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Albert Schweitzer Meister der Selbstinszenierung
Albert Schweitzer
Meister der Selbstinszenierung




Sebastian Moll

Berlin University Press
EAN: 9783862800728 (ISBN: 3-86280-072-5)
250 Seiten, Festeinband mit Schutzumschlag, 14 x 22cm, Oktober, 2014

EUR 29,90
alle Angaben ohne Gewähr

Umschlagtext
Albert Schweitzer war ein Meister auf vielen Gebieten. Als Theologe, Philosoph, Musiker und vor allem als Arzt hat er es zu weltweiter Bekanntheit gebracht. Dass Schweitzer die Entstehung dieses Mythos um seine eigene Person durchaus selbst gefördert hat, dürfte hingegen den wenigsten bekannt sein. Nahezu alles, was die Welt seinerzeit über das Leben und Wirken des Urwalddoktors erfuhr, stammte aus dessen autobiographischen Schriften. Innerhalb von nur zehn Jahren verfasste Schweitzer eine Vielzahl von Berichten über sein Wirken in Afrika, einen persönlichen Rückblick auf seine Kindheit und Jugend, zwei kürzere Selbstdarstellungen sowie seine groß angelegte Autobiographie „Aus meinem Leben und Denken“, welche bislang in 21 Sprachen übersetzt wurde. Die Erlöse flossen größtenteils in den Aufbau seines Krankenhauses in Lambarene. (...)

Die meisten bisherigen Biographen hatten nahezu uneingeschränktes Vertrauen in Schweitzers Darstellungen und verwechselten dabei jene auf Verkaufserlös und Spendensammlung ausgerichteten Schriften mit historischen Quellen. Sebastian Moll stellt in diesem Buch erstmals Schweitzers persönliche Angaben über seinen Lebensweg, seine Forschung und seine Philosophie dem zeitgenössischen historischen Material gegenüber und kommt zu dem Ergebnis: Schweitzers eigene Darstellungen haben mit der Realität oft wenig zu tun und dienen in erster Linie der positiven Inszenierung seiner eigenen Person. Dennoch zeigt Moll Respekt vor Schweitzers beeindruckendem Lebenswerk. Es geht in diesem Buch nicht darum, einen Heiligen vom Thron zu stoßen. Vielmehr möchte der Autor deutlich machen: Auch Heilige brauchen Marketing!

Sebastian Moll, geboren 1980 in Köln, leitet die PR-Agentur WortmitWert. Der promovierte Theologe (University of Edinburgh) war viele Jahre wissenschaftlicher Mitarbeiter der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Von ihm erschienen bisher „Die christliche Eroberung des Alten Testaments“ (2010) und „Jesus war kein Vegetarier“ (2011), „Albert Schweitzer“ (2014).
Rezension
Der Theologe, Philosoph, Musiker und Mediziner Albert Schweitzer war sicherlich eine Jahrhundertgestalt, ein uomo universale, ein letzter Universalgelehrter am Beginn des 20. Jahrhunderts, der mit seinem Bemühen um die sittliche Reifung des Menschen und mit seinem friedenspolitischen Impuls, seinem medizinischen Engagement, seinem musikalischen Interesse und seinen theologischen Studien ein interdiziplinäres Genie darstellt. Wir verbinden mit ihm das von ihm 1913 gegründete Urwaldhospital Lambarene in Gabun, aber auch den ethischen Begriff der "Ehrfurcht vor dem Leben" oder seine wegweisende Kritik an der Geschichte der Leben-Jesu-Forschung. Albert Schweitzer erscheint als Mega-Promi und als Super-Gutmensch, als Vorbild und Übervater in Ethik, Medizin und Pädagogik. Dieses wirkungsgeschichtliche Bild aber von Albert Schweitzer ist schon zu Lebzeiten von ihm selbst silisiert worden; denn er war ein "Meister der Selbstinszenierung", wie dieses Buch aufzeigt.

Oliver Neumann, lehrerbibliothek.de
Inhaltsverzeichnis
Vorwort 9

1. Einleitung 11

2. Die Autobiographie als historische Quelle 20

2.1 Das autobiographische Gedächtnis 21
2.1.1 Rückprojektion 23
2.1.2 Egozentrik 25
2.2 Die autobiographische Absicht 28
2.2.1 Die kommerzielle Absicht 29
2.2.2 Die pädagogische Absicht 34
2.3 Ausblick 37

3. Der historische Jesus und das heutige Christentum 39

3.1 Autobiographisches 39
3.2 Historisches 40
3.2.1 Heldenverehrung 41
3.2.1.1 Thomas Carlyle (1795-1881) 41
3.2.1.2 Friedrich Nietzsche (1844-1900) 45
3.2.1.3 Die Heimatkunst 47
3.2.1.4 Die Religionsgeschichtliche Schule 50
3.2.2 Der historische Jesus und das Reich Gottes 55
3.2.2.1 Heinrich Julius Holtzmann (1832-1910) 56
3.2.2.2 Johannes Weiß (1863-1914) 59
3.3 Der historische Schweitzer 61
3.3.1 Der frühe Schweitzer (1899-1904) 61
3.3.2 Die Krise (ca. 1905/1906) 70
3.3.3 Der Neuanfang (1913) 73
3.3.3.1 Die neueste Bestreitung der Geschichtlichkeit Jesu (S. 451-499) 75
3.3.3.2 Die Diskussion über die Geschichtlichkeit Jesu (S. 500-560) 77
3.3.3.3 1907-1912 (S. 561-619) 86
3.3.3.4 Schlussbetrachtung (5. 620-630) 94
3.4 Vergleich 96
Exkurs: Schweitzers psychiatrische Studien 1912/1913 100

4. Der Entschluss, Urwaldarzt zu werden 108

4.1 Autobiographisches 108
4.2 Historisches 110
4.2.1 Die Konversionserzählung 110
4.2.2 Der historische Schweitzer 115
4.3 Vergleich 122

5. Ehrfurcht vor dem Leben 127

5.1 Autobiographisches 127
5.2 Historisches 133
5.2.1 Die Rechte der Tiere im deutschen Denken der Moderne 133
5.2.1.1 Die Vorlagen 133
5.2.1.2 Die Entwicklung des Tierrechtsgedankens 137
5.2.2 Die Lebensphilosophie 159
5.2.2.1 Georg Simmel 160
5.2.2.2 Ludwig Klages 164
5.2.3 Optimismus und Pessimismus 168
5.2.4 Der historische Schweitzer 172
5.3 Vergleich 177

6. Schlussbetrachtung 185

Anhang 189

Anmerkungen 201
Bibliographie 233
Personenregister 249