lehrerbibliothek.de
Koranexegese als »Mix and Match« Zur Diversität aktueller Diskurse in der tafsir-Wissenschaft
Koranexegese als »Mix and Match«
Zur Diversität aktueller Diskurse in der tafsir-Wissenschaft




Abbas Poya (Hrsg.)

Transcript
EAN: 9783837641127 (ISBN: 3-8376-4112-0)
218 Seiten, paperback, 15 x 22cm, August, 2017

EUR 39,99
alle Angaben ohne Gewähr

Umschlagtext
Die Beschäftigung mit dem Koran ist nicht nur ein zentrales Interesse muslimischer Gelehrsamkeit, sie ist auch wichtig, um die geistig-religiösen Hintergründe der verschiedenen – fundamentalistischen, liberalen, traditionellen oder modernen – Positionen im Islam zu verstehen.

Dieser Band diskutiert texthermeneutische Zugänge aus verschiedenen Regionen des Islam – von der Türkei über Ägypten, Syrien, den Iran bis hin zu Indien. Die Beiträge konturieren die Koranexegese als eine Mix-and-Match-Hermeneutik, an der verschiedene Akteure mit unterschiedlichen Erkenntnisinteressen, methodischen Ansätzen und Lebenserfahrungen beteiligt sind. Auf diese Weise wird die Pluralität im islamischen Denken und Handeln als selbstverständlich erachtet und u.a. in den unterschiedlichen Zugängen zum Koran begründet.

Abbas Poya (PD Dr. phil.) ist habilitierter Islamwissenschaftler und hat an den Universitäten Hamburg, Freiburg und Zürich gelehrt. Er leitet die Nachwuchsforschergruppe »Norm, Normativität und Normenwandel« an der Universität Erlangen-Nürnberg. Seine Forschungsschwerpunkte sind: Islamisches Recht, Toleranz, moderne intellektuelle Diskurse im Islam sowie Gerechtigkeit als normatives Konzept.

Homepage:

Abbas Poya: Uni Erlangen
Rezension
Der Islam zeigt - ähnlich wie das Christentum hinsichtlich der Bibel - höchst differente Positionen in der Auslegung seiner "Heiligen" Schrift: fundamentalistische, liberale, traditionelle und moderne Positionen der Schriftauslegung des Koran. Dieser Band zeigt die Breite und Vielfalt der Koranexegese und der mit ihr verbundenen Interessenlagen auf. Der Koran ist der wichtigste Text des islamischen Denkens und Handelns. Daher sind auch die Gelehrten von der frühislamischen Zeit bis in die Gegenwart hinein stets damit befasst gewesen texthermeneutische Methoden auszuarbeiten. Dabei sind sie, je nach Erkenntnisinteresse, verschiedene Wege gegangen: von der Koranauslegung durch den Koran selbst und der Koranauslegung anhand der Überlieferung über philosophisch, mystisch, historisch und naturwissenschaftlich geprägte Ansätze bis hin zu literaturwissenschaftlichen und narratologischen Versuchen. Wie Gott keine Grenze kennt, kennt auch das Verständnis des Korans keine Grenze; der Koran selbst bedingt die Vielfalt der Auslegung des Koran. Die Koranhermeneutik erinnert an das »Mix and Match«-Prinzip der Mode; einerseits stellt sie eine in sich einheitliche, harmonische und nach klar definierten Kriterien arbeitende Wissensdisziplin dar, andererseits werden viele oft sehr unterschiedliche Sicht- und Herangehensweisen miteinander kombiniert. Der Leser erst schreibt den Text neu - das gilt auch für "Heilige" Schriften.

Oliver Neumann, lehrerbibliothek.de
Verlagsinfo
Die Auslegung des islamischen Grundtextes, des Korans, ist so unterschiedlich wie die lebensweltlich und methodisch bedingte Vielfalt der Zugänge.

Schlagworte:
Islam, Koran, Koranexegese, Hermeneutik, Tafsir, Islamwissenschaft, Religionsgeschichte
Zielgruppen:
Islamwissenschaft, Islamische Theologie, Kulturwissenschaften

Interview
... mit Abbas Poya

1. Warum ein Buch zu diesem Thema?
Die meisten pflegen ein einfaches und einheitliches Bild des Islam. Demnach haben die Muslime einen Gott, ein Buch und die gleiche Vorstellung. Das ist auch ein Wunschbild vieler Muslime. Der vorliegende Sammelband ist bemüht, dieses Bild zu verkomplizieren und zu veranschaulichen, dass die Muslime keine einheitliche Vorstellung haben, denn sie lesen und verstehen ihren Grundtext, den Koran, unterschiedlich. Gerade diese Vielfalt an religiösen Vorstellungen und Praktiken macht die Dynamik und Schönheit islamischer Kultur aus.

2. Welche neuen Perspektiven eröffnet Ihr Buch?
Gewöhnlich wird die Koranauslegung textzentriert verstanden: der Exeget sucht nach einer objektiven und statischen Bedeutung im Text und reagiert dann in der Praxis auf diese Bedeutung hin. Folglich wird das Handeln der Muslime auf den Koran zurückgeführt. Der Sammelband zeigt auf, die Koranexegese leserzentriert zu verstehen: der Exeget gibt dem – koranischen – Text die Bedeutung, indem er ihn interpretiert. Das Handeln eines Muslims – und damit auch sein Koranverständnis – gehen auf seine eigenen Intentionen, Interessen und lebensweltlichen Bedingungen zurück.

3. Welche Bedeutung kommt dem Thema in den aktuellen Forschungsdebatten zu?
In den bisherigen Auseinandersetzungen mit dem Koran und der Koranexegese wurde dem philologischen Aspekt, d.h. den formalen und sprachlichen Strukturen des Textes, viel Gewicht beigemessen. Der Sammelband versteht sich als ein Beitrag dazu, diese Wissenschaftsdisziplin mit allgemeinen texthermeneutischen und literaturwissenschaftlichen Ansätzen zu bereichern.

4. Mit wem würden Sie Ihr Buch am liebsten diskutieren?
Mit all denjenigen, die mit voller Gewissheit für eine bestimmte Auslegung des Korans stehen. Ich würde gerne mit ihnen die Frage diskutieren, woher sie diese Gewissheit haben und was sie davon abhält, den anderen das gleiche Recht zuzusprechen, das sie für sich beanspruchen, nämlich den Koran auf eigener Art zu interpretieren.

5. Ihr Buch in einem Satz:
Umfasst einige diverse, ja widersprüchliche Koranverständnisse und legt damit ein Zeugnis davon ab, wie der Leser eines Textes im Grunde ihn neu schreibt.
Inhaltsverzeichnis
AbbasPoya
Einleitung | 7

Farid Suleiman
Ibn Taymīyas Theorie der Koranexegese | 15

Mohammed Nekroumi
Zur ethischen Implikation der Abrogation im Koran
Eine rechtstheoretische Verortung des Begriffspaars nāsiḫ und mansūḫ im Lichte von aš-Šāṭibīs Ethiktheorie | 45

Marianus Hundhammer
Ambiguitätsintoleranz als hermeneutisches Prinzip der Koraninterpretation
Zum Bild der Nicht-Muslime in der Koranauslegung Sayyid Quṭbs (1906–1966) | 71

Kathrin Klausing
Aṭ-Ṭāhir b. ʿĀšūr (gest.1973) und die Kontroverse um tafsīr bi-l-maʾṯūr und tafsīr bi-r-raʾy | 105

Nimet Seker
Geschichtlichkeit in der Koranexegese
Die Kontextgebundenheit der Bedeutungen des Korans | 131

Fatma Sağır
Der Koran als Korrektiv
Die »Mix and Match«-Hermeneutik des Asghar Ali Engineer | 163

Abbas Poya
Wie der Prophet die Welt sah
Zur Koranexegese bei Muḥammad Muǧtahid Šabistarī | 191

Autorinnen und Autoren | 215