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Aktuelle Theorien der Soziologie Von Shmuel N. Eisenstadt bis zur Postmoderne
Aktuelle Theorien der Soziologie
Von Shmuel N. Eisenstadt bis zur Postmoderne




Dirk Kaesler (Hrsg.)

Verlag C. H. Beck oHG
EAN: 9783406528224 (ISBN: 3-406-52822-8)
359 Seiten, paperback, 12 x 19cm, 2005

EUR 14,90
alle Angaben ohne Gewähr

Umschlagtext
Verlag C.H.Beck

Originalausgabe
Rezension
Die beiden Bände "Klassiker der Soziologie" sind vom Herausgeber durch diesen Folgeband in ähnlicher Aufmachung ergänzt worden, so dass das Werk faktisch auf drei Bände angewachsen ist: "Aktuelle Theorien der Soziologie. Von Shmuel N. Eisenstadt bis zur Postmoderne" (2005). Damit liegt ein Gesamtüberblick über die wichtigsten soziologischen Theorien von Auguste Comte bis in die jüngste Gegenwart vor. Die Bände stellen Leben, Werk und Wirkung der großen Soziologen dar und bieten einen gelungenen Einblick in die Geschichte und die wichtigsten theoretischen Konzepte der Soziologie; die beiden Bände "Klassiker der Soziologie" haben sich als Standardliteratur etabliert. Mit der Fünften Auflage wird eine überarbeitete, aktualisierte und erheblich erweiterte Fassung vorgelegt. Band 2 wird im Frühjahr 2007 umfangreich überarbeitet erscheinen, u.a. bedingt durch die Todesfälle von Luhmann (1998), Bourdieu (2002), Merton (2003). - Ein abschließendes Personenregsiter ist ebenso vorhanden wie umfangreiche Literaturhinweise in den einzelnen Kapiteln.

Jens Walter, lehrerbibliothek.de
Verlagsinfo
Dieser Band bietet einen fundierten Überblick über die aktuelle Entwicklung soziologischer Theorien. Ausgewiesene Sachkenner informieren über jene Autoren und Denkschulen, die als postklassische Theorien der Soziologie bezeichnet werden können. Die historische und inhaltliche Spanne reicht dabei von Shmuel N. Eisenstadt über Michel Foucault und Richard Sennett bis hin zu ausgewählten Repräsentanten der Postmoderne. Der Band knüpft damit an die erfolgreichen Bände der "Klassiker der Soziologie" an.

Dirk Kaesler lehrt als Professor Soziologie an der Universität Marburg. Zuletzt hat er im Verlag C.H.Beck Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus von Max Weber (2004) herausgegeben.
Inhaltsverzeichnis
Vorwort 7

Dirk Kaesler: Post-klassische Theorien im Haus der Soziologie 11

Matthias Koenig: Shmuel Noah Eisenstadt 41

Matthias Junge: Zygmunt Bauman 64

Wolfgang Knöbl: Alain Touraine 81

Reiner Keller: Michel Foucault (1926-1984) 104

Hubert Knoblauch: Thomas Luckmann 127

Georg Kneer. Jean Baudrillard 147

Dieter Boris: Immanuel Wallerstein 168

Willfried Spohn: Neue Historische Soziologie: Charles Tilly, Theda Skocpol, Michael Mann 196

Rainer Greshoff/Uwe Schimank: Hartmut Esser 231

Markus Schroer: Richard Sennett 250

Ronald Hitzler: Ulrich Beck 267

Jens Beckert: Soziologische Netzwerkanalyse 286

Julian Dierkes/Dirk Zorn: Soziologischer Neo-Institutionalismus 313

Stephan Moebius: Postmoderne Theoretiker der französischen Soziologie.
Das College de Sociologie, Edgar Morin, Michel Maffesoli, Bruno Latour 332

Autoren 351
Personenregister 355


Leseprobe:

Wir nennen die hier versammelten vierzehn theoretischen Ansätze insgesamt „post-klassisch“. Um bestimmen zu können, was „post-klassische Theorien“ in der wissenschaftlichen Soziologie sein sollen, sei erneut und knapp über die Bestimmung „klassischer“ Beiträge jeder Art, so eben auch in der Soziologie, nachgedacht.
Nicht zuletzt auch aus wissenschaftssoziologischem Interesse beschäftigt uns die Frage: Wie kommt es, daß das Werk eines Menschen auf eine solche Weise eingestuft wird, daß es mit dem Etikett „klassisch“ versehen wird? Diese Frage betrifft keineswegs die Wissenschaft allein, und die Soziologie schon gar nicht in besonderer Weise. Jedoch bleibt diese Frage gerade in den Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften unverändert und ganz besonders virulent, sie spitzt sich gegenwärtig in mancherlei Hinsicht sogar noch zu. Die abwehrende Distanz gegenüber den Ideen und Begriffen der toten, weißen Männer der nördlichen Halbkugel, wie sie den bisherigen Klassikern der Soziologie gegenüber an manchen Orten gepflegt wird, scheint eher größer und vehementer zu werden. Das immer noch vorherrschende Übergewicht der soziologischen Theorien, die in europäischen und nordamerikanischen Kontexten entwickelt wurden, erzeugt Widerstände innerhalb der soziologischen Forschungsgemeinschaft in Lateinamerika, Asien und Afrika. Auch die Herausforderung durch eine Islamische Soziologie, wie sie auch bei den Tagungen der International Sociological Association immer vehementer repräsentiert wird, führt insgesamt zur Verstärkung der Bemühungen um eine „nicht-westliche Soziologie“, deren Konturen noch nicht klar erkennbar sind.
Wer solche aktuellen Entwicklungen aufmerksam verfolgt und ernst nimmt, erkennt, wie bedeutsam die Auseinandersetzung mit den bisherigen Klassikern der Soziologie ist. Auch in der wissenschaftlichen Soziologie erscheint es als geradezu unmöglich, eine bedeutsame theoretische oder empirische Leistung zu erbringen, ohne Kenntnis des Vorhergedachten und bereits Gefundenen. Darum ist gute Soziologie nur möglich auf der Basis der selbst erarbeiteten Auseinandersetzung mit den Erträgen der Klassiker des Fachs. Um den Gefahren sowohl der ständigen Neuerfindung des (soziologischen) Rades als auch der ewigen Redundanz zu entgehen, kommt den wenigen, erfolgreich beendeten Versuchen der theoretischen „Verdichtungen“ fachgeschichtlich eine so hervorgehobene Bedeutung zu. Wir begegnen ihnen in historisch bewährten Hauptwerken der Soziologie, so etwa bei Alfred Schütz mit Der sinnhafte Aufbau der sozialen Welt (1932), bei Talcott Parsons mit The Structure of Social Action (1937) und bei Jürgen Habermas mit dessen Theorie des kommunikativen Handelns (1981). Und auch in der Gegenwart verzeichnen wir immer wieder solche Versuche der theoretischen Verdichtung, von denen hier allein auf das, weiter unten behandelte, Großvorhaben von Hartmut Esser mit seiner Soziologie in sieben Bänden verwiesen sei.
Gerade weil alle solche Theoriesynthesen das Feld der soziologischen Theorieproduktion zu schließen versuchen, weswegen ihnen dann häufig der Vorwurf des Eklektizismus gemacht wird, provozieren sie zugleich auch immer wiederkehrende Versuche, dieses Feld erneut zu öffnen. Und schon entstehen immer aufs Neue die Vorhaben eines entschiedenen Gegenvokabulars, wie wir das historisch beispielsweise bei Georg Simmel, Niklas Luhmann und gegenwärtig sowohl bei Zygmunt Bauman finden, der die Notwendigkeit einer „Protosoziologie“ reklamiert, als auch bei Ulrich Beck, der kritisch von den „Zombie-Kategorien" der soziologischen Klassiker redet. Die Unmöglichkeit „der“ soziologischen Theorie, im Sinne einer einheitlichen Theorie einer Wissenschaft vom Sozialen, als „der“ Wissenschaft von der Vergesellschaftung des Menschen, ist für die einen das Ärgernis unserer Disziplin schlechthin, für die anderen verkörpert eben dieses Charakteristikum die eigentliche Freude und das eigentliche, schöpferische Potential dieses Fachs.
Die multiparadigmatische Verfaßtheit der Soziologie muß, unabhängig von deren Bewertung, als Grundtatsache der Disziplin wahrgenommen werden. Neben den, ebenfalls als „klassisch“ zu bezeichnenden, Grenzziehungen zwischen mikro- und makrotheoretischen Ansätzen und von (quantitativ) “erklärenden“ und (qualitativ) “verstehenden“ Ansätzen, galt und gilt eine Vielzahl von Trennlinien, die je nach Diskussionszusammenhang unterschiedlich bezeichnet wurden und werden. Zur Illustration seien hier wahlweise einige der heute handelsüblichen Überschriften genannt: Neofunktionalistische Ansätze, Systemtheorien der verschiedenen Ausprägungen, Handlungstheoretische Ansätze, Verhaltenstheoretische Ansätze, Rational-Choice-Ansätze, Symbolischer Interaktionismus, Figurationssoziologie, Ethnomethodologie, Kritische Theorie, (Neo)Marxistische Ansätze, Strukturalistische Ansätze, Poststrukturalistische Ansätze, Antistrukturalistische Ansätze, Neopragmatische Ansätze, Kulturalistische Ansätze. Andere Einteilungen der soziologischen Theorielandschaft bemühen sich darum, die Vielfalt zumindest nach vier Paradigmen zu ordnen, wonach voneinander zu unterscheiden seien: ein normatives Paradigma, ein interpretatives Paradigma, ein strukturtheoretisches Paradigma und ein utilitaristisches Paradigma.
Auf diese, in jedem Fall, polyparadigmatische Grundsituation der aktuellen und internationalen Theorielandschaft reagieren Soziologinnen und Soziologen weltweit idealtypisch in viererlei Weise: Die einen erkennen gerade darin das intellektuelle Kapital ihres Faches und erfreuen sich der theoretischen und methodologischen Vielfalt. Andere „lösen“ die für sie schwierige Situation dadurch, daß sie sich für eine einzige, von ihnen als „richtig“ definierte Richtung entscheiden. Andere betreiben eine elaborierte Praxis des Theorienvergleichs, wobei auch dieser häufig auf eine Elimination von als „unbrauchbar“ definierten Alternativen hinausläuft. Zum vierten verzeichnen wir immer wieder jene, soeben beispielhaft illustrierten, groß angelegten Unternehmen der Synthese und Integration verschiedener Theorien, die zumeist auf die Etablierung einer Allgemeinen Sozialtheorie zielen. Unablässig verschränken sich derart in der bisherigen und gegenwärtigen Soziologie sowohl diese wiederkehrenden Versuche der Schaffung umfassender Theoriesynthesen als auch die dagegen gerichteten Revolten einer eher historisch und kulturell differenzierenden Theorienvielfalt. Dennoch, alle diese unterschiedlichen Strategien des Umgangs mit der konkurrierenden Pluralität soziologischer Theorien beziehen sich auf die gemeinsamen Grundlagen klassischer Beiträge der Soziologie!
Genau dieser Tatbestand ist es auch, der mit der Bezeichnung „post-klassisch“ gemeint sein soll. Die im Nachstehenden behandelten Theorierichtungen verweisen durchgehend auf ihre gedankliche Verwurzelung in den Beiträgen der Klassiker, teilweise sogar auch im ganz praktisch-lebensweltlichen Sinne als Schüler der weitergedachten Lehrer. Zu jeder „Klassik“ gehört also eine anschließende „Post-Klassik“, die sich zum einen nur erklären läßt aus dem Bezug zur vorangegangenen Periode, zum anderen jedoch auch als Abgrenzung davon, und oft in besonders leidenschaftlicher Weise. Die in diesem Band versammelten aktuellen Theorieansätze der Soziologie können nur verstanden werden auf dem Hintergrund jener klassischen Beiträge, wie sie in den vorangegangenen beiden Bänden dokumentiert wurden (Kaesler, Dirk;Klassiker der Soziologie. Band 1 u. 2, C.H.Beck 2003).

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