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Bundestheologie und Religionsfreiheit Religion und Gemeinwesen in Nordamerika und Deutschland
Bundestheologie und Religionsfreiheit
Religion und Gemeinwesen in Nordamerika und Deutschland




Thomas Gertler

Echter
EAN: 9783429030872 (ISBN: 3-429-03087-0)
192 Seiten, paperback, 15 x 23cm, 2009

EUR 25,00
alle Angaben ohne Gewähr

Umschlagtext
Was haben Staatsverfassung und Theologie miteinander zu tun? Am Ursprung der modernen Staatsverfassungen steht die Bundestheologie der puritanischen Kolonisten Nordamerikas. Das zeigt der erste Abschnitt dieses Buches. Er stellt die „covenant theology“ vor und zeichnet den Weg nach vom religiösen Bund unter den Siedlern bis hin zur Verfassung als bindendem Vertrag unter den Bürgern.

Ist die Religionsfreiheit das erste Menschenrecht? James Madison war dieser Auffassung. Wie sich der Toleranzgedanke hin zu einem Menschenrecht in der Verfassung von Virginia entwickelt hat und im Gesetz zur Religionsfreiheit festgehalten wird, stellt den nächsten Schritt in der Untersuchung dar.

Wie verhalten sich Freiheit und Bindung in unseren staatlichen und religiösen Gemeinwesen?

Ihre Spannung und Zusammengehörigkeit verfolgt systematisch der letzte Teil des Buches. Darin ist kritisches Potential enthalten, wie denn das Verhältnis von Kirche und Staat in Zukunft weiter zu entwickeln ist.



Autor:

Thomas Gertler SJ, Dr. theol., geb. 1948 in Dingelstädt (Eichsfeld), Studium der kath. Theologie in Erfurt, Studienaufenthalte in Cambridge/Boston (USA). Seit 1995 an der Phil.-Theol. Hochschule Sankt Georgen; Habilitation 2004.
Rezension
Der Buchtitel mag, - ohne Berücksichtigung der Reihe und der Untertitels - , zunächst ein wenig irreführend erscheinen; denn unter Bundestheologie wird üblicherweise im christlichen Sprachgebrauch die Theologie des Bundes (Gottes mit den Menschen) verstanden, wie sie zunächst einmal in der Exodustradition begegnet. - Hier aber geht es um die Religion in der Moderne, speziell um die Verfasstheit US-amerikanischer Religion in der politischen Gesellschaft mit besonderem Interesse an der Frage nach der Religionsfreiheit, die von den Ursprüngen der Vereinigten Staaten her konstitutiv ist, was mit der staatsgründenden Einwanderung vieler religiös verfolgter Europäer zu tun hat. Was haben Staatsverfassung und Theologie miteinander zu tun? Am Ursprung der modernen Staatsverfassungen steht die Bundestheologie der puritanischen Kolonisten Nordamerikas. Aufklärung, Religionsfreiheit und Trennung von Staat und Kirche gehen in den USA Hand in Hand.

Thomas Bernhard, lehrerbibliothek.de
Verlagsinfo
Reihe „Religion in der Moderne“, herausgegeben von Matthias Lutz-Bachmann und Michael Sievernich, Band 19.
Inhaltsverzeichnis
Vorwort 9

1. Kapitel
Die Bundestheologie als Hintergrund für die moderne Staatsverfassung

Einleitung 11
1. Die Bundestheologie der Reformation 13
a) Der Beginn in der Schweiz 13
b) Die Bundestheologie Neuenglands 15
2. Die Konsequenzen der Bundestheologie 19
a) Für die Gottesbeziehung 19
b) Die Ekklesiologie der Bundestheologie 23
c) Das Verständnis des Gemeinwesens 26
d) Die Ethik der Puritaner 31
e) Familienstruktur 35
3. Kritik am Neuengland-Puritanismus durch Roger Williams 36
4. Der „Niedergang“ des Neuengland-Puritanismus, seine „Säkularisierung“ 40
5. Zusammenfassung und Ausblick 43

2. Kapitel
Religionsfreiheit – das erste Menschenrecht

James Madisons Schrift „Memorial and Remonstrance“ als
Quellentext für das Verständnis der Religionsfreiheit
1. Einleitung und Fragestellung 55
2. Der geschichtliche Kontext: Der Versuch, eine Steuer für alle Religionsgemeinschaften einzuführen: „General Assessment“ 56
a) Vorgeschichte: Artikel 16 der Virginia Bill of Rights 56
b) Der Gesetzentwurf Patrick Henrys: „A Bill ‚Establishing a Provision for Teachers of the Christian
Religion‘, 1784“ 58
c) Die Inkorporierung der Episkopalkirche 64
d) Die Reaktionen auf „General Assessment“ und „Incorporation Bill“ 65
3. James Madisons „Memorial and Remonstrance“ von 1785 66
a) James Madison: „A Memorial and Remonstrance“ 67
b) Zur Auslegung der „Memorial and Remonstrance“ 83
4. Die Stellung der Religionsfreiheit innerhalb der Menschenrechte 99

3. Kapitel
Aufklärung, Religionsfreiheit und Trennung von Staat und Kirche in den USA

Jeffersons „Gesetz zur Einführung der Religionsfreiheit“ nach 200 Jahren
Einleitung 105
1. Von der Toleranz zur Religionsfreiheit 107
2. Der Kampf um die Trennung von Kirche und Staat 113
a) Der erste Angriff auf das bisherige Staat-Kirche-System 113
b) Die Alternativen zu Jefferson 114
c) Die Verabschiedung des Gesetzes zur Einführung der Religionsfreiheit 119
3. Bemerkungen zum Gesetz über die Religionsfreiheit 127
a) Erkenntnisse aus seiner Geschichte 127
b) Zur Exegese des bestehenden Textes 131
4. Bleibende Erkenntnisse und verbleibende Fragen für die deutsche Gegenwart 135
a) Religionsfreiheit 136
b) Trennung von Staat und Kirche 136
c) Privatisierung der Religion 137

4. Kapitel
Der Glaube in Zeiten der Gottlosigkeit

Ein neuer Blick auf die Säkularisierung und die Chancen des Glaubens in heutiger Zeit
Vorbemerkung 141
1. Schwierigkeiten mit der bisherigen Säkularisierungstheorie 142
2. Gesellschaftliche Differenzierung statt Säkularisierung 144
3. Geschichtliche Konkretisierung 146
a) Vorspiel 146
b) Aufklärung und Liberalismus 148
c) Die Marginalisierung der institutionalisierten Religion in Europa 150
4. Die Folgen der funktionalen Differenzierung für den einzelnen und die Kirche 153
a) Für den einzelnen 153
b) Für die Kirche(n) 155
5. Der Glaube in diesen Zeiten der Gottesleere 157

5. Kapitel
Freiheit und Verbindlichkeit

Das Erbe von Bundestheologie und Aufklärung
1. Die Bundestheologie 163
2. Religionsfreiheit 165
a) Religionsfreiheit und Kirche 165
b) Religionsfreiheit und Gesellschaft 170
3. Konkrete Erfahrung von Freiheit und Bindung 172

Literaturverzeichnis 179
Verweis auf die Erstveröffentlichung 193


Leseprobe:
Vorwort
Dieses Buch wurde bei einem Studienaufenthalt in den USA im Jahr 1991 begonnen.
Es besteht außer dem letzten Kapitel aus in sich geschlossenen Aufsätzen,
die aber einen innerlich zusammenhängen und aufeinander verweisen.
Sie kreisen um das Verhältnis von Religion und Gesellschaft in der Moderne.
Dabei sind die beiden Themen Freiheit und Bindung besonders zentral. Die
ersten drei Aufsätze sind mehr geschichtlich darstellend und behandeln die
Entwicklung in den Vereinigten Staaten, wie sie auch für Europa immer stärker
wirksam geworden ist. Das vierte und fünfte Kapitel durchdenken das Thema
mehr systematisch und wenden es auf Deutschland an.
Bei meinem Aufenthalt als Visiting Scholar an der Weston School of Theology
in Cambridge/Massachusetts konnte ich das Verhältnis von Religion
und Gesellschaft, von Kirche und Kultur in den USA in Theorie und praktischer
Erfahrung genauer kennen lernen. Dabei stellte sich heraus, daß die geschichtliche
Entwicklung dieser Beziehungen in den USA höchst interessant
und spannend und in Deutschland längst nicht so bekannt ist, wie es das Thema
verdient. Aus den Studien dieses Jahres ist der Grundstock der drei ersten
Aufsätze dieses Buches entstanden. Den Kern bildet die Bundestheologie der
puritanischen Gründerzeit. Sie wird im ersten Kapitel dargestellt. Die puritanische
Föderaltheologie und ihre praktische Umsetzung in Kirche und Staat
sind der Auslöser für die weitere Entwicklung und prägen noch immer den
Hintergrund der staatlichen Strukturen in den USA, aber auch – bewußt oder
unbewußt – aller Staaten, die eine Verfassung besitzen, wie die Diskussion
um die Vertragstheorie des Staates und die Kommunitarismusdebatte zeigen.
Das verblüffende und früher als american exceptionalism 1 bezeichnete Phänomen
ist, daß die Religion in den Vereinigten Staaten im Unterschied zu Europa
eine gesellschaftlich höchst virulente und lebendige Kraft ist, obwohl die
USA ein modernes und säkularisiertes Land sind. Als Grund dafür wird von

1 S. M. Lipset, American Exceptionalism. The Persistance of an American Ideology, New
York/London 1995. Lipset hat den Begriff in den sechziger Jahren geprägt. Kritisch heute
dazu D. Martin, Europa und Amerika. Säkularisierung oder Vervielfältigung der Christenheit.
Zwei Ausnahmen und keine Regel, in: O. Kallscheuer (Hg.), Das Europa der Religionen,
Frankfurt a. M. 1996, 161–180; ferner Grace Davie, Europe : the Exceptional Case.
Parameters of Faith in the Modern World, London: Darton, Longman and Todd 2002. Grace
Davie bezeichnet Europa als den Ausnahmefall.

den Amerikanern selbst das System der Trennung von Kirche und Staat angegeben.
Sie ist die Voraussetzung dafür, daß sich die Religion frei als eigene
gesellschaftliche Kraft entwickeln kann, frei von staatlicher Privilegierung und
Reglementierung. Auf diese Weise frei, kann sie das ihr Eigene tun und einbringen.
So befassen sich die beiden folgenden Kapitel mit der Religionsfreiheit
und der Trennung von Kirche und Staat, wie sie sich im 18. Jahrhundert im
Bundesstaat Virginia durchgesetzt haben, und zwar vor allem durch die Denominationen
der Baptisten und Presbyterianer sowie die beiden Politiker und
Denker der Aufklärungszeit Thomas Jefferson und James Madison.
Für mich waren diese Forschungsgegenstände nicht allein von akademischem
Interesse, sondern haben mich aufgrund der eigenen Lebensgeschichte
bewegt. Als Jesuit, der in der DDR aufgewachsen und ausgebildet worden ist,
das Wunder der Wende und die deutsche Einheit erlebt hat, war und bin ich
vital bewegt von der Frage, ob denn nicht auch in Deutschland die Religion
wieder eine solche lebendige Rolle innerhalb der Gesellschaft spielen kann wie
in den USA. Gibt es da etwas zu lernen und neu zu verstehen?
Mit dieser Frage befassen sich die beiden mehr systematischen Kapitel über
die Säkularisierung und das Verhältnis von Freiheit und Bindung in Kirche
und Staat. Der erste beschreibt am gewandelten Begriff der Säkularisierung
die Unterschiede in der Entwicklung des Verhältnisses von Kirche und
Staat in Zentraleuropa und in den Vereinigten Staaten. Er blickt auf die
Herausforderungen an Glaubensverkündigung in Deutschland nach der
wiedergewonnen Einheit. Das fünfte Kapitel fasst die Erkenntnisse aus den
vorangegangenen Untersuchungen unter den beiden Themen Freiheit und
Bindung zusammen und zieht die Folgerungen daraus.