lehrerbibliothek.deDatenschutzerklärung
Das Ende des Lebens Ein Buch über das Sterben Originalverlag: DVA / Spiegel Buchverlag, München Hamburg 2013
Das Ende des Lebens
Ein Buch über das Sterben


Originalverlag: DVA / Spiegel Buchverlag, München Hamburg 2013

Annette Großbongardt, Rainer Traub (Hrsg.)

Random House , Spiegel-Verlag, Goldmann
EAN: 9783442158294 (ISBN: 3-442-15829-X)
256 Seiten, paperback, 13 x 19cm, Januar, 2015, 8 s/w Abbildungen

EUR 9,99
alle Angaben ohne Gewähr

Umschlagtext
Wie sieht das Ende unseres Lebens aus? Wie wollen wir sterben? Wie gehen wir mit dem Tod um?

Die Endlichkeit unserer Existenz ist eine Tatsache, die viele lieber verdrängen. Dabei spricht alles dafür, dass die Angst vor dem Tod umso größer wird, je weniger wir die Grenzen des Lebens in unser Denken lassen. Dieses Buch nähert sich dem sensiblen Thema Sterben von verschiedenen Seiten und behandelt ein breites Spektrum von Fragen rund um das Ende des Lebens: von der Patientenverfügung über Palliativmedizin bis hin zum Umgang mit Trauer und Verlust.
Rezension
Das Ende des menschlichen Lebens unterliegt z.Zt. schwerwiegenden Veränderungen; nicht nur, dass die Art und Weise der Feststellung des Todes, die über Jahrtausende mit dem Herz-Kreislauf-Kriterium festgestellt wurde, sich durch das Hirntod-Kriterium (und die damt ermöglichte Organ-Transplantationsmedizin) erheblich verändert hat, auch die demographische Entwicklung der immer älter werdenden Gesellschaft führt zu sich verstärkenden Fragestellungen wie Palliativmedizin, Sterbehilfe, Patientenverfügung oder Bestattungskultur. Das hier anzuzeigende Buch beleuchtet in allgemein verständlicher Form diese gravierenden Veränderungen am Ende des Lebens. Dem Sterben muss, - das jedenfalls ist die Grundüberzeugung aller Beiträge - , wieder mehr Zeit und Raum im Leben gegeben werden.

Dieter Bach, lehrerbibliothek.de
Verlagsinfo
Annette Großbongardt, geboren 1961, studierte Romanistik und Germanistik und arbeitet seit 1993 für den SPIEGEL, zunächst als Redakteurin im Deutschlandressort, dann von 1998 bis 2005 als Korrespondentin in Jerusalem und bis Ende 2007 in Istanbul. Heute ist sie stellvertrende Ressorleiterin für Sonderthemen beim SPIEGEL in Hamburg. Bei DVA hat sie mehrere SPIEGEL-Bücher herausgegeben, darunter die Bände „Die Deutschen im Osten” (2011) und „Jesus von Nazareth” (2012).

Rainer Traub, geboren 1949, ist seit 1987 Redakteur des SPIEGEL. Zu den Schwerpunkten des promovierten Politologen gehören Sozial-, Kultur- und Zeitgeschichte sowie Literatur. Bei DVA hat er die SPIEGEL/DVA-Bücher »Der Kalte Krieg« (2009), »Geld macht Geschichte« (2010) und »Der Islam« (2011) herausgegeben.

Ein plötzlicher Tod ohne Krankheit, das wünschen sich die meisten als Ende
ihres Lebens. Doch nur selten entspricht das der Realität. Auch in einer Zeit, in
der die Medizin selbst bei schweren Krankheiten häufig helfen kann, ist es ratsam,
sich frühzeitig mit der eigenen Sterblichkeit zu befassen. In diesem Buch
betrachten SPIEGEL-Autoren sowie Mediziner, Psychologen und Soziologen
in Interviews, Porträts und persönlichen Geschichten das schwierige Thema
Sterben und machen es fassbar.
Die Autoren stellen neuere Entwicklungen wie die Hospizbewegung, die
Palliativmedizin und Veränderungen in der Bestattungskultur vor. Sie diskutieren
Streitfragen wie das Thema Sterbehilfe und raten zu vorausschauender
Planung mithilfe von Vorsorgevollmacht, Patientenverfügung und Testament.
Und sie zeigen, wie Angehörige mit dem Verlust eines geliebten Menschen
umgehen. Nicht zuletzt sind die Beiträge des Buches ein Plädoyer, dem Sterben
wieder mehr Raum in unserem Leben zu geben.

Die Texte dieses Buches sind erstmals im Heft
»Abschied nehmen. Vom Umgang mit dem Sterben«
(Heft 4/2012) aus der Reihe SPIEGEL WISSEN erschienen.
Inhaltsverzeichnis
11 Vorwort

TEIL I
AM ENDE DES LEBENS

17 Auf der Suche nach dem guten Ende
Die moderne Welt tut sich schwer mit dem Tod
Von Rainer Traub

32 Was Sterbende bereuen
Bilanzen eines Lebens
Von Rainer Traub

36 Getragen durch die Zeit
Wie ein Witwer den Krebstod seiner Frau überwindet
Von Bettina Musall

43 Choreografie zum Abschied
Porträt eines Trauertänzers
Von Bettina Musall

45 Ein unzeitgemäßes Gefühl
Wie viel Trauer ist gesund?
Von Eva-Maria Schnurr

54 »Der Tod ist der größte Lehrer«
Tiziano Terzani zeigte seinem Sohn, wie man in Frieden stirbt
Von Annette Großbongardt

TEIL II
DER TOD ALS BERUF

65 Gärten der Erinnerung
Der Bestatter Fritz Roth und sein Einsatz für eine offene und phantasievolle Friedhofskultur
Von Annette Bruhns

77 Barfuß auf dem letzten Weg
Wie ein Bestatter die Leichname herrichtet
Von Annette Bruhns

80 Das Geld kriegt Willi
Was ein Erbrechtsanwalt in Testamentfragen rät
Von Charlotte Haunhorst

83 Im Auge des Tigers
Über 50 deutsche Soldaten sind in Afghanistan ums Leben gekommen
Von Sarah Mühlberger

92 Dürfen wir reinkommen?
Polizisten sind gleich mehrfach mit dem Tod konfrontiert
Von Patrick Kremers

96 Ein Rucksack für die letzte Last
Als Ehrenamtlicher begleitet Heinz Eggert
Sterbende in einem Hospiz – Einblicke in seine Arbeit
Von Manfred Dworschak

TEIL III
KRANKHEIT UND STERBLICHKEIT

103 Asche auf Dotterblumen
Ein Tag in einem Münchner Hospiz
Von Nicola Abé

112 »Mitten in uns«
Was es bedeutet, dem Tod zu begegnen
Von Stefan Berg

117 Rosen für Onkel Kadir
Wie eine muslimische Familie ihren Onkel in Hamburg beerdigte
Von Özlem Gezer

126 Ein Sarg für die Hummel
Wie Kinder den Tod begreifen können
Von Dietmar Pieper

128 Sieben Minuten
In Seminaren lernen Mediziner, die richtigen Worte
für die Todesnachricht zu finden
Von Conny Neumann

134 Zur Hölle mit dem Tod
Ein Zwischenruf
Von Joachim Mohr

138 Keine Angst vor Sterbezimmern
Erfahrungen und Ermutigungen einer Onkologin
Von Annette Dieing

143 Heikle Grenze
Wann ist der Mensch tot? Die Debatte um den Hirntod ist noch nicht zu Ende
Von Veronika Hackenbroch

TEIL IV
SUIZID UND STERBEHILFE

155 Wie ein Krebs der Seele
Alle fünf Minuten versucht sich hierzulande ein Mensch das Leben zu nehmen
Von Angela Gatterburg

164 »Allerletzter Ausweg«
Mit einem Medikamententrunk hilft die Schweizer
Sterbehilfeorganisation Exit Menschen in den Tod
Von Simone Kaiser

174 »Sterben lassen ist kein Töten«
Interview mit dem Medizinrechtler Wolfgang Putz über den Umgang mit dem Patientenwillen
Von Beate Lakotta

183 Wem gehören wir eigentlich?
Ein Plädoyer für Selbstbestimmung
Von Martin Walser

TEIL V
KULTUR UND RITUALE

191 Adiós Amigos
Andere Länder, andere Todessitten – in Mexiko, China,
Ghana, Indien und Israel

205 Das Atmen der Dinge
Im Kino wird meist lange geliebt,
aber schnell gestorben – zwei Ausnahmefi lme
Von Lars-Olav Beier

214 Digitales Herbstlaub
Tod im Netz: Online-Friedhöfe, Trauerportale oder Grabsteine mit QR-Code
Von Alexander Kühn und Malte Laub

219 Der Toten Tatenruhm
Nachrufe können entscheiden, was künftige Generationen vom Verstorbenen denken
Von Johannes Saltzwedel

228 Projekt Lebensende
Vom Niedergang der Sterbekultur
Von Reimer Gronemeyer

ANHANG

241 Buchhinweise
244 Hilfe im Internet
246 Autorenverzeichnis
249 Dank
250 Sach- und Personenregister



Vorwort
Todesanzeigen haben einen merkwürdigen Reiz. Viele Zeitungsleser
studieren die Meldungen vom Ende eines Lebensweges
mit großer Neugier. Wie alt ist der Verstorbene geworden?
War er krank? Wie betrauern ihn seine Angehörigen? Der
Tod ist ein großes Faszinosum – und doch etwas, das man lieber
auf Distanz hält. Jeder Mensch muss sterben, das wissen wir
und können es doch nicht fassen, nicht wirklich begreifen. Der
Tod ist immer eine Nachricht, über die man spricht, aber: Bitte
nicht zu viel. Denn wenn jemand stirbt, packt einen immer auch
die Angst vor der eigenen Endlichkeit, die viele lieber verdrängen
– verständlicherweise. Wer mag sich schon das Verschwinden
des eigenen Ichs vorstellen? Und wer kann das wirklich?
In einer Zeit, in der die Menschen immer länger leben, die
Medizin schwerste Krankheiten heilen, Unfallopfer retten,
kranke Organe durch gesunde ersetzen kann, wird die Auseinandersetzung
mit dem Tod meist auf den allerletzten Moment
verschoben, in dem es nicht mehr anders geht, wenn man im
Familien- oder Freundeskreis direkt damit konfrontiert ist.
Die meisten Menschen möchten gerne zu Hause sterben,
so wie sie es vielleicht noch bei ihren Großeltern erlebt haben.
Tatsächlich aber sterben heute 75 Prozent im Krankenhaus
oder Pfl egeheim. Zug um Zug wurde das Sterben im Verlauf
der Moderne ausgelagert und in öff entliche Institutionen abgeschoben.
Das soziale Ereignis verwandelte sich in einen individuellen
Unglücksfall. Der Tod wurde so gründlich aus dem
Alltag vertrieben, dass heute mancher Erwachsene noch nie
eine Leiche gesehen hat.
»Wir brauchen einen gesellschaftlichen Wandel: weg vom
Schweigen, hin zum Reden über den Tod«, fordert deshalb der
Palliativmediziner Gian Domenico Borasio. Dass sein Buch
über das Sterben zum Bestseller wurde, zeigt vielleicht schon,
dass sich da gerade etwas verändert und ein Bedürfnis nach
mehr Off enheit und Austausch Bahn bricht.
Tatsächlich gibt es gute Gründe, sich frühzeitig mit dem
Ende des Lebens zu befassen. Denn nur wer sich mit der eigenen
Sterblichkeit beschäftigt, kann das Ende so gestalten, wie
es ihm wichtig ist. Wer etwa am Sterbebett nicht alleine sein
will, braucht Menschen, die bereit sind und vorbereitet, ihn
auf dem schwierigen Weg zu begleiten.
Diese Auseinandersetzung zu befördern, ist Ziel dieses
Buches. Es macht das Sterben zum Thema in einem breiten
Spektrum von Geschichten: SPIEGEL-Redakteure haben Hospize
und Palliativdienste besucht, um zu erfahren, wie sie ein
friedliches und schmerzfreies Ende ermöglichen. Die Autoren
sprachen mit Angehörigen über ihren Trauerprozess, porträtieren
Menschen, für die der Tod zum Beruf gehört: Bestatter,
Polizisten, Ärzte, Sterbebegleiter. Der prominente Bestatter
Fritz Roth, der sich für eine neue, liberalere Friedhofskultur
einsetzte, war bereits an Krebs erkrankt, als er Redakteurin
Annette Bruhns zum Interview traf; er starb noch vor Erscheinen
dieses Buches.
Dass viel Reden und die bewusste Begleitung eines Sterbenden
helfen, danach den Verlust zu überwinden, zeigt
das Beispiel des langjährigen Asien-Korrespondenten und
Buchautors, Tiziano Terzani. Bereits todkrank führte er mit
seinem Sohn Folco lange Gespräche über die letzte große
Frage des Lebens und sein eigenes Hinscheiden. »Normalerweise
bringt dir dein Vater bei, wie du das Leben meisterst.
Mein Vater hat mir auch gezeigt, wie man stirbt«, sagt Folco
Terzani, der heute versöhnt und heiter auf den Tod seines
Vaters zurückblickt.
Berührungsängste mit dem Sterben resultieren häufi g aus
Unsicherheit und mangelndem Wissen. Hier möchte das Buch
Auf klärung und Informationsdienst leisten. Etwa in der Frage:
Kann man es schaff en, einen Sterbenden zu Hause zu pfl egen,
und was ist dabei wichtig? Die Berliner Annette Dieing antwortet
darauf mit Erfahrungen aus ihrer eigenen Arbeit. »Keine
Angst vorm Sterbezimmer!«, sagt die Krebsärztin.
Zum Tod gehören viele strittige Debatten, etwa darüber,
wann und wie Sterbehilfe statthaft ist. Simone Kaiser hat die
Schweizer Sterbehilfeorganisation Exit besucht und einige der
dort betreuten Sterbefälle nachgezeichnet. Zu den Sympathisanten
dieses Weges gehört der Schriftsteller Martin Walser,
der auch für sich selbst nicht ausschließt, sich einmal einem
Sterbehelfer anzuvertrauen. In seinem Essay fordert er mehr
Selbstbestimmung am Lebensende.
Besondere Erfahrungen mit diesem Thema hat der Münchner
Medizinrechtanwalt Wolfgang Putz, der bereits in mehreren
hundert Fällen Patientenverfügungen durchsetzte. Er
selbst musste sich schon vor Gericht verantworten, weil er
einer Mandantin geraten hatte, die Magensonde ihrer Mutter
durchzuschneiden, die seit Jahren im Koma lag.
Der Blick auf das Ende kann auch helfen, das Leben bewusster
auszuschöpfen. Zu den Dingen, die Sterbende häufi g
bereuen, gehört das Bedauern, zu viel gearbeitet und zu wenig
Zeit für Familie und Freunde gehabt zu haben. Die Nummer
Eins des Bereuens aber, so die Erfahrung der australischen
Sterbebegleiterin Bronnie Ware, ist diese: »Ich wünschte, ich
hätte mich getraut, mein Leben zu leben und nicht das, was
andere von mir erwartet haben.«

Hamburg, im März 2012
Annette Großbongardt, Rainer Traub