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Welt im Zwiespalt Eine andere Geschichte des 20. Jahrhunderts
Welt im Zwiespalt
Eine andere Geschichte des 20. Jahrhunderts




Edgar Wolfrum

Klett-Cotta
EAN: 9783608943061 (ISBN: 3-608-94306-4)
447 Seiten, hardcover, 14 x 22cm, Februar, 2017

EUR 25,00
alle Angaben ohne Gewähr

Umschlagtext
Edgar Wolfrum lässt uns das 20. Jahrhundert neu erleben – in all seiner Zerrissenheit zwischen Fortschritt und Abgrund.

Meisterhaft schildert Edgar Wolfrum das außergewöhnlichste Jahrhundert der Weltgeschichte und bietet zugleich eine neue Interpretation des ganzen Zeitalters unter länderübergreifender Perspektive. Ein beeindruckendes, großes Panorama des 20. Jahrhunderts, dessen ungelöste Probleme unsere Gegenwart bis heute bestimmen.


Rezension
Weltgeschichte als Geschichte von Daseinsproblemen
Seit mehreren Jahren erfahren Untergangsphantasien in der Öffentlichkeit eine Renaissance. Diese Lust am Untergang beschränkt sich nicht nur auf rechte politische Kreise, die Oswald Spenglers Hypothese vom „Untergang des Abendlandes“ revitalisieren. Die weit verbreitete pessimistische Sicht auf unsere Welt und Gesellschaft ist Ausdruck eines Unbehagen an der gegenwärtigen Moderne. Im 21. Jahrhundert lassen sich nach dem Soziologen Hartmut Rosa drei Krisen der Spätmoderne identifizieren: die Demokratiekrise, die Ökologiekrise und die Psychokrise. Die historischen Wurzeln aktueller Krisenakkumulation liegen in den politischen, sozialen, ökonomischen, kulturellen und mentalen Entwicklungen des 20. Jahrhundert, das von dem Historiker Eric Hobsbawm als „Zeitalter der Extreme“(1995) charakterisiert wurde. Das Doppelgesicht dieses sich durch Beschleunigung geprägten Zeitraums zeigt sich u.a. an den Genoziden und den medizinischen, technischen Fortschritten. Aber auch in der vergleichender Betrachtung von Staaten und auch Regionen innerhalb dieser offenbart sich die „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“(Bloch).
Zurecht lautet der Titel von Edgar Wolfrums „anderer“ Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts „Welt im Zwiespalt“. Mit der Wahl von Ambivalenz bzw. Widersprüchlichkeit als zentrale historische Kategorie gelingt es dem renommierten Heidelberger Historiker hervorragend, Ereignisse und Entwicklungen von 1900 bis zum Millennium systematisch zu erfassen. Zugleich vermeidet der Professor für Zeitgeschichte mit einer solchen Leitperspektive eine teleologische Betrachtungsweise von Geschichte, die dem Axiom moderner Geschichtswissenschaft, nämlich der Offenheit von Geschichte widerspricht. Zwei teleologische Narrative zum 20. Jahrhundert, die in der Öffentlichkeit - weniger in der historischen Forschung - nachweisbar sind, werden durch die Wolfrums Aufzeigen von widersprüchlichen Entwicklungen überzeugend widerlegt: zum einen das einseitige von einer kontinuierlichen Verfallsgeschichte und zum anderen das eindimensionale von einem linearen ökonomischen, technischen und moralischen Fortschritt.
Der Geschichtsprofessor verdeutlicht die Antinomien in seinem historischen Panorama zudem nicht nur in den Feldern Politik, Gesellschaft und Wirtschaft, sondern berücksichtigt auch kulturelle und mentale Prozesse. In Wolframs multiperspektivischem Zugriff auf die zentralen Daseinsprobleme des 20. Jahrhundert, die von ihm aus der Vogelperspektive souverän unter Berücksichtigung des aktuellen Forschungsstands analysiert werden, liegt seine besondere historische Leistung. Die von ihm getroffene Auswahl von 16 Themenfeldern seiner Problemgeschichte weiß zu überzeugen, da den dort präsentierten Widersprüchlichkeiten, wie er expliziert, ethische Problemstellungen zugrunde liegen. Beispielsweise geht es bei humanitären Interventionen um die Frage nach dem gerechten Krieg, bei Hunger und Migration um gerechte globale politischen Rahmenbedingungen, aber auch um moralisch reflektierte Ernährung und Umweltschutz; die digitale Revolution wirft Fragen nach der Autonomie des Menschen auf. Besondere Erwähnung verdienen auch der didaktische Aufbau der einzelnen Buchkapitel, die mithilfe von Begrifflichkeiten überschrieben sind, die Gegensätze demonstrieren. Kontrastive Zitate am Beginn der Kapitel ermöglichen einen produktiven Problemaufriss. Anhand sehr gut gewählter historischer Details fokussiert Wolfram anschaulich historische Zusammenhänge. Damit erleichtert der Historiker insbesondere Referendarinnen und Referendaren sowie Lehrerinnen und Lehrern des Faches Geschichte einen problemorientierten Zugriff. Angesichts der Vielzahl von Ereignissen und Entwicklungen des 20. Jahrhundert verwundert es nicht, wenn mancher Leser Personen in Wolfrums Buch vermisst. Philosophinnen und Philosophen außer Jürgen Habermas kommen in dem Werk trotz der letztlich ethischen Konturierung zentralen Daseinsprobleme des 20. Jahrhunderts zu kurz. Die Beiträge beispielsweise von Sigmund Freud und Albert Einstein zu einem neuen Menschen- und Weltbild hätten eine Erwähnung in einer Geschichte des 20. Jahrhunderts verdient.
Wie seine Bücher „Die geglückte Demokratie“(2006) und „Rot-Grün an der Macht“(2013) zeichnet sich auch das neueste Werk des Geschichtsprofessors durch hervorragende Lesbarkeit aus. Wolfrum ist mit „Welt im Zwiespalt“ ein flüssig geschriebenes, historisches Meisterwerk an Verdichtung, historischer Problemorientierung und ein zentraler Beitrag zur gegenwärtigen historischen Bildung gelungen. Der Historiker hält daran fest, dass man aus der Geschichte lernen könne. Sie liefere zwar keine direkten Handlungsanweisungen für die Bewältigung der Probleme der Gegenwart, wohl aber leiste sie einen Beitrag zur Sensibilisierung für diese. Angesichts des globalen Trends zu „Retropien“(Bauman) hilft Wolfrums Buch, sich des Problembewusstseins des 20. Jahrhundert, seiner Errungenschaften und seines Umgangs mit Daseinsproblemen zu vergegenwärtigen.
Fazit: Edgar Wolfrums Werk „Welt im Zwiespalt“, erschienen im Verlag „Klett-Cotta“, ist ein „Muss“ für jeden Geschichtsstudierenden und für jede Lehrkraft, die ihren Geschichtsunterricht problemorientiert und wissenschaftlich fundiert gestalten möchte. Das Buch kann aber auch jeden historisch Interessierten als Einführung in die Zeitgeschichte empfohlen werden.

Dr. Marcel Remme, für lehrerbibliothek.de
Verlagsinfo
»... ein zweifellos imposantes Panorama ...
Die Fertigkeit des Historikers zeigt sich darin, die nicht fassbare Totalität der Geschichte in ihrer Komplexität so zu reduzieren, dass in dieser Verringerung eine Erzählung entsteht, die das Jahrhundert in seinem Sinnzusammenhang erst begreifbar erscheinen lässt. Das ist in einfacher Sprache und klarer Argumentation überzeugend gelungen ...«
Romain Leick, Literatur Spiegel, Februar 2017

Das 20. Jahrhundert war durchfurcht von Kriegen, Ideologien, Krisen und Terror. Doch es war auch eine Epoche der Durchbrüche zur Freiheit und der Ausbildung globaler Kulturen und des Welthandels. Aus unterschiedlichen Perspektiven porträtiert Edgar Wolfrum ein zutiefst widersprüchliches Zeitalter mit all seinen dunklen und hellen Seiten. Dabei berücksichtigt er viele Ausprägungen menschlichen Daseins in Zeit, Raum und Kultur: Krieg und Frieden, Demokratie und Diktatur, Liebesglück und Geschlechterungleichheit, Wohlstand und Hunger, Säkularisierung und Rückkehr der Religionen ... Die politischen, wirtschaftlichen, sozialen und militärischen Ereignisse kommen dabei ebenso zur Sprache wie die kulturellen und mentalen Entwicklungen. Ein beeindruckend argumentierendes und umfassendes Geschichtspanorama für alle, die das 20. Jahrhundert und die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts verstehen wollen.

»Edgar Wolfrum ist ein Glücksfall für den Leser. Nichts ist dem Historiker aus Heidelberg oberflächlich, nichts langweilig geraten.«
Marcus Sander, Stuttgarter Zeitung
Inhaltsverzeichnis
Einleitung: Das Jahrhundert begreifen 7

TEIL 1
DIE VÄTER UND MÜTTER ALLER DINGE

1. Krieg und Frieden. Infernalische Zeiten, versöhnliche Zeiten 19
2. Demokratie und Diktatur. Jahrhundert ohne Maß und Mitte 45
3. Dritte Welt zwischen erster und zweiter. Der Klub der Blockfreien 75
4. Starke Staaten und gescheiterte Staaten. Das Erbe der Imperien 91

TEIL 2
IN DEN DRAMEN DES LEBENS

5. Naturbeherrschung und Umweltkatastrophen. Eine schreckliche Schönheit 117
6. Impfung und Aids. Medizin gegen die Geißeln der Menschheit 139
7. Vertreibung und Mobilität. Welt in (erzwungener) Bewegung 157
8. Genozide und Völkermordkonvention. Nie wieder Auschwitz 177

TEIL 3
VOM WAHREN, SCHÖNEN, GUTEN

9. Künstlerische Avantgarde und Repression der Kunst. Exzentrische Welten 199
10. Liebesglück und Geschlechterungleichheit. Das Private ist politisch 223
11. Säkularisierung und Rückkehr der Religionen. Existentielle Konfrontationen 243
12. Wissen und Analphabetismus. Ein Dilemma der Moderne 267

TEIL 4
DIE ÖKONOMIE ALS SCHICKSAL

13. Überbevölkerung und Bevölkerungsrückgang. Demographische Fallen 287
14. Wirtschaftswachstum und Verelendung. Fiebrige Zeiten 305
15. Hunger und Wohlstand. Unterernährung kontra Diätwahn 329
16. Holzpflug und Mikrochip. Ochsengespann trifft High-Tech 345

Schluss: Ins 21. Jahrhundert – Welt aus den Fugen? 367

ANHANG

Anmerkungen 379
Literatur 398
Bildnachweis 432
Dank 433
Register 435