lehrerbibliothek.deDatenschutzerklärung
Adornos Erben Eine Geschichte aus der Bundesrepublik
Adornos Erben
Eine Geschichte aus der Bundesrepublik



Suhrkamp
EAN: 9783518431771 (ISBN: 3-518-43177-3)
760 Seiten, hardcover, 15 x 22cm, Juni, 2024

EUR 40,00
alle Angaben ohne Gewähr

Umschlagtext
DIE FRANKFURTER SCHULE & IHRE BUNDESREPUBLIK

"Die Geschichte der Kritischen Theorie in der Bundesrepublik kann nur eine ihrer Interpretationen sein. Deshalb erzähle ich sie anhand der subjektiven Positionen und Praktiken einiger maßgeblicher Akteure.

Regina Becker-Schmidt, Gerhard Brandt, Ludwig von Friedeburg, Karl Heinz Haag, Jürgen Habermas, Alxeander Kluge, Elisabeth Lenk, Oskar Negt, Helge Pross, Alfred Schmidt, Herbert Schnädelbach, Hermann Schweppenhäuser, Rolf Tiedemann
Rezension
Die ältere Kritische Theorie, also die ihrer Gründungsväter, erfährt zurzeit in der Öffentlichkeit und in der wissenschaftlichen Forschung eine Renaissance. Davon zeugen auch jüngste Publikationen zur Historiografie der Frankfurter Schule: Christian Vollers Buch „In der Dämmerung. Studien zur Vor- und Frühgeschichte der Kritischen Theorie“(2022), die Neuauflage von Alex Demirovićs Habilitationsschrift „Der nonkonformistische Intellektuelle. Von der kritischen Theorie zur Frankfurter Schule“(2023) und Philipp Lenhards institutionengeschichtliches Werk „Café Marx. Das Institut für Sozialforschung von den Anfängen bis zur Frankfurter Schule“(2024). Während der Fokus in den vorliegenden Büchern auf der Frühgeschichte und der ersten Generation der Kritischen Theorie liegt, fehlte bisher eine Darstellung der zweiten Generation der Frankfurter Schule, die nach dem Tode Theodor W. Adornos 1969 die Erkenntnisse der materialistischen Sozialphilosophie rezipierten und aktualisierten. Oftmals wird die Weiterentwicklung der Kritischen Theorie ausschließlich mit deren sprachphilosophischer Transformation bei Jürgen Habermas und dessen Hauptwerk der „Theorie des kommunikativen Handelns“ identifiziert. Andere Schüler:innen, die ebenfalls nach 1949 am Institut für Sozialforschung studierten und in ihren Forschungen insbesondere durch Adornos Sozialphilosophie des Nicht-Identischen beeinflusst wurden, werden dagegen oftmals marginalisiert.
Hierzu zählen, so Jörg Später (*1966), in seiner im Suhrkamp Verlag publizierten umfangreichen Monographie „Adornos Erben. Eine Geschichte der Bundesrepublik“, folgende Personen: die Philosophieprofessoren Alfred Schmidt (in Frankfurt/Main), Hermann Schweppenhäuser (in Lüneburg), Oskar Negt (in Hannover), Herbart Schnädelbach (in Hamburg) sowie die Soziologieprofessorinnen Regina Schmidt-Becker (in Hannover), Helge Pross (in Gießen) und die Professorin für Literatursoziologie (in Hannover) Elisabeth Lenk. Zum Kreis um Adorno zählen auch der auf die Adorno-Nachfolge verzichtende Karl Heinz Haag (in Frankfurt), der Herausgeber der Werke Walter Benjamins und Leiter des Theodor W. Adorno-Archivs in Frankfurt Rolf Tiedemann, der „angenommene Sohn“ Adornos - so Gretel Adorno – der Filmemacher Alexander Kluge, der Soziologe und Direktor des Frankfurter Instituts für Sozialforschung Gerhard Brandt sowie der hessische Kultusminister und langjährige Direktor des Frankfurter Instituts für Sozialforschung Ludwig von Friedeburg.
Später, bekannt durch seine glänzende Siegfried Kracauer-Biographie, stützt sich in seinem neuen, der Ideen- und Theoriegeschichte verpflichteten Werk auf Veröffentlichungen der Protagonist:innen und insbesondere auf deren Korrespondenzen, die sich primär im Archivzentrum der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main befinden. In seiner Studie kann der Freiburger Historiker differenziert den Einfluss der zweiten Generation der Kritischen Theorie auf die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, auf soziale Bewegungen, das Bildungswesen und politische Prozesse aufzeigen. So erinnert der Historiker an den 16. Deutschen Soziologentag 1969 in Frankfurt , der den Positivismusstreit in der Soziologie auslöste, an Negt, der das Sozialistische Büro in Offenbach mitbegründete, an den Kampf des Sozialdemokraten von Friedeburg für eine emanzipatorische Pädagogik in der Schule und für die Aufhebung des dreigliedrigen Schulsystems oder an Pross` Einsatz für Frauen und deren Rechte im ZDF und in Frauenzeitschriften. Zudem verweist Später auf das häufige Einschalten des Intellektuellen Habermas in politische Diskurse, insbesondere in den Historikerstreit, in dem es um die Singularität des Holocaust und seine identitätspolitische Bedeutung für das Selbstverständnis der Bundesrepublik Deutschland ging. Später ordnet die Wirkmächtigkeit der zweiten Generation der Kritischen Theorie gekonnt in die Bedingungsfaktoren der Geschichte der Bundesrepublik in den 1970er und 1980er Jahren ein.
Die Aktualität der Kritischen Theorie sieht der Historiker in ihrer „ethisch-humanistischen Haltung zur Welt, die es politischen Subjekten, die per definitionem über Reflexionsvermögen, ein Sensorium für Ambivalenzen und Nichtidentisches verfügen, ermöglicht, sich kritisch zu orientieren und Resilienz gegen Verdummungszusammenhänge aufzubauen“(S. 587). Diesen Anspruch formulierte schon Adorno in seinen „Minima Moralia“(1951) folgenermaßen: „Die fast unlösbare Aufgabe besteht darin, weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen.“ Lehrkräfte der Fächer Philosophie, Ethik, Geschichte und Politik werden durch das vorliegende theoriegeschichtliche Werk motiviert, sich in ihrem Fachunterricht mit den Beiträgen der zwölf Intellektuellen zu einer anderen Bundesrepublik anhand ausgewählter Schriften problemorientiert auseinanderzusetzen.
Fazit: Jörg Später ist mit seiner Monographie „Adornos Erben“ ein exzellentes historiografisches Werk zur Würdigung der Adorno-Schüler:innen gelungen, welches die Aktualität ihrer sozialphilosophischen Reflexionen angesichts der Panökonomisierung der Lebensbereiche im digitalen Kapitalismus unterstreicht. Der aufschlussreiche Band lädt dazu ein, die Schriften der zweiten Generation der Frankfurter Schule (neu) zu lesen, die in der alten Bundesrepublik Deutschland wirkten und dieser ein anderes sozialkulturelles Gesicht verliehen.

Dr. Marcel Remme, für lehrerbibliothek.de
Verlagsinfo
Jörg Später
Adornos Erben
Eine Geschichte aus der Bundesrepublik
Im Oktober 1949 kehrte Theodor W. Adorno aus dem amerikanischen Exil in seine Geburtsstadt zurück, um wieder an einer deutschen Universität zu lehren. Frankfurt lag in Trümmern, die Nazis hatten nur die Kleider gewechselt, aber die Studierenden kamen in Scharen. Bald war der Philosoph wöchentlich im Radio zu hören und zum Stichwortgeber und »Erzieher« der jungen Bundesrepublik geworden. Als Adorno 1969 starb, waren das Institut für Sozialforschung und sein Direktor bundesweit bekannt. Die Frankfurter Schule befand sich auf dem Zenit ihrer öffentlichen Wirkung.
Dieser Denkraum und seine Metamorphosen zwischen Nachkrieg und Wiedervereinigung sind das Thema dieses Buches, zwölf Mitarbeiter Adornos seine Protagonisten. Nach dem Tod des »Meisters« zerstreuten sie sich von der Stadt am Main nach Gießen, Lüneburg oder Starnberg. Jörg Später folgt ihren Wegen und schildert, wie sie in Wissenschaft, Politik und den neuen sozialen Bewegungen Adornos Erbe annahmen und veränderten. Adornos Erben schreibt die Geschichte der Kritischen Theorie neu: als große, vielstimmige Erzählung aus der alten Bundesrepublik – einem Land, das zwanzig Jahre mit Adorno existierte und zwanzig Jahre ohne ihn.
Adornos Erben:
Regina Becker-Schmidt, Gerhard Brandt, Ludwig von Friedeburg, Karl Heinz Haag, Jürgen Habermas, Elisabeth Lenk, Oskar Negt, Helge Pross, Alfred Schmidt, Herbert Schnädelbach, Hermann Schweppenhäuser, Rolf Tiedemann
Sachbuch-Bestenliste (WELT/NZZ/r
Inhaltsverzeichnis
Einleitung 7
Prolog: Was bisher geschah – Ursprünge und
Elemente Kritischer Theorie 19
Erster Teil
Schulbildung, 1949-1969
Frankfurt um 1950 43
Die ersten Schüler in der Philosophie 49
Öffentliche Soziologie und Zaungäste am Frankfurter Hof 62
Die zweite Welle 83
Zeugnisse in der BRD noir 106
Emanzipation und Engagement 126
Abschied von Adorno 144
Zweiter Teil
Die Schule entlässt ihre Kinder
Schlachtbeschreibung: Wer folgt Adorno? 165
Der scheiternde Frankfurter Schulminister 190
Linke Sozialforschung und Soziologie für Manager 212
Ausgrabungen und verblühende Landschaften:
Frankfurter Philosophie 241
Ästhetische Erfahrungen und adornoeske Philologie 272
Notizen aus der Provinz 308
Dritter Teil
Kritische Theorie im Handgemenge
Öffentlich-politische Profile: Habermas, Negt, Kluge 373
Varianten des Feminismus 409
Die großen Frankfurter Erzählungen der 1980er Jahre:
Ein Theoriemuseum 433
Der Erbschaftsstreit: Konferenzen, Konflikte, Konkurrenzen 477
Vermischte Nachrichten 505
Die Rückkehr der NS -Geschichte und die Neubelebung
Kritischer Theorie 550
Schluss 576
Dank 589
Anmerkungen 591
Literatur 697
Bildnachweise 739
Namenregister 741
Ausführliches Inhaltsverzeichnis 757