lehrerbibliothek.de
Die informierte Gesellschaft und ihre Feinde Warum die Digitalisierung unsere Demokratie gefährdet
Die informierte Gesellschaft und ihre Feinde
Warum die Digitalisierung unsere Demokratie gefährdet




Stephan Russ-Mohl

Herbert von Halem Verlag
EAN: 9783869622743 (ISBN: 3-86962-274-1)
368 Seiten, Festeinband mit Schutzumschlag, 15 x 22cm, 2017, 21 Abb.

EUR 23,00
alle Angaben ohne Gewähr

Umschlagtext
Fake News, Halbwahrheiten, Konspirationstheorien – die Ausbreitung von Desinformation in der digitalisierten Welt, insbesondere in sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter, wird immer mehr zur Bedrohung und zur Herausforderung für unsere Demokratie. Das Buch analysiert, welche Trends die Aufmerksamkeitsökonomie in eine Desinformationsökonomie verwandeln. Stichworte sind der langfristige Glaubwürdigkeitsverlust der traditionellen Medien, das rapide Wachstum und die Professionalisierung der Public Relations, die ungeplanten Folgen der rasanten Digitalisierung, darunter das Fehlen eines Geschäftsmodells für den Journalismus, Echokammern im Netz sowie die Algorithmen als neue Schleusenwärter in der öffentlichen Kommunikation. Eine strategische Rolle spielen die allmächtigen IT-Giganten, die sich nicht in ihre Karten gucken lassen möchten.

Unter diesen Bedingungen gibt es vermehrt Akteure, die aus machtpolitischen Motiven an medialer Desinformation und an der Destabilisierung unserer Demokratie interessiert sind, oder die aus kommerziellen Motiven eine solche Destabilisierung in Kauf nehmen. Der Tradition der Aufklärung verpflichtet, ist die zentrale Frage des Buches, wie sich der wachsende Einfluss der „Feinde der informierten Gesellschaft“ eindämmen lässt, darunter Populisten, Autokraten und deren Propagandatrupps. Könnte zum Beispiel eine „Allianz für die Aufklärung“ etwas bewirken, der sich seriöse Journalisten und Wissenschaftler gemeinsam anschließen? Dazu bedarf es nicht zuletzt realistischer Selbsteinschätzung aufseiten der Akteure. Dazu verhelfen Erkenntnisse aus der Sozialpsychologie und der Verhaltensökonomie, die im Buch auf die Handelnden und den Prozess der öffentlichen Kommunikation bezogen werden.

Stephan Russ-Mohl ist Professor für Journalistik und Medienmanagement an der Università della Svizzera italiana in Lugano/Schweiz und leitet das European Journalism Observatory. Von 1985 bis 2001 war er Publizistik-Professor an der FU Berlin. Er studierte Sozial- und Verwaltungswissenschaften an den Universitäten München, Konstanz und Princeton. Der Autor hat zeitweise in den USA und in Italien gelebt und mehrfach, zuletzt im Sommer 2015, Forschungsaufenthalte an der Stanford University in Kalifornien verbracht. Über Medien und Journalismus schreibt er regelmäßig für die Neue Zürcher Zeitung sowie als Kolumnist für den Tagesspiegel und für Branchenpublikationen.
Rezension
Unsere offene Gesellschaft ist nach Meinung des Autors dieses Buchs gefährdet. Zu ihren Feinden zählen explizit Populisten und Propagandisten, welche die neuen Möglichkeiten der Digitalisierung und der sozialen Netzwerke zu nutzen versuchen, um im öffentlichen Raum mit Fake News, mit Konspirationstheorien, mit Halb- und Viertelwahrheiten Verwirrung zu stiften. Diejenigen, die mit Desinformation entweder kommerziell oder machtpolitisch Gewinne erzielen, sind nicht nur Feinde der offenen, sondern auch der informierten Gesellschaft. Das Buch "Die informierte Gesellschaft und ihre Feinde" thematisiert, wie wir im Begriff sind, die Glaubwürdigkeit unserer Medien und damit die Essenz unserer Demokratie zu verspielen – als ungeplante Nebeneffekte der Digitalisierung. Es besteht akuter Handlungsbedarf im Kampf gegen Desinformation.

Dieter Bach, lehrerbibliothek.de
Verlagsinfo
STIMMEN ZUM BUCH:
»Ein wichtiges Buch zur richtigen Zeit. Denn es geht nicht nur um die Presse- und Meinungsfreiheit, sondern es besteht die Ge-fahr, dass die Demokratie insgesamt ausgehebelt werden kann.« (Dr. Alexandra Föderl-Schmid, Israel-Korrespondentin der Süddeutschen Zeitung)
»Ein Überblick, der sich wie guter Journalismus liest, aber ein Gesamtbild mit Tiefgang vermittelt. Ein Meisterstück sowohl in Zeitdiagnostik als auch Wissensvermittlung.« (Prof. Dr. Georg Franck, Sozialforscher an der TU Wien)
»Stephan Russ-Mohl, bewährter NZZ-Autor, analysiert hier mit Verve virulente Medienthemen.« (Rainer Stadler, Ressortleiter Medien, Neue Zürcher Zeitung)
»Der Finger liegt genau auf dem Puls, aktueller geht es nicht.« (Professor Dr. Volker Wolff, Emeritus, Journalistik, Universität Mainz)
»Russ-Mohls Analyse ist auch im Hinblick auf die eigene, demokratische Gesellschaft sehr lesenswert, weil es den Glaubwürdigkeitsverlust der „freien“ Presse selbst beschreibt, einer Presse, die ihre Unabhängigkeit aufs Spiel setzt, indem sie sich mit Interessengruppen oder Lobbyisten gemein macht.« (Michael Rösler-Graichen, boersenblatt, 14.09.2017)
»Russ-Mohls Lösungsvorschlag mündet in ein Plädoyer für eine Allianz zwischen Journalismus und Medienwissenschaft, denn letztere hält nach Überzeugung des Autors klärende Erkenntnisse zur Lage bereit: ein gründliches Buch, das viele Blickwinkel einnimmt, Russ-Mohl ist wirklich ein Dienst an der Demokratie gelungen – wenn es von vielen gelesen wird.« (Otto Friedrich, die Furche)
Inhaltsverzeichnis
Vorwort 12

I. DIE PEST DER DESINFORMATION

1. FAKE NEWS ALS MEDIENHYPE – EINE ERSTE TOUR D’HORIZON 22

1.1 Varianten von Fake News und Desinformation 25
1.2 Kein neues Problem? Journalisten als Scharlatane und Schelme 27
1.3 Journalisten als Opfer von Manipulation 30
1.4 Die neue Dimension: Regierungsoffizielle Lügengeschichten in Serie 31
1.5 Fake News über Fake News 35
1.6 Von der Aufklärung zurück in die Unwissenheit? 36

2. VON DER AUFMERKSAMKEITSÖKONOMIE ZUR DESINFORMIERTEN GESELLSCHAFT? 44

2.1 Die Karriere zweiter Zitate: Niklas Luhmann und Stewart Brand 44
2.2 Auf den Schultern anderer Riesen: Georg Franck und die Verhaltensökonomen 46
2.3 Die Vorder- und die Hinterbühne in der Aufmerksamkeitsökonomie 47
2.4 Wie der Journalismus im Bermuda-Dreieck verschwindet 50
2.5 Auf dem Weg in die desinformierte Gesellschaft 57

II. TRENDS

3. TREND EINS: JAHRZEHNTELANG IGNORIERTE VERTRAUENSVERLUSTE IM JOURNALISMUS 66

3.1 Die Datenlage: Glaubwürdigkeit und Ansehen des Journalismus schwinden 66
3.2 Rückblende: Selbstvertrauen bei den Medienmachern – Skepsis beim Publikum 75
3.3 Übermacht der PR-Branche – Entmachtung des Journalismus? 79
3.4 Schwindende Grenzen zwischen PR und Journalismus 82
3.5 Kontrollillusion der Journalisten gegenüber PR-Experten 87
3.6 PR verdrängt obendrein Werbung 89
3.7 Bedeutungsverlust von Journalismus für die Öffentlichkeitsarbeit 90

4. TREND ZWEI: BESCHLEUNIGUNG DURCH DIGITALISIERUNG 92

4.1 Die neuen Möglichkeiten der Vernetzung 92
4.2 Neuerlicher Relevanz-Verlust des Journalismus 95
4.3 Echokammern: Algorithmen als Verstärker 102
4.4 Social Bots im Vormarsch 111
4.5 Einbettung in den grösseren gesellschaftlichen Kontext 121

III. BEFUNDE: DIE VERLORENE UNSCHULD DES MAINSTREAM-JOURNALISMUS

5. ELITENARROGANZ UND ELITENKONSENS 125

6. SYSTEMVERSAGEN, GRAUZONEN, ENTSCHULDBARE FEHLER 132

6.1 Panoptikum krasser Fehlleistungen 135
6.2 Grauzonen des Journalismusversagens 151
6.3 Entschuldbare Fehler 161

7. EIGENTORE 167

7.1 Perzipierte und ›tatsächliche‹ Probleme: Medienhypes 168
7.2 Tabus und mediale Unterbelichtung von Themen: Zum Beispiel die Mafia 176
7.3 Sprache und Framing 178
7.4 Un-Statistiken und Datensalat 181
7.5 Content Marketing und Native Advertising 183
7.6 Die vernachlässigten ›drei C‹ 185
7.7 Verspielter öffentlich-rechtlicher Kredit 191

8. DIE RÜCKKEHR AUTORITÄRER UND FEUDALER HERRSCHAFT 194

8.1 Das Auftrumpfen der Autokraten: Putin und Erdogan 195
8.2 Der Durchmarsch der Populisten: Trump, Le Pen, Grillo und die AfD 211
8.3 Die Wiederkehr der Medienbarone: Viele kleine Murdochs und Berlusconis 220
8.4 Die überwölbende Struktur: Das neue globale Feudalsystem der IT-Giganten 222

IV. WAS TUN? MÖGLICHKEITEN DES GEGENSTEUERNS 232

9. ÖKONOMISCHE ANREIZE, POLITISCHE REGULIERUNG, MEDIENERZIEHUNG 233

9.1 Ökonomische Hebel: »Money makes the world go around« 234
9.2 Die stumpfe Waffe: Staatliche Regulierung und Finanzierung 244
9.3 Die Langfrist-Strategie: Medienerziehung 251

10. DIE MEDIENINDUSTRIE IN DER PFLICHT? CO- UND SELBSTREGULIERUNG 258

10.1 Die Vielfalt der Faktencheck-Initiativen 258
10.2 Ko-Regulierung: Die Schlüsselrolle und die Verantwortung der Plattformen 269
10.3 Besinnung auf alte professionelle Tugenden 274
10.4 Konturen des neuen Journalismus 279
10.5 Fortschritte im Umgang mit den ›drei C‹? 283

11. ALLIANZ FÜR DIE AUFKLÄRUNG: EIN BÜNDNIS VON JOURNALISMUS UND WISSENSCHAFT? 296

11.1 Die Win-win-Strategie in der Bedrängnis: Kräfte bündeln 297
11.2 Gegenläufige Trends: Professionalisierung versus Prekarisierung 301
11.3 Die Sondersituation: Medienforschung und Journalismus 306
11.4 Das Kooperationspotenzial – realistisch eingeschätzt 310
11.5 Netzwerke und Selbstorganisation als Chance 316

12. SCHLUSSAKKORD: WIR ALLE ALS TÄTER UND OPFER? 320

12.1 Die Grenzen ›rationaler Ignoranz‹ 321
12.2 Wer zahlt für den ›neuen‹ Journalismus? Ein Hoffnungsschimmer 323
12.3 Der ›Schizo‹ in uns und die gestufte Verantwortung 326

ANHANG

PERSONENREGISTER 335
LITERATUR 340