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Die Päpste und ihr Amt zwischen Einheit und Vielheit der Kirche Theologische Fragen in historischer Perspektive
Die Päpste und ihr Amt zwischen Einheit und Vielheit der Kirche
Theologische Fragen in historischer Perspektive




Stefan Weinfurter, Volker Leppin, Christoph Strohm, Hubert Wolf, Alfried Wieczorek (Hrsg.)

Reihe: Publikation der Reiss-Engelhorn-Museen


Schnell und Steiner
EAN: 9783795430900 (ISBN: 3-7954-3090-9)
304 Seiten, hardcover, 17 x 24cm, Januar, 2017

EUR 29,95
alle Angaben ohne Gewähr

Umschlagtext
Worin besteht das Wesen des päpstlichen Amtes? Wie wurde es im Laufe seiner Geschichte theologisch und ekklesiologisch definiert? Wo hat es sich im Wechselspiel zwischen Einheit und Vielfalt der Christenheit eingeordnet? Der Band widmet sich Fragen von grundsätzlicher Bedeutung für das Verständnis und Selbstverständnis des Papsttums in seiner Geschichte bis zur Gegenwart.



Der Schwerpunkt der zwölf Beiträge international ausgewiesener Experten liegt auf theologischen Fragestellungen in historischer Perspektive: Wie hat das Papsttum bis in die „Moderne“ hinein auf den Wandel in der gesellschaftlichen Ordnung reagiert? Ziel ist eine Darstellung in ökumenischen Sinne aus Sicht verschiedener Konfessionen: Wie stellt sich das Papstamt aus orthodoxer und evangelischer Sicht dar? Auch der Blick auf die zukünftigen Herausforderungen und Erwartungen, die an das Papsttum geknüpft sind, werden in den Studien nicht ausgespart. So spiegelt der Band den außerordentlich fruchtbaren und ungewöhnlich lebendigen Austausch in den Diskussionen theologischer Fragestellungen zur Vorbereitung der Ausstellung „Die Päpste und die Einheit der Lateinischen Welt“.
Rezension
Lässt sich das gegenwärtige Papsttum mit dem biblischen Felsenwort begründen? Richtete sich Luthers Kritik von Beginn an gegen das Papsttum? Hat die Moderne das Papsttum geschwächt? Ist das Verhältnis zwischen dem Papst und dem Bischofskollegium eindeutig geklärt? Sind Päpste immer Vertreter einer Anti-Moderne? Alle diese fünf Fragen lassen sich eindeutig mit „Nein“ beantworten. Genaueres erfährt man in dem vierten Band der Reihe „Die Päpste“, der sich den theologischen Fragen des Papstamts in historischer Perspektive widmet. Die Beiträge renommierter Historiker und Kirchenhistoriker stammen von einer internationalen Tagung im April 2016 zum Selbstverständnis des Papsttums, die entstand als Vorbereitung zu der äußerst sehenswerten Ausstellung „Die Päpste und die Einheit der lateinischen Welt“ im Museum Zeughaus der Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim. Die Wissenschaftler vermitteln mit ihren gut verständlich geschriebenen Aufsätzen fundamentale Einsichten in die Theologie des Papsttums, wobei sie in der Öffentlichkeit verbreitete Vorurteile über das Papsttum unter Rekurs auf historische Quellen widerlegen.
Bei Matthäus 16, 18f. heißt es: „Du bist Petrus, und auf diesem Felsen werde ich meine Kirche bauen und […] ich werde dir den Schlüssel des Himmelreichs geben“. Diese Bibelstelle, wohl griechischen Ursprungs, legitimiert nicht, wie Martin Luther schon zurecht aufgrund seiner kirchengeschichtlichen Studien erkannt hat, das Amt des Papstes und den Primat des römischen Bischofs. Vielmehr wurde die von Päpsten kritisierte Moderne „zur Geburtshelferin des modernen Papsttums“(S. 232), wie es der preisgekrönte Münsteraner Kirchenhistoriker Hubert Wolf in seinem sehr lesenswerten Beitrag überzeugend herausarbeitet. Das Dogma der Unfehlbarkeit des Papstes und sein Jurisdiktionsprimat wurden auf dem ersten Vaticanum durch Papst Pius IX. 1870 verkündet, also in einer Zeit der gesteigerten Konfrontation des Katholizismus mit der Moderne, mit Prozessen der Rationalisierung, Individualisierung, Demokratisierung, Pluralisierung, Technisierung und Industrialisierung. Im 19. Jahrhundert setzte sich gegenüber den „pluralen Katholizismen der Frühen Neuzeit […] ein papalistischer Einheitskatholizismus“(S. 232) durch. Ähnliches lässt sich übrigens auch für die Geschichte des Islam in der Moderne nachweisen. War dieser, so nach den Forschungen des Münsteraner Islamwissenschaftlers Thomas Bauer, bis in 19. Jahrhundert von einer Ambiguitätstoleranz geprägt, setzte mit den Ideologien des Westens (z. B. Nationalismus, Kommunismus, Faschismus) eine Ideologisierung des Islam ein.
Erst mit dem 2. Vatikanischen Konzil 1965 endete, kirchenhistorisch gesehen, so Mariano Delgado, „das Jahrtausend des monarchisch-absolutistischen Papalismus“(S. 250). Sein Beginn wird mit dem „Dictatus papae“ 1075 von Gregor VII. angesetzt, dessen Leitsatz vom Recht des Papstes auch Kaiser abzusetzen den berühmten Gang Heinrich IV. nach Canossa 1066/67 bewirkte. Mit der Bulle „Unam sanctam“ von Bonifaz VIII. 1302, in der die universale Vollgewalt des Papstes in radikalster Formulierung beansprucht wurde, erreichte der Papalismus seinen Höhepunkt. Nach der „papstgeschichtlichen Wende“(Schieffer) erlebte im 15. Jahrhundert der Konziliarismus mit dem Konstanzer Konzil (1414-1418) und dem Basler Konzil (1431-1449) einen Aufschwung, auch wenn der Lehrprimat und der Jurisdiktionsprimat des Papstes unangetastet blieben. Selbst das 2. Vaticanum, auf dem die Religionsfreiheit als fundamentales Menschenrecht verabschiedet wurde, konnte kanonisch nicht abschließend das Verhältnis zwischen der Lehre vom Primat des Papstes und der von der Kollegialität des Bischofsamts klären. Ebenfalls erfolgte keine ekklesiologische Präzision des Verhältnisses von Universalkirche und Ortskirche. Daher rühren die nicht nur historisch bedingten Spannungen zwischen römisch-katholischer Kirche und orthodoxer Kirche, die ihre von der Westkirche unabhängige Existenz der Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen 1453 verdankt.
Der vierte Band der Reihe „Die Päpste“ beleuchtet das Papsttum nicht nur aus orthodoxer Sicht, sondern lässt auch die evangelische Perspektive zu Wort kommen. Luthers 1517 veröffentlichte 95 Thesen gegen den Ablasshandel waren nicht gegen die Institution des Papsttums gerichtet. Erst die Versuche seiner Gegner, ihn als Häretiker zu verdammen, machten aus dem Kirchenreformer Luther den Papstkritiker, der in dem „Stellvertreter Christi“ einen Antichristen und Tyrannen erblickte. Dass diese Polemik Luthers Papst Paul III. (1534-1549) nicht gerecht wird, zeigt ein Blick in seine Bulle „Veritas ipsa“ von 1537. Dort trat der Papst für die von den spanischen Eroberern mit Versklavung bedrohten indigenen Völker Südamerikas ein, indem er auf ihre unabhängig von ihrer Religion bestehende Menschenwürde verwies. Diese Rolle des Papstes als „Hüter der Menschheitsfamilie“ könnte nach Delgado auch die das Selbstverständnis des Papsttums prägende des 3. Jahrtausends sein. Darauf weisen insbesondere Gesten und Äußerungen von Papst Franziskus deutlich hin.
Ob damit auch eine Beseitigung des römischen Zentralismus einhergeht, welche der Theologe Hans Küng schon seit einen halben Jahrhundert vehement fordert, bleibt abzuwarten. Die theologischen und persönlichen Auseinandersetzungen des Begründers des „Projekts Weltethos“ mit dem Papsttum, der in dem Buch nur einmal kursorisch Erwähnung findet, hätten in einem Band zur Institution des Papstamtes in einem eigenen Beitrag gewürdigt werden können. Ebenfalls vermisst man in dem Werk eine Erwähnung katholischer Laienorganisationen mit ihrer Kritik am institutionellen Papsttum.
Der vierte Band der Reihe „Die Päpste“, erschienen im Verlag „Schnell & Steiner“, ist eine lohnenswerte Anschaffung für Lehrkräfte, die sich in einem problemorientierten Religions- oder Geschichtsunterricht oder in einem Seminarkurs zum Thema „Rom und das Papsttum“ mit dem Papstamt differenziert anhand wissenschaftlich fundierter Texte und einem hervorragend ausgewählten Bildmaterial auseinander setzen möchten.

Dr. Marcel Remme, für lehrerbibliothek.de
Verlagsinfo
Herausgeber: Christoph Strohm
Die Päpste und ihr Amt zwischen Einheit und Vielheit der Kirche

Theologische Fragen in historischer Perspektive

Wissenschaftliche Publikationen zur Ausstellung
„Die Päpste und die Einheit der lateinischen Welt. Antike - Mittelalter - Renaissance“

Im Mai 2017 eröffnet in den Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim die große kulturhistorische Ausstellung, die unter dem Titel „Die Päpste und die Einheit der lateinischen Welt. Antike - Mittelalter - Renaissance“ steht. Zum ersten Mal wird dieses Thema in Deutschland in einer solch umfassenden Weise dargestellt werden. Es wird gezeigt werden, wie aus einer kleinen Glaubensgemeinschaft die christlichen Gemeinden rund um das Mittelmeer entstanden sind, wie sich Rom schon früh auf die Apostelfürsten Petrus und Paulus zurückführte und daraus den ersten Rang unter den Patriarchalsitzen ableitete. Es wird zu sehen sein, wie in den folgenden Jahrhunderten Schritt um Schritt das Papsttum in den Norden und Westen Europas ausgriff und zum Bezugspunkt und zur zentralen Deutungsmacht heranwuchs. Schließlich umspannte die Kirche von Rom in einzigartiger Weise das gesamte lateinische Europa und schuf verbindliche Werte und Orientierung. Die Vermittlung antiker Rechtsvorstellungen und antiker Bildung in die europäische Welt erfolgte maßgeblich durch die Päpste und ihre Mitarbeiter, und seit dem hohen Mittelalter wurde die Kurie in Rom zum obersten europäischen Gerichtshof. Mit der Erneuerung Roms im 15. Jahrhundert ging ein einzigartiger Ausbau einher, die Stadt wurde zum Mittelpunkt europäischer Bau-, Bild- und Skulpturkunst.

Die Aufgabe der Päpste bestand im Kern in der Verbreitung und Festigung der christlichen Botschaft. Dazu gehörten auch die Wahrung der Einheit der christlichen Welt sowie die Durchsetzung der christlichen Wahrheit. Die Vielfalt der Kulturen und die gesellschaftlichen, religiösen und politischen Veränderungen erforderten in den eineinhalbtausend Jahren, die hier in den Blick genommen werden, immer wieder die Reaktion oder auch die Aktion der Päpste. Aus dieser Wechselwirkung heraus entstanden Kritik und Reformbewegungen in der Kirche, die sich gegen die Päpste richten konnten, aber auch von ihnen in Gang gesetzt wurden. In großer analytischer Schärfe wurde im 14. und 15. Jahrhundert die Frage erörtert, ob in der christlichen Kirche das Prinzip der kollegialen Repräsentation durch die Bischöfe oder das monarchische Modell der Entscheidungsgewalt durch den Nachfolger Petri vorherrschen soll. Damit wurden die theoretischen Grundlagen für die späteren politischen Ordnungsmodelle Europas vorbereitet. Auch in der Administration wurden päpstlich-römische Innovationen wegweisend, unter anderem durch die erste europaweit effiziente Finanzverwaltung, die im 13. Jahrhundert einen ersten Höhepunkt erreichte.

Auf mehreren internationalen wissenschaftlichen Kongressen werden aktuelle und wesentliche Kernfragen der Entwicklung, der Ausformung und der Darstellung des Papsttums von den Anfängen bis in das 16. Jahrhundert hinein neu behandelt. Dazu gehören neben den kirchenhistorischen Themen die archäologischen Befunde der letzten Jahre, die neuesten kunstgeschichtlichen Erkenntnisse, die theologischen Grundfragen, die bis heute in den Konfessionen diskutiert werden, und die Wissens- und Wissenschaftsgeschichte, die ohne das Papsttum in Europa nicht erklärt und verstanden werden kann.

Wetere wissenschaftliche Bände, die aus diesen Kongressen hervorgehen, aus der Reihe „Die Päpste“ :

Die Päpste, Band 1:
Die Päpste. Amt und Herrschaft in Antike, Mittelalter und Renaissance.
Hg. Bernd Schneidmüller, Stefan Weinfurter, Michael Matheus, Alfried Wieczorek,
ET: Frühjahr 2016


Die Päpste, Band 2:
Die Päpste der Renaissance. Politik, Kunst und Musik.
Hg. Michael Matheus, Bernd Schneidmüller, Stefan Weinfurter, Alfried Wieczorek,
ET: 2017


Die Päpste, Band 3:
Die Päpste und Rom zwischen Spätantike und Mittelalter. Formen päpstlicher Machtentfaltung.
Hg. Norbert Zimmermann, Tanja Michalsky, Alfried Wieczorek, Stefan Weinfurter,
ET: 2017
Inhaltsverzeichnis
Vorwort 7
I. Zum Wesen des päpstlichen Amtes
Peter Walter: Theologische Grundlagen des Papsttums 11
Günther Wassilowsky: Innovation und Tradition im Papstamt: Die Päpste als Reformer 31
II. Päpste und Welt
Bernd Schneidmüller: Die Päpste und die Herrscher dieser Welt im Spätmittelalter 47
Michael Matheus: Das Renaissancepapsttum im Kontext struktureller Entwicklungen 73
III. Päpste und Kirchenverständnis
Volker Leppin: Debatten über das Papsttum um 1300 105
Thomas Prügl: Kontrolliertes Papsttum. Zur Rollenverteilung von Papst und Konzil in den konziliaristischen Debatten des 15. Jahrhunderts 137
Klaus Unterburger: Kirche in Rom – Kirche vor Ort. Zur Rolle des Papsttums in der Religiosität der Frühen Neuzeit 165
IV. Papsttum aus orthodoxer und evangelischer Sicht
Karl Pinggéra: Altes und Neues Rom. Der päpstliche Primat aus östlich-orthodoxer Sicht 185
Christoph Strom: Papsttum und Kirchenrecht in der Sicht der Reformation 199
V. Papsttum und „Moderne“
Hubert Wolf: Das Papsttum vor den Herausforderungen der Moderne 229
Mariano Delgado: Petrusdienst an der Einheit der Christen und Hüter der Menschheitsfamilie. Auf dem Weg zu einem Papsttum für das 3. Jahrtausend 245
VI. Schlussworte
Stefan Weinfurter: „Ich schreie, schreie und schreie!“ Zur Problematik päpstlicher Reformen 277
Abbildungsnachweis (Carolin Gerber) 287
Namensregister (Violoa Skiba unter Mitwirkung von Katharina Oldenhage) 289