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Lasst Kinder wieder Kinder sein! Oder: Die Rückkehr zur Intuition Mitwirkung von Carsten Tergast
Lasst Kinder wieder Kinder sein!
Oder: Die Rückkehr zur Intuition


Mitwirkung von Carsten Tergast

Michael Winterhoff

Gütersloher Verlagshaus
EAN: 9783579067506 (ISBN: 3-579-06750-8)
205 Seiten, Festeinband mit Schutzumschlag, 14 x 22cm, 2011

EUR 19,99
alle Angaben ohne Gewähr

Umschlagtext
In seinem neuen Buch wendet sich der erfahrene Kinder- und Jugendpsychiater und Bestsellerautor Michael Winterhoff den Erwachsenen zu und fragt, warum es für immer mehr Erwachsene nicht mehr möglich ist, eine angemessene, von unbewussten Belastungen freie Beziehung zu anderen Menschen – und damit auch zu (ihren) Kindern – aufzubauen.

Für Winterhoff liegt das Kernproblem darin, dass der Mensch seine innere Ruhe verloren hat. Die allgegenwärtige Penetration mit Negativnachrichten – verbunden mit einer vielfachen persönlichen Überforderung durch gesellschaftliche und technische Entwicklungen sowie einer Destabilisierung der eigenen Lebensverhältnisse - erzeugt eine Art Massentraumatisierung: Der Mensch wird rastlos, handelt nicht mehr ruhig und zielgerichtet, findet keinen Weg mehr aus dem sich ständig beschleunigenden Hamsterrad. Psychisch defizitäre, auf Dauer gehetzte Menschen aber werden die Grundpfeiler unseres Zusammenlebens nicht mehr tragen können.

Dabei zerstört Winterhoff zwar das Trugbild einer grenzenlosen Freiheit, in der wir uns heute wähnen, weist aber auch Wege aus dem Dilemma auf. Aus seiner Analyse heraus entwickelt er Alternativen, die eine Rückkehr zum intuitiven Verhalten ermöglichen – auch und vor allem gegenüber unseren Kindern, damit Kinder endlich wieder Kinder sein dürfen.
Rezension
Zukunft „Katastrophen-Gesellschaft"! - Wir halten uns selber nicht mehr aus! - Warum der Alltag im Dauerstress nicht nur Erwachsene überfordert. - Permanente Negativnachrichten aus aller Welt bestimmen unseren Alltag; unsichere Arbeitsverhältnisse und Beziehungen, absolute Mobilität und ständige Verfügbarkeit - unser Leben steckt in einem dauerhaften Alarmzustand. Ist diese permanente Getriebenheit bis zum Burnout, letztlich der Schlüssel für die zunehmende seelische Anfälligkeit der Menschen? Wie können wir raus aus dem Katastrophenmodus und den Hebel umlegen, insbesondere auch um den aktuell auffälligen psychischen Entwicklungsstörungen vieler Kinder entgegenzusteuern?
Der erfahrene Kinder- und Jugendpsychiater Michael Winterhoff hat in seiner langjährigen Praxisarbeit und seinen erfolgreichen Bestseller-Büchern das Problem gestörter Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern intensiv analysiert und Lösungskonzepte vorgestellt. In seinem neuen Buch „Lasst Kinder wieder Kinder sein! Oder: Die Rückkehr zu Intuition" richtet er den Blick nun auf die Erwachsenen, die kaum noch in der Lage sind, eine angemessene, eine nicht von unbewussten Ansprüchen bestimmte Beziehung zu anderen Menschen - und damit auch zu (ihren) Kindern - aufzubauen.
Das Kernproblem liegt, so Winterhoff darin, dass der Mensch durch den täglichen Overkill seine innere Ruhe verloren hat, nicht mehr ruhig und zielgerichtet handeln und keinen Weg aus dem sich stetig beschleunigenden Hamsterrad finden kann. Er zeigt, warum die auf Dauer gehetzten Menschen die Grundpfeiler unseres Zusammenlebens nicht mehr tragen können und zeigt Auswege aus dem Teufelskreis des „Immer-weiter-so" auf. Denn: Nur Erwachsene, die sich ihrem Umgang mit Distanz, Ruhe und Intuition neu positionieren, werden auch für ihre Kinder wieder zu einem wirklichen Gegenüber.

Oliver Neumann, lehrerbibliothek.de
Verlagsinfo
Die Rückkehr zur Intuition – damit Kinder wieder Kinder sein dürfen
- Der neue Winterhoff: Aufruf zu einem Befreiungsschlag!
- Die Rückkehr zu innerer Ruhe und intuitivem Verhalten
- Raus aus dem alltäglichen Hamsterrad – ein Ratgeber nicht nur für Eltern
Der neue Winterhoff: Aufruf zu einem Befreiungsschlag!
Die Rückkehr zur Intuition – damit Kinder wieder Kinder sein dürfen
Raus dem alltäglichen Hamsterrad - Ein Ratgeber nicht nur für Eltern

Dr. Michael Winterhoff, geb. 1955, verheiratet, zwei Kinder, lebt und arbeitet in Bonn. In bislang drei Bestsellern analysiert er die schwer wiegenden Folgen veränderter Eltern-Kind-Beziehungen für die psychische Reifeentwicklung junger Menschen und bietet Wege aus den durch die Reifedefizite verursachten Beziehungsstörungen an. Seine ersten „Tyrannen“-Bücher erreichten 2008 und 2009 zwischenzeitig Platz 1 und 2 der Spiegel-Bestseller-Listen.
Nach dem Studium der Humanmedizin ließ Michael Winterhoff sich 1988 in Bonn mit einer eigenen Praxis als Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie nieder. Als Sozialpsychiater hat er sich darüber hinaus im Bereich der Jugendhilfe einen Namen gemacht. Er ist Initiator eines Kinderheimes.
Carsten Tergast wurde 1973 in Leer/Ostfriesland geboren. Nach einer Lehre als Sortiments-Buchhändler absolvierte er ein Literatur- und Medienwissenschaftsstudium in Paderborn und arbeitete als freier Mitarbeiter des Westfalen-Blatts, sowie als Redakteur und Chef vom Dienst beim Branchenmagazin BuchMarkt. Seit Ende 2005 ist er freiberuflicher Journalist, Autor und Texter für verschiedene Print- und Online-Publikationen.

Michael Winterhoff im Gespräch
„Den inneren Hebel umlegen und zurück zur Intuition finden"
In Ihren ersten drei Büchern schreiben Sie schwerpunktmäßig über Kinder und Jugendliche. Warum jetzt ein Buch, in dem Sie gezielt über die psychischen Belastungen der Erwachsenen schreiben?
MW: „Die ersten drei Bücher handelten von der Analyse der psychischen Nichtentwicklung von Kindern und Jugendlichen und ihren dadurch hervorgerufenen Schwierigkeiten. Die Ursachen dafür liegen aber in den Beziehungsstörungen zu Erwachsenen, in der Welt der Erwachsenen selbst, in der tagtäglichen Überforderung ihrer eigenen Psyche. Auswege werden nur erkennbar, wenn man erkennt, was auf uns Erwachsene täglich einstürzt."
Wie meinen Sie das?
MW: „Wenn man sich in unserem Alltagsleben umschaut, sieht man immer mehr Menschen, die sich scheinbar in einer Art Hamsterrad befinden. Da gibt es keine Ruhe, keine Erholung, nur ein ständiges Weiterdrehen auf immer höheren Touren. Diese Menschen verhalten sich, als befänden sie sich direkt im Angesicht einer großen Katastrophe."
Deshalb sprechen Sie vom gesamtgesellschaftlichen „Katastrophenalarm"?
MW: „Zum einen, weil der gesunde gesellschaftliche Nährboden, der uns früher Sicherheit gab, etwa im Arbeits- oder im Eheleben, oft weggebrochen ist. Zum anderen, weil uns die Medien täglich die Katastrophen hundertfach ins Haus liefern, ob wir wollen oder nicht. Wenn es eine echte Katastrophe, also Krieg, Hunger, Naturkatastrophen gibt, hat der Mensch keine andere Chance, als rund um die Uhr auf den Beinen zu sein und zu retten, was zu retten ist. Unsere Psyche ist also auf solche Ausnahmesituationen vorbereitet und verhält sich entsprechend. Heute beobachte ich das Phänomen, dass sich die Menschen dauerhaft so wie in einer echten Katastrophe verhalten, also ständig on, aber nicht mehr bei sich selbst sind."
Was können wir tun? Müssen wir uns wieder stärker auf Sinnsuche begeben?
MW: „Der Gedanke ist nicht falsch, greift aber zu kurz. Eine Sinnsuche ist wichtig, kann aber erst richtig beginnen, wenn wir das Hamsterrad gestoppt, sozusagen den inneren Hebel umgelegt haben. Mit der Analyse in meinem Buch möchte ich dazu beitragen, die Zusammenhänge zu verstehen, die uns in das Rad hineingetrieben haben. Wir haben uns dort eingerichtet, unsere krank gewordene Psyche sucht ständig nach Dingen, die uns im Hamsterrad halten, wir finden uns damit ab. Doch das tut nur weder uns noch unseren Kindern gut."
Womit wir ja auch wieder bei Eltern und Kindern wären ...
MW: „Ja, natürlich spielt das auch für die Beziehungsstörungen eine wesentliche Rolle. Erwachsene, die ständig im »Katastrophenmodus« sind, übertragen diese Unruhe und diesen Stress auf ihre Kinder und verhalten sich ihnen gegenüber nicht mehr intuitiv richtig. Aber es geht noch um viel mehr: Anders als in den 90er-Jahren führt die Verbindung des verloren gegangenen gesunden Nährbodens mit dem permanenten Katastrophenalarm zu gesamtgesellschaftlich dramatischen Auswirkungen. Es drohen dauerhaft fehlende Beziehungsfähigkeit, Krankheiten am Arbeitsplatz, Depression und Burnout; der individuell krank gewordene Mensch verliert seine gesellschaftliche Funktion ebenso wie seine intuitive Beziehung zu Kindern.

Dr. Michael Winterhoff,
geb. 1955, verheiratet, zwei Kinder, lebt und arbeitet in Bonn. In bislang drei Bestsellern analysiert er die schwer wiegenden Folgen veränderter Eltern-Kind-Beziehungen für die psychische Reifeentwicklungjunger Menschen und bietet Wege aus den durch
die Reifedefizite verursachten Beziehungsstörungen an. Seine bekannten Bücher erreichten 2008 und 2009 zwischenzeitig Platz l und 2 der Spiegel-Bestseller-Listen.
Nach dem Studium der Humanmedizin ließ Michael Winterhoff sich 1988 in Bonn mit einer eigenen Praxis als Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie nieder. Als Sozialpsychiater hat er sich darüber hinaus im Bereich der Jugendhilfe einen Namen gemacht. Er ist Initiator eines Kinderheimes.
Inhaltsverzeichnis
Ein Wort vorweg – Warum ich dieses Buch schreibe 7
Wie aus dem analogen Leben das digitale wurde – Eine kleine Zeitreise 21
Wie sehen wir Kinder heute? 27
Kinder sind ein Ruhepol 33
Achtung: Katastrophen überall! 37
Was bei tatsächlichen Katastrophen mit unserer Psyche geschieht 50
Das Hamsterrad 55
Warum antwortest du nicht? Der Zwang zur permanenten Erreichbarkeit 64
Entscheiden Sie sich JETZT – Wenn aus Freiheit Zwang wird 68
Wir haben die freie Auswahl. Aber wollen wir das überhaupt? 71
Schneller, höher, weiter – Nichts ist beständiger als die Unbeständigkeit 81
Ein Treffen mit Thomas-Kantor Georg Christoph Biller 83
Das eigentlich Wertvolle ist im Grunde die Intuition (Albert Einstein) 86
War früher alles besser? 89
Wir halten uns selbst nicht mehr aus! 98
Die Frequenz ist entscheidend 111
Der Politikbetrieb als Menetekel
der gesellschaftlichen Entwicklung 123
Nachrichten eines ganz normalen Tages – Sammlung aus verschiedenen Medien 126
Echter Stress und Phantomstress 131
Es dreht und dreht und dreht.
Wie Kinder den Alltag erleben, wenn ihre Eltern sich im Hamsterrad befinden 141
Wie Langeweile Kreativität erzeugt 150
Muße: Lust, Glück und wahres Leben 152
Ein Gespräch mit Margot Käßmann – Halt im Glauben finden 161
Sinnsuche und Ruhe sind wichtig – funktionieren aber erst, wenn das Hamsterrad still steht 165
Was können wir tun? 171
Kinder Kinder sein lassen – und Erwachsene Erwachsene 192
Eine gute Zukunft – für uns und unsere Kinder und Enkel 201



Ein Wort vorweg –
Warum ich
dieses Buch schreibe
Vielleicht kennen Sie das: Der Tag neigt sich dem Ende entgegen,
die Arbeit ist getan, die Kinder sind im Bett, Ruhe
kehrt ein. Ruhe? Keineswegs. Objektiv mag um Sie herum
zwar Ruhe herrschen, doch in Ihnen rotiert etwas immer
weiter. Die Gedanken lassen Sie nicht los, Gedanken an den
abgelaufenen Tag, Gedanken an den neuen Tag, seine Anforderungen,
den zu erwartenden Stress.
Dieser Zustand, der für Menschen in speziellen, krisenbehafteten
Lebensphasen nicht ungewöhnlich ist, scheint
zum Beginn des 21. Jahrhunderts von der Ausnahme zur
Normalität geworden zu sein. Bücher erscheinen, Zeitschriften
produzieren Geschichte um Geschichte, Sonderheft um
Sonderheft, die Arztpraxen sind voll mit Patienten, welche
die Symptomatik zeigen, um die es in den Büchern und Heften
geht. Namen hat das Leiden, von dem die Rede ist, viele:
Depression, Burn-out, Stress, Mega-Stress, Erschöpfungssyndrom,
um nur einige zu nennen.
Wie auch immer man es nennen und voneinander abgrenzen
mag: Das Gefühl der persönlichen Überforderung
ist eines der Krisensymptome der modernen Gesellschaft.
Für viele Menschen beschränkt sich das nicht auf die
abendliche Gedankenrotation. Überlegen Sie selbst: Fühlen
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Sie sich überdurchschnittlich oft gehetzt, von einer unsichtbaren
Kraft immer weiter getrieben, ohne Möglichkeit, zwischendurch
zur notwendigen Ruhe zu kommen? Tun Sie sich
schwer, selbst kleine Entscheidungen schnell zu treffen, weil
Sie Angst vor den Auswirkungen haben? Haben Sie immer
häufiger die Befürchtung, die Arbeit nicht zu bewältigen oder
den Anforderungen Ihres privaten Umfeldes nicht gerecht
werden zu können? Wer sich umhört im Bekanntenkreis, auf
andere Menschen achtet, in sich selbst hineinhorcht, merkt
schnell: All diese Fragen sind mehr oder weniger rhetorischer
Natur, sehr viele Menschen haben heute das Gefühl, ständig
nur noch Listen abarbeiten zu müssen und den täglichen
Anforderungen kaum nachkommen zu können.
Das Auftreten von Überforderungssymptomen, von
Stresssituationen ist indes natürlich nicht neu und auch nicht
der Anlass für mich, mich damit zu befassen. Die meisten
Menschen erleben persönliche Krisen, in denen diese Symptome
vollkommen normal sind. Das kann das Ende einer
Liebesbeziehung genauso sein wie der Tod eines nahestehenden
Menschen, eine schwere Erkrankung oder andere
schlimme Dinge. In diesen Krisenzeiten ist es für den Einzelnen
ganz normal, nicht zur Ruhe zu kommen, sich mit
dem Alltag überfordert zu fühlen und irgendwie neben sich
zu stehen. Das ändert sich in der Regel, wenn diese persönliche
Krise überwunden ist, die Normalität wieder in den
Fokus rückt und der Stress nachlässt.
Davon ist in diesem Buch aber nicht die Rede. Mir geht
es um einen Dauerzustand, eine Krise ohne ganz konkreten
individuellen Anlass, die nach und nach immer mehr Menschen
in unserer Gesellschaft erreicht und sich damit auf
diese und nachfolgende Generationen auswirkt.
9
Damit ist auch der Grund benannt, warum ich als Kinderpsychiater
dieses Buch schreibe. Für individuelle Lebenskrisen
von Erwachsenen wäre ich zunächst einmal gar
nicht »zuständig«. Das gesellschaftliche Krisensymptom, das
ich hier analysiere, wirkt sich aber auf unser Verhältnis zu
Kindern aus, auf die Beziehung zwischen Kindern und Erwachsenen,
seien es Eltern, Großeltern, pädagogisch tätige
Menschen wie Lehrer oder Erzieherinnen oder alle anderen,
die mit Kindern umgehen.
Wir alle lieben Kinder, und ich habe nicht zuletzt aus dieser
Tatsache heraus auch meinen Beruf ergriffen. Es ist
schön, Kinder zu haben, und ohne sie ist eine Gesellschaft
weder denkbar noch überlebensfähig. Trotzdem erleben wir
in den letzten Jahren einen Trend der öffentlichen Berichterstattung
über Kinder, in denen diese vor allem als Problemfälle
erscheinen.
Dafür gibt es handfeste Gründe. Die Zahl der emotional
und sozial auffälligen Kinder und Jugendlichen steigt in der
Tat in besorgniserregendem Maße. Sahen Grundschullehrer
vor 20 Jahren in ihrer Klasse einen kleinen Teil auffällige
Kinder, während der Rest sich auf einem altersgemäßen Entwicklungsniveau
befand, so haben sich heute oft die Verhältnisse
umgedreht. In Grundschulen gehört es heute zum ganz
normalen Alltag, dass die ersten Monate nach der Einschulung
weniger damit angefüllt sind, mit dem Erlernen des
Lesens, des Schreibens, des Rechnens zu beginnen. Bevor es
soweit ist, müssen Lehrer sich zunächst einmal damit befassen,
einigermaßen sicherzustellen, dass Unterricht überhaupt
möglich ist, sprich: zu erreichen, dass der Großteil der
Klasse sich auf den Unterricht und den Lehrer konzentriert,
ihm zuhört und Regeln akzeptiert, ohne die eine Klassenge-
10
meinschaft nicht funktionieren kann. Dazu sind heute immer
weniger Kinder in der Lage, weil ihnen die notwendigen
Entwicklungsschritte der Psyche im sozialen und emotionalen
Bereich fehlen. Der Lehrer wird dadurch nicht als Lehrer
erkannt, das Gleiche gilt für Strukturen und Abläufe, die für
den Lernerfolg notwendig sind.
Wer sich darüber wundert, beklagt sich in der Regel, dass
die Kinder schlecht erzogen seien. Darüber wird dann viel
diskutiert, die Zahl und Heftigkeit der Streitigkeiten über
Erziehungsstile und -methoden in den letzten Jahren sind
Legende.
Meine Arbeit als Kinderpsychiater hat demgegenüber einen
ganz anderen Schwerpunkt. Ich mache mir nicht so sehr
Gedanken über diese Stile und Methoden, spreche auch
nicht über die beliebten Themen Disziplin, Ordnung, Grenzen
setzen oder andere Standardthemen der Diskussion. Ich
beschäftige mich mit der Beziehung zwischen Erwachsenen
und Kindern, stelle die Frage, ob Kinder im Erwachsenen
heute noch in ausreichendem Maße ein Gegenüber vorfinden,
an dem sie sich orientieren und entwickeln können, an
dem sie im besten Sinne des Wortes »er-wachsen« können.
Diese Frage muss für die letzten Jahre in zunehmendem
Maße mit Nein beantwortet werden. Kinder werden heute
in großer Zahl im Rahmen einer Symbiose groß. So bezeichne
ich eine Form der Beziehungsstörung, die sich
hauptsächlich im familiären Rahmen, also zwischen Eltern
und Kindern, beobachten lässt. Eltern unterscheiden dabei
nicht mehr zwischen sich und ihrem Kind, sondern denken
und handeln, als wenn es sich beim Nachwuchs um einen
Teil ihrer selbst handeln würde. Aus diesem Grunde spreche
ich von einer Symbiose, also einer Verschmelzung der Psy-
11
che von Eltern und Kind. Dabei ist es wichtig zu wissen, dass
dieser Vorgang unbewusst ist. Es geht also nicht darum,
schuldhaft Eltern vorzuwerfen, sie behandelten ihre Kinder
falsch. Und eben deswegen geht es auch nicht um falsche
oder fehlerhafte Erziehung.
Die Erziehungsbemühungen von Eltern sind heute vielleicht
größer denn je. Eltern interessieren sich für ihre Kinder,
sie opfern ihre Zeit, sie kümmern sich zwischen A wie
Aufstehen und Z wie Zubettgehen um alles, was ihre Kinder
angeht. Und sie erziehen anders, als es in früheren Zeiten
üblich war, weil sie gelernt haben, dass Härte und Druck in
der Erziehung nichts zu suchen haben.
Man sollte meinen, dass diese Entwicklung die Zunft der
Kinderpsychiater zum Aussterben gebracht hätte. Das ist
nicht der Fall. Fakt ist jedoch, dass ich in meiner Funktion
heute mit ganz anderen Störungsbildern beschäftigt bin, deren
Ursachen nicht mehr primär im Familiensystem liegen,
sondern auf große Veränderungen im »System Gesellschaft«
zurückzuführen sind.
Wenn mir vor 15 Jahren ein Kind wegen bestimmter Auffälligkeiten
vorgestellt wurde, lag die Ursache für das Verhalten
des Kindes in den meisten Fällen in der individuellen
Lebensgeschichte der Eltern. Dazu war es wichtig zu erfahren,
wie die Eltern groß geworden sind und wie sie sich als
Kind gefühlt haben. Manchmal spielte auch das Erleben der
Schwangerschaft und der Geburt eine Rolle. Gerade negative
Erlebnisse mit den eigenen Eltern konnten sich auf den Umgang
mit den eigenen Kindern auswirken.
Diese »klassischen« Fälle gibt es natürlich immer noch,
doch mit der steten Zunahme der problematischen Fälle
wurde mir deutlich, dass hier nicht mehr in jedem einzelnen
12
Fall eine solche individuelle Problemgeschichte vorliegen
konnte, die für das nicht altersgemäße Verhalten verantwortlich
war. Ganz offensichtlich hatte sich hier eine anders gelagerte
Dynamik entwickelt, die es zu analysieren galt, um der
neuen Herausforderungen Herr zu werden.
Es geht eben nicht mehr primär um die Auswirkungen
der eigenen Lebensgeschichte auf das Verhalten dem Kind
gegenüber, sondern maßgeblich um gesellschaftliche Prozesse,
die das Erwachsenen-Kind-Verhältnis verändern.
Diese Erkenntnis ist immer mein Antrieb gewesen, mich
mit der Thematik zu beschäftigen. Die Sorge um die Zukunft
dieser Kinder und damit um die Zukunft unserer Gesellschaft
war auch meine Triebfeder, meine Analyse bekannt
zu machen. Damit sollten eindeutige Voraussetzungen geschaffen
werden, gegensteuern zu können und Kindern wieder
die Möglichkeit einer altersgemäßen Entwicklung ihrer
Psyche zu ermöglichen.
Ziel dieses Buches im Speziellen und meiner Arbeit im
Allgemeinen ist also niemals irgendeine Form von Schuldzuweisung
oder Anklage, sondern Aufklärung. Aufklärung
über gesellschaftliche Zusammenhänge, die sich auf die Beziehung
zwischen Erwachsenen und Kindern auswirken und
dafür sorgen, dass Kinder und Jugendliche zunehmend keine
Chance haben, sich in einem entscheidenden Bereich ihrer
Psyche zu entwickeln. Sie stagnieren in einem immer früheren
Alter emotional und sozial, selbst wenn sie sich in
anderer Hinsicht durchaus altersgemäß verhalten. Aus dieser
Stagnation erklären sich dann die Auffälligkeiten, denen
man heute überall begegnet und für die in der Regel eine
fehlende oder falsche Erziehung im Elternhaus als Grund
angeführt wird.
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Die Auffälligkeiten, um die es dabei geht, können beispielsweise
eine zunehmend fehlende Lern- und Leistungsbereitschaft
sein, genauso wie Schwierigkeiten im sozialen
Miteinander, fehlende Fähigkeit, in Konflikten eigene Anteile
zu sehen, oder Wahrnehmungsprobleme. Schließlich spielt
auch die Suchtproblematik eine Rolle, gerade im Bereich neuartiger
Phänomene wie Online-Sucht. Beim Übergang von
der Schule in den Beruf werden die Probleme besonders
deutlich. So enthielt auch der Bundesbildungsbericht 2010
besorgniserregend hohe Zahlen im Bereich der nicht ausbildungsreifen
Jugendlichen. Gleichzeitig steigt die Zahl der
Betriebe, die nicht mehr ausbilden oder dies zumindest überlegen,
weil sie seit Jahren keine geeigneten Bewerber mehr
für ihre freien Stellen finden. Die Probleme der Jugendlichen
zeigen sich dabei auf zwei Ebenen. Es fehlt sowohl an Fähigkeiten
in den ganz normalen Kulturtechniken wie Lesen und
Rechnen als auch an Sekundärtugenden wie Arbeitshaltung,
Pünktlichkeit, Höflichkeit und Umgang mit anderen Menschen.
Abläufe werden nicht erkannt, sodass viele Arbeiten
gar nicht geleistet werden können, es fehlt an Empathie und
dem Blick für die Bedürfnisse der Kollegen, sodass eine gedeihliche
Zusammenarbeit kaum möglich ist.
All diese Dinge führen zu Unruhe und immer höherer
Belastung für Eltern, Großeltern, Lehrer, Erzieherinnen, also
für jeden, der in irgendeinem Zusammenhang erzieherisch
mit Kindern umgeht. Sie sehen sich stetigen Vorwürfen von
Seiten der Gesellschaft ausgesetzt, viele »Experten« sagen
ihre Meinung, bis hin zur totalen Boulevardisierung des Themas
in Form von TV-Formaten wie der »Super-Nanny«.
Umso wichtiger ist die Feststellung, die auch als Folie für
die Analyse in diesem Buch dienen kann: Die überwiegende
14
Zahl dieser Kinder wirkt wie unerzogen, ist aber im Großen
und Ganzen eher gut erzogen. Sie wirken wie unwillig, sind
aber in Wirklichkeit überfordert.
Den Hintergrund dafür bilden also weder fehlende Erziehung
noch individuelle neurotische Störungsbilder, sondern
Entwicklungsstörungen im Hinblick auf die Psyche des Kindes.
Wir müssen uns von der Vorstellung verabschieden, dass
Kinder mit einer fertig entwickelten Psyche geboren werden.
Wenn das der Fall wäre, könnten partnerschaftliche Beziehungsmodelle
zwischen Erwachsenen und Kindern, wie sie
heute schon in ganz frühen Jahren die Regel sind, tatsächlich
Erfolg haben und das Kind gut begleiten. Es hat aber seinen
Grund, warum ein partnerschaftlicher Erziehungsstil erst
bei Jugendlichen im pubertierenden Alter nach und nach
angebracht ist. Jüngere Kinder werden davon restlos überfordert,
ihre Psyche bildet sich maßgeblich in Abhängigkeit
vom Verhalten der sie umgebenden Erwachsenen, also insbesondere
der Eltern.
Dieses erwachsene Verhalten ist eigentlich in uns angelegt,
es liegt uns im Blut. Die Rede ist von Intuition. Einer
Intuition, die Eltern ganz selbstverständlich mit ihren kleinen
Kindern umgehen lässt, ohne sich Gedanken über Erziehungsstile
und pädagogische Modelle zu machen.
Denken Sie an das Beispiel einer Mutter, die gerade eben
ein Kind geboren hat. Der Säugling ist nicht in der Lage, sein
Hungergefühl auch nur einen kurzen Moment zu unterdrücken
und auszuhalten (was einem erwachsenen Menschen
durchaus über einen längeren Zeitraum möglich ist). Sobald
sich der Hunger meldet, meldet sich auch der Säugling. Er
schreit. Das Verhalten der Mutter ist in diesem Moment
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keine Frage des Nachdenkens. Ihre Intuition weist ihr den
Weg und führt dazu, dass sie sich sofort liebevoll dem Kind
zuwendet und es sättigt. Wichtig in unserem Zusammenhang:
Sie macht es aus dem Bauch heraus, denn würde sie
den Säugling schreien lassen, führte das bei ihr selbst zu
negativen körperlichen Reaktionen wie Schweißausbrüchen,
Zittern und Ähnlichem. Sie wüsste intuitiv, dass sie sich
falsch verhält, und würde Abhilfe schaffen, indem der Hunger
des Kindes sofort gestillt wird.
Dieselbe Intuition führt dazu, dass die Mutter ein Kind
mit etwa acht oder neun Monaten auch mal einen Moment
warten lassen kann. Das Schreien löst nicht mehr die gleichen
körperlichen Unruhezeichen aus, sondern aus ihrer
inneren Ruhe und Intuition heraus »weiß« die Mutter, dass
ein kurzer Moment des Wartens für das Kind in Ordnung
ist. Dieser Moment, so kurz er auch sein mag, ist für die
Psyche des Kindes von großer Bedeutung; er würde dem
Kind ermöglichen zu erleben, dass es einmal einen kleinen
Augenblick warten muss. Diese wichtige Erfahrung, dass ein
Bedürfnis nicht immer sofort zufriedengestellt wird, würde
bei einer fortlaufenden psychischen Entwicklung im Kindesund
Jugendalter dazu führen, dass dieses Kind auf späteren
Altersstufen seine Bedürfnisse zu regeln versteht.
Als Erwachsene »wissen« wir, dass wir nicht immer alles
sofort bekommen können. Dieses »Wissen« ist aber ein implizit
psychisch angelegtes Wissen, das nicht auf einem verstandesmäßigen
Erfassen beruht. Wir denken nicht dauernd
darüber nach, ob wir ein Bedürfnis jetzt oder später befriedigen,
sondern regeln solche Dinge ganz automatisch. Wenn
ich in einer Besprechung sitze, stelle ich Bedürfnisse wie
Hunger, Müdigkeit, emotionale Befindlichkeiten ganz selbst-
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verständlich zurück und konzentriere mich auf meinen Gesprächspartner
und den Inhalt der Besprechung. Ich weiß,
essen, schlafen, andere Bedürfnisse sind zu einem anderen
Zeitpunkt dran.
Die Frage, ab wann die Mutter ihr Kind einen kleinen
Moment warten lassen kann, ist nicht über den Kopf zu steuern,
sondern ausschließlich über das Bauchgefühl. Es kann
kein Ratgeberwissen geben, das bestimmt, ob dieser Moment
mit acht, mit neun oder auch erst mit zehn Monaten
gekommen ist. Die Mutter selbst würde, wenn sie in einem
intuitiven Verhältnis zu ihrem Kind ist, diesen Zeitpunkt
bemerken und ab da ganz selbstverständlich so vorgehen.
Auch die Länge des Wartens kann nicht vorgegeben werden.
Die klassischen Ratschläge früherer Zeiten, in denen Eltern
aufgefordert werden, in bestimmten Situationen bis zu einer
bestimmten Zahl zu zählen, funktionieren so nicht. Das eine
Kind kann eine Minute warten, das andere zwei. Die Mutter
würde den richtigen Zeitraum auch hier wieder über die
Beziehung zu ihrem Kind individuell herausfinden.
Doch nicht nur Eltern, auch Erwachsene, die im Bereich
der öffentlichen Erziehung mit Kindern zu tun haben, sind
in Gefahr, mit unangemessenen Verhaltensweisen die kindliche
Psyche zu belasten, wie folgendes Extrembeispiel zeigt.
Es ist einem Blog entnommen und beschreibt Vorgänge an
einer Berliner Grundschule in der Folge der katastrophalen
Geschehnisse in Japan im Frühjahr 2011:
»Was dieser Tage in der Schule meiner zwei Kinder (5. + 6.
Klasse) abgeht, spottet jeder Beschreibung.
Zum Teil kennt man das ja noch aus eigenen Schulzeiten, allerdings
nicht aus der Grundschule. Dauernd musste man
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über das Waldsterben, das Ozonloch und den Atomkrieg
schreiben, und irgendwelche Friedens-AGs haben auf dem
Schulhof »Fallout mit Sirenengeheul und anschließendem
Niedersinken« oder »Hilfe-wir-haben-demnächst-alle-Hautkrebs
« veranstaltet usw. Aber so richtig ernsthaft psychisch
mitgenommen hat das damals niemanden, soweit ich mich
erinnere.
Das ist jetzt offenbar anders. Ein Drittel der 5. Klasse ist inzwischen
abwesend; Panikattacken, Nahrungsverweigerung
oder Schlafmangel. […]
Innerhalb einer Woche haben die beiden im Unterricht jeweils
drei Filme zu Atomkatastrophen gesehen (eine vom
Schulministerium über Tschernobyl, einen Spielfilm über
eine [Atom?-]Giftwolke in Deutschland und einen über,
glaube ich, Hiroshima; mit geburtsdefekten Lämmchen und
haufenweise Verbrennungen in Schwarzweiß), 1 x Strahlenschutzanzüge
aus Alufolien entworfen, 2 x an japanische Kinder,
denen der Strahlentod droht, geschrieben, gefährliche
Nahrungsmittel diskutiert, Milchpulver gehortet und an unzähligen
Monologen der Lehrkräfte und der Stuhlkreisteilnehmer
über ihre Angst vor dem Atom und dem Krebstod
teilgenommen.«1
Das mag auf den ersten Blick extrem wirken, es zeigt jedoch,
warum wir die Dinge als Ganzes betrachten müssen. Kinder
orientieren sich immer am Erwachsenen, ob gewollt oder
ungewollt, ob es sich um Eltern, Lehrer, Erzieher, Großeltern
oder wen auch immer handelt. Damit gestalten wir automatisch
die Zukunft, in der wir zu einem kleineren, aber unsere
Kinder und Enkel zu einem größeren Teil leben werden.