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Geschichten und ihre Geschichte
Geschichten und ihre Geschichte




Therese Fuhrer, Paul Michel, Peter Stolz (Hrsg.)

Schwabe Basel
EAN: 9783796519796 (ISBN: 3-7965-1979-2)
441 Seiten, paperback, 15 x 22cm, Juni, 2004

EUR 33,50
alle Angaben ohne Gewähr

Rezension
Geschichten haben eine prägende Kraft auch wenn uns ihre Entstehungsgeschichten oft nicht oder nur unzureichend bekannt sind. In diesem Buch referieren 14 Fachwissenschaftler aus unterschiedlichen Disziplinen wie z.B. Psychologie, Theologie, Literaturwissenschaft usw. jeweils über eine Geschichte unter einem bestimmten Gesichtspunkt bzw. Fragestellung. Die Ausführungen gewähren hierbei einen tiefen Einblick in unsere kulturellen Grundlagen. Dem Leser werden hierbei nicht nur interessante Erkenntnisse zur Entstehungs- und Wirkungsgeschichte sowie den sowie Bedeutungs- und Sinnzusammenhängen einzelner Geschichten vermittelt, sondern er erhält darüber hinaus auch Einblicke in wissenschaftliche Fragestellungen aus unterschiedlichen Perspektiven.

Da Geschichten im Leben eines jeden Menschen eine bedeutende Rolle spielen und einige Geschichten außerdem zum kulturellen Allgemeingut gehören, sind die Erkenntnisse und Ausführungen auch außerhalb des Wissenschaftsbetriebes von großer Bedeutung, da sie es dem einzelnen ermöglichen über die eigenen kulturellen Grundlagen zu reflektieren. Dies soll an dieser Stelle anhand von drei Beispielen verdeutlicht werden.
So kennt z.B. wohl jeder die Geschichte von den Weisen aus dem Morgenland, die dem Jesuskind huldigen. Sie wird ja schließlich jedes Jahr zu Weihnachten wieder in Erinnerung gerufen. Doch woher wissen wir, dass es sich um drei Könige, die heiligen drei Könige, handelt, von denen der eine ein Schwarzer war und dass sie auf Kamelen kamen? Dieses Bild ist uns zumindest so vertraut. In der Bibel steht von diesen Details leider nichts. Der interessierte Leser sei auf das Matthäusevangelium (Kap. 2) verwiesen. Paul Michel geht bei dieser Geschichte der Frage nach, wie das Bild, das wir heute von der Situation haben, entstanden ist.
Ebenfalls dürfte wohl jeder dank Freud den Namen Ödipus kennen. Brigitte Boothe analysiert auf beeindruckende Weise wichtige strukturelle Elemente der Tragödie aus psychologischer Sicht. Die Frage, wie die Problematik des Vatermordes und des Inzest in eine publikumsverträgliche Weise dargestellt wird, bildet dabei einen Schwerpunkt ihrer Ausführungen. Der Leser wird mit rezeptionsästhetischen Fragestellungen vertraut gemacht und erhält die Möglichkeit über seinen eigenen Umgang mit Texten zu reflektieren. Darüber hinaus ist dieser Aufsatz eine hervorragende kompakte Interpretation der Tragödie und kann nur jedem zur Lektüre empfohlen werden. Ein kritischer Ausblick auf die Moderne und ihre Verarbeitung in der Literatur wirft die Frage auf, ob insbesondere der Mann von heute die Entwicklung des Ödipuskomplexes überhaupt noch durchläuft oder nicht schon vorher scheitert.
Für die nötige Priese Humor sorgen u. a. die Ausführungen von Bernd Roeck zu den städtischen Gründungsmythen in der Renaissance. Der Leser wird sich wohl kaum ein Schmunzeln verkeifen können, welche Städte so alles Noah, Norix, Sohn des Herkules, die Trojaner oder sonstige biblische oder mythische Helden zu ihren Gründungsvätern auserkoren hatten, natürlich in Europa und Deutschland, nicht etwa im Orient. Auch hier wird dem Leser ein interessanter Einblick in die menschlichen Bedürfnisse aber auch in die politischen und strukturellen Hintergründe und Zusammenhänge geboten, die zu solchen, zumindest aus heutiger Sicht, Kuriositäten führten. Darüber hinaus wird dem Leser die Funktion von Mythen im Allgemeinen anhand konkreter Beispiele verdeutlicht.

Die Ausführungen sind sprachlich und inhaltlich auf einem anspruchsvollen Niveau gehalten. Kürzere lateinische Zitate sind nicht immer übersetzt. Der Aufsatz von Jürgen Oelkers enthält einige längere englische Zitate. Das Buch enthält 38 schwarz/weiß sowie vier Farbabbildungen. Am Ende der Aufsätze befinden sich zur weiteren Vertiefung Literaturverzeichnisse mit Angabe der Quellen und Sekundärliteratur.

Fazit: Hervorragende interdisziplinäre Aufsatz- (Vorlesungs-) Sammlung, die auf hohem wissenschaftlichem Niveau das Wesen und die Funktion von Geschichten anhand konkreter Beispiele verdeutlicht.

Björn Hillen, lehrerbibliothek.de
Verlagsinfo
Geschichten und ihre Geschichte
Wir alle leben in Geschichten: Sie bilden ein Repertoire, das uns Erfahrungen vorformuliert; sie sind ein Instrumentarium der Weltdeutung; sie dienen zur Bewältigung von Situationen. Obwohl Geschichten einen festen Kern haben, sind sie - im Gegensatz zu Axiomen - flexibel, ausbaufähig, neu interpretierbar. Geschichten können je nach Bedürfnissen, Kontexten und erwarteten Funktionen neu adaptiert werden - das heisst: sie haben eine eigene Geschichte.

Der vorliegende Sammelband enthält die Vorlesungen, welche während des Wintersemesters 2002/03 im Rahmen einer interdisziplinären Veranstaltungsreihe der Universität und der ETH Zürich vor einem grossen Publikum gehalten wurden. Das Spektrum erstreckt sich von wohlbekannten Figuren der griechischen Sage - Orpheus, Ödipus, Proteus, Pandora - über solche aus der römischen Vorzeit - Brutus, Verginia - bis hin zu Gestalten und Themen der israelitisch-christlichen Überlieferung: Josef und seine Brüder, Jesus und Abgar, die Weisen aus dem Morgenland. Dadurch, dass Fachvertreterinnen und Fachvertreter aus verschiedenen Disziplinen je eine paradigmatische Geschichte und deren Geschichte vorstellen. wird die Variationsbreite der Umgestaltungen erst fassbar und deutlich. Aus unterschiedlicher Warte und mit je spezifischen literatur-, kunst-, sozial- oder kulturwissenschaftlichen Interessen werden Längsschnitte gezogen; andernorts wiederum geht es um Rezeptionsvorgänge in einer bestimmten historischen Situation, so bei der Übernahme von alttestamentlichem Erzählgut in den Koran oder bei der Konstruktion von Gründungsmythen in der Renaissance. Gewisse Beiträge sind einzelnen Texttypen - wie der Fabel, der Elegie, dem erbaulichen Schauspiel - oder auch Rezeptionsvorgängen in der bildenden Kunst gewidmet. Der Zyklus wird beschlossen durch eine Besinnung über die historische Wirkkraft "klassischer Bildung" allgemein.

Autoren/Autorinnen und ihre Beiträge
Christoph Riedweg: Orpheus oder die Magie der musiké - Therese Fuhrer: Der alte Mann aus dem Meer: Die Karriere des Verwandlungskünstlers Proteus in der Philosophie - Elisabeth Bronfen: Pandoras Nachleben. Figuren weiblicher Neugierde - Marie-Theres Fögen: Verginia. Von der unendlichen Verwandlung einer Frau - Hubertus Günther: Das Urteil des Brutus als Paradigma der Gerechtigkeit in der Bildenden Kuns - Emidio - Campi: Bullingers Umstilisierung der Brutus-Geschichte in seinem Spiel 'Lucretia' - Bernd Roeck: Trojaner, Etrusker und Goten: Gründungsmythen der Renaissance - Michele C. Ferrari: Der Wolf, das Lamm und der Prediger. Eine Fabel und ihre Leser von der Antike bis heute - Ulrich Rudolph: Josef und seine Brüder im Koran - Paul Michel: Die Weisen aus dem Morgenland in der Deutung des Abendlands - Christian Marek: Jesus und Abgar. Das Rätsel vom Ursprung einer Legende - Peter Stotz: Mutmassungen über einen verstossenen Bruder: Erdichtetes zu Judas Ischariot - Michael - Böhler: Elegische Transformationen der Goethezei - Brigitte Boothe: Jeder ist ein Ödipus - Jürgen Oelker: Kanon und Variation: Zur historischen Wirkkraft "klassischer Bildung
Inhaltsverzeichnis
Vorwort der Herausgeber. 7

Hans Weder
Grusswort der Universität zur Eröffnung der Ringvorlesung "Geschichten und ihre Geschichte". 9

Therese Fuhrer
Der alte Mann aus dem Meer: Zur Karriere des Verwandlungskünstlers Proteus in der Philosophie. 11

Christoph Riedweg
Orpheus oder die Magie der musiké.
Antike Variationen eines einflussreichen Mythos. 37

Marie Theres Fögen
Tod einer Jungfrau. Livius' Verginia und Lessings Emilia. 67

Hubertus Günther
Das Urteil des Brutus. Vom Paradigma der Gerechtigkeit zur aufrührenden Tragödie. 89

Emidio Campi
Brutus Tigurinus. Aspekte des politischen und theologischen Denkens des jungen Bullinger. 145

Bernd Roeck
Trojaner, Goten und Etrusker: Städtische Gründungsmythen der Renaissance. 175

Ulrich Rudolph
Josef und seine Brüder im Koran. 199

Paul Michel
Die Geschichte der Weisen aus dem Morgenland in der Deutung des Abendlands. 237

Christian Marek
Jesus und Abgar. Das Rätsel vom Beginn einer Legende. 269

Peter Stotz
Mutmassungen über einen verstossenen Bruder: Erdichtetes zu Judas Ischariot. 311

Michael Böhler
Elegische Klanggeschichten. 333

Elisabeth Bronfen
Pandoras Nachleben. Figuren weiblicher Neugierde. 361

Brigitte Boothe
Jeder ist ein Ödipus. 383

Jürgen Oelkers
Kanon und Variation: Zur historischen Wirkkraft klassischer Bildung. 405

Verzeichnis der Abkürzungen. 439

Verzeichnis der Autorinnen und Autoren. 441