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Die im Dunkeln sieht man nicht Sozialreportagen über Armut und Ausgrenzung
Die im Dunkeln sieht man nicht
Sozialreportagen über Armut und Ausgrenzung




Andrea Janßen, Ulrike Zöller (Hrsg.)

Logos Verlag Berlin
EAN: 9783832532475 (ISBN: 3-8325-3247-1)
98 Seiten, paperback, 15 x 21cm, September, 2012

EUR 24,00
alle Angaben ohne Gewähr

Umschlagtext
"Go into the Distric; Get the Feeling; Become acquainted with People"

Mit diesen legendären Worten des Soziologen und Begründer der Chicago School Robert E. Park im Hinterkopf, haben Studierende der Sozialen Arbeit an der Hochschule Esslingen das 'Studierzimmer' verlassen und sich auf die für sie teilweise fremde und bis dahin unsichtbare Lebenswelt von Menschen am Rande der Gesellschaft eingelassen.

Was die sechzehn Studierenden beim Eintauchen in die unbekannte Welt gleich nebenan erfahren haben, kann in fünf Sozialreportagen nachgelesen werden, die als Ergebnis des einjährigen studentischen Projektes entstanden sind. Die Reportagen zeigen bemerkenswerte Einblicke in eine Welt von Armut und Ausgrenzung, welche die jungen Frauen und Männer durch teilnehmende Beobachtung und Interviews im Lebensalltag von Schülerinnen und Schülern auf dem Pausenhof, in einem Berberdorf, im Gespräch mit einem türkischen Jugendlichen, mit Hartz-IV-Empfängerinnen oder mit den mittlerweile historischen Parkbesetzern am Stuttgarter Schlossgarten in der Nähe des Bahnhofs gewonnen haben.

Zwei einführende Beiträge der Herausgeberinnen mit einer Vorstellung des studentischen Projektes sowie über Entstehung, Vorgehensweise und Gegenstand der Sozialreportage runden diesen Band ab.
Rezension
Wenn das Kaufhaus zum Museum wird ... oder auf Tuchfühlung mit Ausgrenzung und Armut in Deutschland

Die Themen: Armut, Kinderarmut, Hartz IV und das Haushalten-Können mit geringen finanziellen Mitteln sind beliebte Themen in Talk-Runden. Meist werden sie allerdings einseitig im Kontext mit Geldmangel, Kindesverwahrlosung, institutioneller Kinderbetreuung und Vor- und Nachteilen von Hartz IV für die Volkswirtschaft beleuchtet.
„Der Hartz-IV-Empfänger“ hat sich dabei als Stereotyp für den armen Deutschen, der es nicht allein „auf die Reihe bekommt“ und seine beengte Wohnung mit zahlreichen Kindern und Fernsehgeräten teilt, etabliert. Sicherlich hat dieses Bild in Einzelfällen etwas mit der Wirklichkeit zu tun, kann aber bei Weitem nicht die Variationsbreite ärmlichen und ausgegrenzten Lebens in Deutschland repräsentieren.

Ulrike Zöller und Andrea Janßen haben als Professorinnen an der Fakultät für Soziale Arbeit an der Hochschule Esslingen sechzehn Studierende dazu motiviert, Sozialreportagen über Menschen am Rande der Gesellschaft zu erstellen und darin die betroffenen Menschen einmal selbst zu befragen. Die Ergebnisse dieses Projekts stellen sie als Herausgeberinnen des Bändchens: „Die im Dunkeln sieht man nicht …– Sozialreportagen über Armut und Ausgrenzung“ zusammen.
Für den Leser bzw. die Leserin ist es dabei sehr erhellend, die Beobachtungen und Erfahrungen der Feldforscher in unterschiedlichen Milieus, in denen sich arme, ausgegrenzte und oftmals auch wohnungslose Menschen aufhalten, näher kennenzulernen und dadurch neue Einsichten zu gewinnen.
In einigen Beispielen erscheint dabei die Ausgrenzung bzw. „Auslagerung“ bewusst und freiwillig zu geschehen, wie z. B. bei den Dauercampern im Stuttgarter Schlossgarten oder im Berberdorf. Meist geschieht sie aber weniger gewollt bzw. unfreiwillig, wie bei den schüchternen Mauerblümchen und Außenseitern auf dem Schulhof, der chronischen Hartz-IV-Empfängerin oder dem unzureichend in die deutsche Gesellschaft integrierten ausländischen Jugendlichen.

Die einfühlsamen Beobachtungen und Befragungen der Studierenden werden dabei zwar nicht unbedingt den wissenschaftlichen Standards (Objektivität, Reliabilität und Komparabilität) gerecht, da sie zu sehr individuellen Beobachtungen und Erfahrungen entspringen. Nichtdestotrotz bilden sie eine größere Bandbreite von Armut und Ausgrenzung ab, als sie das öffentliche Bewusstsein bisher erreicht hat. Aus diesem Grund sind die vorliegenden Berichte der Studierenden und die theoretischen Einführungstexte der Herausgeberinnen zu den Grundlagen der Sozialreportage als wissenschaftliches Instrumentarium durchaus interessant für den an sozialen Themen interessierten Leser. Für die Wissenschaft können diese Befragungen und Beobachtungen außerdem als Anregung dienen, sich in weiteren genormten Studien ausführlich mit dem Thema auseinanderzusetzen.
Auch im Gesellschaftskunde-Unterricht der Schule lohnt es sich, die Themen Hartz IV, Armut und Ausgrenzung einmal aus dieser neuen Perspektive - nah dran an den Betroffenen - zu beleuchten. Eine sinnvolle Auseinandersetzung beginnt mit der genauen Betrachtung der Problemlage und fordert zwangsläufig dazu heraus, die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse zu hinterfragen. Und in einem weiteren Schritt ist dann zu überlegen, wie unsere Gesellschaft funktionieren müsste, damit Armut und Ausgrenzung sich nicht strukturell verfestigen, sondern die Grenzen zwischen „Erfolgreichen“ und „Verlierern“ durchlässiger werden und ein humanes, motivierendes Miteinander entstehen kann.

Simone Wenderoth
Inhaltsverzeichnis
"...Die im Dunkeln sieht man nicht?"_5
Zum studentischen Projekt `Sozialreportagen über Armut und Ausgrenzung`
Ulrike Zöller

"A Moral Man cannot be a Sociologist"_11
Über die Sozialreportage
Andrea Janßen

"Und der eine bleibt alleine sitzen"_27
Teilnehmende Beobachtung auf dem Pausenhof
Ann-Katrin Assfalg, Sandra Kibelle, Caroline Stender und Miriam Stocker

Ein trügerisches Idyll_37
Ein Tag im Berberdorf
Steffen Erb, Myrjam Hihn und Dominic Kropp

"Ich hab´s trotzdem geschafft" - Die Überwindung des unüberwindbaren Berges_51
Portrait eines türkischen Jugendlichen
Nelli Bairit, Charlotte Pfeiffer, Lisa Schonske und Manuela Theiss

"...Und was machst du beruflich?"_65
Der Alltag von Hartz IV-Empfängerinnen im Großraum Göppingen
Daniela Nuding und Ann-Cathrin Seitz

Mehr als ein Widerstand?_75
Der Stuttgarter Schlossgarten und seine Campiererinnen
Petra Eckardt, Lisa Pollok und Jens Schlangenhauf