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Nazis in Tibet  Das Rätsel um die SS-Expedition Ernst Schäfer
Nazis in Tibet


Das Rätsel um die SS-Expedition Ernst Schäfer

Peter Meier-Hüsing

Theiss
EAN: 9783806234381 (ISBN: 3-8062-3438-8)
280 Seiten, hardcover, 15 x 22cm, 2017

EUR 24,96
alle Angaben ohne Gewähr

Umschlagtext
Hakenkreuze auf dem Dach der Welt

August 1939

Die "Deutsche Tibet-Expedition Ernst Schäfer" kehrt schwer beladen nach Deutschland zurück. Welche Mission hatten die Nazis im "Schneeland"?

Ging es um zoologische Forschungen, anthropologische Vermessungen und erdphysikalische Experimente, wie offiziell verlautbar? Oder ging es vielmehr um den Aufbau geheimer diplomatischer Kontakte im Rücken des britischen Empire? Oder sollten die fünf SS-Offiziere in Himmlers Auftrag nach Relikten etwaiger "Ur-Arier" suchen?

Peter Meier-Hüsing rollt Geschichte und Nachspiel einer skurrilen Expedition auf.
Rezension
Ein sehr beeindruckendes und betroffen machendes Buch.

Als ich den Titel las, stellte sich mir die Frage: Was wollten die Nazis in Tibet?
Peter Meier-Hüsing ging ihr nach.
„Nazis und Tibet-… eine Reizwortkombination … für abstruse Spekulationen… .“ S. 9
„Manche meinen, es wäre um eine okkulte Mission gegangen, andere sagen, es war eine rein wissenschaftliche Unternehmung, … könnte sich auch noch um einen geheimen politischen Auftrag der SS gehandelt haben. Nichts davon ist wahr, aber auch nichts falsch, ….“ S.9
„Gleichzeitig ist dieser Bericht auch eine biographische Skizze über die Abgründe großen Ehrgeizes und Opportunismus als Überlebensprinzip in den Zeiten radikaler Diktatur." S. 9
„Ernst Schäfer war in diesem Spiel eher Getriebener als Akteur. … begeben wir uns deshalb auf eine kurze … Spurensuche, … zu der Tibetfaszination eines Reichsführers SS Heinrich Himmler….“ S. 9

Im Kapitel 1, auf 18 Seiten, leitet Meier-Hüsing logisch und verständlich die historische Entwicklung eines Denkens, das z. T. bis heute noch in Abwandlungen existiert, her.
Er zeigt auf, wie es zur geistigen Grundlage der Tibet-Expedition 1938/39 kommen konnte. Das heißt nicht, dass E. Schäfer genau so dachte. Er machte sich dieses Denken Himmlers zu Nutze, um seine persönlichen, ehrgeizigen Ziele zu erreichen.
Meier-Hüsing fasst am Ende des 1. Kapitels seine Grunderkenntnisse zu Himmlers okkultem Weltbild wie folgt zusammen: „Himmlers (okkultes) Weltbild speist sich hauptsächlich aus drei Quellen: dem Arier-Mythos der deutschen Romantik, der Theosophischen Rassenlehre und der Welteislehre, das Ganze angereichert mit dem zeittypischen Antisemitismus und ausgeprägter Christenfeindlichkeit.“ S. 29.

Peter Meier-Hüsing setzt die SS-Expedition in den folgenden Kapiteln in den Kontext ihrer Zeit/en (Vorkriegs-, Kriegs-, Nachkriegszeit und Gegenwart). Er zeigt die Verknüpfungen verschiedener Bereiche und historischer Entwicklungen auf.

Konsequent verfolgt er die Entwicklung der fünf Expeditionsteilnehmer, die immer mit dieser Expedition verbunden bleibt, bis zu ihrem Tod.
Er stellt die Selbstdarstellung der fünf Männer und die Gegendarstellung anderer politischer Personen (Engländer…) direkt nebeneinander. Dabei werden politisches Desinteresse und skrupelloser Ehrgeiz der Expeditionsteilnehmer und ihre weitreichenden Konsequenzen klar heraus gearbeitet.

Anhand von historischem Material (persönlichen Briefen, Kommentaren...), die er sehr sauber und äußerst gründlich recherchiert hat, zeigt er die jeweilige Geisteshaltung seiner Personen auf.
„… klare Bekenntnisse- denen ja auch entsprechende Taten folgten – strafen so viele von Schäfers späteren Einlassungen, er sei doch immer „nur“ Wissenschaftler gewesen, „nur“ an der Forschung interessiert, eigentlich “ganz unpolitisch…, Lügen“ S. 46.

Dabei lässt die lebendige Sprache Peter Meier-Hüsings seine persönliche Einstellung, Empörung, Fassungslosigkeit sehr deutlich erkennen. Erst im 9. Kapitel „Spurensuche“ wird seine Sprache distanzierter aber nicht weniger hinterfragend.

Gleichzeitig stellte ich mir beim Lesen die Frage: Wie würde ich unter den Prämissen handeln? Wie steht es mit meinem politischen Interesse, meinem Verantwortungsbewusstsein?
Es zeigen sich mir Parallelen zu der DDR-Vergangenheit auf.

Als Hintergrundlektüre für Geschichtslehrer der oberen Klassenstufen, Berufsschulen, Leiter historischer AGs, für Menschen, die sich mit der Aufarbeitung der Geschichte und in den Abiturstufen und Studium den Bereichen Wirkung von Philosophie, Soziologie, Wissenschaftsverständnis und Geschichte beschäftigen, ist dieses Buch sehr zu empfehlen.

In der Hand von Schülern bedarf es einer gemeinsamen Reflexion und Fragestellung nach Auswirkungen in unserem heutigen Denken, Handeln, Sprechen, in der heutigen Literatur und in der persönlichen Haltung jedes Einzelnen.
Es ist eine ausgezeichnete Möglichkeit in ein Gespräch, über persönliche Grundhaltungen, zu kommen.

Es steht meines Erachtens bei der Bearbeitung des Themas Verantwortung und Lebensentwürfe in einer Reihe mit „Des Teufels General“ von Zuckmayer, „Bruder Eichmann“ von Heinar Kipphardt, der Biografie von Leni Riefenstahl und anderen.

Claudia-Maria Maruschke für die Lehrerbibliothek (lbib.de)
Verlagsinfo
Beschreibung
Um die ›Deutsche Tibet-Expedition‹ unter der Leitung von Ernst Schäfer ranken sich bis heute viele Spekulationen. Am 21. Dezember 1938 überschritt diese den hohen Himalayapass Nathu-La zwischen Sikkim und Tibet. Sie bestand aus fünf jungen Männern, die als erste Deutsche eine offizielle Genehmigung zum Besuch der ›verbotenen Stadt‹ Lhasa erhalten hatten.

An ihrem Gepäck flatterten Hakenkreuzwimpel und SS-Runen. Die Männer waren SS-Offiziere, ihre Expedition stand unter besonderer Förderung Heinrich Himmlers und seiner SS-Organisation ›Ahnenerbe‹. Was trieb die fünf auf das Dach der Welt? Ging es nur um zoologische Forschungen, anthropologische Vermessungen und erdphysikalische Experimente? Oder auch um den Aufbau geheimer diplomatischer Kontakte im Rücken des britischen Empire? Oder sollten sie in Tibet womöglich nach Relikten der Ur-Arier suchen?

Peter Meier-Hüsing rollt Geschichte und Nachspiel der Unternehmung auf und liefert dazu eine kritische Betrachtung der ideologischen Versatzstücke, die zu dieser Expedition führten.
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Arier-Tümelei- Heinrich Himmlers esoterische Obsessionen

Jugendjahre - Das Leben als Jagd

Vorberge - Ein faustischer Pakt

Sikkim - An der Schwelle zum Sehnsuchtsland

Interregnum - Turbulenzen in Tibet

Tibet - Das Treffen von "westlichem und Östlichem Hakenkreuz"

Kriegsjahre - Überlebensstrategien der "Wikinger der Wissenschaft"

Nachkriegskarrieren - Verdrängen und uminterpretieren

Spurensuche - Die "Schwarze Sonne" taucht auf

Anmerkungen

Anmerkungen zu Literatur und Quellen

Dank

Bildnachweis