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Berlusconi Zampano  Die Karriere eines genialen Trickspielers Übersetzt von Elisabeth Liebl

ORIGINALAUSGABE
Berlusconi Zampano
Die Karriere eines genialen Trickspielers


Übersetzt von Elisabeth Liebl



ORIGINALAUSGABE





Udo Gümpel, Ferruccio Pinotti

Random House , Riemann Verlag
EAN: 9783641015268 (ISBN: 3-641-01526-X)
608 Seiten, Festeinband mit Schutzumschlag, 14 x 22cm, 2006

EUR 19,95
alle Angaben ohne Gewähr

Umschlagtext
Wie kann es sein, dass ein Mann, der sein Amt vorwiegend dazu missbraucht, um seine eigenen Wirtschafts- und Finanzinteressen zu begünstigen, der am längsten amtierende Ministerpräsident Italiens geworden ist?



In schwieriger Recherchearbeit haben die Autoren zahlreiche Weggenossen von SB ausfindig gemacht und präsentieren hier ein Psychogramm des italienischen Tango-corrupti-Strippenziehers. Sie schildern Berlusconis Werdegang, beschreiben seine Freunde und seine Kontakte zur Mafia und zur Geheimloge P2. Staunend erfahren wir düstere Details von Berlusconis unaufhaltsamem wirtschaftlichen Expansionskurs, verbunden mit dem Erwerb kommerzieller Fernsehsender in Italien, Frankreich, Spanien und Deutschland. Ein eigenes Kapitel widmet sich seinem europaweiten Einfluss, seiner Zusammenarbeit mit Leo Kirch und seiner Verstrickung in Geldwäschesysteme in der Schweiz. Mit einem vom Forbes Magazine geschätzten Privatvermögen in Höhe von 12 Milliarden Euro (2004: 10 Milliarden) gehört Berlusconi heute zu den 50 Reichsten der Welt. Seine Mediengruppe Mediaset kontrolliert direkt oder indirekt 70 % der italienischen Medien.



„Berlusconi Zampano“ – ein erschreckendes Buch? Ja! Aber auch eine erheiternde Lektüre. Denn die persönlichen Charakterzüge des charismatischen Hauptdarstellers würden einer Opera buffa durchaus zur Ehre gereichen. Das Bild eines Mannes entsteht, der sich für den Größten hält: den größten Politiker, Wirtschaftsmagnaten, Sänger, Entertainer, Schauspieler, Charmeur und Liebhaber.



Wie kann es sein, dass in Italien ein Ministerpräsident regiert, der wegen Meineides bereits rechtskräftig verurteilt ist, dem die Staatsanwaltschaft heute Bilanzfälschung und Steuerhinterziehung vorwirft? Dieses Buch berichtet auf der Basis präziser Recherchen über Berlusconis Werdegang und seine Freunde, sein internationales Firmengeflecht und sein Medienimperium. Auch seine erstaunliche Persönlichkeit kommt zur Sprache, sein Charisma, sein Machtstreben, nicht zuletzt auch sein übersteigertes Selbst- und Sendungsbewusstsein, das mitunter witzigere Blüten treibt als jede Politsatire.



"'Berlusconi Zampano' ist kein chronologisch, sondern ein thematisch geordnetes Werk. Zeitsprünge, aber auch all die Verbindungen und Verstrickungen machen es nicht leicht, den Überblick zu behalten. Aber genau so ist ja auch das 'System Berlusconi' organisiert!".
Rezension
Eigentlich müßte der Sachverhalt Europa aufrütteln: Italiens Demokratie ist in Gefahr. In keiner anderen Demokratie auf der Welt ist der Regierungschef zugleich Eigentümer der wichtigsten privaten Medien und dirigiert per Regierungsmehrheit das Staatsfernsehen. Eine freie Presse ist die Grundlage einer modernen Demokratie. Über Finanzbeteiligungen, - Berlusconi ist sogar an der italienischen Zentralbank beteiligt -, gibt es in Italien faktisch keine freie Presse mehr. Ein zweiter Eckpfeiler der Demokratie, die unabhängige Justiz, ist ebenfalls nicht mehr vorhanden, Berlusconi hat sie solange "reformiert", bis er de facto über dem Gesetz steht: Abänderungen von Strafgesetzen, Verkürzung der Verjährungsfristen etc. hat der Straftäter Berlusconi zu seinen Gunsten durchgesetzt. - Kriminelle an der Spitze der Politik, - wird sich dieses Modell auch in Deutschland (Hessen?!)durchsetzen? Dieses Buch rüttelt auf und warnt vor der Aushöhlung der Demokratie mitten in Europa.

Dieter Bach, lehrerbibliothek.de
Verlagsinfo
Udo Gümpel lebt seit 1984 zwischen Hamburg und Rom. Er ist Italien-Korrespondent für n-tv und Autor zahlreicher Dokumentarfilme bei ARD und ARTE, investigativer Journalist für „Kontraste“ und „Monitor“. Als Autor hat er sich einen Namen gemacht durch sein Buch „Der Vatikan heiligt die Mittel“ (zusammen mit Heribert Blondiau).

Ferruccio Pinotti schreibt in Italien und international für bekannte Zeitschriften wie International Herald Tribune, Corriere della Sera, L'Espresso und Il Mondo. Er arbeitete für die CNN Financial News und als Professor of European Integration in Bologna. Neben literarischen Preisen gewann er 1996 und 1999 den "Best Italian Reporter Price". Pinotti ist Verfasser von knapp einem Dutzend Büchern zu finanzwirtschaftlichen und gesellschaftlichen Themen und Autor eines investigativen Buches über den katholischen Geheimorden "Opus Dei".

"'Berlusconi Zampano' ist kein chronologisch, sondern ein thematisch geordnetes Werk. Zeitsprünge, aber auch all die Verbindungen und Verstrickungen machen es nicht leicht, den Überblick zu behalten. Aber genau so ist ja auch das 'System Berlusconi' organisiert!".


Inhaltsverzeichnis
Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11

KAPITEL 1
Silvio Berlusconi – Die Legende . . . . . . . . . . . . . . . . . 25
Eine Mischung aus Bewunderung und Neid 25 –
Woher hatte er das Geld? 31 – Unfähige Gegner 36 –
Der Betrüger bekommt den Beifall 42

KAPITEL 2
Ein Mann der Familie und der Kirche . . . . . . . . . . . 54
Ein junger und guter Ehemann 62 – Der Hauslehrer
vom Opus Dei 64 – Eine Leidenschaft fürs Kurvige 77

KAPITEL 3
Die Vatikan-Connection . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 84
Die »Wunder« des heiligen Silvio 84 – Der Vatikan
und die Gründung der Forza Italia 89 – Berlusconi unter
Anklage: Kein Problem für den Vatikan 94

KAPITEL 4
Du sollst deinen Vater ehren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 102
Eine »kleine Bank des Vatikans« 104 – Die Geheimnisse
der Banca Rasini und der Schatten Sindonas 111 –
Schweizer Geld 114 – Gute Beziehungen 118 – Die Ermittlungen
gegen die Banca Rasini 120 – Der Eigentümer der
Banca Rasini 124 – Die geheimnisvollen 38 Holdings von
Silvio 126 – Von der Banca Rasini zur Banca Popolare di
Lodi 128 – Die Übernahme des Corriere und der Schatten
Berlusconis 138

KAPITEL 5
Die »Bankiers Gottes« und das
Finanzparadies Liechtenstein . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 144
Michele Sindona, Bankier der Mafia und des Vatikans 145 –
Der Schützling der »schwarzen Hochfinanz« 152 –
Liechtenstein: Keiner wäscht reiner 154 – Der König
der Treuhänder 164 –Silvios Anfänge und die »Gottesbankiers
« 180 – Die Schweizer »Wichtel« 190

KAPITEL 6
Der Napoleon aus Arcore . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 194
Die Villa Casati Stampa 194 – Das Mausoleum im
Garten 199

KAPITEL 7
Die Milano-Connection . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 213
Italiens Hauptstadt der Moral 213 – Die Ankunft der
Mafia 219 – Eine echte »Momentaufnahme« Mailands
225 – Die Entführungsdrohungen gegen Berlusconi 229 –
Der Freund der Mafiosi 231 – Silvio stellt einen Mafiaboss
ein 232

KAPITEL 8
In den Klauen der Cosa Nostra . . . . . . . . . . . . . . . . . . 240
Das »Gipfeltreffen« mit den Mafiabossen 240 – Der Quantensprung:
Die Holdings und ihre mysteriösen Kapitalströme
247 – Die Mafiosi der Casa Berlusconi 256

KAPITEL 9
Die Venezuela-Connection . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 259
Das Schreiben Rapisardas 262 – Die Kronjuwelen Rapisardas
in den Händen Berlusconis 266 – Exkurs: Dell’Utri
und Berlusconi – Folge II 271

KAPITEL 10
Die Nahost-Connection . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 278
Die libanesische Periode 278 – Graziano Verzotto, der
Mann Sindonas 282 – Der Banco Ambrosiano und die
Discount Bank 286 – Tarak Ben Ammar und Craxi …
in Tunesien 292 – Farouk Agrama 299 – Die Methode
»Al Capone« 303

KAPITEL 11
Silvios Welt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 307
Der Don Quijote aus der römischen Vorstadt 307 –
Auch die Mediengesetze kann man ändern 314 – Fede,
der Treue 321 – Narrenfreiheit in Silvios Welt 324

KAPITEL 12
Karotte und Knüppel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 330
Opposition, die keine sein will 332 – Der nächste
Stammfeind: Marco Travaglio 342 – »Il Panini«:
Zensur auf Italienisch 348 – Das Staatsfernsehen RAI:
Unterworfen! 351

KAPITEL 13
Die Sardinien-Connection . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 358
Klein Versailles an der Costa Smeralda 358 – Geschäfte
mit Carboni 363 – Olbia 2 und die Costa Turchese 378 –
Die Unterstützung des »Gottesbankiers« 384 – Wie man
Mafiageld wäscht 388 – Der Tod Calvis wird geplant 392

KAPITEL 14
Ärger in London . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 394
Ein eleganter britischer Gentleman 395 – Unter Craxis
Schutz 405 – Der Kaiser ist ja nackt! 406 – Das Kavaliersdelikt
412

KAPITEL 15
Leo & Silvio – Eine Hand wäscht
die andere . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 414
Berlusconis Brückenkopf in Deutschland: Tele 5 415 –
Ein Sender ohne Lizenz on air 422 – Die Firmengruppe
»B« 426 – Die Persimon AG in Liechtenstein 429 –
Der Fall Tele Cinco 435

KAPITEL 16
Unter Abgeordneten, Delinquenten
und Winkeladvokaten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 440
»Il Professore«, mächtigster Mann der Lombardei 442 –
Der Abgeordnete Cäsar und die Richterkorruption 452 –
Eine, die es weiß, redet 455 – Der Justiz so lange ein Bein
stellen, bis sie liegen bleibt 456 – Die Niederlage 459 –
Das wundersame Urteil 462

KAPITEL 17
Das System der Richterkorruption . . . . . . . . . . . . . . 464
Der Korruptions-Weltrekord 464 – Zeit gewinnen, Zeit
gewinnen! 467 – Der Nebelhafen 470 – Die pikierten
Winkeladvokaten 477 – Vom Rechtsstaat zu den Gesetzen
ad personam – und ad cadaverem 478 – Die Rettung naht:
Hollywood protestiert 482 – Die Liste der Schande 486

KAPITEL 18
Mit Gottes Segen ins 3. Jahrtausend . . . . . . . . . . . . . 487
Silvios Comeback 487 – Krieg im Irak? Silvio macht
mit 493 – Langsame Abwärtsdrift 495 – Der Showdown 506 –
Am Hofe des Opus Dei 510

NACHWORT
Was Berlusconi für Europa bedeutet . . . . . . . . . . . . 513
Die Geburt eines neuen Paradigmas 513 – Die neuen
Grenzen des Kapitalismus 516 – Eine Herausforderung
für Benedikt XVI. 520

Anhang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 529
Dramatis Personae (eine Auswahl) 529 –
Bibliographie 545 – Dokumente 548 – Dank 558 –
Anmerkungen 560 – Register 596

Leseprobe:
Vorwort
Europa schaut gelangweilt weg, während in Italien die Demokratie
in Gefahr geraten ist. Und wie weit der Schaden durch
eine andere Regierung noch behoben werden kann, ist angesichts
seines Ausmaßes offen: Zu tief sind die Wunden, die unter
Berlusconi ins soziale und politische Gewebe des Landes
geschnitten worden sind. Ein Mann und seine unbedingt entschlossene
Gefolgschaft haben es auf eine Weise verändert, die
ein böses Omen für die Entwicklung der Demokratie auf dem
ganzen Kontinent ist. Dabei hat es an warnenden Stimmen
nicht gefehlt – aber passiert ist nichts.
Zwei Grundpfeiler einer modernen Demokratie des 21. Jahrhunderts
stehen im Italien, das von Berlusconi verformt worden
ist, nicht mehr gerade. Nach fünf Jahren seiner Herrschaft
wird zwar niemand verhaftet, weil er auf der Straße Parolen gegen
die Regierung ruft, aber der Zugang zu den Massenmedien
ist auf eine beispiellose Art reglementiert.
Es gibt keine andere Demokratie auf der Welt, in welcher der
Regierungschef gleichzeitig Eigentümer der wichtigsten privaten
Medien ist und das Staatsfernsehen per Regierungsmehrheit
nicht nur kontrolliert, sondern dirigiert – neben seinen
großen direkten und indirekten Beteiligungen an Finanzdienstleistern,
Banken und Versicherungen, selbst an der italienischen
Zentralbank ist Berlusconi über die Capitalia-Bank
beteiligt. Eine freie Presse ist jedoch die Grundlage einer modernen
Demokratie. Sie muss das von den Mächtigen unkontrollierbare
Korrektiv sein, unabhängig von Wirtschaft, Politik
und Staat. So das Ideal – aber Italien ist davon so weit abgekommen,
dass es in diesem spezifischen Punkt zum Outsider
in Westeuropa wurde. In Italien ist die Presse in ihrer übergro-
11
ßen Mehrheit nicht mehr frei im herkömmlichen demokratischen
Sinne, vor allem auch nicht das Fernsehen, die wichtigste
Informationsquelle der Italiener. Die Beobachter außerhalb
des Landes sollten sich allerdings keine Illusionen machen:
Die Konzentration im Medienbereich auch in anderen Ländern
Europas ist im Jahre 2006 schon längst so weit, dass die
Schwelle zur vorherrschenden Medien- und Meinungsmacht
schnell erreicht und überschritten wird.
Die freie Meinungsbildung beruht auf dem uneingeschränkten
Zugang zu unterschiedlichen Informationsquellen.
In Italien wird dieser Zugang extrem eingeschränkt, weil
die von neun Zehnteln der Bevölkerung genutzten Medien der
Kontrolle eines Mannes und seiner auf ihn eingeschworenen
Gefolgsleute unterliegen. Das Internet ist noch frei – aber vergleichsweise
wenige Italiener informieren sich bei fremdsprachigen
Quellen.
Ein zweiter Eckpfeiler der Demokratie ist eine unabhängige
Justiz. Nach fünf Jahren Berlusconi-»Reformen« ist diese derart
zurechtgestutzt worden im Sinne der Interessen des Regierungschefs,
dass es wohl einfacher gewesen wäre, man hätte
stattdessen gleich nur ein einziges Statut erlassen: »Berlusconi
steht über dem Gesetz, egal, was auch immer er tut.« Nur das
war der Sinn aller Abänderungen der Strafgesetze, der Verkürzung
der Verjährungsfristen, der »Reformen«, die die Justiz
Italiens von den gemeinsamen Werten Europas meilenweit
entfernt haben.
Dass Italien nach den Jahren des furiosen Wachstums, nach
der Rückkehr ins Herz Europas unter Romano Prodi, das
Schlusslicht der wirtschaftlichen Entwicklung wurde, ein Land,
das die Investoren meiden – auch dies ist ein Ergebnis der Berlusconi-
Regierung.
In der Weltwirtschaft braucht man Verlässlichkeit gerade
der Zahlenwerke, mit denen Unternehmen eingeschätzt werden
können: In der Folge des Enron-Skandals haben die USA
zum Beispiel die Strafen für Bilanzfälschung deutlich herauf-
12
gesetzt. Ganz anders hat sich Italien entwickelt, dort ist die Fälschung
einer Bilanz unter Berlusconi beinah zum Kavaliersdelikt
geworden.
Es ist ein seltsames Land, dieses Italien unter Berlusconi. Da
beschließen die treuen Gefolgsleute des Regierungschefs ein
Mediengesetz, das eine reguläre staatliche Ausschreibung der
Sendefrequenzen annulliert – weil einer der drei Sender Berlusconis
diesen öffentlichen Wettbewerb nicht gewonnen hat,
sondern ein Outsider. Es ist fast wie im Wilden Westen: Es wird
zwar nicht geschossen, aber man beschließt absurde, peinliche
und offenkundig verfassungswidrige Gesetze. Bevor die Klagen
auf Verfassungswidrigkeit dann durch die Instanzen gegangen
sind, sind mehrere Jahre oder sogar Jahrzehnte ins
Land gezogen. So lange aber gilt das Unrecht – und wird,
scheint’s, von allen akzeptiert. Wie ebenjener legalisierte Diebstahl
der Fernsehfrequenzen – gegen den sich seinerzeit auch
nicht der Protest der Opposition erhob.
Da beschließt die Regierung, einen digitalen Fernsehdecoder
zu fördern, und vergibt einen Zuschuss von 130 Millionen
Euro – den schließlich eine Firma des Bruders von Berlusconi
erhält. Daneben gibt es andere Begünstigte. Hat sich daraufhin
ein Proteststurm im Lande erhoben? Die Menschen sind müde,
oder sie wissen vielfach nicht, dass man schon nach Weißrussland
gehen muss, um eine ähnliche Macht des Regierungschefs
über Volk und Parlament zu finden.
Schon einmal in der jüngeren Geschichte Italiens hat eine
kleine, aber entschlossene Gruppe von Personen das Land
überraschend schnell in den Griff bekommen. Darüber sind
sich die Historiker heute einig: Im faschistischen Italien gab es
wenige Faschisten, noch weniger Antifaschisten, dafür aber eine
große Masse an willigen Mitläufern. Als der italienische
Diktator Benito Mussolini 1931 von allen Universitätslehrern
den Treueid auf den Faschismus verlangte, hoffte er, obgleich
die große Masse der Professoren gar nicht Parteimitglieder waren,
trotzdem auf eine Mehrheit. Es sollte mehr als das sein:
13
Von den abstimmungsberechtigten 1848 Professoren stimmten
nur zwölf nicht für ihn.
Es war der ungeheure Sog der Macht, der die allermeisten
Italiener damals dazu brachte, sich dem Diktator bereitwillig
unterzuordnen. Nach dem Sieg der Alliierten blieben die 1836
Professoren, die für Mussolini gestimmt hatten, auf ihren
Hochstühlen sitzen – viele werden ihren Kindern von heroischen
Aktionen des Widerstandes, zumindest von »innerer
Opposition« erzählt haben, werden die eigene Rolle als Stützen
des Regimes kleingeredet, sich eine neue Biographie zurechtgelegt
haben, wie es der Historiker Gianni Oliva treffend beschrieb,
der von einer »grauen Linie« der Kontinuität zwischen
der damaligen Mehrheit und dem heutigen Italien gesprochen
hat, der Kontinuität einer Unterordnung, der braven Gefolgsamkeit.
Unter der Oberfläche des heutigen Italien liegen in weiten
Bereichen noch immer die Grundstrukturen der faschistischen
Gesellschaft. Die erste und augenfälligste ist dabei, dass die
Parteien in Italien nicht vom Körper des Staates getrennt sind,
dem Parteipolitiker steht nicht ein Staatsdiener der Republik
gegenüber. Beide, die Parteien und der Staat, sind organisch
verschmolzene Einheiten, die nur partiell in Konflikt geraten
können, sich aber immer wieder finden werden. Es ist kein
Verhältnis von Gleichberechtigten, es ist die Partei, die das
Kommando führt, der sich der Staatsangestellte bereitwillig
unterordnet, deren Mitgliedschaft er erwirbt, um deren Gunsterweise
er buhlt, die ihn befördert, begünstigt, ihm die Privilegien
zuordnet. Ein italienischer Staatsdiener, welcher der
Mehrheitspartei in seinem Zuständigkeitsbereich – Gemeinde,
Provinz, Region oder Staat – offen widerspricht, muss wohl
noch geboren werden. So hat die abfällige Beschreibung des
Systems der politischen Macht im Nachkriegsitalien als cattocomunismo
den Kern durchaus getroffen: Die Großparteien waren
in ihren jeweiligen Einflussbereichen absolute Herrscher,
ungeachtet der scheinbaren Unterschiedlichkeit ihrer gekrön-
14
ten oder virtuellen Oberhäupter, hier der Papst als spiritueller
Orientierungspunkt und das Hauptquartier der Christdemokraten
an der Piazza del Gesù als realer Anlaufpunkt – oder der
einbalsamierte Lenin als Referenz und der Kreml als Weisungsgeber.
Tatsächlich ist das Primat der Politik südlich der Alpen ungebrochen.
In den ersten Nachkriegsjahren war der staatlich
geplante Wiederaufbau Italiens, die von Staatsfirmen durchgesetzte
Industrialisierung des Südens, ein augenscheinlicher
Pluspunkt, weil sie Arbeitsplätze schuf. Darauf kam es damals
an. Bis heute zahlt Italien dafür die Zeche: mit einem ineffizienten
Wirtschaftssystem, mit dem Niedergang der großen
Industrie, mit dem Ende der italienischen Chemie und der
Autoindustrie. Die staatliche Förderung hat tote Firmen über
Jahrzehnte am Tropf gehalten, die im rauen Wind des Weltmarkts
schon viel früher untergegangen wären, wenn Italiens
Wirtschaftssystem in Wirklichkeit nicht halb sozialistisch, halb
katholisch gewesen wäre. Berlusconi, der gegen den cattocomunismo
gern Stimmung macht, vergisst dabei nur zu gern, dass
er selbst einer der großen Nutznießer dieser Verschmelzung
von Parteiinteressen mit dem Staate war: Ohne die Unterstützung
der Sozialisten von Bettino Craxi, die den Staatsapparat
unterwandert hatten wie keine andere Partei, wäre er nie der
Fernsehmagnat geworden, der er im Jahre 2006 ist.
Wenn es eine Unzahl von Gesetzen gibt, die keine Anwendung
finden, dann liegt das am Mangel an Staatsdienern im eigentlichen
Sinne. Die Angestellten der Staatsverwaltung dienen
nicht dem Staate, sondern dem Manne, der sie in den
Staatsdienst gehievt hat, dem Rudelführer – diesem Manne ist
die Dankbarkeit geschuldet, nicht dem Staat.
Die Freiheit der Staatsdiener besteht auch im heutigen Italien
ganz wesentlich darin, sich diesen Anführer der eigenen
Gruppe, mithin die Mitgliedskarte, aussuchen zu dürfen – wen
man zum eigenen Rudelführer erwählt, ist ganz unwesentlich.
Alle Organisationen funktionieren nach den gleichen Mustern
15
der Machteroberung und -ausübung. Ohne capo zu sein – das
ist, wie nackt auf dem Flur zu stehen.
Wobei Berlusconi bei der Eroberung der Schaltstellen der
Macht im großen und verzweigten Staatsapparat Italiens neue
Maßstäbe gesetzt hat. Eine derart schnell gewachsene und kapillare
Kontrolle in allen Ganglien der Macht hat vor ihm nur
Mussolini ausgeübt.
Der Einzelne hat keine wirkliche Entscheidungsbefugnis –
das ist das Prinzip. Nehmen wir das Fernsehen. Nicht »Chefredakteure
«, »Dienst habende Redakteure« oder sonst welche
Träger hoch klingender Titel entscheiden im Fernsehen, ob ein
Bericht gesendet wird oder nicht – oder mit welchem Text.
Nein, es ist immer der Intendant des Senders, dem auch die
kleinsten Probleme vorgelegt werden. Nur die Vertrautesten,
die schon im Voraus wissen, was »oben« gedacht wird, nehmen
sich die kleine Freiheit. Aber die müssen schon mindestens die
Tochter des Chefs geheiratet haben, sonst trauen auch sie sich
nicht. Alle anderen zaudern, wollen sich rückversichern, fragen
nach oben, warten ab, entscheiden erst einmal, nicht zu entscheiden.
Denn die Partei ist der Garant des Einzelnen, und sie
allein entscheidet. Das ist die DNS staatlicher Organisation.
Nur vor diesem Hintergrund wird begreiflich, dass selbst
der mächtigste und berühmteste Fernsehjournalist Italiens,
der Anchorman des Fernsehprogramms RAI 1, Bruno Vespa,
jemand, der nun wirklich Unabhängigkeit demonstrieren
könnte, einst ganz offen aussprach, dass sein politischer Herausgeber
(l’editore di riferimento) die Democrazia Cristiana sei –
und das, obwohl nicht die Partei ihn bezahlte, sondern das
staatliche Fernsehen. Aber selbst der Journalist Nummer eins
brauchte einen Garanten, der ihn »schützte«, dem gegenüber
er sich als zugehörig erklärt. Es hat sich nichts geändert, es ist
im Prinzip wie im kalabresischen Bergdorf, wo die alten, noch
immer in Schwarz gekleideten Frauen fragen: »Zu wem gehörst
du?« Man gehört zu jemandem, man ist jemandes Untertan,
Gefolgsmann, nicht Herr.
16
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Jedermann braucht – wie selbst Bruno Vespa – seinen »politischen
Herausgeber«, einen Referenten, Garanten, Bürgen,
einen capopopolo (»Volkstribun«), dem man treu zu folgen hat.
Je mächtiger der Garant ist, umso mehr Gefolgsleute schließen
sich ihm freiwillig an. Auch darum hat es in Italien einen Sinn,
einen Fußballklub zu kaufen, bevor man in die Politik geht.
Auch die so genannte freie Wirtschaft ist von vielen unfreien
Formen des Zwangskollektivs durchzogen, die alle wiederum
ihren kleinen Tribun haben, der einen ganz natürlich als die Gefolgschaft
betrachtet, den man um Gefallen bittet, der Promotionen
organisiert, Gefallen erweist – und Gefallen einfordert,
die man schlechterdings verweigern kann. Es sind die Nachfolger
des Korporativismus, die wie unter Mussolini die Regeln
der in Italien gar nicht so freien Marktwirtschaft bestimmen, es
sind dies übermächtige Berufsvereinigungen, die Interessenvertretungen
der Freiberufler und der Industrieverbände, die
Teile der staatlichen Macht verwalten, die selbst verlängerter
Arm der Zentralmacht sind, welche von ganz oben alle Regeln
bestimmt, die Bauern vorrücken oder stehen bleiben lässt.
Ohne politischen Schutzherrn läuft in Italien gar nichts.
Wer dagegen klagt, kann auf das Ende seiner Zivilklage warten
und den Prozess an die eigenen Erben weiterreichen – so lange
mahlen in diesen Fällen die Mühlen der Justiz.
Die Wirtschaft wäre nun rein theoretisch der Bereich Italiens
gewesen, in dem Europa noch am meisten hätte tun können,
weil die Kompetenzen hier eben in Europa liegen. Doch
auch in diesem Falle versagte Europa kläglich. Es war die Strafanzeige
einer holländischen Bank, die das einbetonierte korporativistische
Bankensystem Italiens aufbrach, die den Chef der
italienischen Staatsbank am Ende zum Rücktritt zwang, es waren
die Ermittlungen der Mailänder Staatsanwaltschaft, die
sich bis 2005 mit Erfolg gegen alle Unterjochungsversuche
durch die Zentralmacht wehrte, welche das System erstmals
aufbrachen: ein Bankensystem, in dem der Chef der Zentralbank
der absolute Dominus des Kredits ist.
Die Idee, ein Buch über die Geburt eines Regimes im Herzen
Europas zu schreiben, hat ihren Grund in der tiefen Beunruhigung,
die wir dabei empfunden haben, die langsame, aber
stetige Verwandlung einer noch »unvollendeten Demokratie«,
einer zwischen kommunistischer Opposition und christdemokratischer
Regierung einzementierten Republik, in ein semidemokratisches
Regime beobachtet zu haben. Schlimmer
noch: Es ist beängstigend festzustellen, wie sehr Europa den
Kopf vom »Fall Italien« abgewandt hat. Dieser Fall Italien zeigt
aber auch, wie wenig die gemeinsam verstandenen Regeln der
Europäischen Union wirkliche Korsettstangen des konkreten
Verhaltens sind, wie dramatisch das Scheitern der Europäischen
Verfassung ist, wie notwendig es ist, der Idee Europas
mehr als nur den Euro und den freien Kapitalverkehr zu unterlegen.
Es ist beschämend festzustellen, wie wenig die europäischen
Institutionen und die anderen großen Demokratien des
Kontinents auf Italiens Entwicklung reagiert haben.
Schröder drohte einen Ferienstreik an, in einzelnen Berichten
wurde auf Probleme beim Antitrust im Fernsehbereich
hingewiesen, aber das alles blieb soft, sehr soft. Die dramatische
Verwandlung Italiens hat man nicht zur Kenntnis nehmen
wollen, weil sie eben nicht unter dem Druck von marschierenden
Schwarzhemden stattgefunden hat, sondern ungleich
sanfter, aber nicht weniger effizient ablief, über eine kapillar
und fast militärisch zu nennende Besetzung der
Schaltstellen des Staates bis hinunter in die letzten Gliederungen
mit den Vertrauensleuten des großen Zampano.
Unsere Arbeitsmethode war dabei empirisch mit investigativen
Zügen. Über Silvio Berlusconi sind viele Bücher geschrieben
worden. Die lange prozessuale (Leidens)geschichte der
ersten Journalisten, welche die Hintergründe von Berlusconis
Aufstieg recherchiert haben, wird im Buch erzählt, weil sie
auch einen Blick hinter die Kulissen wirft, der gerade für uns
Kollegen recht erschreckend ist.
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Unser Ziel war dabei, nicht nur die wichtigsten Erkenntnisse
Dritter wiederzugeben, sondern vor allem ein Buch über
unsere eigenen Erfahrungen und mit vielen Interviews, die wir
im Laufe der letzten fünfzehn Jahre zum Thema Berlusconi
selbst oder in Zusammenarbeit mit anderen geführt haben, zu
schreiben.
Beim Recherchieren und beim Schreiben ist dabei ganz allmählich
ein neuer Ansatz entstanden, eine neue Sicht auf bekannte
und vielleicht weniger bekannte Fakten aus dem Leben
des »Ritters der Arbeit«.
Viel wurde in Italien über Berlusconi geschrieben, aber die
wirklich intensiven Recherchen stammen mit Ausnahme der
Bücher von Giovanni Ruggeri und Mario Guarino, die sich mit
ihm schon zu Zeiten beschäftigt haben, als er noch ein »einfacher
Baulöwe« war, vom Ende der achtziger Jahre. So sind die
Fragen nach der Herkunft Berlusconis relativ früh aufgetaucht,
aber allein in den Arbeiten von Journalisten. Die Justiz hat sich
erst spät damit beschäftigt.
Es klingt unglaublich, aber das erste Mal, dass sich eine
Staatsanwaltschaft Italiens der Frage widmete, woher Berlusconi
seine großen Anschubfinanzierungen in den Sechzigern
und Siebzigern bekommen hat, ist erst wenige Jahre her: Die
Quellen dieses ungeheuren Reichtums, die Methoden seiner
Akkumulation, all das hat die Staatsanwaltschaft von Palermo
schließlich so sehr interessiert, dass sie ab dem Jahr 2001 eine
ernsthafte Untersuchung jener Fragen anordnete. Dabei bat sie
die italienische Staatsbank um Mithilfe, die einen Superexperten
»auslieh«, dessen Ermittlungen es zu danken ist, dass es
fast vier Dekaden nach den Anfängen Berlusconis als Unternehmer
die ersten juristisch abgesicherten Informationen
über seine frühen Jahre gibt.
Auch diese Erkenntnisse haben einen Umweg genommen,
denn die Fragen, welche die Staatsanwaltschaft von Palermo
beantwortet wissen wollte, drehten sich darum, ob die Aussagen
einer ganzen Reihe von abtrünnigen Mafiosi, die von Fi-
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nanzspritzen der Mafia für Berlusconi sprachen, einen Kern
Wahrheit enthielten – ob sie zumindest unter Betrachtung der
Firmenbilanzen Berlusconis möglicherweise einen Kern Wahrheit
enthalten könnten. So kam es, dass die Steuerpolizei auf
die Jagd nach vierzig Jahre alten Akten ging.
Sie stellte die frühere Banca Rasini, in der Vater Berlusconi
jahrelang Prokurist gewesen war, auf den Kopf, forderte uralte
Unterlagen ein, weil die Steuerfahnder eben überprüfen mussten,
ob Berlusconi in den siebziger Jahren große Einzahlungen
in bar oder aus verdächtiger Quelle erhalten hatte, für die es
keine »ordentliche« Erklärung gab: die von keinem Konto herkamen,
die keine reguläre Herkunft als Kredit von normalen
Banken hatten. Tatsächlich fanden die Fahnder solche unerklärlichen
Einzahlungen, enorme Kapitalerhöhungen quasi
über Nacht, sie hörten von verschwundenen Registern, Strohmännern
und ausländischen Briefkastenfirmen.
All dies stellt für Berlusconi kein Problem mehr dar – seine
Verwicklung wurde als randständig erklärt und das Verfahren
gegen ihn eingestellt. Doch die unerklärten Kapitalerhöhungen
und ihre Umstände waren ein entscheidender Grund für
das Tribunal von Palermo, um Marcello Dell’Utri, den besten
Freund, Gründer und jahrelangen Chef der Werbefirma Berlusconis,
zu einer neunjährigen Haftstrafe zu verurteilen: Die
Richter sahen es als erwiesen an, dass Dell’Utri im Interesse
der Mafia bei der Geldwäsche in Mailand geholfen hatte. Die
Absurdität des Urteils liegt auf der Hand: Der Mann, der das
Geld beschafft hat, wird verurteilt, die Mafiosi auch, nur der
mutmaßliche Nutznießer geht straffrei aus.
Italien – Absurdistan: Jene »Gleichung« hört man häufig in
diesen Jahren. Wie geht es an, dass ein Mann, den die erste Instanz
eines ordentlichen Gerichts in Italien wegen Geldwäsche
für die Mafia verurteilt hat, dessen Mafiakontakte über Jahrzehnte
andauern, der einen Mafiaboss einlädt, in Silvio Berlusconis
Haus zu wohnen, was auch passiert – wie geht es an, dass
dieser Mann dennoch nicht das Bedürfnis verspürt, von sich
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aus den Rücktritt anzubieten? Auch Berlusconi hat seinen
Freund nicht zu diesem Schritt ermuntert, sondern ihn im Gegenteil
darin bestärkt, Senator und Europaabgeordneter zu
bleiben.
Eine Erkenntnis fiel uns wie Schuppen von den Augen, während
wir die einzelnen Kapitel schrieben, nämlich welche Bedeutung
die katholischen Kreise Italiens, das Machtzentrum
der Kirche, für den Aufstieg Berlusconis gehabt haben. Das hat
nicht nur etwas mit seiner sehr katholischen Erziehung bei
den Salesianern zu tun. Bei unseren Recherchen kamen wir zu
der Vermutung, dass die Banca Rasini so etwas wie eine kleine
Vatikanbank war, und wir verfolgten die Spuren ihrer Gründerväter.
Diese führten nach Sizilien, aber nicht zu Mafiabossen,
wie so oft vermutet wurde, sondern zu Mitgliedern des
Malteserordens, einer treu der Kirche ergebenen Gemeinschaft,
die wir an vielen Schaltstellen der schwarzen Hochfinanz
fanden.
Darüber hinaus erhielten wir während der Auswertung von
Erkenntnissen der palermischen Staatsanwaltschaft wichtige
neue Hinweise auf Schweizer und Liechtensteiner Briefkastenfirmen.
Wir sind diesen Spuren nachgegangen und fanden
weitere bis dato unbekannte und überraschende Querverbindungen
zu alten Bekanntschaften italienischer Skandale sowie
direkte Hinweise auf Finanziers mit besten Beziehungen zum
Vatikan, auf Leute, die in der Kurie höchstes Ansehen genießen,
genauso wie Hinweise auf üble Gestalten aus der Vergangenheit
des Vatikans, die Papst Benedikt XVI. sicher als Gespenster
von anno dazumal verbannt sehen möchte, wie den
1982 in London ermordeten »Bankier Gottes« Roberto Calvi
und den noch übleren Bankier der Mafia und des Vatikans Michele
Sindona.
Die Förderung aufzuzeigen, die Berlusconi vonseiten der katholischen
Hierarchie zuteil wird, wurde zu einer Konstante
des Buches. Abgesehen von der Erziehung des jungen Silvio ist
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das ein erstaunlicher Fakt, wenigstens für den durchschnittlichen
Gläubigen – lebt Berlusconi doch nach landläufigen Vorstellungen
nicht gerade nach katholischem Reglement: Er ist
zum zweiten Mal verheiratet, seine Kinder gingen auf eine anthroposophische
Rudolf-Steiner-Schule, und auch sein eigenes
Weltbild, wie es aus dem selbst errichteten Mausoleum deutlich
erkennbar ist, hat mit christlichen Überzeugungen herzlich
wenig zu tun. Es ist das Monument eines Freimaurers, der
Berlusconi ja auch einst war, in der dann gesetzlich aufgelösten
Geheimloge P2 des faschistischen Großmeisters Licio Gelli,
aber nicht das Monument christlichen Glaubens. All diese
»Details« haben die Kirchenfürsten nicht davon abgehalten,
auf die Regierung Berlusconi zu setzen.
Wir haben die Spuren Berlusconis in ganz Europa verfolgt.
Fernsehsender kontrolliert er nur noch in Spanien, alle anderen
Expansionsversuche sind gescheitert. Aber dafür gibt es
zum Ausgleich umso mehr Briefkastenfirmen, die in Europas
Steuerparadiesen und jenen im Rest der Welt verstreut sind,
von denen wir die wichtigsten »Domizilgesellschaften«, wie sie
das Steuerrecht nennt, nebst ihren Aufgaben skizzieren. Die
Mailänder Staatsanwaltschaft hat sich im Laufe der Jahre auf
diese Art von Prozessen spezialisiert und Hunderte solcher
Firmen entdeckt – bei deren Schöpfung in den meisten Fällen
ein englischer Anwalt, Ehemann der britischen Ministerin für
Kultur, Medien und Sport, eine zentrale Rolle gespielt hat.
Nicht vergessen haben wir auch die enge Freundschaft von
Berlusconi zum Exmagnaten des deutschen Privatfernsehens,
zu Leo Kirch. Die Spur aus Mailand führte uns dabei wieder ins
liebliche Liechtenstein, einen echten Dreh- und Angelpunkt
der Recherchen.