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Sexualität bei Paulus
Sexualität bei Paulus




Ansgar Wucherpfennig

Herder Verlag
EAN: 9783451386893 (ISBN: 3-451-38689-5)
248 Seiten, hardcover, 14 x 22cm, 2020

EUR 24,00
alle Angaben ohne Gewähr

Umschlagtext
Plädoyer für eine zeitgemäße Geschlechtergerechtigkeit

Paulus wird oft als Begründer einer leibfeindlichen, homophoben und engen Sexualmoral betrachtet. Aus seinen Briefen ergibt sich aber keine kohärente Lehre zur Sexualität. Der Band zeigt, dass Paulus die Tora als Weisung für ein gerechtes Leben gelesen hat, und wie die Schöpfungstheologie und der Dekalog in der Lesart der jüdisch-hellenistischen Diaspora seine Vorstellungen beeinflusst haben. Daraus hat er Grundeinstellungen gewonnen, die heute nicht einzufordern, sondern als patriarchal zu kritisieren sind. Deutlich wird, dass sie in Spannung zu Paulus‘ Selbstverständnis stehen, der die Botschaft von Gottes Gerechtigkeit bis an die Grenzen der Welt bringen soll.

Ansgar Wucherpfennig SJ, geb. 1965, ist seit 2008 Professor für Exegese des Neuen Testaments an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen und in dritter Amtszeit Rektor ebenda.
Rezension
Wer christliche Sexualethik ausschließlich mit dem Verweis auf Bibelstellen betreibt, wie Fundamentalisten es tun, der betreibt naiven Biblizismus u nd verantwortet den christlichen Glauben nicht angemessen dogmatisch und ethisch vor den Fragen und Erkenntnissen der Gegenwart. Nicht von ungefähr finden sich im theologischen Fächerkanon eben nicht nur bibelwissenschaftliche Disziplinen; 2000 Jahre alte Texte können bibelhermeneutisch nicht eins zu eins in die Gegenwart übertragen werden; u.a. die Rolle der Frau, die Rolle von Sexualität insgesamt und auch das Verständnis von Ehe und homoerotischer Liebe war in der Antike ein anderes als heute. Gleichwohl muß sich der christliche Glaube freilich von den Aussagen der biblischen Schriften her begründen, verantworten und rechtfertigen lassen. Eine reflektierte christliche Sexualethik heute wird also z.B. paulinische Aussagen zur Sexualität reflektieren, aber sicherlich nicht bei ihnen stehen bleiben können. Paulus wird oft als Begründer einer leibfeindlichen, homophoben und engen Sexualmoral betrachtet. Insbesondere seine Aussagen zu gleichgeschlechtlicher Liebe und zur Rolle der Frau bedürfen heute einer exegetisch-kritischen sowie systematisch-theologischen Überprüfung, wie sie diese Darstellung vollzieht, um den tiefen Graben zwischen sexualethischen Aussagen bei Paulus und heutigem Empfinden zu schließen. In lehramtlichen Äußerungen der katholischen Kirche werden die paulinischen Aussagen zur Begründung ihrer Ablehnung homosexueller Handlungen noch immer angeführt. Dieses Buch will Paulus in fairer und wissenschaftlich verantworteter Weise mit dem katholischen Lehramt und mit aktuellen Sichtweisen zur Sexualität ins Gespräch bringen.

Oliver Neumann, lehrerbibliothek.de
Inhaltsverzeichnis
Vorwort 8

Einführung: Solidarität und Sexualität in der Freiheit Christi 11

Paulus’ asketische Erscheinung 11
Leitfaden und Gliederung 20
Sexualität und ihre Bedeutungen 24
Paulus aus einer Perspektive der Opfer? 33

„Im Anfang …“ Sexualität in den Schöpfungsüberlieferungen 39

Die Schöpfungsüberlieferungen in der Tora 39
Männlich und weiblich als Gottes Bild – Genesis 1 42
Ein Fleisch werden – Genesis 2 45
Änderung zum Schlechteren – Genesis 3 49
Ein Vergleich: Die Entstehung sexueller Sehnsucht nach Aristophanes 52

Paulus liest die Septuaginta 54
Platonisierung von Genesis 1 und 2 55
Verlust der hebräischen Wortspiele (Gen 2,7 und 2,24) 57
Angleichung von Gen 2,18b an 1,26 57
Änderung des Subjekts in Gen 2,24 59
Genesis 3 als sexuelle Versuchung 60
Sexualisierte Gewalt in den Schöpfungsüberlieferungen? 62
Schöpfung und Körperlichkeit 64

Der Körper als Gottes Tempel in 1 Kor 6,12–20 66

Was hat Macht über meinen Körper? 66
Macht, Männer und Porneia 70
Der Zusammenhang in 1 Kor 5–6 73
Auslegung 74
Eine auffällige Parallele 81

Tempelprostitution in Akrokorinth? 85
Prostitution im Rahmen von Kultmahlzeiten 87
Zwischen-Ergebnis: Die Körper-und-Geist-Ethik nach Paulus 90

Sexualität exklusiv zwischen Mann und Frau? 93

Ist Paulus vorsichtig geworden? 93
Unterschiedliche Auskünfte in Korinth (1 Kor 6,9 f. und 1 Kor 5,9–11) 96
Paulus’ Vorsicht in 1 Kor 11 99
Eine Konsequenz aus der Taufformel? 101
Drei Stadien der paulinischen Entwicklung 104

Römerbrief 1,26–27 106
Frühjüdische Schultradition imWeisheitsbuch 108
Der Zusammenhang von Paulus’Aussagen im
Römerbrief 112
Von Sexualität zu Gender 115
Menschen aus denVölkern als Adressaten in Röm 1–3? 118
Eine Kritik gelehrter römischer Beamtenschicht 121
Die verkehrte soziale Ordnung der Geschlechter 124
Eine Abrechnung mit der romanitas 125
Konsequenzen 126
Pädosexualität 127

Begehren, Sex und der Dekalog (Römer 7) 132

Begehren im Dekalog 135
Der Dekalog 137
Der Dekalog in der Septuaginta 139
Die Dekalogauslegung bei Philo 144

Und Paulus? 148
Eine Apologie für die Tora 152
Die Macht der Sünde 157
Der Dekalog bei Paulus 159
Der existenzielle Kampf des Ich 162

Wozu braucht eine Frau eine Macht über ihrem Kopf? (1 Korinther 11,2–16) 168

Die Bedeutung von κεφαλή 171
Der Schriftbezug in denVersen 7–10 173
Das Haupt bedecken wegen der Engel 178

Der Mythos im Äthiopischen Henochbuch 179
Richtet sich Paulus gegen ein bestimmtes Hair-Styling? 184

„Zur Freiheit hat uns der Messias befreit“ (Gal 5,1) 191

Paulus als Mutter seiner Kinder 200
Paulus als Gebärende in Wehen 203

Lehramtliche Aussagen im Spiegel der Briefe des Paulus 213

Homosexualität und Gender 216
Frauen und Ämter 223

An Stelle eines Fazits: Der Tag von Antiochien 229

Schriftstellenverzeichnis 233
Literaturverzeichnis 239