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Todschick Edle Labels, billige Mode – unmenschlich produziert
Todschick
Edle Labels, billige Mode – unmenschlich produziert




Gisela Burckhardt

Random House
EAN: 9783453603226 (ISBN: 3-453-60322-2)
240 Seiten, paperback, 14 x 21cm, November, 2014, Klappenbroschur

EUR 12,99
alle Angaben ohne Gewähr

Umschlagtext
Mode und Moral – warum teuer nicht gleich fair bedeutet

Es ist ein verhängnisvoller Irrtum: Wenn wir Markenmode kaufen, glauben wir, der höhere Preis sei durch eine bessere Qualität gerechtfertigt – auch bei den Produktionsbedingungen. Für die Edelmarken sterben doch bestimmt keine Textilarbeiterinnen in Bangladesch ... Falsch! Auch teure Modelabels lassen ihre Ware unter erbärmlichsten Bedingungen fertigen. Hauptsache billig, selbst wenn es Menschenleben kostet. Ein Buch über das dunkle Geheimnis edler Modemarken – Anklage und Hoffnung zugleich, denn wir können die Textilfirmen zu verantwortlichem Handeln zwingen!

Gisela Burckhardt, entwicklungspolitische Expertin und Vorstandsvorsitzende von FEMNET, war viele Jahre im Auslandseinsatz in Nicaragua, Pakistan und Äthiopien, unter anderem für das Entwicklungsprogramm der UNO (UNDP) und für die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ). Seit fast 15 Jahren setzt sie sich im Rahmen von FEMNET und der Kampagne für Saubere Kleidung (CCC – Clean Clothes Campaign) für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der Bekleidungsindustrie weltweit ein.
Rezension
Immer wieder hören wir von menschenverachtenden Fertigungs- und Produktionsmethoden von Textilien vor allem in Asien und China, immer wieder werden Textilarbeiterinnen Opfer mangelnder Sicherheitsstandards und krank machender Arbeitsverhältnisse in der Textilproduktion in Übersee, weil krebs-erregende Materialien verwendet werden, Arbeitsschutz nicht eingehalten wird oder erst gar nicht vorhanden ist oder Notausgänge verstellt sind ... Und wer denkt, derlei gelte nur für Billig-Marken, - der irrt, wie dieses Buch zeigt: "Edle Labels, billige Mode – unmenschlich produziert" (Untertitel) - "Todschick" (Titel). Auch die edleren Labels lassen unmenschlich produzieren, wie diese von der kirchlichen Hilfsorganisation MISEREOR mitfinanzierte Studie in aller Deutlichkeit zeigt: Auch teure Modelabels lassen ihre Ware unter erbärmlichsten Bedingungen fertigen. Hauptsache billig, selbst wenn es Menschenleben kostet. Faire Entwicklung kann es nur durch fairern Handel geben, - das ist auch ein Thema für den Gesellschaftskunde-, Politik-, Ethik- und Religionsunterricht, nicht nur an berufsbildenden Schulen, Bereich Textil!

Dieter Bach, lehrerbibliothek.de
Verlagsinfo
Die Studie vor Ort wurde mit finanzieller Unterstützung von MISEREOR ermöglicht.
Inhaltsverzeichnis
Eine persönliche Vorbemerkung 7

Brief eines ungeborenen Kindes 11

1. Wo Arbeit Leben kostet: Billiglohnland Bangladesch 15

Land und Leute 15
Die Katastrophe von Rana Plaza 21
Der Brand bei Tazreen 28
Skrupellose Geschäfte: Wirtschaft szweig Bekleidungsindustrie 34
Der steinige Weg der Gewerkschaft en 46
Was es heißt, in Bangladesch eine Frau zu sein 53
Die Arbeit in den Textilfabriken 55

2. Die Reaktionen auf das Unglück von Rana Plaza 65

Opferentschädigung: mangelhaft 66
Sicherheitsabkommen: hoffnungsvoll 77
Politische Reaktionen in Europa und USA 91
Reaktionen der Regierung in Dhaka 96

3. Achtung, Audit! Hinter den Kulissen der Überprüfungsindustrie 107

Das Audit-Business 107
Audit light à la BSCI 112
Mit Sicherheit Profit: der TÜV 118
TÜV-Audit der Fabrik Phantom Apparels im Rana Plaza 120

4. Luxuslabel und Discounterriesen 129

Eine Untersuchung vor Ort bei zwölf Fabriken 131
Luxus unter der Lupe: Hugo Boss 135
Billigklamotten auf dem Prüfstand: H&M 151
Hugo Boss und H&M im Vergleich 175

5. Gesetze statt Gerede: die Politik in der Pflicht 179

Politische Trippel- und Fehltritte 182
Rechte für Menschen, Regeln für Unternehmen! 192

6. Lieber klug konsumiert als für dumm verkauft 195

Wider den Konsumwahn 199
Öko-faire Mode kaufen 204
Schlussakkord 208

Recherche-Ergebnisse 210
Abkürzungen und Glossar 214
Dank 217
Anmerkungen 218
Literatur 224
Die wichtigsten Webseiten zum Thema 224
Quellen 224



7
Eine persönliche Vorbemerkung
»Ich schaue, wo die Ware herkommt, und gehe davon aus, dass Menschen
für Boss nicht ausgenutzt werden. Die Sachen haben ja ihren
Preis«, sagte eine Kundin in einem Berliner Hugo-Boss-Geschäft.
Nicht nur diese Kundin glaubt, dass teure Kleidung sozialverträglich
hergestellt wird, auch die Vertreter deutscher Modeverbände verbreiten
diese Information munter in Talkshows. So zum Beispiel am
2. Dezember 2012 Wolf-Rüdiger Baumann, zum damaligen Zeitpunkt
Hauptgeschäftsführer des Gesamtverbandes der deutschen
Textil- und Modeindustrie, in der Talkshow von Günther Jauch,
wo er mit mir zusammen zum Th ema »Schöne Bescherung! Wer
muss für unsere Geschenke leiden?« eingeladen war. Angesichts der
erschreckenden Berichte aus Bangladesch seit dem verheerenden
Brand in der Fabrik Tazreen im November 2012 und dem tragischen
Einsturz des Rana-Plaza-Gebäudes im April 2013 behaupten die Modehersteller,
die deutschen Bekleidungsproduzenten würden sich
nichts zuschulden kommen und keineswegs unter unmenschlichen
Arbeitsbedingungen produzieren lassen. Schuld seien vielmehr die
großen Handelsunternehmen wie H&M und C&A oder Discounter
wie KiK, Aldi und Lidl. Alle anderen würden zwar auch in Fabriken
in Bangladesch produzieren lassen, aber in ganz anderen …
Doch stimmt das? Oder lassen teure Marken wie Hugo Boss,
Tommy Hilfi ger und Armani unter den gleichen prekären Produktionsbedingungen
arbeiten wie die billigen Marken? Dieser Frage
wollte ich auf den Grund gehen, denn als Vorstandsvorsitzende von
8
FEMNET und Mitglied der Kampagne für Saubere Kleidung (Clean
Clothes Campaign*) hörte ich von unseren Partnern in Bangladesch
immer wieder, dass auch die Edelmarken unter unmenschlichen Bedingungen
produzieren lassen. Nur gab es bisher keine Studie darüber.
Deshalb bat ich die Research Initiative for Social Equity (RISE)
in Bangladesch, nach Fabriken zu suchen, in denen Designermarken
wie auch Billiglabel gleichermaßen produzieren lassen. Zudem war
ich zweimal (Mitte 2013 und Anfang 2014) selbst in Bangladesch und
habe dort nicht nur mit Beschäft igten aus den Fabriken und mit Gewerkschaft
erinnen gesprochen, sondern auch mit einem Fabrikkontrolleur
und mehreren Fabrikbesitzern.
Um vorwegzunehmen, was Sie wahrscheinlich schon geahnt haben:
Premiumlabel und Billigmarken lassen in den gleichen Fabriken
produzieren – zu den gleichen unmenschlichen Bedingungen. Und
das, obwohl große Imagekampagnen immer wieder etwas anderes
behaupten. Deshalb stelle ich in diesem Buch die Ergebnisse der Recherche
von RISE den Aussagen zweier exemplarischer Unternehmen
gegenüber: Hugo Boss und H&M. Hugo Boss steht für hochpreisige
Premium- und Luxusmode, H&M für billige Trendklamotten.
Wir werden sehen, was wirklich dahintersteckt, wenn Firmen
wie Hugo Boss oder H&M von Nachhaltigkeit sprechen.
Oft berufen sich die Unternehmen auf sogenannte Audits, Sicherheitsüberprüfungen
der Fabriken. Immer wieder blicke ich in erstaunte
Gesichter, wenn ich sage, dass auch der deutsche TÜV in
Bangladesch Textilfabriken prüft . Und der Zufall wollte es, dass mir
just während der Arbeit an diesem Buch ein TÜV-Bericht über das
Rana Plaza zugespielt wurde. Der bietet ein gutes Beispiel für die
Sinnlosigkeit solcher Audits.
* Die Clean Clothes Campaign (CCC) ist ein internationales Bündnis in
15 europäischen Ländern und mit rund 250 Partnern weltweit, das sich seit
über 25 Jahren für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der globalen
Textilindustrie einsetzt.
9
Ich habe dieses Buch bewusst nicht für ein Fachpublikum geschrieben,
sondern für die vielen Kundinnen und Kunden, die ein
Recht darauf haben zu wissen, welche Machenschaft en sie unter Umständen
mit dem Kauf bestimmter Modemarken unterstützen. Ihnen
möchte ich die Augen öff nen für die Zusammenhänge in der modernen
Bekleidungsindustrie und für die Arbeitsverhältnisse in den
Fabriken von Sabhar, Gazipur und Chittagong, die mich jedes Mal
aufs Neue erschüttern, wenn ich mit den Näherinnen in den Slums
spreche.
Todschick ist eine umfassende Darstellung des wichtigsten Wirtschaft
szweigs in Bangladesch, beleuchtet die Situation der Frauen im
Land, beschreibt die alltägliche Korruption und schließlich die Maßnahmen,
die nach der Rana-Plaza-Tragödie auf Einkäufer- wie auf
Regierungsseite ergriff en wurden. Persönliche Erlebnisse und Erfahrungen
von Betroff enen zeigen, wie groß das Elend ist, in dem die
meisten Textilarbeiterinnen nach wie vor um ihr Überleben kämpfen
müssen. Und es ist ein himmelschreiender Skandal, wie Industrie
und Handel versuchen, sich um angemessene Entschädigungszahlungen
an die Opfer von Rana Plaza herumzudrücken. Aber Öff entlichkeit
und Nichtregierungsorganisationen bleiben an den Verantwortlichen
dran. Über aktuelle Entwicklungen und Ereignisse zum
Th ema können Sie sich auf den Internetseiten www.femnet-ev.de
und www.saubere-kleidung.de informieren.
Vielleicht fragen Sie sich nun: Was muss passieren, damit sich etwas
ändert? Was kann und muss ich dafür tun? Aus meiner Sicht ist
es dringend geboten, dass die Bundesrepublik Deutschland und die
Europäische Union stärker regulierend eingreifen: Es muss den Unternehmen
eine verbindliche Vorsorgepfl icht vorgeschrieben werden
bis hin zu einer Unternehmenshaft ung. Aber auch als Einzelne können
Sie etwas tun: Konsumieren Sie bewusster, kaufen Sie weniger,
und wenn, dann achten Sie auf Marken und Siegel, die faire und ökologische
Arbeitsbedingungen garantieren. Lassen Sie sich nicht verwirren
von den vielen verschiedenen Labels, die Unternehmen schü-
10
ren geradezu die Vielfalt, um uns zu verwirren. Man muss nur einige
wenige Siegel kennen – und die stelle ich Ihnen im letzten Kapitel
vor.

Gisela Burckhardt, Bonn, im September 2014