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Situation und Konstellation Vom Verschwinden des Spielraums
Situation und Konstellation
Vom Verschwinden des Spielraums




Hartmut Rosa

Suhrkamp
EAN: 9783518588338 (ISBN: 3-518-58833-8)
247 Seiten, hardcover, 13 x 21cm, Januar, 2026

EUR 25,00
alle Angaben ohne Gewähr

Umschlagtext
„Nur wo wir handeln, fühlen wir uns lebendig, und nur im Handeln gewinnen wir soziale Energie.“
Rezension
„Resonanz“, „Resonanzachsen“, „Unverfügbarkeit“, „Weltbeziehung“, „Entfremdung“, „Beschleunigungsgesellschaft“. Mit diesen Begriffen lässt sich die Sozialphilosophie von Hartmut Rosa (*1965) kartographieren. Der Professor für Allgemeine und Theoretische Soziologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena gehört mittlerweile zu den national und international anerkanntesten deutschen Gesellschaftstheoretikern, in der Öffentlichkeit wird er zudem als Zeitdiagnostiker wahrgenommen. Zu seinen bekanntesten Werken zählen neben seinem Opus magnum „Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung“(2016) seine Habilitationsschrift „Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne“(2005), die Bücher „Beschleunigung und Entfremdung. Entwurf einer kritischen Theorie spätmoderner Zeitlichkeit“(2013) und „Unverfügbarkeit“(2018). 2021 veröffentlichte er zusammen mit dem bekannten Soziologen Andreas Reckwitz den Band „Spätmoderne in der Krise. Was leistet die Gesellschaftstheorie?“.
Das neue Buch von Rosa, welches wieder im Suhrkamp Verlag erschien, trägt den Titel „Situation und Konstellation. Vom Verschwinden des Spielraums“. Mit diesem bringt der Soziologe zwei weitere sozialphilosophische Begriffe in öffentliche Debatten ein, nämlich: „Situation“ und „Konstellation“. Rosa möchte mit den beiden Termini das handlungstheoretische Spannungsfeld zwischen einer Situation, in der Personen sich als vollziehende Akteur:innen begreifen, und der „weitgehend fremdbestimmten Konstellation“(S. 11) verdeutlichen. Konstellationen, die oftmals einen metrisierbaren und binären Charakter aufweisen, ermöglichen für Rosa das „Verfügbarbachen von Welt“(S. 15). Als die Dialektik von Konstellationen identifiziert er, dass diese zwar die effektive, (scheinbar) rationale Bearbeitung von Situationen ermöglichen, aber gleichzeitig die menschlichen Freiheitspielräume einschränken und zur Verkümmerung von Urteilskraft, verstanden als Fallkompetenz, beitragen. Der Soziologe verdeutlicht die Problematik einer Dominanz von konstellationsorientiertem Handeln in seinem Buch anschaulich anhand zahlreicher Beispiele, u.a. schulische Notengebung, VAR im Fußball, Rolle von KI in der Gesellschaft und Bürokratie zum Beispiel in der Pflege. Als gutes Beispiel für die Situationsorientierung im Handeln führt Rosa die Pflegepraxis des Caritasverbandes Hochrhein e.V. an, welche auf die Entwicklung den Pflegesituationen angemessener Lösungen unter Berücksichtigung der Interessen aller Beteiligten setzt.
Beim Konstellationsbegriff rezipiert Rosa nicht den der älteren Kritischen Theorie Theodor W. Adornos, sondern folgt dem Vertreter der Neuen Phänomenologie, Hermann Schmitz. Dieser hatte 2005 seine Monographie „Situationen und Konstellationen. Wider die Ideologie totaler Vernetzung“ publiziert. Gegenüber einer „Hermeneutik des Verdachts“, die Rosa an der Handeln nach Konstellationen kritisiert, plädiert er für eine „Hermeneutik des Zutrauens“(S. 217). Hilfreich wäre eine stärkere Berücksichtigung unterschiedlicher Freiheitsbegriffe zur Erschließung von Handlungsräumen in der Spätmoderne gewesen. Durch eine stärkere Bezugnahme auf Adornos kritische Sozialphilosophie hätte Rosa zudem die Auswirkungen des digitalen Kapitalismus auf menschliche Handlungsspielräume noch vertiefter analysieren können.
Die Monographie des preisgekrönten Soziologen, welche mittlerweile in der vierten Auflage vorliegt, demonstriert jedenfalls, dass Rosa zu Recht auch als Philosoph angesehen werden kann, was in Frankreich und in den Niederlanden schon der Fall ist. Lehrkräfte der Fächer Philosophie, Ethik oder Politik, die sich in ihrem Unterricht mit der Phänomenologie der Weltbeziehung in der Spätmoderne auseinandersetzen möchten, um die Lebenswelt besser zu verstehen, erhalten durch das vorliegende – gut verständlich geschriebene - Werk neben sozialphilosophischem Grundwissen auch produktive Unterrichtsmaterialien.
Fazit: Hartmut Rosas neuer Sachbuch-Bestseller „Situation und Konstellation“ kann allen sozialphilosophischen Interessierten nur zur produktiven Lektüre empfohlen werden. Seine Kritik an der Durchdringung der Lebenswelt durch konstellative Imperative sowie sein Plädoyer für Urteilskraft besitzen im Zeitalter des digitalen Kapitalismus besondere Aktualität.

Dr. Marcel Remme, für lehrerbibliothek.de
Verlagsinfo
Hartmut Rosa
Situation und Konstellation
Vom Verschwinden des Spielraums
Die Lehrerin, die Noten nicht zur Ermutigung vergeben kann, die Ärztin, die Bildschirme statt Patienten behandelt, der Schiri, dessen Augenmaß vom VAR verdrängt wird: Unmerklich verändert sich in der Gegenwartsgesellschaft der Charakter unseres Handelns. Insbesondere im Berufsleben, aber zunehmend auch in der Freizeit zeichnen uns Richtlinien und Formulare, Algorithmen und Apps die Wege zur Entscheidungsfindung minutiös vor. An die Stelle situationssensiblen Überlegens und Urteilens tritt die konstellationsbasierte Vollzugslogik der Maschinen, mit denen wir tagein, tagaus hantieren. »Stimme zu« / »Stimme nicht zu« – so werden Handelnde zu Vollziehenden.
Diese Entwicklung, sosehr sie der Gerechtigkeit und Transparenz dienen mag, hat einen hohen Preis, den Hartmut Rosa in seinem neuen Augenöffner auf anschauliche Weise beziffert. Denn wenn Ermessensspielräume verschwinden und die Kreativität menschlichen Handelns aus den alltäglichen Praxisvollzügen eliminiert wird, wächst das Gefühl der Ohnmacht. Und mit der Urteilskraft verkümmert die Handlungsenergie als solche. Doch wie können wir diesem individuellen und kollektiven Energieverlust der Gesellschaft entgegenwirken? Indem wir, so Rosa, die menschliche Handlungsfähigkeit stärken, und zwar auf allen Ebenen der sozialen Existenz.
Inhaltsverzeichnis
I Einleitung:
Vom Handeln zum Vollziehen – Worum es geht 7
II Beim Arzt, in der Bahn, in der Schule, am Skilift
und auf dem Mofa: Schauplätze der
Transformation 21
III Und jetzt systemisch und systematisch:
Situation, Konstellation und Urteilskraft 47
IV Transparenz, Effizienz, Gerechtigkeit: Warum
konstellative Klarheit wünschenswert ist 77
V Macht und Ohnmacht der Gesetzgebung:
Situation und Konstellation in der Politik 101
VI Wissenschaft und Philosophie: Quantitativ
versus qualitativ, analytisch versus kontinental 125
VII Parametrische Optimierung: Die unmerkliche
Verschiebung von Aufmerksamkeitsfokus und
Willensstruktur 145
VIII Der Mehltau des Lebens: Warum uns die
Energie ausgeht 161
IX Jeitinho und Jugaad: Plädoyer für die
Rückeroberung der Spielräume 177
Dank 221
Literatur 225
Register 239