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Dietrich Bonhoeffer von A bis Z Sein Denken und Reden, sein Predigen und Beten in Schlagworten erschlossen
Dietrich Bonhoeffer von A bis Z
Sein Denken und Reden, sein Predigen und Beten in Schlagworten erschlossen




Manfred Weber (Hrsg.), Dietrich Bonhoeffer

Gütersloher Verlagshaus
EAN: 9783579071404 (ISBN: 3-579-07140-8)
272 Seiten, Festeinband mit Schutzumschlag, 14 x 22cm, 2010, Mit Lesebändchen

EUR 19,95
alle Angaben ohne Gewähr

Umschlagtext
Dieses Buch erschließt auf ungewöhnliche Weise das Werk Dietrich Bonhoeffers. Anhand von Stichworten, die das Sehnen und Sorgen, die Wirklichkeit und die Hoffnung menschlichen Lebens abschreiten, führt es zu zentralen Texten seines Denkens, Predigens und Betens. Ein anregungsreiches Vademecum für alle, die Bonhoeffer schätzen, ein origineller Zugang für die, die ihn kennenlernen wollen.

Für zahlreiche Menschen, Christen wie Nichtchristen, ist Dietrich Bon-hoeffer zu einer Leitfigur geworden für Mut und Gradlinigkeit, für Auf- ^ richtigkeit und intellektuelle Klarheit, für die Widerstandskraft und die Ergebung, mit der ein Leben auch im Scheitern noch gelingen kann. Dieses Werk erschließt Dietrich Bonhoeffers Denken und Reden, sein" Predigen und Beten auf eine ebenso einfache wie übersichtliche Weise: Anhand von Stichworten, die den ganzen Raum menschlicher Existenz abschreiten, werden zentrale Texte Bonhoeffers hier zugänglich. Wer wissen möchte, was Bonhoeffer zum f Glück zu sagen hat oder zur Arbeit, zum Beten oder zur Liebe - in diesem Buch findet man die aussagekräftigsten Texte.

Ein Nachschlagewerk für die akademische Arbeit, für die Andachts- und Predigtvorbereitung und natürlich auch für die ganz persönliche Begegnung mit Dietrich Bonhoeffer.
Rezension
Das Gütersloher Verlagshaus hat sich in den vergangenen Jahrzehnten sehr um das Vermächtnis des (neben Karl Barth und Paul Tillich) wohl bedeutendsten und weltweit am stärksten rezipierten deutschsprachigen protestantischen Theologen des 20. Jahrhunderts verdient gemacht, indem das Gesamtwerk als editorische Meisterleistung "Dietrich Bonhoeffer Werke" (DBW) erschien; aufgrund der schwierigen Quellenlage vor allem seit Beginn des 2. Weltkriegs muss das betont werden. Daneben veröffentlicht der Verlag vielfältige Sekundärliteratur zu Dietrich Bonhoeffer und seiner Theologie sowie auch preiswerte Studienausgaben zu den wichtigsten Werken wie "Nachfolge", "Ethik", "Widerstand und Ergebung" etc. Insofern ist es folgerichtig, dass nun dieses Stichwort-Brevier zu Bonhoeffers Schriften erscheint, herausgegeben vom ehemaligen Leiter des Christian Kaiser Verlags München, in dem die Dietrich Bonhoeffer Gesamtausgabe erschienen ist, und der im Gütersloher Verlagshaus aufgegangen ist. Die Stichworte sind alphabetisch geordnet, die Quellenangabe ist jeweils unterhalb genannt incl. Verweis auf DBW Band und Seitenzahl (vgl. Inhaltsverzeichnis). - Fazit: So wird das Bonhoeffersche Gesamtwerk auch Laien nochmals näher gebracht.

Thomas Bernhard für lehrerbibliothek.de
Verlagsinfo
Ein einzigartiges Nachschlagewerk zum Denken und Wirken Dietrich Bonhoeffers
Für die akademische Arbeit, für die Andachts- und Predigtvorbereitung und für die persönliche Begegnung mit Dietrich Bonhoeffer
Für zahlreiche Menschen, Christen wie Nichtchristen, ist Dietrich Bonhoeffer zu einer Leitfigur geworden für Mut und Gradlinigkeit, für Aufrichtigkeit und intellektuelle Klarheit, für die Widerstandskraft und die Ergebung, mit der ein Leben auch im Scheitern noch gelingen kann. Dieses Werk erschließt Dietrich Bonhoeffers Denken und Reden, sein Predigen und Beten auf eine ebenso einfache wie übersichtliche Weise: Anhand von Stichworten, die den ganzen Raum menschlicher Existenz abschreiten, werden zentrale Texte Bonhoeffers hier zugänglich. Wer wissen möchte, was Bonhoeffer zum Glück zu sagen hat oder zur Arbeit, zum Beten oder zur Liebe – in diesem Buch findet man die aussagekräftigsten Texte.

Manfred Weber war Verlagsbuchhändler und leitete von 1977 bis 1992 den Chr. Kaiser Verlag.
Inhaltsverzeichnis
Artikel von A - Z

Leseprobe:

Vorwort
Dietrich Bonhoeffer schrieb am 14. Januar 1935 an seinen Bruder
Karl-Friedrich:
»Als ich anfing mit der Theologie, habe ich mir etwas anderes darunter
vorgestellt. Es ist nun etwas ganz anderes daraus geworden.
Ich glaube nun zu wissen, dass ich eigentlich erst innerlich klar und
wirklich aufrichtig sein würde, wenn ich mit der Bergpredigt wirklich
anfinge, Ernst zu machen. Es gibt doch nun einmal Dinge, für
die es sich lohnt, kompromisslos einzustehen. Und mir scheint, der
Friede und die soziale Gerechtigkeit, oder eigentlich Christus, sei
so etwas.«1
Diese Gedanken Dietrich Bonhoeffers deuten bereits das an, was
wir heute, wenn wir uns seinem Werk, seinem Leben und Handeln
zuwenden, wahrnehmen können.
Die Texte des hier vorgelegten Auswahlbandes wollen dieses Wahrnehmen
unterstützen. Sie sind der Gesamtausgabe Dietrich Bonhoeffer
Werke (DBW) entnommen, die zwischen 1986 und 1999 in 17
Bänden veröffentlicht wurde. Nach Stichworten, alphabetisch geordnet,
erschließen sie Denken und Reden Dietrich Bonhoeffers, sein
Predigen und Beten, und sie versuchen, den ganzen Raum menschlicher
Existenz abzuschreiten.
Die Quellenverweise, jeweils unter den Texten, geben Hinweise auf
den Textzusammenhang, die Entstehungszeit und den Fundort in
dem entsprechenden Band der Dietrich Bonhoeffer Werke (DBW). Zu
den Bänden 1–8 werden zusätzlich die Titel genannt. Ein Verzeichnis
der Dietrich Bonhoeffer Werke finden Sie am Schluss des Buches.
Die Sprache Bonhoeffers, seine Rede- und Ausdrucksweise ist der
Zeit, in der die Texte entstanden, zuzuordnen. Alle Texte folgen
wesentlich der Rechtschreibung und Zeichensetzung Dietrich
Bonhoeffers.
1. DBW 13.272
6
Das Gütersloher Verlagshaus hat vom Chr. Kaiser Verlag, in dem
bereits 1933 die erste Veröffentlichung von Dietrich Bonhoeffer
erschien und der auch die Herausgabe der Dietrich Bonhoeffer
Werke verantwortete, 1993 die Betreuung und Begleitung des Werkes
übernommen, weiter erschlossen und die Verbreitung in vielen
Sprachen fortgesetzt.
Dafür ist dem Gütersloher Verlagshaus besonderer Dank zu sagen.
Dank gilt auch meiner Frau für die kritische Begleitung dieser Auswahl
und die Unterstützung bei der Erstellung des Manuskriptes.
»Im Hinblick auf die historischen Abläufe mag Bonhoeffer weitgehend
ausgeforscht sein. Von der Ausschöpfung des Orientierungspotentials
seiner Theologie für die dringlichen Fragen unserer Zeit
sind wir aber noch weit entfernt.« 2
Die Auswahl der Texte will einen Zugang zu diesem »Orientierungspotential
« öffnen, über das oben genannte »Wahrnehmen«
hinaus.
Am 4. April 2010 Manfred Weber
2. Heinrich Bedford-Strohm, Dietrich Bonhoeffer als öffentlicher Theologe. Vortrag
auf der Jahrestagung der Internationalen Bonhoeffer Gesellschaft (ibg),
Sektion Bundesrepublik Deutschland, 2008. Veröffentlich im Bonhoeffer-Rundbrief
der ibg Nr. 87, November 2008
7

A
Abend und Morgen
Der alttestamentliche Tag beginnt mit dem Abend und endet wieder
mit dem Sonnenuntergang. Das ist die Zeit der Erwartung. Der
Tag der neutestamentlichen Gemeinde beginnt mit der Frühe des
Sonnenaufgangs und endet mit dem Anbruch des Lichtes am neuen
Morgen. Das ist die Zeit der Erfüllung, der Auferstehung des Herrn.
In der Nacht wurde Christus geboren, ein Licht in der Finsternis,
der Mittag wurde zur Nacht, als Christus am Kreuze litt und starb,
aber in der Frühe des Ostermorgens ging Christus als Sieger aus
dem Grabe hervor.
(Der gemeinsame Tag, 1938, Gemeinsames Leben, DBW 5.35)

Abendgebet
Herr mein Gott,
ich danke dir, dass du diesen Tag zu Ende gebracht hast,
ich danke dir, dass du Leib und Seele zur Ruhe kommen lässt.
Deine Hand war über mir und hat mich behütet und bewahrt.
Vergib allen Kleinglauben und alles Unrecht dieses Tages
und hilf, dass ich gern denen vergebe,
die mir Unrecht getan haben.
Lass mich in Frieden unter deinem Schutze schlafen
und bewahre mich vor den Anfechtungen der Finsternis.
Ich befehle dir die Meinen, ich befehle dir dieses Haus,
ich befehle dir meinen Leib und meine Seele.
Gott, dein heiliger Name sei gelobt. Amen.
(Gebete für Gefangene: Abendgebet, November 1943,
Widerstand und Ergebung, DBW 8.207)
8

Abendmahl
Was ist der rechte Gebrauch des Abendmahls? Was dürfen wir
vom Empfang des Sakraments erwarten? Welches ist die Gabe, die
uns zu Teil wird? Was hat Jesus mit der Einsetzung des Abendmahls
verheißen und welches ist die rechte Predigt, die zum
Abendmahl einlädt? Wir kommen ja nicht darum herum, dass es
im Abendmahl nicht um ein unklares mystisches Erlebnis, sondern
um das klare, leibgewordene Wort Gottes, um Zuspruch und Anspruch
Jesu Christi geht. Jesus selbst hat den Jüngern nicht stumm
Brot und Wein gereicht, sondern er hat sein Wort dazu gesprochen.
Um das rechte Nachsprechen dieses Wortes Jesu (das doch wie alle
Predigt nicht einfach Wiederholung und Deklamation des Bibelwortes
sein kann!), darum also, dass das Sakrament Jesu eigenes
Sprechen und Handeln bleibe für alle Zeiten, ist es der Lutherischen
Kirche gegangen, wenn sie die Abendmahlslehre mit so großem
Nachdruck und Ernst getrieben hat. Es soll in der Kirche
nichts gelten und geschehen als Jesu Wort und Tat.
(Theologische Besinnung zum Heiligen Abendmahl, Februar 1940, DBW 15.549)

Abrüstung
Wer von uns darf denn sagen, dass er wüsste, was es für die Welt
bedeuten könnte, wenn ein Volk – statt mit der Waffe in der Hand –
betend und wehrlos und darum gerade bewaffnet mit der allein
guten Wehr und Waffen den Angreifer empfinge?
(Rede auf der Fanö-Konferenz, August 1934, DBW 13.300) Friede

Abstumpfen
In der letzten Zeit hat mich auch oft die Frage beschäftigt, wie
sich das, was man gewöhnlich abstumpfen gegen schwere Eindrücke
im Laufe einer längeren Zeit nennt, eigentlich erklärt. Die
Antwort, dass das ein Selbstschutz der Natur sei, reicht mir nicht
9
aus; Ich glaube vielmehr, dass es sich dabei auch um ein klareres
nüchterneres Erfassen der eigenen begrenzten Aufgaben und
Möglichkeiten und dadurch um die Ermöglichung wirklicher
Liebe zum Nächsten handeln kann. Solange die Phantasie erregt
und aufgepeitscht ist, bleibt die Liebe zum Nächsten etwas sehr
Vages und Allgemeines. Heute kann ich die Menschen, ihre Not
und ihre Hilfsbedürftigkeit ruhiger ansehen und ihnen damit
besser dienen. Statt von Abstumpfung würde ich lieber von Abklärung
sprechen; aber natürlich bleibt es immer wieder eine Aufgabe,
das eine in das andere zu verwandeln. Aber Selbstvorwürfe
darüber, dass die Empfindungen im Laufe der Zeit nicht mehr so
erhitzt und angespannt sind, braucht man sich in solchen Situationen,
glaube ich, nicht zu machen. Allerdings muss man sich
der Gefahr immer bewusst bleiben, dass man das Ganze nicht
aus den Augen verliert, und auch unter der Abklärung müssen
starke Empfindungen lebendig bleiben.
(Brief aus der Haft, 22.4.1944, Widerstand und Ergebung, DBW 8.398)

Ach, das
Das Ach unserer Wünsche und das Ach des Gebetes ist zweierlei;
jenes kommt aus unserer Not, wie wir sie selbst verstehen, dieses
aus unserer Not, wie sie uns Gott zu sehen gelehrt hat; jenes ist
anspruchvoll oder verzweifelt, dieses ist demütig und zuversichtlich.
(Meditation über Psalm 119,5; 1939/1940, DBW 15.510)

Advent
Advent feiern heißt warten können. Warten kann nicht jeder: nicht
der gesättigte, zufriedene und nicht der respektlose. Warten können
nur Menschen, die eine Unruhe mit sich herumtragen und Menschen,
die zu dem Größten in der Welt in Ehrfurcht aufblicken. So
10
könnte Advent nur der feiern, dessen Seele ihm keine Ruhe lässt,
der sich arm und unvollkommen weiß und der etwas ahnt von der
Größe dessen, was da kommen soll, vor dem es nur gilt, sich in
demütiger Scheu zu beugen, wartend bis er sich uns neigt – der
Heilige selbst, Gott im Kind in der Krippe. Gott kommt, der Herr
Jesus kommt, Weihnachten kommt, freue dich o Christenheit!
Wenn die alte Christenheit vom Wiederkommen des Herrn Jesus
redete so dachte sie zunächst immer an einen großen Gerichtstag.
Und so unweihnachtlich uns dieser Gedanke erscheinen mag, er
ist urchristlich und überaus ernst zu nehmen.
Das Kommen Gottes ist wahrhaftig nicht nur Freudenbotschaft,
sondern zunächst eine Schreckensnachricht für jeden, der ein Gewissen
hat. Und erst, wenn wir den Schrecken der Sache empfunden
haben, können wir die unvergleichliche Wohltat erkennen. Gott
kommt, mitten hinein in das Böse, in den Tod und richtet das Böse
in uns und in der Welt. Und indem er es richtet liebt er uns.
Adventszeit ist Wartezeit, unser ganzes Leben aber ist Adventszeit,
das heißt Wartezeit auf das Letzte, auf die Zeit, da ein neuer Himmel
und eine neue Erde sein wird.
(Predigt zu Offenbarung 3,20; 2.12.1928, DBW 10.529ff, 532)

Alleinsein
Schaffe dir jeden Tag einige Minuten des Alleinseins, und denke
über den kommenden oder den vergangenen Tag nach, über die
Menschen, die dir begegneten; denke auch über dich selbst nach
und dass, was dir fehlt. Aber vergrübele dich nie in dich selbst hinein,
sondern lass an den einsamen Stunden den teilnehmen, der
auch deine Geheimnisse kennt. Jeder von uns hat Dinge, die er nie
über seine Lippen bringt, die er verbirgt, wie einen geliebten Schatz
in seiner Einsamkeit. Nur Gott kennt sie; so zieh Gott in deine
Einsamkeit hinein.
(Aufzeichnungen für einen Jugendlichen, 1928, DBW 10.544)
11
Wer Gemeinschaft will ohne Alleinsein, der stürzt in die Leere der
Worte und Gefühle, wer Alleinsein sucht ohne Gemeinschaft, der
kommt im Abgrund der Eitelkeit, Selbstvernarrtheit und Verzweiflung
um.
(Der einsame Tag, 1938, Gemeinsames Leben, DBW 5.66) Einsamkeit

Altes Testament
Das Alte Testament ist Gottes Wort und Zeugnis von seinem Bund
mit seinem auserwählten Volk, den Kindern Israel und von dem
Kommen des Messias, Jesus Christus.
(Konfirmandenunterrichtsplan, 1936/1937, DBW 14.790)
Ich spüre übrigens immer mehr wie alttestamentlich ich denke und
empfinde; so habe ich in den vergangenen Monaten auch viel mehr
Altes Testament als Neues Testament gelesen. Nur wenn man die
Unaussprechlichkeit des Namens Gottes kennt, darf man auch einmal
den Namen Jesus Christus aussprechen; nur wenn man das
Leben und die Erde so liebt, dass mit ihr alles verloren und zu Ende
zu sein scheint, darf man an die Auferstehung der Toten und an
eine neue Welt glauben; nur wenn man das Gesetz Gottes über sich
gelten lässt, darf man wohl auch einmal von Gnade sprechen, und
nur wenn der Zorn und die Rache Gottes über seine Feinde als
gültige Wirklichkeiten stehen bleiben, kann von Vergebung und
von Feindesliebe etwas unser Herz berühren. Wer zu schnell und
zu direkt neutestamentlich sein und empfinden will, ist meines Erachtens
kein Christ. Man kann und darf das letzte Wort nicht vor
dem vorletzten sprechen. Wir leben im Vorletzten und glauben das
Letzte.
(Brief aus der Haft, 5.12.1943, Widerstand und Ergebung, DBW 8.226)
Segen Vorletzte
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Andere, der
Gott will nicht, dass ich den Andern nach dem Bilde forme, das
mir gut erscheint, also nach meinem eigenen Bilde, sondern in
seiner Freiheit von mir hat Gott den Andern zu seinem Ebenbilde
gemacht. Ich kann es niemals im Voraus wissen, wie Gottes Ebenbild
im Andern aussehen soll, immer wieder hat es eine ganz neue,
allein in Gottes freier Schöpfung begründete Gestalt.
(Der Dienst, 1938, Gemeinsames Leben, DBW 5.79)

Anfang
Dass die Bibel vom Anfang redet (1. Mose 1,1), das bringt die Welt,
das bringt uns auf. Denn wir können nicht von Anfang reden, dort
wo der Anfang anfängt, hört unser Denken auf, ist es am Ende. Und
doch ist es die innerste Leidenschaft unseres Denkens, es ist das,
was jeder echten Frage letzten Endes Existenz verleiht, dass wir
nach dem Anfang fragen wollen. Wir wissen, dass wir dauernd nach
dem Anfang fragen müssen und dass wir doch nie nach ihm fragen
können. Warum nicht? Weil der Anfang das Unendliche ist, und
weil wir das Unendliche als das Endlose, also gerade als das Anfanglose
denken können. Weil der Anfang die Freiheit ist und wir
die Freiheit immer nur in der Notwendigkeit denken können, also
als das eine unter anderem aber nie als das Eine schlechthin vor
allem anderen. Fragen wir, warum dies so sei, dass wir immer vom
Anfang her und im Bezug auf ihn hin denken und ihn doch nie
denken, ja nicht einmal erfragen können, so ist dieses Warum?
wieder nur der Ausdruck für eine Reihe, die ins Endlose zurückgetrieben
werden könnte und doch den Anfang nicht erreichte. Das
Denken kann sein eigenes letztes Warum nie beantworten, weil
auch diese Antwort wieder ein Warum gebären würde.
(Der Anfang, 1 Mose 1f, Vorlesung 1932/1933, Schöpfung und Fall, DBW 3.25f)
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Wer meint der gute Vorsatz mache schon den neuen Anfang, der
meint, er könne von sich aus einfach einen neuen Anfang machen,
wann er es gerade wolle. Und das ist eine böse Täuschung; einen
neuen Anfang macht allein Gott mit den Menschen, wenn es ihm
gefällt, aber nicht der Mensch mit Gott. Einen neuen Anfang kann
der Mensch darum überhaupt nicht machen, sondern er kann nur
darum beten. Wo der Mensch bei sich selbst ist und aus sich heraus
lebt, da ist immer nur das Alte das Vergangene. Allein wo Gott ist,
ist das Neue und der Anfang. Und Gott kann man nicht kommandieren,
man kann um ihn nur beten. Aber beten kann der Mensch
nur, wenn er begreift, dass er etwas nicht kann, dass er an seiner
Grenze ist, dass ein anderer anfangen muss.
»Wer seine Hand an den Pflug legt …« (Lukas 9,62); nicht zurück,
aber auch nicht in unübersehbare Fernen schaut der Mann, der den
Pflug führt, sondern auch den nächsten Schritt, den er tun muss.
Rückblicke sind keine christliche Sache. Lass dahinten Angst, Kummer,
Schuld. Du aber sieh auf den, der dir einen neuen Anfang
gegeben.
(Andacht zu Lukas 9,57–62; 1.1.1934, DBW 13.344ff)

Anfechtung
Die gefährlichste aller Anfechtungen ist die nicht erfahrene, nicht
gespürte Anfechtung.
(Vorlesung über Seelsorge 1935/1936, DBW 14.584)

Angst
Wir haben alle Angst vor der Wahrheit und diese Angst ist im
Grunde Angst vor Gott.
(Predigt zu Johannes 8,32; 24.7.1932, DBW 11.458) Wahrheit
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Nicht nur die Angst ist ansteckend, sondern auch die Ruhe und
die Freude, mit dem wir dem jeweils Auferlegten begegnen.
Eine negative Kehrseite der bürgerlichen Existenz ist jenes Stück
Glaubenslosigkeit, das in gesicherten Zeiten verborgen bleibt, aber
in ungesicherten zum Vorschein kommt, und zwar in der Gestalt
der »Angst« – ich meine nicht »Feigheit«, das ist zweierlei (»Angst«
kann sich ebenso in Tollkühnheit wie in Feigheit äußern) – vor dem
selbstverständlichen schlichten Tun und vor dem Aufsichnehmen
notwendiger Entscheidungen.
(Briefe aus der Haft 5.12.1943 und 21.2.1944,
Widerstand und Ergebung, DBW 8.226,333)

Antike
Die griechisch-römische Antike gehört zu unserem geschichtlichen
Erbe. Die Antike steht in einer doppelten Beziehung zu der
Erscheinung Jesu Christi. Sie ist die Zeit, in der Gottes Zeit in Erfüllung
ging, in der Gott Mensch wurde, sie ist die Welt, die Gott
in der Menschwerdung annahm, deren Gott sich bediente, um die
christliche Botschaft auszubreiten. Die Berufung des Apostels Paulus
auf sein römisches Bürgerrecht und auf den Kaiser macht es
deutlich, dass Rom in den Dienst Christi gestellt wird. Die Antike
aber ist es zugleich, für die das heiligste Zeichen der Gegenwart
Gottes, das Kreuz, das Symbol äußerster Schande und Gottesferne
ist. In dieser doppelten Beziehung der Antike zu Christus wird sie
uns zum geschichtlichen Erbe, in ihrer Nähe und in ihrem Widerstreit.
Der Repräsentant der Verbindung und der Assimilation der
Antike mit dem Christlichen wird das römische Erbe, der Repräsentant
des Widerstreits und der Christusfeindschaft wird das griechische
Erbe.
(Erbe und Verfall, 1940, Ethik, DBW 6.95ff)
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Arbeit
Die Erde, die mich ernährt, hat ein Recht auf meine Arbeit und
meine Kraft.
Die Arbeit ist der Weg, durch den der Mensch etwas aus sich
macht.
(Meditation über Psalm 119,19; 1939/1940 und:
Für einen Jugendlichen, 1928, DBW 15.530, DBW 10.542)

Auferstandene, der
Jesus Christus, der Auferstandene, das bedeutet, dass Gott aus
Liebe und Allmacht dem Tod ein Ende macht und eine neue Schöpfung
ins Leben ruft, neues Leben schenkt.
(Die Letzten und die vorletzten Dinge, 1940/1941, Ethik, DBW 6.150)

Auferstehung
Das Wunder der Auferstehung Christi hebt die Vergötzung des
Todes, wie sie unter uns herrscht, aus den Angeln. Wo der Tod das
Letzte ist, dort verbindet sich die Furcht vor ihm mit dem Trotz.
Wo der Tod das Letzte ist, dort ist das irdische Leben alles oder
nichts.
(Ethik als Gestaltung, 1940, Ethik, DBW 6.78)
Die Auferstehung Jesu Christi ist Gottes Ja zu uns. Die Auferstehung
Jesu Christi ist Gottes Ja zur Kreatur. Nicht Zerstörung, sondern
Neuschöpfung der Leiblichkeit geschieht hier. In der Auferstehung
erkennen wir, dass Gott die Erde nicht preisgegeben,
sondern sich zurück erobert hat. Er hat ihr eine neue Zukunft, eine
neue Verheißung gegeben.
(Betrachtung zu Ostern, 1940, DBW 16.472) Ostern
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Auferstehungshoffnung
Die christliche Auferstehungshoffnung unterscheidet sich von den
mythologischen darin, dass sie den Menschen in ganz neuer und
gegenüber dem Alten Testament noch verschärfter Weise an sein
Leben auf der Erde verweist.
(Brief aus der Haft, 27.6.1944, Widerstand und Ergebung, DBW 8.500)

Augenblick, der
Für die meisten Menschen bedeutet der erzwungene Verzicht auf
Zukunftsplanung den verantwortungslosen, leichtfertigen oder resignierten
Verfall an den Augenblick, einige wenige träumen noch
sehnsüchtig von einer schöneren Zukunft und versuchen darüber
die Gegenwart zu vergessen. Beide Haltungen sind für uns gleich
unmöglich. Uns bleibt nur der sehr schmale und manchmal kaum
noch zu findende Weg, jeden Tag zu nehmen, als wäre er der letzte,
und doch in Glauben und Verantwortung so zu leben, als gäbe es
noch eine große Zukunft.
(Nach zehn Jahren, Jahreswende 1942/1943,
Widerstand und Ergebung, DBW 8.35)

Auseinandersetzung, geistige
Die Kirche muss aus ihrer Stagnation heraus. Wir müssen auch
wieder in die freie Luft der geistigen Auseinandersetzung mit der
Welt. Wir müssen es auch riskieren, anfechtbare Dinge zu sagen,
wenn dadurch nur lebenswichtige Fragen aufgerührt werden.
(Brief aus der Haft, 3.8.1944, Widerstand und Ergebung,
DBW 8.555) Bekennen
17

B
Barmherzigkeit
Verweigert die Welt Gerechtigkeit, so wird der Christ Barmherzigkeit
üben, hüllt sich die Welt in Lüge, so wird er seinen Mund
für die Stummen auftun und für die Wahrheit Zeugnis geben.
(Die sichtbare Gemeinde, 1935/1936, Nachfolge, DBW 4.253)
Wenn ihr einem Feind begegnet: denkt zuerst an eure eigene
Feindschaft gegen Gott und an Gottes Barmherzigkeit gegen
euch.
(Predigt zu Römer 12,17–24; 23.1.1938, DBW 15.464)

Begegnung
Der Mensch lebt notwendig in einer Begegnung mit anderen Menschen
und es wird ihm mit dieser Begegnung in einer je verschiedenen
Form eine Verantwortung für den anderen Menschen auferlegt.
(Die Geschichte und das Gute, 1942, Ethik, DBW 6.219)
Begegnung, mit dem Nächsten
Weil der Christ sich nicht mehr selbst für klug halten kann, darum
wird er auch von seinen eigenen Plänen und Absichten gering denken,
er wird wissen, dass es gut ist, dass der eigene Wille gebrochen
wird in der Begegnung mit dem Nächsten. Er wird bereit sein, den
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Willen des Nächsten für wichtiger und dringlicher zu halten als den
eigenen. Was schadet es, wenn der eigene Plan durchkreuzt wird?
Ist es nicht besser, dem Nächsten zu dienen, als den eigenen Willen
durchzusetzen? Wer eigene Ehre sucht, der sucht schon nicht mehr
Gott und den Nächsten.
(Der Dienst, 1938, Gemeinsames Leben, DBW 5.80f) Nächste, der
Begrenztheit, verantwortlichen Lebens
Es gehört zur Begrenztheit verantwortlichen Lebens und Handelns,
dass es mit der Verantwortlichkeit der anderen ihm begegnenden
Menschen rechnet. Niemals kann es eine absolute Verantwortung
geben, die nicht an der Verantwortlichkeit des anderen Menschen
ihre wesenhafte Grenze fände.
Gott und der Nächste, wie sie uns in Jesus Christus begegnen, sind
ja nicht nur die Grenzen, sondern auch der Ursprung verantwortlichen
Handelns. Unverantwortliches Handeln ist eben dadurch
definiert, dass es die Grenzen, Gott und den Nächsten nicht achtet.
Verantwortliches Handeln gewinnt seine Einheit und schließlich
auch seine Gewissheit aus dieser seiner Begrenztheit durch Gott
und den Nächsten.
(Die Struktur des verantwortlichen Lebens, 1942, Ethik,
DBW 6.268f) Nächste, der
Behinderte Schwachen, die

Beichte
Fragt man, ob ein Christ ohne Privatbeichte zum Abendmahl
kommen darf, so kann man darauf allgemein nur Ja sagen; denn
das Sakrament der Vergebung darf nicht auf ein Werk meinerseits
angewiesen sein. So gefragt macht man die Beichte zu einem Gesetz.
Zum Abendmahl darf jeder Sünder kommen, also ganz ge-
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wiss auch der, der bisher entweder nicht den Mut oder nicht die
Gelegenheit zur Beichte gefunden hat. Andererseits werden wir
im Einzelfall zu prüfen haben, warum der Weg zur Beichte bisher
nicht gegangen worden ist? Wir werden hier Hindernisse und
Missverständnisse aus dem Weg zu räumen haben. Vor allem das
Missverständnis der Beichte als eines schweren Gesetzes. Wir
können gar nicht genug von der Freude und dem Geschenk der
Beichte reden. Weiter wird es wichtig sein, zu erfahren, aus welchem
Grund die allgemeine Beichte nicht genügt. Schließlich
wird unser Rat auch sehr davon abhängen, ob die Gabe des
Abendmahls selbst für den Betreffenden schon schwach und wirkungslos
geworden ist, eben weil das volle Sündenbekenntnis
fehlt.
Es sind nur die Fälle der offenbar gewordenen Sünden, in denen
wir eine persönliche Beichte fordern müssen, bevor wir das Abendmahl
reichen können. In allen anderen Fällen, und das ist die große
Mehrzahl, müssen wir die Herrlichkeit der Gabe unermüdlich zeigen,
aber wir dürfen keinen Zwang auferlegen, weil sonst die
Beichte zum letzten frommen Werk wird, und damit die Vergebung
infrage gestellt wird. Zwar soll ein jeder beichten, aber es darf doch
wiederum nur der beichten, der nicht mehr anders kann. Ich
glaube, dass Luther es so gemeint hat, und dass so die Beichte vom
Evangelium her geübt werden muss.
(Brief, 23.9.1939, DBW 15.273f) Abendmahl Vergebung

Bekennen
Daran entscheidet sich heute Gewaltiges, ob wir Christen Kraft
genug haben, der Welt zu bezeugen, dass wir keine Träumer und
Wolkenwandler sind. Dass wir nicht die Dinge kommen und gehen
lassen, wie sie nun einmal sind. Dass unser Glaube wirklich
nicht das Opium ist, das uns zufrieden sein lässt inmitten einer
ungerechten Welt. Sondern dass wir umso hartnäckiger und zielbewusster
protestieren auf dieser Erde. Muss es denn so sein, dass
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das Christentum, das einstmals so ungeheuer revolutionär begonnen,
nun für alle Zeiten konservativ ist?
(Predigt zu Kolosser 3,1–4; 19.6.1932, DBW 11.446)
Wir wollen reden zu dieser Welt kein halbes sondern ein ganzes
Wort, ein mutiges Wort, ein christliches Wort.
(Rede auf der Fanö-Konferenz im August 1934, DBW 13. 301)

Bergpredigt
Nicht aus der bitteren Resignation über den unheilbaren Riss zwischen
Christlichem und Weltlichem, sondern aus der Freude über
die vollzogene Versöhnung der Welt mit Gott, aus dem Frieden des
vollbrachten Heilswerkes in Jesus Christus kommen die neutestamentlichen
Worte über das christliche Handeln, kommt die Bergpredigt.
Wie in Jesus Christus Gott und Mensch eins wurde, so wird
durch ihn im Handeln des Christen das Christliche und das Weltliche
eins. Sie streiten nicht widereinander als zwei ewig feindliche
Prinzipien, sondern das Handeln des Christen quillt aus der in
Christus geschaffenen Einheit von Gott und Welt.
Die Bergpredigt stellt den zum geschichtlichen Handeln geforderten
vor das Ereignis der Versöhnung der Welt mit Gott in Jesus
Christus, und damit in die echte christliche Verantwortung.
Die Bergpredigt gilt als Wort der weltversöhnenden Liebe Gottes
entweder überall und jederzeit, oder sie geht uns ernstlich überhaupt
nichts an.
(Die Geschichte und das Gute, 1942, Ethik, DBW 6.237, 238, 242)
Die Bergpredigt ist die absolute Norm für unser Handeln. Wir
haben einfach die Bergpredigt ernst zu nehmen und zu realisieren.
(Texte aus der ökumenischen Arbeit, 1932, DBW 11.335)
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Die Behauptung, mit der Bergpredigt lasse sich nicht regieren,
kommt aus einem Missverständnis der Bergpredigt. Auch eine
Staatsführung kann kämpfend und verzichtend Gott ehren, und
nur darum geht es der Verkündigung der Kirche. Es ist niemals
Aufgabe der Kirche den Staat dem natürlichen Selbsterhaltungstrieb
zu predigen, sondern allein den Gehorsam gegen das Recht
Gottes.
(Über die Möglichkeit des Wortes der Kirche an die Welt, 1942,
Ethik, DBW 6.361)

Beruf
Nicht in der treuen Leistung seiner irdischen Berufspflichten als
Bürger, Arbeiter, Familienvater erfüllt der Mensch die ihm auferlegte
Verantwortung, sondern im Vernehmen des Rufes Jesu Christi,
der ihn zwar auch in die irdischen Pflichten hineinführt, aber niemals
in ihnen aufgeht, sondern immer über sie hinaus, vor ihnen
und hinter ihnen steht. Der Beruf im neutestamentlichen Sinne ist
niemals eine Sanktionierung der weltlichen Ordnungen als solche,
sein Ja zu ihnen enthält immer zugleich das schärfste Nein, den
schärfsten Protest gegen die Welt. Die Rückkehr Luthers aus dem
Kloster in die Welt, in den »Beruf« ist – echt neutestamentlich – der
heftigste Angriff und Stoß, der seit dem Urchristentum gegen die
Welt geführt worden ist. Nun wird in der Welt gegen die Welt Stellung
bezogen, der Beruf ist der Ort, an dem der Ruf Christi beantwortet
und so verantwortlich gelebt wird.
(Der Ort der Verantwortung, 1942, Ethik, DBW 6.291f)
Verantwortung, politische

Berufung
Der Tag wird kommen, an dem wieder Menschen berufen werden,
das Wort Gottes so auszusprechen, dass sich die Welt darunter ver-
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ändert und erneuert. Es wird eine neue Sprache sein, vielleicht ganz
unreligiös, aber befreiend und erlösend, wie die Sprache Jesu, dass
sich die Menschen über sie entsetzen und doch von ihrer Gewalt
überwunden werden, die Sprache einer neuen Gerechtigkeit und
Wahrheit, die Sprache, die den Frieden Gottes mit den Menschen
und das Nahen seines Reiches verkündigen.
(Brief aus der Haft, Gedanken zum Tauftag, Mai 1944,
Widerstand und Ergebung, DBW 8.436)

Bescheidenheit
Es mag uns ganz gut bekommen, eine Zeit lang beiseite gestellt,
nicht wichtig genommen zu sein. Wir können Bescheidenheit und
Geduld, aber auch Treue dadurch lernen.
(Brief, 18.6.1942, DBW 16.312f) Geduld
Beten Gebet

Beziehungen, menschliche
Es gibt aber kaum ein beglückenderes Gefühl als zu spüren, dass
man für andere Menschen etwas sein kann. Dabei kommt es gar
nicht auf die Zahl, sondern auf die Intensität an. Schließlich sind
eben die menschlichen Beziehungen doch einfach das Wichtigste
im Leben; daran kann auch der moderne »Leistungsmensch« nichts
ändern, aber auch nicht die, die von menschlichen Beziehungen
nichts wissen.
(Brief aus der Haft, 14.8.1944, Widerstand und Ergebung, DBW 8.567)
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Bibel
Ich glaube, dass die Bibel allein die Antwort auf alle unsere Fragen
ist, und dass wir nur anhalten und etwas demütig zu fragen brauchen,
um die Antwort von ihr zu bekommen. Die Bibel kann man
nicht einfach lesen wie andere Bücher. Man muss bereit sein, sie
wirklich zu fragen. Nur so erschließt sie sich. Natürlich kann man
die Bibel auch lesen wie jedes andere Buch, also unter dem Gesichtspunkt
der Textkritik usw. dagegen ist gar nichts zu sagen. Nur
dass das nicht der Gebrauch ist, der das Wesen der Bibel erschließt,
sondern nur ihre Oberfläche. Wie wir das Wort eines Menschen,
den wir lieb haben, nicht erfassen, in dem wir es zuerst zergliedern,
sondern wie ein solches Wort einfach von uns hingenommen wird
und wie es dann tagelang in uns nachklingt, so sollen wir mit dem
Wort der Bibel umgehen.
(Brief, 8.4.1936, DBW 14,144f) Segen

Bildung
Ich habe es als einen der stärksten geistigen Erziehungsfaktoren in
unserer Familie empfunden, dass man uns so viele Hemmungen
zu überwinden gegeben hat (im Bezug auf Sachlichkeit, Klarheit,
Natürlichkeit, Takt, Einfachheit usw.), bevor wir zu eigenen Äußerungen
gelangen konnten. Manchmal dauert es lange, ehe man eine
solche Hürde genommen hat, und man denkt wohl auch gelegentlich,
man hätte auf sehr viel billigere, leichtere Weise zu Erfolgen
kommen können, wenn man diese Hindernisse einfach umgangen
hätte. Hinter das, was man sich selbständig erarbeitet hat, kann man
aber nie mehr zurück. Das ist für andere und auch für einen selbst
vielleicht manchmal unbequem, aber das sind dann eben die Unbequemlichkeiten
der Bildung.
(Brief aus der Haft, 14.8.1944, Widerstand und Ergebung, DBW 8.568)