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Der entseelte Patient Die moderne Medizin und der Tod
Der entseelte Patient
Die moderne Medizin und der Tod




Anna Bergmann

Aufbau-Verlag
EAN: 9783351025878 (ISBN: 3-351-02587-4)
455 Seiten, Festeinband mit Schutzumschlag, 13 x 22cm, Oktober, 2004, Mit 23 Abbildungen

EUR 24,90
alle Angaben ohne Gewähr

Umschlagtext
Darf der menschliche Körper zum bloßen Objekt wissenschaftlichen Interesses degradiert werden? Anhand von einzigartigem Quellenmaterial aus 500 Jahren Medizingeschichte untersucht Anna Bergmann diese Grundfrage der medizinischen Ethik. Von den öffentlichen Leichenzerglieder-ungen in den »Anatomischen Theatern« im 14- Jahrhundert über die medizinischen Menschenexperimente seit dem 18. Jahrhundert bis hin zur modernen Transplantationspraxis analysiert sie die Strategien des wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns, die unter der Maxime der Heilung des Patienten zugleich auch zu seiner Entseelung beitrugen, und plädiert auf eindringliche Weise für ein neues Selbstverständnis der Medizin, das den Menschen nicht allein als kranken Körper, sondern in seiner individuellen Gesamtheit auffaßt.



Seit den Anfängen der modernen Medizin hat sich diese mit dem Ziel der Erkenntnis und Heilung systematisch des menschlichen Körpers bemächtigt und zugleich seine Individualität immer weiter ausgeblendet, Anna Bergmann zeigt, vie sich in den seit dem 14- Jahrhundert entstehenden »Anatomischen Theatern« ein enger Zusammenhang zwischen der medizinischen Forschung und der Praxis der Hinrichtungen entwickelte. Dies fand seit dem 18. Jahrhundert seine Fortsetzung in den medizinischen Menschenexperimenten: Bereits 200 Jahre vor dem Nationalsozialismus nahmen Mediziner für die Entwicklung neuer Heilmethoden die Tötung von Patienten in Kauf. Auch die Transplantationsmedizin stellt Bergmann in die Traditionslinie des »Anatomischen Theaters«, ist sie doch nur durch den zweckonentier-ten Zugriff auf einen hirnsterbenden Patienten zu verwirklichen.



Anna Bergmann, geboren 1953, lehrt Kulturwissenschaften als Privatdozentin an der Europa-Universität Viadrma in Frankfurt/Oder, Publikationen zur Medizingeschichte. Ihr Buch »Herzloser Tod: Das Dilemma der Organspende« (1999, mit U. Baureithel) wurde ausgezeichnet als »Wissenschaftsbuch des Jahres 2000«.
Rezension
Die „Körperwelten“-Ausstellung des Gunther von Hagen hat Hunderttausende angelockt und eine gesellschaftliche Diskussion freigesetzt. Dieses Buch darf sozusagen als Kontrapunkt zu dieser Ausstellung gelesen werden; es belegt kulturwissenschaftlich den Geneseprozess der modernen Medizin im Zusammenhang von Todesbemächtigung und anatomischem Seziertisch, von Hinrichtung und medizinischer Forschung und zieht den Zusammenhang aus in die Gegenwart, wo die Verfasserin die Transplantationsmedizin als Folgeerscheinung des anatomischen Zergliederungsspektakels beschreibt, das dem menschlichen Körper seine Individualität raubt. – Ein Buch zur Lektüre empfohlen allen Kolleg/inn/n, die sich den Themen Medizinethik, Bioethik oder Sterben und Tod unterrichtlich stellen. Ein Buch mit Position, ein sicherlich nicht unbestrittenes Buch – aber ein mutiges Buch, das einen notwendigen Kontrapunkt setzt in einer Zeit, wo Tod wie Menschenwürde gleichermaßen zur Disposition zu stehen scheinen.

Thomas Bernhard für lehrerbibliothek.de
Verlagsinfo
Inhalt:

Die moderne Medizin und der Tod

Darf der menschliche Körper zum bloßen Objekt wissenschaftlichen Interesses degradiert werden? Anhand von einzigartigem Quellenmaterial aus 500 Jahren Medizingeschichte untersucht Anna Bergmann diese Grundfrage der medizinischen Ethik - eine Pflichtlektüre, nicht nur für Ärzte und Wissenschaftler.
Die umstrittene »Körperwelten«-Ausstellung des Leichenzergliederers Gunther von Hagens ist der grausige Endpunkt einer jahrhundertelangen Entwicklung der Medizin, die sich mit dem Ziel der Erkenntnis und Heilung systematisch des menschlichen Körpers bemächtigt und zugleich seine Individualität immer weiter ausgeblendet hat. Anna Bergmann zeigt, wie sich in den seit dem 14. Jahrhundert entstehenden »anatomischen Theatern« ein enger Zusammenhang zwischen der medizinischen Forschung und der Praxis der Hinrichtungen entwickelte. Dies fand seit dem 18. Jahrhundert seine Fortsetzung in den medizinischen Menschenexperimenten: Bereits 200 Jahre vor dem Nationalsozialismus nahmen Mediziner für die Entwicklung neuer Heilmethoden die Tötung von Patienten in Kauf.
Auch die Transplantationsmedizin stellt Bergmann in die Traditionslinie des »anatomischen Theaters«, ist sie doch nur durch den zweckorientierten Zugriff auf einen hirnsterbenden Patienten zu verwirklichen.

Anna Bergmann
Anna Bergmann lehrt als Privatdozentin Kulturgeschichte an der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder). Sie studierte Politik- und Sozialwissenschaft an der Freien Universität, promovierte am Institut für Politische Wissenschaft und Institut für die Geschichte der Medizin der Freien Universität Berlin, habilitierte an der Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder). Von 1990 bis 1995 war sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie, Abtlg. Historische Anthropologie und Kultursoziologie der Freien Universität Berlin und von 1996 bis 1999 am Kulturwissenschaftlichen Seminar der Humboldt-Universität zu Berlin tätig. Außerdem lehrt sie seit 1990 als Gastdozentin an der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck und war Gastprofessorin an der Karl-Franzens-Universität Graz (Institut für Philosophie) sowie am Kulturwissenschaftlichen Institut der Universität Klagenfurt. Buchpublikationen: Die verhütete Sexualität. Die Anfänge der modernen Geburtenkontrolle, Hamburg 1992, Taschenbuch: Berlin 1998); zusammen mit Ulrike Baureithel: Herzloser Tod. Das Dilemma der Organspende, Stuttgart 1999 (2. Aufl. 2001) - ausgezeichnet von "bild der wissenschaft" als "Wissenschaftsbuch des Jahres 2000"; im Druck: Klimakatastrophen, Pest und Massensterben. Christliche Angstbewältigung zwischen Rationalität und Opferkult in der Moderne, Bamberg 2005.

Rezension(en):

"Keine leichte, aber eine empfehlenswerte und sehr notwendige Lektüre."
Rheinischer Merkur (18.11.2004)

Inhaltsverzeichnis
Einleitung 7

Teil I
Massensterben in Europa (14.—19. Jahrhundert) 31


1. Das »große Sterben«: Klimakatastrophen, Hunger und Pest im 14. und 17. Jahrhundert 32
2. Isolieren, Räuchern, Verbrennen und der Zusammenbruch des Totenkults 43
3. Jagd auf Seuchenverdächtige und die Militarisierung in Zeiten der Pest 65
4. Die Pest im kulturellen Gedächtnis des 20. Jahrhunderts 76

Teil II
Die Enstehung der modernen Medizin: Rituale des Tötens, Opferns und Heilens 97


1. Die Geburt der Anatomie aus Riten des Totenkults und der Hinrichtung 117
2. Schafottmedizin und die sakrale Organisation der Hinrichtung 144
3. Todesbemächtigung und Zergliederungsspektakel im Anatomischen Theater 175
4. Die Verwandlung von Hingerichteten in Objekte des medizinischen Erkenntnisfortschritts ... 198

Teil III
Das Opfer im medizinischen Fortschritt: Von der Anatomie zur Transplantationsmedizin 220


1. Das Häftlingslager für zum Tode Verurteilte als medizinisches Laboratorium im aufklärerischen Diskurs 220
2. Wissen um jeden Preis: Menschenexperimente in Krankenhäusern, Gefängnissen und Konzentrationslagern 240
3. Der »Leben-machende« Tod: Die Praxis der Transplantationsmedizin 277

Resümee 315


ANHANG

Anmerkungen 325
Abkürzungen 399
Quellen und Literatur 400
Bildnachweis 455