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Über die Unregierbarkeit des Schulvolks Rütli-Schulen, Erfurt, Emsdetten usw.
Über die Unregierbarkeit des Schulvolks
Rütli-Schulen, Erfurt, Emsdetten usw.




Freerk Huisken

VSA-Verlag
EAN: 9783899652109 (ISBN: 3-89965-210-X)
176 Seiten, paperback, 14 x 21cm, 2007

EUR 12,80
alle Angaben ohne Gewähr

Umschlagtext
Freerk Huisken verdeutlicht Zusammenhänge, die gerne ausgeblendet werden: Die Unregierbarkeit von Schülern, Schulklassen und ganzen Schulbelegschaften ist das unerwünschte Produkt sehr erwünschter Schul-, Sozial- und Ausländerpolitik.

Schulen machen Schlagzeilen, weil Lehrer immer wieder mit dem Schulvolk nicht fertig werden. Da sind zum einen die Haupt- und Realschulen, in denen die Schulverlierer aufbewahrt werden, die auf Unterricht und Schulordnung pfeifen, weil sie ohnehin keine "Perspektive" mehr haben. Auf die Lüge, der Schulabschluss sei der Weg ins Berufsleben, fallen die inländischen und vor allem die Schüler mit "Migrationshintergrund" nicht mehr herein. Wie auch – wo sie frühzeitig auf Hartz-IV festgelegt sind, wo sie wegen "fremder Kultur" in Ghettos abgeschoben werden, wo Kinder zur Last werden, weil die Eltern von Arbeitslosigkeit und Abschiebung bedroht sind.

Wenn Schüler in dieser Lage die Schulen in einen "Jahrmarkt ihrer Eitelkeiten" umfunktionieren, zeigen sie nur, wie gut sie bereits all jene geistigen Techniken gelernt haben, die ihnen zur Bewältigung des bürgerlichen Alltags beigebracht werden. Frühzeitig zum "sozialen Ausschuss" degradiert, setzen sie diese nach ihren eigenen Spielregeln ein, und leben an Mitschülern ihren unverwüstlichen Anerkennungswahn und Selbstbewusstseinskult aus.

Und da sind zum anderen die "Gewalttäter" wie der R.S. aus Erfurt oder der S.B. aus Emsdetten, die zeigen, dass die Höhere Bildung vor Massakern nicht schützt. Wenn Schüler von Lehrern kurz vor dem Abitur gefeuert werden, wenn sie sich deswegen ungerecht behandelt fühlen und ihr Recht, zu den "Besseren" zu gehören, mit Füßen getreten sehen, dann verwandeln sie schon mal eine Schule in ein blutiges "Feld der Ehre". Nachher darf dann die bestürzte Öffentlichkeit wehklagen, dass das mit der "Ehre" so nicht gemeint ist.
Rezension
Kinder und Jugendliche fallen aus der Rolle. Sie sprengen den Rahmen von Anstand und Sitte und machen sich noch nicht einmal etwas daraus: »Jugendgewalt«. Meilenweit sind die aktuellen Formen von Unregierbarkeit des Schulvolks von jedem politischen Protest entfernt. Sie verweisen vielmehr auf eine Sorte Psychologisierung des Schülerbewusstseins, die eher auf aus dem Ruder gelaufene Anpassungstechniken denn auf Widerstandsformen verweist. Dieser Band bietet vier Texte des Autors, die den Sachverhalt "Jugendgewalt" aus "linker" Perspektive darstellen und somit von der üblichen Deutungsperspektive abweichen, sich z.B. kritisch mit der sog. Gewaltprävention auseinandersetzen (vgl. S. 77ff). Sie sind alle aus Vorträgen entstanden, die der Autor in den Jahren 1998 bis 2007 gehalten hat.

Dieter Bach, lehrerbibliothek.de
Verlagsinfo
Der Autor:
Freerk Huisken, Jahrgang 1941, 1971-2006 Professor an der Universität Bremen mit dem Schwerpunkt Politische Ökonomie des Ausbildungssektors. Bei VSA erschien von ihm 2005: Der "PISA-Schock" und seine Bewältigung. Wieviel Dummheit braucht/verträgt die Republik?
Inhaltsverzeichnis
Einleitung 7

»Nicht beschulbar« 11
Die Schüler der »Rütli-Schulen« –
ausgeschlossen, ausgegrenzt, überflüssig, abgeschoben

1. Rütli-Schulen: Ein Zeichen vernachlässigter Integration? 11
2. Die Rütli-Schulen, ein Produkt kapitalistischer Sortierung und Ausgrenzung 17
3. Die Rütli-Schüler 40
4. Schul- und ausländerpolitische Maßnahmen 47

Warum »Jugendgewalt« eine Ideologie ist 55
Was man hierzulande über Gewalt lernen kann
und warum »Gewaltprävention« die Gewalttätigkeiten nicht beendet

1. Über die Gleichgültigkeit gegenüber den Ursachen von und den Zwecken der Gewalt 55
2. Der Gewalthaushalt von Nationen oder: Was der heranwachsende Bürger über Gewalt lernt 63
3. Anliegen und Zwecke, die Kinder und Jugendliche gewaltsam verfolgen 73
4. »Gewaltprävention« – wie soll das gehen? 77

Es geht nur ums Gewinnen 79
»Killerspiele«, was sie sind und als was sie gelten

Was sie sind: Das Beispiel Counterstrike 79
Und als was gelten sie 85

Erfurt, Emsdetten… – der nächste Amoklauf kommt bestimmt 95
Über Konkurrenzverlierer und Selbstbewusstseinskult, über verletzte Ehre und demonstrative Rache

1. Die Sache mit der (Schul-)Konkurrenz, oder: Wie wird man Schulverlierer? 103
2. Die Sache mit dem Selbstbewusstsein 113
3. Demonstrative Rache aus gekränkter Ehre 126
4. Der ganz normale Irrsinn 131

Debatte

Zeugt die Erklärung nicht von viel Verständnis für Robert S. und Sebastian B.? 133
Ist Gewalt nur Jungengewalt? 135
Gehört die Jugendgewalt zum Kapitalismus? 137
Warum nimmt die Jugendgewalt heute zu? 138
Warum sind gerade Robert S. bzw. Sebastian B. zu Amokläufern geworden? 141
Woher wissen Sie das alles über diese Jugendlichen? 144
Warum wenden sich Amokläufer auch gegen Mitschüler? 146
Wie soll man denn ohne Selbstbewusstsein überleben? 147
Warum finden solche Anschläge nicht auch in der Privatsphäre und der Arbeitswelt statt? 152
Warum ergreifen Sie nicht Partei für die Schüler, die doch die Opfer der Schule sind? 153
Sind denn die Lehrer schuld an den Gewalttaten? 154
Was halten Sie von der Mediation? 155
Warum immer nur negativ? 156
Wo bleibt denn die Perspektive? 157
Wie soll uns Lehrern denn Kritik allein weiterhelfen? 158
Was tun! Eine Antwort 160

Anhang
1. Der Brief des Kollegiums der Rütli-Schule (Berlin-Neukölln) 167
2. Der Abschiedsbrief von Sebastian B. 170