lehrerbibliothek.deDatenschutzerklärung
Das Ende der Gewalt Analyse des Menschheitsverhängnisses. Erkundungen zu Mimesis und Gewalt mit Jean-Michel Oughourlian und Guy Lefort Sonderausgabe 2021
Mit einem Vorwort zur Sonderausgabe und mit einer Einleitung von Ralf Miggelbrink
Vollständige Neuübersetzung aus dem Französischen von Elisabeth Mainberger-Ruh
Titel der Originalausgabe:
Des choses cachées depuis la fondation du monde
ISBN 978-2-246-61841-X
© Grasset & Fasquelle, 1978
Deutsche Erstausgabe (in Auszügen)
Das Ende der Gewalt. Analyse des Menschheitsverhängnisses
Aus dem Französischen von August Berz
© Verlag Herder, Freiburg im Breisgau 1983
Das Ende der Gewalt
Analyse des Menschheitsverhängnisses. Erkundungen zu Mimesis und Gewalt mit Jean-Michel Oughourlian und Guy Lefort


Sonderausgabe 2021

Mit einem Vorwort zur Sonderausgabe und mit einer Einleitung von Ralf Miggelbrink

Vollständige Neuübersetzung aus dem Französischen von Elisabeth Mainberger-Ruh

Titel der Originalausgabe:

Des choses cachées depuis la fondation du monde

ISBN 978-2-246-61841-X

© Grasset & Fasquelle, 1978

Deutsche Erstausgabe (in Auszügen)

Das Ende der Gewalt. Analyse des Menschheitsverhängnisses

Aus dem Französischen von August Berz

© Verlag Herder, Freiburg im Breisgau 1983

René Girard

Herder Verlag
EAN: 9783451390852 (ISBN: 3-451-39085-X)
520 Seiten, paperback, 14 x 22cm, 2021

EUR 35,00
alle Angaben ohne Gewähr

Umschlagtext
Heute mehr denn je steht das Denken Réne Girads im Zentrum theologischer, philosophischer und humanwissenschaftlicher Debatten. Seine Entwicklung einer einheitlichen Kulturtheorie - der mimetischen Theorie -, erlaubt es, alle Phänomene menschlichen Zusammenlebens zu erfassen. Die Grundgedanken hat er bereits in seinem früheren Werk "Des choses cachées depuis la fondation du monde" veröffentlicht, das nun vollständig und in neuer Übersetzung in deutscher Sprache erscheint. Der bedeutende und für das Verständnis Girards so zentrale dritte Teil "Die interindividuelle Psychologie", der Girards Theorie des mimetischen Begehrens enthält, ist somit erstmals für die deutschen Leser zugänglich.

Das Buch enthält eine ausführliche Einleitung von Ralf Miggelbrink, der systematische Theologie an der Universität Essen lehrt.

Mit einem Vorwort zur Sonderausgabe von Ralf Miggelbrink.

René Girard (* 1923 in Avignon, † 2015 in Stanford, Kalifornien), Historiker und Literaturwissenschaftler; Lehrtätigkeiten an verschiedenen amerikanischen Universitäten, Professor emeritus für französische Sprache, Literatur und Kultur an der Stanford-Universität, er war Mitglied der Académie Française und gilt als einer der bedeutendsten Religionsphilosophen und Kulturanthropologen an der Wende zum 21. Jahrhundert.

Ralf Miggelbrink, geb. 1959, Professor für Systematische Theologie an der Universität Duisburg Essen.
Rezension
Nach René Girard, dem 1923 geborenen, seit 1947 in den USA lebenden und 2015 verstorbenen französischen Literaturwissenschaftler, Kulturanthropologen und Religionsphilosophen, erwächst Gewalttätigkeit aus dem Zwang, miteinander konkurrieren und rivalisieren zu müssen. Diese von jeher unter den Menschen herrschende Rivalität stellt ein enormes Zerstörungspotenzial dar. Um diesen immer wieder auftretenden Konflikt zu lösen, erfinden die Menschen den "Sündenbock", der als "versöhnendes Opfer" ausgestoßen oder getötet wird. Dieses Sündenbock-Prinzip wird zum entscheidenden Motor für die Gewalt in der Geschichte. Nur die Religion kann nach Girard diesen Zirkel noch durchbrechen. Nach Girard vermag nur die Religion mit Hilfe eines "versöhnenden Opfers", - wie es sich z.B. im Christentum par excellence durch den Sühnetod Jesu Christi darstellt -, die Gewalt zu durchbrechen. Durch ein stellvertretendes Sühnetod-Opfer können auf versöhnende Weise Konkurrenz und Rivalität überwunden werden. Die rituelle Opferung steht also in mittelbarem Zusammenhang mit der Gewaltfrage. Für archaische Gesellschaften nimmt Girard an, dass die Gewaltspirale durch die Opferung eines Sündenbocks unterbrochen wird: Die Tötung des "Schuldigen" reinigt die Gruppe von der Gewaltseuche, weil diese letzte – gemeinsam vollbrachte – Gewaltanwendung keinen mimetischen Vorgang (Rache) mehr mit sich bringt. Demzufolge bedeutet Opfer also nicht Gewalt, was landläufig der biblischen Opfertheorie unterstellt wird, sondern das Ende von Gewalt. Unter dem Titel "Das Ende der Gewalt" erschien im Verlag Herder 1983 eine erste autorisierte deutsche Übersetzung des 1978 in Paris veröffentlichten Werkes "Des choses cachées depuis la fondation du monde" von René Girard. Diese erste deutsche Ausgabe hat maßgeblich die Girard-Rezeption insbesondere in der deutschsprachigen Theologie beflügelt und nachhaltig geprägt. Dass 2020 erneut eine Wiederauflage notwendig wurde, zeigt, wie sehr das kulturelle und wissenschaftliche Interesse an dem 2015 in Stanford verstorbenen Begründers der Mimetischen Theorie nicht abreißt. Mit seinem zweiten Hauptwerk "La violence et le sacré" (Paris 1972; deutsch: Das Heilige und die Gewalt, Zürich 1987) erweiterte Girard seine mimetische Anthropologie zu einer Theorie der Religion und Kultur: Religionen bändigen die zerstörerische Aggression, die mit der kulturermöglichenden mimesis unweigerlich einhergeht, indem sie die tödliche Gewalt durch kompensatorische Befriedigung in religiösen Opferzeremonien neutralisieren. So ermöglichen die Religionen durch die Opferpraxis öffentlich inszenierter Tötungen von Menschen oder großen Tieren die Entstehung zivilisatorischer Institutionen wie der Rechtsprechung. Die Rechtsprechung aber überwindet die archaische Institution der Rache, durch die jede vorstaatliche Gesellschaft in sehr engen Fesseln gehalten ist. Mit der Rechtsprechung wird die Staatsbildung überhaupt erst möglich. Die mythische Erzählung vom Gründungsmord und seine sakrifizielle Performation im Opferkult (sacrifice) bilden eine unlösbare Einheit. In dieser spekulativen Konstruktion des Gründungsmordes zeigt sich René Girard in seiner methodischen Nähe zu Sigmund Freud. Dieses im Kern mythische Verfahren will Girard aber zugleich grundlegend überwinden. Immer wieder betont er, dass der Mythos, also die kulturelle Repräsentation des ewig Menschlichen, die ihren performativen Ausdruck im Kult findet, die Unwahrheit über den Menschen sage. Es gibt in der Menschheitsgeschichte eine empirisch fassliche Bruchstelle, an der die Unwahrheit der Mythen und Opfer evident wird. Im zweiten Buch von „Des choses cachées …“ wird die biblische Offenbarung als diese Stelle beschrieben. Im Lichte der biblischen Religion wird jedoch offensichtlich, dass es sich hierbei um eine gewalttätige Überwindung der Gewalt handelt. Indem die Bibel diesen ideologischen Zusammenhang aufdeckt, manifestiert sie sich als die Quellschrift der vera religio.

Oliver Neumann, lehrerbibliothek.de
Inhaltsverzeichnis
Vorwort zur Sonderausgabe 5

Einführung 11
von Ralf Miggelbrink

Vorwort 23

Erstes Buch
Fundamentalanthropologie 25


Erstes Kapitel
Der Opfermechanismus: Fundament des Religiösen 27

A. Aneignungsmimesis und mimetische Rivalität 31
B. Funktion des Verbots: Verunmöglichung des Mimetischen 35
C. Funktion des Ritus: Zwang zum Mimetischen 45
D. Opfer und Opfermechanismus 49
E. Theorie des Religiösen 56

Zweites Kapitel
Genese von Kultur und Institutionen 75

A. Rituelle Varianten75
B. Sakrales Königtum und Zentralmacht78
C. Rituelle Polyvalenz und institutionelle Spezifikation 86
D. Domestikation der Tiere und rituelle Jagd 97
E. Sexualverbote und Tauschprinzip 103
F. Tod und Bestattung 110

Drittes Kapitel
Der Hominisationsprozess 115

A. Fragestellung 115
B. Ethologie und Ethnologie 120
C. Opfermechanismus und Hominisation 125
D. Der transzendentale Signifikant 131

Viertes Kapitel
Die Mythen: getarnter Gründungslynchmord 137

A. „Radikale Beseitigung“ 137
B. „Negative Konnotation“, „positive Konnotation“ 146
C. Körperliche Merkmale des stellvertretenden Opfers 155

Fünftes Kapitel
Die Verfolgungstexte 161

A. Mythischer Text und Referent 161
B. Die Verfolgungstexte 164
C. Die entmystifizierte Verfolgung: Monopol der modernen westlichen Welt 171
D. Semantische Doppelbedeutung des Ausdrucks ‚Sündenbock‘ 178
E. Epochale Emergenz des Opfermechanismus 182

Zweites Buch
Die jüdisch-christliche Schrift 189


Erstes Kapitel
… was seit der Grundlegung der Welt verborgen ist 191

A. Mythen der Bibel und Mythologie der Welt – Ähnlichkeit und Differenz 191
B. Einzigartigkeit der biblischen Mythen 194
1. Kain 194
2. Josef 199
3. Das Gesetz und die Propheten 204
C. Offenbarung des Gründungsmordes im Evangelium 209
1. Verfluchungen der Schriftgelehrten und Pharisäer 209
2. Die Metapher des Grabmals 214
3. Die Leidensgeschichte Jesu 218
4. Der Märtyrertod des Stephanus 222
5. Der Sündenbocktext 225

Zweites Kapitel
Nichtsakrifizielle Lesart des Evangeliumstextes 233

A. Christus und das Opfer 233
B. Unmöglichkeit der sakrifiziellen Lesart 235
C. Apokalypse und Gleichnisrede 239
D. Mächte und Gewalten 244
E. Die Verkündigung des Reiches 250
F. Reich und Apokalypse 257
G. Nichtsakrifizieller Tod Christi 260
H. Die Gottheit Christi 270
I. Die jungfräuliche Empfängnis 275

Drittes Kapitel
Sakrifizielle Lesart des historischen Christentums 279

A. Implikationen der sakrifiziellen Lesart 279
B. Der Brief an die Hebräer 283
C. Der Tod Christi und das Ende des Heiligen 287
D. Das Opfer des Anderen und das Opfer seiner selbst 291
E. Das Salomonische Urteil 293
F. Sakrifizielle Lesart und Geschichte 302
G. Wissenschaft und Apokalypse 306

Viertes Kapitel
Der Logos des Heraklit und der Logos des Johannes 315

A. Der Logos in der Philosophie 315
B. Die beiden Logoi bei Heidegger 317
C. Opferdefinition des johanneischen Logos 322
D. „Am Anfang …“ 327
E. Liebe und Erkenntnis 330

Drittes Buch
Interdividuelle Psychologie 335


Erstes Kapitel
Das mimetische Begehren 337

A. Aneignungsmimesis und mimetisches Begehren 337
B. Mimetisches Begehren und moderne Welt 338
C. Mimetische Krise und Dynamik des Begehrens 341
D. Lernmimesis und Rivalitätsmimesis 344
E. Der double bind bei Gregory Bateson 346
F. Von der Objektrivalität zum metaphysischen Begehren 349

Zweites Kapitel
Das objektlose Begehren 354

A. Doppelgänger und Interdividualität 354
B. Symptome von Alternanz 360
C. Verschwinden des Objekts und psychotische Struktur 366
D. Hypnose und Besessenheit 372

Drittes Kapitel
Mimesis und Sexualität 382

A. Was ‚Masochismus‘ genannt wird 382
B. Theatralischer ‚Sadomasochismus‘ 384
C. Homosexualität 390
D. Latenz und mimetische Rivalität 393
E. Das Ende des Platonismus in der Psychologie 403

Viertes Kapitel
Psychoanalytische Mythologie 407

A. Freuds Platonismus und der Rückgriff auf den ödipalen Archetyp 407
B. Wie ein Dreieck wiederholen? 411
C. Mimesis und Repräsentation 415
D. Zweifache Genese des Ödipuskomplexes 418
E. Weshalb Bisexualität? 421
F. Der Narzissmus: Freuds Begehren 423
G. Die Metaphern des Begehrens 439

Fünftes Kapitel
Jenseits des Skandals 451

A. Die proustsche Bekehrung 451
B. Opfer und Psychotherapie 457
C. „Jenseits des Lustprinzips“ und strukturale Psychoanalyse 461
D. Todestrieb und moderne Kultur 469
E. Das skándalon 476

Zum Schluss … 493

Bibliographie 501
Register 511