine kurze Einführung in die Problematik des Neutralitätsgebots und der Wertneutralität 7
Minkyung Kim

Über den Unsinn des (Wert-)Neutralitätsgebots im Kontext von Bildungstheorien, Erkenntnistheorie, Ethik und Moral 17
Sandra Frey

Ethikunterricht zwischen liberaler Neutralitätsannahme und kommunitaristischer Wertevermittlung 41
Dagmar Comtesse

Theorie und Praxis eines wertneutralen Ethikunterrichts 65
Daniel Austerfield

Erziehung zum kontroversen Denken. Zur Behandlung ethisch und politisch kontroverser Themen in der Schule 81
Douglas Yacek

Kontroversität im Ethikunterricht: Das Kriterium der öffentlichen Rechtfertigbarkeit 103
Johannes Giesinger

Religion als Herausforderung des Wertneutralitätsgebots im Ethikunterricht 125
Katharina Neef

Welche Werte vermittelt das Philosophieren? Zur Kritik des Erziehungsziels „Autonomie“ in pragmatizistischer Perspektive 147
Philipp Richter

Urteilsbildung und Wertevermittlung 179
Christian Thein

An den Grenzen normativer Ordnungen 195
Hannah Holme

Überreden zum Guten. Zur Frage der Legitimität des Überredens in der Werteerziehung 209
Jan Friedrich

Moralische Urteilsbildung wider die Werte- und Moralerziehung 231
Frank Irmler

„In der Ethik gibt es kein Richtig und Falsch.“ Das Fachverständnis von Studienanfänger*innen 257
Anita Rösch

Grundkurs Ethik – Erziehung zum Relativismus? 275
Tobias Gutmann

Die Autor*innen 299