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Merkur Sonderheft 2005: Wirklichkeit!
Karl Heinz Bohrer, Kurt Scheel
Reihe: Merkur Sonderheft
Klett-Cotta
EAN: 9783608970739 (ISBN: 3-608-97073-8)
270 Seiten, kartoniert, 15 x 24cm, 2005
EUR 18,00 alle Angaben ohne Gewähr
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Umschlagtext
Seit einiger Zeit gibt es eine regelrechte Sehnsucht nach Wirklichkeit. In Politik und Philosophie, in Kunst und Literatur melden sich wieder Verfechter des Realismus mit starken Argumenten zu Wort. >Realpolitik< ist kein Schimpfwort mehr, und wer die Existenz der äußeren – und der inneren! – Realität leugnet, läuft Gefahr, mittlerweile sogar in akademischen Kreisen belächelt zu werden. Woran kann man Realismus erkennen? Wie wird man Realist? 29 Autoren schlagen Schneisen in das Dickicht, das wir Wirklichkeit nennen.
Hans Ulrich Gumbrecht, Marcus Willaschek, Volker Gerhardt, Martin Seel, Ernst Peter Fischer, Wolfgang Marx, Peter Bender, Herfried Münkler, Josef Joffe, John J. Mearsheimer, Tod Lindberg, Miriam Lau, Jürgen Manthey, Thomas E. Schmidt, Stephan Schlak, Paul Nolte, Nobert Damke, Cora Stephan, Karl Schlögel, Ingo Meyer, Carsten Rohde, Herhard Henschel, Siegfried Kohlhammer, Jörg Lau, Christian Demand, Jochen Hörisch, Hansjürgen Bulkowski, Stefanie Holzer, Michael Rutschky
Rezension
Seit seiner Gründung 1947 ist die Monatszeitschrift >Merkur< das führende deutschsprachige Essayorgan. In dieser Kulturzeitschrift nehmen Wissenschaftler, Journalisten und Künstler unterschiedlicher Couleur in Essays kritisch Stellung zu aktuellen Themen und Entwicklungen. Oftmals greifen die Verfasser in ihrem auf hohem Reflexionsniveau verfassten Texten zum Teil ironisch überspitzt eingefahrene Denkmuster an, äußern gesunde Skepsis gegenüber aktuellen kulturellen Trends oder stellen provokante Thesen zu gesellschaftlichen Phänomen auf. Diesem Profil wird auch das Merkur-Sonderheft des Jahres 2005 wieder vollauf gerecht.
In ihm geht es um das Thema Wirklichkeit bzw. Realität, das besondere Aktualität für sich reklamieren kann. In den letzten Jahren konnte man den Eindruck, folgt man den (popular)philosophischen Beiträgen in Zeitschriften und Magazinen, einer >Entwertung der Wirklichkeitserfahrung< (S. 749) bis hin zur vollständigen Virtualisierung der Welt gewinnen. Da sind sich auf einmal Dekonstruktivisten wie Foucault und Derrida, Systemtheoretiker wie Niklas Luhmann und radikale Konstruktivisten einig. Während der kognitionspsychologische Konstruktivist Ernst v. Glasersfeld nur einen erkenntnistheoretischen Anti-Realismus, die Unerkennbarkeit der Realität vertritt, behauptet der neurophysiologische Konstruktivist Humberto R. Maturana sogar einen ontologischen Anti-Realismus, d.h. die Nichtexistenz der Realität. Trotz seiner logischen Insuffizienz und ethischen Problematik konnten radikal-konstruktivistische Parolen in zahlreiche positive Wissenschaften eindringen. Selbst Geschichte wird zum Konstrukt erklärt. Gerhard Roth, Wolf Singer und Wolfgang Prinz halten sogar die Existenz des >freien Willen< für neurobiologisch widerlegt.
Diese Hinweise verdeutlichen die Bedeutung des Merkur-Sonderheftes. Die Herausgeber Karl-Heinz Bohrer und Kurt Scheel sehen gegenüber dem antirealistischen Trend der letzten beiden Jahrzehnte eine >neue Sehnsucht nach Wirklichkeit< (S. 749). Dieser zeigt sich in mindestens vier Gebieten: in der Philosophie, Politik, Geschichts- und Gesellschaftswissenschaft sowie in der Ästhetik. Dementsprechend weist das Heft einen vierteiligen Aufbau auf. Den Band beschließen zudem drei Stücke, die Realität inszenieren.
Mehrere Beispiele mögen die Fruchtbarkeit dieses Heftes für den schulischen Unterricht demonstrieren. Marcus Willaschek zum Beispiel rehabilitiert philosophisch den alltäglichen Realismus: >Es spricht [...] alles dafür, zu jener naiven Auffassung zurückzukehren, die sich die schlichteren Gemüter unter uns ohnehin bewahrt haben: nämlich die uns umgebende Realität als etwas objektiv Gegebenes, von Denken und Sprache weitestgehend Unabhängiges zu verstehen.< (S. 772) Ähnlich wie der Kritische Rationalismus Karl Poppers tritt der Frankfurter Philosophieprofessor für eine partielle Erkennbarkeit der Realität ein. Willascheks Ausführungen können im Philosophieunterricht bei der Auseinandersetzung mit Wahrheit und Wirklichkeit produktiv herangezogen werden.
Auch der Politik- bzw. Gemeinschaftskundelehrer kann dem Band Anregungen für seinen Unterricht abgewinnen. Galt Realpolitik lange als Unwort, so wird gegenwärtig diese bzw. eine >realistische Modernisierungspolitik< (S. 882) gefordert. Dabei erfährt der Leser auch, dass Vertreter einer Realpolitik auf amerikanischer Seite dem Irakkrieg der Bush-Regierung eine klare Absage erteilt haben. Für den Geschichtslehrer ist zudem Aufsatz des Berliner Historikers Paul Nolte >Die Macht der Abbilder< von Bedeutung. Er warnt vor der Gefahr einer >Sekundarisierung der Geschichte< (S. 890), d. h. einer Höherbewertung der Repräsentation von Geschichte gegenüber der Erforschung historischer Realität. Nach Nolte hat das >Interesse an Geschichte [...] sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten so radikal wie nie zuvor von den res gestae abgelöst und den memoria zugewandt.< (S. 889) Angesichts einer intensiven und auch notwendigen Auseinandersetzung mit dem Thema Erinnern, der Beschäftigung mit der subjektiven Rezeptionsgeschichte von historischen Ereignissen verdient Noltes Warnung vor der >Ineinssetzung von Geschichte und Gedächtnis> (S. 894) Beachtung.
Für den Deutschlehrer sind neben dem Aufsatz zum gegenwärtigen literarischen Realismus die Essays zur Photographie, zum Kino und zum Fernsehen von Bedeutung. Gegenüber den Neuen Medien stellt der Literaturwissenschaftler Jochen Hörisch die positiven Seiten des Fernsehens heraus. So ist für ihn im Internetzeitalter das Fernsehen >das realistische Antidot zur individualistisch fragmentierten Kommunikation und Realitätskonstruktion.< (S. 986) Das >postmetaphysische Medium< Fernsehen ermöglicht Hörisch >realistisches-allgemeingültiges Weltwissen< (S. 986f.). Gleichzeitig betont der Schriftsteller aber auch die Grenzen dieses Mediums: >das Fernsehen ist ein Sinnes-, kein Sinnmedium.< (S. 986)
Abschließend sei noch auf eines der drei Stücke, den Beitrag des Schriftstellers Hansjürgen Bulkowski über >Liebe zur Sache< hingewiesen. Gegenüber dem Vorwurf des Dingfetischismus verweist er auf die anthropologische Dimension der 'Beziehung' zwischen Mensch und Gegenstand: >Wenn wir uns der Dinge annehmen, bedeutet das wunderbarerweise nicht, daß wir uns in ihnen verlieren, bedeutet es keineswegs Selbstverlust, eher daß wir uns in ihnen wiederfinden. Dinge wollen gefunden werden. Durch sie erfahren wir das außerhalb liegende Andere, nicht ohne Staunen und Freude, als Teil unserer selbst.< (S. 996)
Diese aus den 19 verfassten Essays herausgegriffenen Beispiele mögen unterstreichen, dass ihre Lektüre dem Lehrer neue und vielleicht ungewohnte Perspektiven eröffnet. Hervorzuheben ist das breite Spektrum der Beiträge, die von Philosophen, Politologen, Historikern, Literaturwissenschaftlern und Journalisten stammen. Das Thema Realität bzw. Wirklichkeit wird in dem Sonderheft geradezu multiperspektivisch erschlossen und der Lehrer erhält notwendiges Reflexionswissen für seinen Unterricht. >Wirklichkeit ! Wege in die Realität< ist eine Ausgabe des >Merkur<, deren sprachlich brillante Essays Philosophie-, Politik-, Geschichts- und DeutschlehrerInnen zur Lektüre nur empfohlen werden können.
Dr. Marcel Remme, für lehrerbibliothek.de
Inhaltsverzeichnis
Inhalt
Zu diesem Heft 749 - 750
Gumbrecht, Hans Ulrich
Diesseits des Sinns. Über eine neue Sehnsucht nach Substantialität 751 - 761
Willaschek, Marcus
Realismus - die vermittelte Unmittelbarkeit unseres Zugangs zur Welt 762 - 772
Gerhardt, Volker
Die Instanz der Realität 773 - 783
Seel, Martin
Wie phänomenal ist die Welt? 784 - 793
Fischer, Ernst Peter
Wieso können wir die Welt erkennen? 794 - 804
Marx, Wolfgang
Meine unbefleckte Empfängnis. Ein anderer Realismus 805 - 808
Bender, Peter
Was war Realpolitik früher? 809 - 817
Münkler, Herfried
Realpolitik heute. Ein Blick in den historischen Spiegel 818 - 828
Joffe, Josef
Überwunden und verschwunden? Realismus in der Außenpolitik 829 - 835
Mearsheimer, John J.
Hans Morgenthau und der Irakkrieg: Realismus versus Neokonservatismus 836 - 844
Lindberg, Tod
Von der Realität überfallen. Was wollen die Neokonservativen? 845 - 857
Lau, Mariam
Tempel des Friedens oder Turm von Babel? Zur Realität der Uno 858 - 866
Manthey, Jürgen
Rule, Britannia! Wie einmal der Realismus den Idealismus besiegte 867 - 873
Schmidt, Thomas E.
Können sich moderne Gesellschaften ihrer Trugbilder entledigen? 874 - 882
Schlak, Stephan
Einsicht und Leidenschaft Wilhelm Hennis' Fragestellung 883 - 888
Nolte, Paul
Die Macht der Abbilder. Geschichte zwischen Repräsentation, Realität und Präsenz 889 - 898
Damke, Norbert
Vom Nutzen ökonomischer Modellbildungen 899 - 905
Stephan, Cora
Um so schlimmer für die Wirklichkeit! Von Worten und Unworten 906 - 910
Schlögel, Karl
Sichtbarkeit der Zeit. Skizze für ein Museum der Transformationsperiode 911 - 917
Meyer, Ingo
Die Kehrseite der Moderne. Funktionen des Realismus heute 918 - 929
Rohde, Carsten
Goethes Realismus 930 - 940
Henschel, Gerhard
Tom Wolfe als Realist 941 - 949
Kohlhammer, Siegfried
Die Faszination der Photographie 950 - 962
Lau, Jörg
Wunderlicher Realismus. Kino als Erfahrung 963 - 971
Demand, Christian
Das Leben selbst: Kunst, Medien, Wirklichkeit 972 - 979
Hörisch, Jochen
Totale Verblödung oder Tele-Vision? Das Fernsehen als Realitätsmaschine 980 - 987
Bulkowski, Hansjürgen
Liebe zur Sache. Über Dinge 988 - 997
Holzer, Stefanie
Private Wirklichkeiten 998 - 1006
Rutschky, Michael
Aus dem Fenster schauen 1007 - 1016
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