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Umsiedlung, Flucht und Vertreibung der Deutschen als internationales Problem Zur Geschichte eines europäischen Irrwegs
Umsiedlung, Flucht und Vertreibung der Deutschen als internationales Problem
Zur Geschichte eines europäischen Irrwegs




Karl-Peter Krauss (Hrsg.), Mathias Beer

Haus der Heimat des Landes Baden-Württemberg
EAN: 9783935293334 (ISBN: 3-935293-33-X)
92 Seiten, paperback, 21 x 30cm, 2002

EUR 10,00
alle Angaben ohne Gewähr

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Rezension
Die vom Haus der Heimat im Auftrag des baden-württembergischen Kultusministeriums herausgegebene Lehrerhandreichung besteht aus drei Teilen: einer einführenden Darstellung, einem didaktischen Teil und einem Teil mit Quellen und Materialien. Dabei wird Flucht und Vertreibung der deutschen nicht als isolierter Vorgang betrachtet, sondern in den Kontext der Nationalstaatsbildung im 19. Jahrhundert und der mangelhaften Lösung der Nationalitätenfragen nach dem Ersten Weltkriegs eingeordnet. Die Relevanz des Themas wird dadurch unterstrichen, dass auf die Folgen des Nationalismus bis in unsere heutige Zeit am Beispiel des Balkans hingewiesen wird.
Das Heft ist ein guter Einstieg für Lehrerinnen und Lehrer, die dieses Thema im Unterricht aufgreifen wollen. Sie können sich anhand des ersten Teils in das Thema einarbeiten und finden im zweiten und dritten Teil reichlich Anregungen und Materialien für die Bearbeitung des Themas im Unterricht. Die Materialauswahl ist vielfältig und versucht ein differenziertes Bild zu vermitteln.

Christoph Terno – lehrerbibliothek.de
Verlagsinfo
(Leseprobe aus S. 16)

Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges setzten auf Seiten der Alliierten, und hier am frühesten bei den Briten, aber auch bei den Exilregierungen einzelner ostmitteleuropäischer Staaten Planungen für die Nachkriegszeit ein. So plädierte der Präsident der tschechoslowakischen Exilregierung, Edvard Benes, 1939 in London, sich auf das Lausanner Abkommen berufend, für einen wechselseitigen Bevölkerungs- und Gebietsaustausch zwischen der Tschechoslowakei und Deutschland. Er glaubte damit das nachholen zu müssen, was 1918 nicht gelungen war: Staaten zu schaffen, die national und sprachlich einheitlich waren. Die Pläne, durch Umsiedlung möglichst homogene Nationalstaaten und damit eine stabile Friedensordnung im Nachkriegseuropa zu schaffen, mussten nicht erfunden werden und gehen auch nicht auf die Entscheidung einer Person zurück. Ebenso abwegig ist es, in ihnen eine bloße Reaktion auf die nationalsozialistische Rassen-, Eroberungs- und Vernichtungspolitik zu sehen. Vielmehr handelt es sich um einen unter den Bedingungen eines zum totalen Krieg ausgearteten Zweiten Weltkrieges allmählich gereiften Entscheidungsprozess. In ihm mündeten in einem komplizierten Wechselspiel der Gedanke des ethnisch homogenen Nationalstaats, der Minderheitenfragen zu einem ungelösten Problem werden ließ, die praktische Erfahrung mit Bevölkerungsaustausch und Umsiedlungen in der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts, die Folgen des deutschen Okkupationsregimes und dessen menschenverachtende Vernichtungspolitik sowie die nach Westen strebende Großmachtpolitik der Sowjetunion.
In den Kriegsjahren radikalisierte sich die Einstellung der in London residierenden Exilregierungen der Tschechoslowakei und Polen (wie 1944/45 auch in Ungarn und Jugoslawien) gegenüber den in ihren Ländern beheimateten Volksdeutschen. Diese wurden nunmehr als „Quartiermacher Hitlers" und „fünfte Kolonne" für die Verbrechen des Dritten Reiches kollektiv verantwortlich gemacht. Mit ihnen wollten diese Staatsvölker als Opfer der nationalsozialistischen Besetzung nicht mehr zusammenleben. Das Auftreten nationalsozialistischer Organisationen innerhalb der deutschen Volksgruppen schien den Vorwurf der „Kollaboration" zu bestätigen. Dass diese Organisationen die Volksgruppen im Dienst des Dritten Reiches missbrauchten, wollten die Widerstandsgruppen, Partisanen und Exilpolitiker nicht zur Kenntnis nehmen. Sie nahmen sich die Bevölkerungsverschiebungen der jüngeren europäischen Geschichte und jene von Hitler in großem Maßstab durchgeführten zum Vorbild, um durch solche „ihre" Deutschen Ios zu werden. Die Exilregierung der CSR wurde in ihren anfänglich noch sehr vorsichtigen Plänen zur Umsiedlung der 3,3 Millionen Sudetendeutschen und Karpatendeutschen von den Briten zu einer radikalen Lösung ermuntert. In ihrem Memorandum vom 23. November 1944 sprach sie sich dann neben der Vertreibung aller Deutschen, die sie auch für die Zerschlagung ihres Staates (1939) verantwortlich machte, auch für die Vertreibung der Ungarn vom wiederherzustellenden tschechoslowakischen Staatsgebiet aus. ...
Inhaltsverzeichnis
Darstellung und Perspektiven

Einführung: Zur Aktualität eines historischen Phänomens 3

Kapitel 1: Nationalismus, Nation, Nationalstaat 5

Kapitel 2: Zum Verhältnis von Mehrheit und Minderheit im Nationalstaat 7
2.1 Grenzveränderungen: Die neue Landkarte Europas nach dem Ersten Weltkrieg
2.2 Minderheitenschutzregelungen
2.3 Zwischen Kultureller Autonomie und Assimilation
2.4 Die Idee vom ethnisch homogenen Nationalstaat

Kapitel 3: Umsiedlungen in der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts 10
3.1 Die Balkankriege
3.2 Die Armenierfrage
3.3 Der Vertrag von Lausanne
3.4 „Heim ins Reich“
3.5 Umsiedlungen und Deportationen in Russland und der Sowjetunion
3.6 Umsiedlungen in Europa während des Zweiten Weltkriegs
3.7 Der Mord an den europäischen Juden

Kapitel 4: Umsiedlung, Flucht und Vertreibung der Deutschen 16
4.1 Entstehung und Ziele der Umsiedlungs- und Vertreibungspläne
4.2 Evakuierung und Flucht
4.3 Wilde Vertreibungen: Das Beispiel Polen und Tschechoslowakei
4.4 Die Konferenz von Potsdam und die Folgen
4.5 Jugoslawien und Rumänien
4.6 Ergebnis

Kapitel 5: Die Folgen 24
5.1 Die Folgen für die Herkunftsgebiete
5.2 Die Folgen für die Aufnahmegebiete: Flüchtlinge und Vertriebene in den beiden deutschen Staaten
5.3 Die Folgen für die Betroffenen

Kapitel 6: Ausblick 30

Das Thema im Unterricht

Didaktische Relevanz und Lernzielhorizont 33
Didaktisch-methodische Überlegungen 34
Flucht und Vertreibung der Deutschen – eine Unterrichtsskizze 35
Weiterführende Anregungen 36

Quellen und Materialien

Kapitel 1: Nationalismus, nation, Nationalstaat 38
Kapitel 2: Zum Verhältnis von Mehrheit und Minderheit im Nationalstaat 42
Kapitel 3: Umsidlungen in der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts 49
Kapitel 4: Umsiedlung, Flucht und Vertreibung der Deutschen 61
Kapitel 5: Die Folgen 74
Kapitel 6: Ausblick 79

Glossar 80
Literaturhinweise 87
Quellen und Karten 90