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Wissen
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Siegfried Reusch, Otto-Peter Obermeier, Klaus Giel (Hrsg.)

Omega Verlag
EAN: 9783933722126 (ISBN: 3-933722-12-8)
114 Seiten, kartoniert, 22 x 31cm, Mai, 2006

EUR 15,10
alle Angaben ohne Gewähr

Rezension
Von Sokrates soll der Ausspruch stammen: “Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ Was aber versteht man unter Wissen? Den Versuch einer Klärung dieses Begriffs, der gegenwärtig zu einer Leerformel droht zu verkommen, unternehmen die Autoren des 21. Heftes des im „omega Verlag“ erscheinenden Journals „der blaue Reiter“. Die Ausgabe der im deutschsprachigen Raum auflagenstärksten philosophischen Zeitschrift enthält 13 Aufsätze, eine interessante Umfrage, ein aufschlussreiches Interview und Rezensionen. Das Konzept des „blauen Reiters“, der von Siegfried Reusch, Professor Otto-Peter Obermeier und Professor Klaus Giel herausgeben wird, verdeutlicht folgendes Zitat: "Die Redaktion des blauen Reiters will und soll sich genauso wenig einigen wie die Philosophen an den Universitäten und in freier Wildbahn. Das Wesentliche an der Philosophie ist nicht das, was „hinten raus kommt“. Das Wesen der Philosophie ist die beständige Auseinandersetzung mit sich, mit dem anderen und dem, was man gemeinhin als die Wirklichkeit bezeichnet.“(S. 94)
Das Thema „Wissen“ wird in dem Heft multiperspektivisch beleuchtet, nämlich aus kulturwissenschaftlicher, philosophischer, naturwissenschaftlicher, pädagogischer und theologischer Sicht. Dabei werden in den einzelnen Beiträgen renommierter Wissenschaftler Verkürzungen des Wissensbegriffs entlarvt. So ist die in der Öffentlichkeit verbreitete Gleichsetzung von Wissen mit Information nach Aleida Assmann unpräzise (S. 6). Gegenüber einer naiven Vorstellung von Lernen betont der Professor für Allgemeine Pädagogik Lutz Koch, „dass Lernen keineswegs ein passives, sondern ein höchst aktives in mehrere Teilaktivitäten zerlegbares Tun ist“ (S. 46f.). Aufschlussreiche Erkenntnisse vermitteln auch andere Beiträge. Hans-Jörg Rheinberger, Professor für Wissenschaftsgeschichte, verdeutlicht anhand des Begriffs „Experimentalsystems“ seine These: “Forschende sind als handelnde Subjekte immer schon in die zu erforschenden Objekte eingeschlossen und finden in ihren Ergebnissen mithin nicht das reine, vom erkennenden Subjekt und seinen Geräten völlig losgelöste Objekt vor.“(S. 40) Olaf Breitbach kritisiert in seinem Aufsatz „Was weiß das Hirn?“ die öffentlichkeitswirksamen Interpretationen von bildgebenden Verfahren einzelner Hirnforscher. Nach dem Professor für Geschichte der Naturwissenschaften „sind die populären bunten Bilder von Hirnen in unterschiedlichen Aktivitätszuständen […], die vorgeblich der Lokalisation von Zentren im Hirn dienen, in denen nunmehr zum Beispiel Sprache, Liebe, und das „Verbrecher-Sein“ (was auch immer dies seinerseits sein mag) ihre Orte gefunden zu haben scheinen, mit großer Vorsicht zu betrachten.“(S. 51)
Das Verdienst dieser Ausgabe des „Journals für Philosophie“ liegt auch darin, dem Leser über populärwissenschaftliche Wissensvorstellungen aufzuklären. Auch wenn einige Beiträge sich auf einem hohen Reflexionsniveau bewegen, zeichnen sie sich durch gute Lesbarkeit aus. Jedem philosophisch und pädagogisch Interessierten, insbesondere Lehrerinnen und Lehrern, die sich reflektiertes Wissen über Wissen aneignen möchte, sei das mit Fotos und Zeichnungen illustrierte 21. Heft des „blauen Reiters“ zur Lektüre empfohlen.

Dr. Marcel Remme, für lehrerbibliothek.de
Verlagsinfo
Wissen

„Alle Menschen streben nach Wissen“, heißt es bei Aristoteles und in der Tat haben sich die
Menschen seit je Gedanken darüber gemacht, wie aus bloßen Erfahrungsdaten das wird, was
wir Wissen nennen. Die Hoffnung, wir könnten die Welt im Ganzen verstehen, zersetzt sich im
Zeitalter der so genannten Wissensgesellschaften zusehends; jede neue Erkenntnis wirft nur
neue Fragen auf. Und in der Tat stehen wir, bis an die Zähne mit Wissen bewaffnet, doch mit
buchstäblich leeren Händen da, verwirrt und hilflos mit den Herausforderungen des Lebens
konfrontiert. Ludwig Wittgenstein merkte diesbezüglich im Tractatus logico-philosophicus kri-
tisch an, dass wir „fühlen, daß selbst, wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beant-
wortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt“ seien und bei François Rabelais
heißt es gar: Wissen ohne Gewissen ist der Seele Ruin.



Inhaltsverzeichnis
Aus dem Inhalt:

Wissen und Weisheit
Die Beschäftigung mit verschiedenen Weisheitskonzepten macht etwas deutlich: die unab-
schließbare Suche nach dem rechten Wissen. Selbst wenn alle möglichen wissenschaftlichen
Fragen beantwortet sind, sind unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt.
Autorin: Aleida Assmann

Von der Ordnung des Wissens
Die Philosophie beginnt mit der Frage nach dem Wissen. Die Ordnung der Dinge ist die Ord-
nung, in die wir die Dinge stellen. Die Macht des Wissens besteht darin, Unterschiede machen
zu können.
Autorinnen: Anke Thyen/Laura Martignon

Wissen = Denken x Tun. Michel Foucault: Annäherung an das Unbegreifliche
Freiheit ist ein radikaler Begriff, der an die Wurzeln unseres Selbst- und Gesellschaftsver-
ständnisses heranreicht. Frei ist der Mensch erst dann, wenn er die Wahrheit der Sinne mit
jener der Vernunft versöhnt.
Autor: Ulrich Johannes Schneider

Absolutes Wissen
Man kann nicht sicher sein, dass im mathematischen Wissen etwas Wirkliches erfasst ist. Die
Annahme, wir könnten die Welt im Ganzen verstehen, zersetzt sich immer mehr.
Autor: Dieter Henrich

Auf dem Kopf gehen. Die Donquichotterien des wissenden Wahnsinns
Der Wahnsinn ist eine nützliche Täuschung der Vernunft. Wahnsinnige sind Träger einer
rauschhaften, prophetischen Wahrheit. Die Poesie des Wahnsinns macht hellsichtig.
Autorin: Angela Oster

Der Grund des Wissens. Wissen und Wirklichkeit
Die wichtigen Fragen beginnen dort, wo uns die klaren und logischen Sätze nicht mehr weiter-
helfen. Neben dem Garten der Wissenschaft gibt es noch den Urwald, die nicht wissenschaft-
liche Welt.
Autor: Eckhard Nordhofen

Die Entstehung von Wissen im Labor
Wissenschaft ist der „Weg ins Unbekannte“. Liefert die Wiederholung von Experimenten immer
die exakt gleichen Ergebnisse, ist Neues ausgeschlossen. Ein technologischer Gegenstand
ist eine Antwortmaschine, ein wissenschaftlicher eine Fragemaschine.
Autor: Hans-Jörg Rheinberger

Lernen: der Weg zum Wissen
Lehren bedeutet, im Schüler durch dessen eigene Vernunfttätigkeit Wissen zu bewirken.
Autor: Lutz Koch

Was weiß das Hirn?
Das Hirn denkt nicht und weiß nichts – es funktioniert. Neurowissenschaftler illustrieren mit
ihren bunten Bildchen nur das, was ihnen die Kultur ihrer Wissenschaft diktiert. Die Wirklichkeit
selbst ist dem Hirn nicht zugänglich.
Autor: Olaf Breidbach

Glauben und Wissen
Die abendländische Kultur ringt bis heute um das richtige Verhältnis von Wissen und Glauben.
Wissen ohne Gewissen ist der Seele Ruin.
Autor: Gregor Etzelmüller

Was ist Wissen? Die Frage des Sokrates
Wissen gibt es nicht ohne die Freiheit individueller Gestaltung. Ohne das Können der Inter-
preten bleiben Texte stumm, ohne dieses Können kommt kein Musikstück zum Erklingen.
Autor: Günter Figal


umfragen
Was ist Wissen? Was ist Bildung?
Kurze Beiträge von Professoren verschiedener Fachrichtungen.

Was wollen Sie unbedingt wissen? Was wollen Sie auf gar keinen Fall wissen?
Mit dem Mikrofon unterwegs war Silvia Lipski.


interview
mit Ottmar Ette
Überlebenswissen
Alexander von Humboldt hat nie den Blick für das Ganze verloren. Der Begriff des Wissens
übersteigt den Bereich der „reinen“ Wissenschaft.


essay
Die Frage des Wissens. Nachrichten aus dem Kloster Mi Sang
So wichtig das Wissen ist, so wenig genügt es.
Autor: Friedrich Dieckmann


lexikon
Sammeln
Autor: Thomas Bach

Skeptizismus
Autor: Thomas Zoglauer

Vergessen
Autor: Tim Caspar Boehme


unterhaltung
Bücherrätsel
Autor: Stefan Baur

Haben Sie Probleme philosophischer Art? Dr. B. Reiter sorgt für Aufklärung!
Es gibt ein Recht auf Irrtum!
Autor: Dr. B. Reiter

Die Neugier ist der Hunger der Seele
Wer im Vorhinein alles über den Nachwuchs weiß, braucht ihn nicht mehr persönlich kennen
zu lernen.
Autor: Stefan Reusch


portrait
Wissen ist Macht. Francis Bacon, Baron von Verulam
Die Natur lässt sich nur beherrschen, wenn man ihr gehorcht; und was in der Erkenntnis als
Ursache gilt, dient im Handeln als Regel.
Autor: Wolfgang Krohn