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Grundprobleme der Ethik
Walter Schulz
Klett-Cotta
EAN: 9783608910551 (ISBN: 3-608-91055-7)
438 Seiten, Festeinband mit Schutzumschlag, 16 x 25cm, 1993
EUR 44,00 alle Angaben ohne Gewähr
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Umschlagtext
Kant beginnt sein Werk >Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft< mit der Erörterung der Frage, ob die Menschheit im Verlauf ihrer Entwicklung einen Fortschritt zum Besseren oder Schlechteren aufzuweisen habe. Gegen die Auffassung, daß die Menschheit vom >Verfall ins Böse< bestimmt sei, steht die Meinung, >daß die Welt gerade in umgekehrter Richtung, nämlich vom Schlechten zum Besseren ... fortrücke<. Solche fundamentale Überlegungen werden in der heutigen Ethik weithin ausgespart.
Diese Ethik beschränkt sich einerseits auf formale Analysen und vertraut andererseits darauf, daß die Lebensweltressourcen weiterhin die Grundlage des gemeinschaftlichen Lebens bleiben. Philosophische Ethik verdient ihren Namen aber nur, wenn sie sich den Grundfragen nach der Natur des Menschen und seiner Stellung in der Welt öffnet. Die Beantwortung dieser Fragen kann nur durch einen vergleichenden Bezug von Gegenwart und Vergangenheit gelingen, der zeigt, welche Wege der Tradition für uns verschlossen sind und welche für uns noch gangbar erscheinen.
Der erste Teil der hier vorliegenden Arbeit sucht die ethischen Grundpositionen der Tradition zu vergegenwärtigen. Im zweiten Teil werden die Konstellationen erörtert, die heute das Selbstverständnis des Menschen, den zwischen menschlichen Bezug, das Verhältnis zur Natur und zur Geschichte bestimmen. Es werden keine absoluten Lösungen gegeben, sondern die gegenwärtigen Möglichkeiten des ethischen Verhaltens ausgelotet. In bezug auf die konkreten Lösungen der Probleme heute schwankt die ethische Reflexion zwischen Resignation und Engagement hin und her. Dies entspricht der Grundstruktur des gebrochenen Weltbezuges, der für den heutigen Menschen konstitutiv ist.
Walter Schulz, 1912 in Gnadenfeld/Oberschlesien geboren, studierte in Marburg, Breslau und Leipzig Philosophie, Theologie und Klassische Philologie, promovierte 1943 über >Seele und Sein. Interpretationen zum Platonischen Phaidon<, habilitierte sich 1961 in Heidelberg bei Hans-Georg Gadamer und lehrte von 1955 bis zu seiner Emeritierung 1978 als Ordinarius für Philosophie an der Universität Tübingen. Walter Schulz lebt in Tübingen.
Rezension
Neben den Werken >Philosophie in der veränderten Welt< (1972, 7. Aufl. 2001) – siehe Rezension lehrerbibliothek.de - und >Subjektivität im metaphysischen Zeitalter< (1992) zählt das Buch >Grundprobleme der Ethik< (1989, 2. Aufl. 1993) zu den Hauptwerken des Tübinger Philosophen Walter Schulz (1912-2000). Wie der Titel zum Ausdruck bringt, geht es Schulz nicht um Angewandte Ethik, sondern um die Grundlagen einer philosophischen Ethik. Der modernen Ethik wirft er die Vernachlässigung von >grundsätzliche[n] Probleme, die die Natur des Menschen und seine Stellung in der Welt betreffen<, vor (S. 11). Ausdrücklich betont er:> Die Konzeptionen der Ethik sind immer abhängig vom Weltverständnis im Ganzen.< (S. 12). Die von der modernen Ethik ausgeklammerten anthropologischen und geschichtsphilosophischen Dimensionen werden von Schulz in seinem Buch expliziert. Angesichts des Scheiterns einer metaphysischen Fundierung von Ethik sieht Schulz die Aufgabe der Moralphilosophie nicht darin, ‚sichere‘ Normen zu deduzieren, sondern darin >daß sie zum Nachdenken nötigt, indem sie, konkrete und allgemeine Erwägungen gegeneinander problematisierend, nach möglichen Lösungen für das Tun unter ethischem Aspekt fragt.> (S. 12)
Sein Grundlagen-Werk weist einen zweiteiligen Aufbau auf. Im ersten Teil geht es dem Philosophieprofessor um eine >Vergegenwärtigung der traditionellen Ethik< (S. 13). Dazu liefert er auf 250 Seiten eine Geschichte der Ethik von der Antike bis zur Gegenwart. Im zweiten Teil des Buches legt er seine Vorstellungen zu einer >Ethik unter dem Aspekt der dialektischen Wirklichkeit< (S. 13) dar. Basis seiner moralphilosophischen Überlegungen ist die These: >der Weltbezug [des Menschen] ist von Grund aus zweideutig.> (S. 12) Weder könne Ethik in einer bestimmten Ordnung gegründet noch durch das Prinzip der Freiheit alleine abgestützt werden. Die >gebrochene Welt< des Menschen (S. 13) fordert ein, wie Schulz es bezeichnet, >dialektisches Reflektieren<(S. 12), was seine Ausführungen demonstrieren.
Das Buch enthält mehrere Kapitel zu Themen, die auch Gegenstand des schulischen Philosophie- und Ethikunterrichts sind wie >Die goldene Regel< (S. 351-355), Spinozas >Ethica more geometrico> (S. 108-112) >Lebensweltethik< (S. 218-224), >Das Normenproblem in der praktischen Philosophie> (S. 233-236), Existenzphilosophie und Ethik (S. 202-216), >Diskursethik im Gegensatz zur Bewußtseinsphilosophie< (S. 239-250). Außerdem arbeitet Schulz präzise den Unterschied zwischen antiker bzw. mittelalterlicher sowie neuzeitlicher Ethik heraus. Des Weiteren werden von ihm die moralphilosophische Reflexionen der ‚Verdachtshermeneuten‘ Marx, Nietzsche und Freud verdeutlicht (S. 167-192). Ausführlich stellt Schulz die für seine Ethik-Konzeption zentrale Unterscheidung zwischen >Nahhorizont und Fernhorizont< dar (S. 317-344).
LehrerInnen gewinnen durch das Buch des Tübinger Philosophen einen schnellen und fundierten Einblick in Grundlagenprobleme der Ethik. Die Aktualität dieses Werkes von Schulz liegt darin, angesichts einer Marginalisierung der Allgemeinen Ethik aufgrund der Spezialisierung auf Angewandte Ethiken, das Bewusstsein für metaethische Fragestellungen wachzuhalten, die sich nicht in rein sprachanalytischen Untersuchungen erschöpfen. Wie in seinen oft überfüllten Vorlesungen gelingt es Schulz auch in diesem Buch philosophisch schwierige Sachverhalte in einer gut verständlichen Sprache zu formulieren, ohne deren Komplexität zu nivellieren. Seine >Grundprobleme der Ethik< können daher jedem Philosophie- und Ethiklehrer, der sich mit ethischen Grundfragen auseinandersetzen möchte, nur empfohlen werden.
Dr. Marcel Remme, lehrerbibliothek.de
Inhaltsverzeichnis
Inhalt
Vorwort 11
Einleitung
Vorbemerkung 15
I. Die Notwendigkeit der Sicherung des Menschen und die Voraussetzungen der Ethik 16
II. Die dialektische Vieldeutigkeit des gebrochenen Weltbezuges 25
III. Differente Grundkonzeptionen der abendländischen Ethik 37
IV. Eingrenzungen und Ausgrenzungen der Ethik 41
V. Ethik und reflektierende Subjektivität 45
Erster Teil
Rekonstruktionen ethischer Positionen von der Antike bis zur Gegenwart
1.Kapitel: Die Welt als Ordnungszusammenhang 51
Vorbemerkung 51
I. Die Praxis unter dem Aspekt der Lebenswelt. Aristoteles 52
II. Zwischenüberlegungen zum Problem des Bezugs von Subjekt und Ordnung 56
III. Die Fundierung der Ethik in der Ideenwelt. Plato 58
IV. Vergleich zwischen der metaphysischen Ethik Platos und der Lebensweltethik des Aristoteles 65
V. Die Sorge um die Seele als vordringliche Aufgabe der Ethik. Sokrates 72
2. Kapitel: Personalisierung und Ontologisierung 80
Vorbemerkung 80
I. Der alte und der neue Mensch. Frühes Christentum und Augustin 82
II. Die Antinomie von Intellekt und Wille. Thomas und Luther 89
III. Christlicher Glaube und Politik 94
3. Kapitel: Rationalisierung des Weltbezuges 100
Vorbemerkung 100
I. Macht und Ohnmacht der Subjektivität. Descartes 101
II. Die Aufhebung der christlichen Ethik in den rationalen metaphysischen Systemen der Neuzeit 108
4. Kapitel: Moralische Gesetzgebung durch praktische Vernunft. Kant 128
5. Kapitel: Die Fundierung der Welt durch die absolute Subjektivität. Der Deutsche Idealismus 137
Vorbemerkung 137
I. Das Ich als Tathandlung und seine Begrenzung durch die Anderen. Fichte 137
II. Die Vernünftigkeit der Welt und die Aufhebung der Moral in Sittlichkeit. Hegel 146
6. Kapitel: Die Aufhebung der traditionellen Metaphysik und die Wende zur realen Welt 160
Vorbemerkung 160
I. Gegensätzliche Aspekte der Metaphysik unter dem Aspekt des Willens 161
II. Differente Bezüge zwischen Wissenschaft und Ethik im späteren 19. Jahrhundert 173
III. Totalphilosophische Entwürfe auf wissenschaftlicher Grundlage 176
IV. Das Scheitern der Ethik angesichts der Paradoxie der menschlichen Existenz. Kierkegaard 192
7. Kapitel: Transformationen der Tradition und Neuansätze in der gegenwärtigen Ethik 201
Vorbemerkung 201
I. Verinnerlichung der Subjektivität. Die Existenzphilosophie 202
II. Lebensweltethik und praktische Philosophie als Grundpositionen der gegenwärtigen Ethik 216
III. Diskursethik im Gegensatz zur Bewußtseinsphilosophie 239
Zweiter Teil
Ethik unter dem Aspekt der dialektischen Wirklichkeit
Vorbemerkung 252
1. Kapitel: Konstruktion und Dekonstruktion der Subjektivität 256
Vorbemerkung
I. Grundtendenzen im menschlichen Verhalten. Weltgebundenheit und Weltunabhängigkeit 256
II. Zur Unterscheidung von Geist und Körper. Zum Problem des Todes 265
III. Zur Dialektik der Vermögen 272
IV. Identität und Individualität. Zur Dialektik des Freiheitsproblems 297
V. Relationen zwischen Selbstbezug und Weltbezug unter den Aspekten von Angst, Verantwortung, Glück 303
2. Kapitel: Die Menschenwelt als Ort der Ethik 317
Vorbemerkung. Nahhorizont und Fernhorizont 317
I. Zum Verhalten im Nahhorizont 320
II. Zum Verhalten im Fernhorizont, insbesondere unter dem Aspekt der Politik 330
III. Das Böse als Vernichtungswille und Destruktionstrieb und die Grenzen des ethischen Tuns im zwischenmenschlichen Bereich 344
IV. Zum Verhältnis von Sittlichkeit und Moralität in der Gegenwart 348
V. Allgemeine Leitlinien des ethischen Verhaltens 350
VI. Instanzen der Ethik 356
3. Kapitel: Zum Verhältnis des Menschen zur Natur unter anthropologischem und ethischem Aspekt 359
Vorbemerkung 359
I. Wandlungen des Naturverständnisses 360
II. Zur Problematik der Triebtheorie, inbesondere der Aggressionstheorie 366
III. Zum Problem eines verantwortlichen Umgangs mit der Natur im Zeitalter der Verwissenschaftlichung 374
4. Kapitel: Geschichte als Dialektik von Vermitteln und Vermitteltwerden unter anthropologischem und ethischem Aspekt 382
Vorbemerkung 382
I. Zur Entwicklung der abendländischen Geschichtsproblematik 384
II. Gegenwärtige Aspekte der Geschichtsdeutung. Destruktion der Universalgeschichte 392
III. Grundzüge einer dialektischen Geschichtsbetrachtung 397
5. Kapitel: Dialektische Wirklichkeit und reflektierende Subjektivität 402
Vorbemerkung 402
I. Natur und Geschichte als bedingte Bedingungen der Subjektivität 403
II. Das Ich und die anderen. Zum Wechselbezug unter dem Aspekt der Gleichheit und Ungleichheit 409
III. Zwischen Resignation und Engagement. Die Endlichkeit der Subjektivität 418
Anmerkungen 427
Namenregister 436
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