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Beginn, Personalität und Würde des Menschen  3., vollständig neu bearbeitete und erweiterte Auflage
Beginn, Personalität und Würde des Menschen


3., vollständig neu bearbeitete und erweiterte Auflage

Günter Rager (Hrsg.)

Verlag Karl Alber
EAN: 9783495482292 (ISBN: 3-495-48229-6)
648 Seiten, hardcover, 15 x 22cm, 2009

EUR 29,00
alle Angaben ohne Gewähr

Umschlagtext
Grenzfragen Band 32
Rezension
Beginn, Personalität und Würde des Menschen stehen im 21. Jhdt. angesichts neuer medizinischer Techniken, gentechnischer Entwicklungen sowie neuer ethischer Probleme am Beginn und Ende menschlichen Lebens stärker denn je zur Disposition; denn der Mensch scheint im 21. Jhdt. vom Geschöpf zum Schöpfer zu mutieren ... U.a. Stammzellforschung, Klonen und Präimplantationsdiagnostik werfen neue Fragen auf. Bedingt durch die neuen Erkenntnisse der Molekularbiologie und Embryologie und den Einsatz moderner medizinischer Technologien ist insbesondere das vorgeburtliche menschliche Leben heute dem Zugriff des Menschen verfügbarer geworden denn je. Dieser Band hat sich - in seiner ersten Auflage - bereits früh der Problematik zugewendet und liegt jetzt in komplett überarbeiteter und aktualisierter 3. Aufl. vor.

Jens Walter, lehrerbibliothek.de
Verlagsinfo
Günter Rager, promoviert in Philosophie und Medizin, Ehrendoktor der Theologie, Ordinarius für Anatomie und Embryologie, Direktor des Görres Instituts für interdisziplinäre Forschung.

Der Zugriff auf das Leben des ungeborenen Menschen fordert unsere Gesellschaft in grundlegender Weise heraus. Um dazu in verantworteter Weise Stellung zu nehmen, ist sowohl fachliche Kompetenz als auch ethische, philosophische und theologische Reflexion vonnöten. Genau dies ist die Zielsetzung dieses Buches. Wissenschaftler aus verschiedenen Bereichen der Grundlagenforschung haben gemeinsam mit Philosophen und Theologen Antworten auf die brennenden Fragen erarbeitet. Zu der Zeit, als die erste und kurz danach die zweite Auflage dieses Bandes erschien, waren embryonale Stammzellen und Klonen noch kaum Themen der öffentlichen Debatte. Doch inzwischen hat sich dieses Feld rasant entwickelt. Neue Fragen sind entstanden, die auf Antwort drängen. Eine vollständige Neubearbeitung dieses Bandes, ein Klassiker auf diesem Feld, wurde nötig. So werden u. a. neu Stammzellforschung, Klonen und Präimplantationsdiagnostik behandelt. Alle anderen Kapitel sind gründlich überarbeitet und dem neuen Stand der Forschung und der klinischen Praxis angepaßt.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung 11
von Hans Michael Baumgartner† und Günter Rager

Teil A
Beginn und Entwicklung des Menschen. Biologischmedizinische Grundlagen und ärztlich-klinische Aspekte


1. Einleitung 19
von Günter Rager

2. Zugänge: Systemtheorie – Molekularbiologie – Zellbiologie 23

2.1 Systemtheoretische Grundbegriffe und Methoden 23
von Willi Jäger

2.2 Zellbiologische, genetische und epigenetische Grundlagen 41
von Markus Hengstschläger

3. Die biologische Entwicklung des Menschen 67
von Günter Rager

4. Der heranwachsende Mensch im Umfeld seiner Eltern 123
von Ruth Bodden-Heidrich und Wolfgang Wickler

5. Medizinische Perspektiven 143

5.1 Pränatalmedizin und Reproduktionsmedizin 143
von Hermann Hepp

5.2 Klonierung menschlicher Stammzellen – medizinischnaturwissenschaftliche Konzepte und Ergebnisse der Forschung 219
von Thomas Heinemann und Christoph Klein

6. Ergebnisse aus Naturwissenschaften und Medizin 319
von Günter Rager

Teil B
Menschenwürde und Lebensschutz: Philosophische Aspekte 333
von Hans Michael Baumgartner, Thomas Heinemann, Ludger Honnefelder, Wolfgang Wickler und Armin G. Wildfeuer

Teil C
Menschenwürde und Lebensschutz: Theologische Perspektiven 445
von Eberhard Schockenhoff


Epilog
Die Zeit nach „Dolly“ oder Vom Wandel der Menschenbilder unter dem Einfluss der Natur und
Technikwissenschaften 537
von Wolfgang Frühwald

Glossar 569
Abkürzungsverzeichnis 615
Personenregister 619
Sachregister 629
Autorenverzeichnis 645


11
Einleitung
Von Hans Michael Baumgartner† und Günter Rager

Bedingt durch die neuen Erkenntnisse der Molekularbiologie
und Embryologie und den Einsatz moderner medizinischer
Technologien ist das vorgeburtliche menschliche Leben
heute dem Zugriff des Menschen verfügbarer geworden
denn je. Bereits vor dem Zeitpunkt der Vereinigung von Eiund
Samenzelle wird das menschliche Leben zum Gegenstand
der planenden und eingreifenden Vernunft. Moderne
Reproduktionstechnologien machen den Zeugungsvorgang beherrschbar.
Humangenetische Diagnoseverfahren erlauben ein
frühzeitiges Erkennen und – vielleicht auch eines Tages –
das Therapieren genetisch bedingter Erkrankungen und Krankheitsdispositionen.
Der Verweis auf die Unverfügbarkeit der
Entwicklung vorgeburtlichen Lebens hat seine bisherige
Plausibilität verloren, nicht zuletzt, weil natürliche Grenzen
des Wissens und Handelns gefallen sind.
Gerade deshalb ist der Mensch heute gezwungen, sich in
einem nie gekannten Umfang und unter Berücksichtigung
komplexer Handlungsbedingungen über neue Grenzsetzungen
seines Handelns zu verständigen und die von ihm verfolgten
Handlungszwecke sittlich zu verantworten. Er hat
dabei der grundlegenden moralischen Intuition zu folgen,
dass sich der Umgang mit Dingen wesentlich vom Handeln
mit und an Personen unterscheidet, deren Würde zu achten
ist. Die Notwendigkeit sittlicher Grenzziehungen im Umgang
mit dem pränatalen Leben hängt daher wesentlich von
der Antwort auf die Frage ab, welcher moralische Status
dem vorgeburtlichen menschlichen Leben überhaupt zukommt.
Inwieweit steht, so muss hierbei die leitende Frage
Hans Michael Baumgartner / Günter Rager
12
stellung lauten, die pränatale Phase unter dem gleichen
Schutz, der generell dem menschlichen Leben nachgeburtlich
zukommt? Wie lässt sich seine Schutzwürdigkeit begründen?
Kann bereits ihm Personalität und Würde zugeschrieben
werden – und wenn ja, ab wann? Ist die vorgeburtliche
Ontogenese des Menschen als ein kontinuierlicher
Prozess zu deuten oder ist sie ein durch Zäsuren unterbrochenes
Geschehen, das es rechtfertigen würde, die Zuschreibung
von Personalität und Würde nicht ab dem Moment der
Vereinigung von Ei- und Samenzelle anzusetzen? Und was
folgt schließlich aus der Antwort auf diese Fragen für den
Umgang mit Embryonen und Feten?
Die vorliegende Studie, die aus den Tagungen des Instituts
für Interdisziplinäre Forschung der Görresgesellschaft in
den Jahren 1993 bis 1995 und 2003 hervorgegangen ist,
versteht sich als Versuch, diese Fragen zu beantworten. Es
geht ihr dabei nicht in erster Linie um eine Lösung der komplexen
Detailprobleme, die etwa mit der Frage der Abtreibung,
der Reproduktionsmedizin, der Anwendung der Humangenetik
in Pränataldiagnostik und -beratung und der
Embryonenforschung verbunden sind. Ihr Ziel ist vielmehr,
aus der Zusammenschau der Perspektiven derjenigen Disziplinen,
die mit der Problematik in besonderer Weise befasst
sind, einen grundlegenden Beitrag zur Diskussion um den
moralischen Status des vorgeburtlichen menschlichen Lebens
überhaupt zu leisten.
Ihrer Methode und Genese nach ist die vorliegende Studie
„interdisziplinär“ angelegt. Ergebnisse der modernen Embryologie,
Molekularbiologie, Humangenetik, Gynäkologie, der
pränatalen Psychosomatik wie der Verhaltensbiologie sind
ebenso in die Studie eingegangen wie die Diskussion um den
Personbegriff in der derzeitigen philosophischen Debatte
und die Antwortversuche von Seiten der Theologie auf die
Frage nach der besonderen Schutzwürdigkeit des vorgeburtlichen
Lebens. Dem Entstehungs- und Diskussionsprozess
Einleitung
13
nach nahm die vorliegende Studie ihren Ausgang von „Saatpapieren“
der beteiligten Autoren, die während der Tagungen
des Instituts in Feldafing gemeinsam erörtert wurden
und die mehr oder weniger kenntlich in die vorliegende Studie
eingeflossen sind.
Wie sich an den zum Teil sehr kontrovers geführten Diskussionen
im Plenum zeigte, an deren Ende nicht immer ein
von allen mitgetragener Konsens stand, findet das interdisziplinäre
Gespräch an disziplinenspezifischen Sprach- und Theoriebarrieren
– nicht nur zwischen sog. „Natur-“ und „Geisteswissenschaften“,
sondern auch zwischen Philosophen und
Theologen – eine methodische Grenze. Diese Verschiedenheit
der Zugangsweisen zwischen diesen Perspektiven ist im
vorliegenden Band nicht getilgt worden. Davon bleiben aber
das Einverständnis bezüglich des Ergebnisses und die Gemeinsamkeit
in der Grundauffassung unberührt. Das Ergebnis
des gesamten Bandes, nämlich die Feststellung, dass der
ungeborene Mensch vom Zeitpunkt der Vereinigung von Eiund
Samenzelle an unter dem Schutz für Leib und Leben
steht, der sich aus der Würde der Person ergibt, ist daher von
allen Beteiligten mitgetragen, auch wenn die einzelnen, nach
fachlichen Kriterien unterteilten Abschnitte von Arbeitsgruppen
oder einzelnen Autoren gezeichnet sind: so für die
Naturwissenschaft und die Medizin von den Herren Heinemann,
Hengstschläger, Hepp, Jäger, Klein, Rager, Wickler
und Frau Bodden-Heidrich, für die Philosophie von den
Herren Baumgartner, Honnefelder, Wickler und Wildfeuer,
für die Theologie von Herrn Schockenhoff sowie im Epilog
von Herrn Frühwald.
Im Einzelnen gliedert sich der Band nach drei Gesichtspunkten,
die in ihrer Aufeinanderfolge dem Grundprogramm
des Instituts entsprechen: die naturwissenschaftliche Perspektive,
die philosophische Perspektive und die theologische
Perspektive.
Hans Michael Baumgartner / Günter Rager
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In der naturwissenschaftlichen Perspektive wird die Ontogenese
des Menschen nach Maßgabe des derzeitigen embryologischen
Wissens in ihrer Prozesskontinuität dargestellt.
Die Ausführungen belegen detailliert, dass der neue Mensch
ab der Fertilisation in ununterbrochener Kontinuität und zäsurloser
Entwicklung entsteht und die Fähigkeit in sich trägt,
sich zu einem erwachsenen Menschen zu entwickeln mit
allen Eigenschaften, die wir einer Person zuschreiben. Der
sich entwickelnde Mensch wird dabei als ein dynamisches,
sich selbst organisierendes System gedeutet, das eine über
die Zeit hinweg kontinuierliche Einheit darstellt, die von der
Fertilisation bis zum Tod reicht. Die beteiligten Autoren
legen dabei eine Entwicklungsbiologie vor, die die gesamte
vor- und nachgeburtliche menschliche Entwicklung berücksichtigt.
Die philosophische Erörterung setzt sich mit dem derzeitigen
Diskussionsstand um den Person- und Würdebegriff in
der Ethik, speziell in der Bioethik auseinander und hebt dabei
auf Aussagen ab, die den Anspruch auf allgemeine Konsensfähigkeit
und vernünftige Nachvollziehbarkeit erheben.
Der Grund der Würdezuschreibung, so lautet das Ergebnis,
ist die Tatsache, dass der Mensch Person bzw. sittliches
Subjekt, d.h. Subjekt selbst gesetzter und zu verantwortender
Zwecke ist. Da das sittliche Subjekt nicht anders existiert als
in Form eines lebendigen menschlichen Individuums und
dieses Individuum durch eine ursprüngliche Einheit von
Leib und Ich ausgezeichnet ist, fallen der Schutz der Integrität
von Leib und Leben und der Schutz der Würde des Subjekts
zusammen. Und da auch die Geburt keine grundsätzliche
Zäsur in der diachronen Identität und Kontinuität des
Individuums darstellt und zum menschlichen Individuum die
natürliche aktive Potenz gehört, die aktuellen Eigenschaften
einer Person auszubilden, ist auch der ungeborene Mensch in
moralisch-praktischer Hinsicht von Anfang an als Person zu
betrachten und in seinem Lebensanspruch zu respektieren.
Einleitung
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Die Untersuchung aus der Perspektive der christlichen
Theologie nimmt ihren Ausgang bei einer Sichtung der verschiedenen
Weisen, wie in anderen Kulturen und Religionen
der Respekt vor dem menschlichen Leben begrifflich und
lebensweltlich zum Tragen kommt, um dann das Verständnis
von Mensch- und Personsein vom christlichen Glauben
her darzulegen. Sie geht dabei insbesondere der Frage nach,
inwieweit die christliche Botschaft vom Leben, insbesondere
aber die theologischen Begriffe „Geschöpflichkeit“ und
„Gottebenbildlichkeit“ einen Beitrag dazu leisten können,
die besondere, dem menschlichen Individuum zukommende
Würde, aber auch das Anfangsgeschehen der Menschwerdung
vom Augenblick der Fertilisation an zu deuten. Die Theologie
nimmt dabei einen eigenen Kompetenzraum in Anspruch und
versteht speziell das Verhältnis zur Philosophie als ein solches
von Entsprechung und Widerspruch. Insofern versteht sie sich
gegenüber Philosophie und Naturwissenschaften als ein mögliches
kritisches Korrektiv im Hinblick auf allfällige Verkürzungen
der Problematik. Dass die christlich-theologische
Perspektive uneingeschränkt zur Sprache kommt, gehört zur
leitenden Intention des veranstaltenden Instituts.
Den Beschluss des Bandes bildet ein Epilog, in welchem
Herr Frühwald die Probleme um den Status des Embryos in
den größeren Zusammenhang der Menschenbilder stellt, die
sich unter dem Einfluss der Natur- und Technikwissenschaften
wandeln. Der Streit um die noch verbleibenden physischen
Möglichkeiten humanen, ethischen Wollens ist für ihn
erstmalig in der Geschichte der Menschheit aufgebrochen.
Es sind eben diese Perspektiven und ihre Zusammenschau,
wodurch das Institut für Interdisziplinäre Forschung
der Görresgesellschaft mit der Herausgabe dieses Bandes
ebenso kritisch wie konstruktiv zur derzeitigen Debatte um
den moralischen Status des vorgeburtlichen menschlichen
Lebens beizutragen sich veranlasst sieht.